bookmark_borderMartin Michaud: Aus dem Schatten des Vergessens

Dass Kanada dieses Jahr Gastland der Buchmesse war, hat hierzulande einige tolle literarische Entdeckungen mit sich gebracht, und der Québecer Thrillerautor Martin Michaud mit seiner in jeder Hinsicht packenden Krimireihe um den Ermittler Victor Lessard ist eine davon!

Mich hat es richtig hineingezogen in die bis zur letzten Seite geschickt und vertrackt und überraschend gesponnene Krimihandlung, die vom Selbstmord eines Obdachlosen im Montréal unserer Gegenwart bis zurück in die 1960er Jahre und zum Attentat an John F. Kennedy führt, in der eine geheimnisvolle alte juristische Akte, fragwürdige psychologische Experimente und sogar der Geheimdienst eine Rolle spielen und in die zahlreiche namhafte Personen verwickelt sind, von denen eine nach der anderen auf brutale Weise ermordet aufgefunden wird. Will hier jemand etwas vertuschen oder im Gegenteil eine haarsträubende Geschichte ans Tageslicht bringen? Geht es um Erpressung oder um Rache, oder beruht doch alles nur auf den schizophrenen Wahnvorstellungen eines alten verwahrlosten Mannes, der sich aus Verzweiflung in den Tod gestürzt hat?

Zugegeben, am Anfang war ich etwas skeptisch, der Wechsel zwischen den Perspektiven und Zeiten wirkt erst einmal verwirrend. Doch mit jeder Seite nimmt das komplexe Konstrukt mehr Gestalt an, einzelne Puzzleteile fügen sich zueinander und bald jagt man gemeinsam mit dem Sergent Détective Victor Lessard und seinem Team atemlos neuen Spuren und Erkenntnissen hinterher. Auch die brutalen Szenen, die zu Beginn abschreckend wirken können, werden im weiteren Verlauf nicht grundlos weiter ausgeschlachtet. Der Fokus liegt vielmehr auf den zwischenmenschlichen Beziehungen und der Figurenpsychologie, nicht nur der Täter, sondern auch, und das macht meiner Ansicht nach das Buch so lesenswert, die des Ermittlerteams und selbst der nur kurz auftretenden Randfiguren. Der Autor nimmt seine Figuren ernst, gibt jeder eine eigene Geschichte, so dass auch die Polizisten nicht auf ihre Ermittlerfunktion beschränkt dargestellt werden, sondern — vor allem durch die vielen lebendigen Dialoge — genauso der familiäre Kontext und ihre Rolle im Team sichtbar gemacht werden. Man hat daher beim Lesen wirklich Menschen vor Augen, die mit all ihren Schrullen und Eigenheiten, Ängsten und Dämonen, mal amüsiert, mal kritisch, und immer einfühlsam gezeigt werden.

Da ist etwa die aufbrausende Jacinthe, die mit einer Frau verheiratet ist, einen rasanten Fahrstil und schier unstillbaren Appetit hat und Victor mit ihrer impulsiven Art und ihren Sticheleien immer wieder auf die Palme bringt, die sich aber insgeheim rührend um ihn sorgt und eine treue und mutige Kollegin ist, auf die er sich jederzeit verlassen kann. Victor Lessard selbst hat der Autor als ganz besonders vielschichtige Persönlichkeit angelegt, in der Summe vielleicht sogar ein bisschen zu vielschichtig, wovon die in einer Reihe erscheinenden Krimis stofflich aber natürlich noch weiter zehren können: Er ist eine sympathische und gepeinigte Figur, ein brillanter Ermittler, ein feinfühliger, aber keineswegs von Fehlern und Charakterschwächen freier Mensch, der schon einige Schicksalsschläge hinter sich hat, die ihre Spuren hinterlassen haben, übrigens im negativen wie im positiven Sinn. So wird auf ein schlimmes Verbrechen in seiner Kindheit angespielt, das ihn
zum Waisenkind gemacht hat, aber ebenso auf die liebevolle und ihn sehr prägende Ersatzfamilie, die er bei einem schwulen Polizisten und dessen Lebensgefährten fand. Außerdem ist er trockener Alkoholiker, geschieden und Vater zweier inzwischen erwachsener Kinder, von denen der Junge Martin ihm immer wieder Sorgen macht. Und auch die Beziehung zu seiner neuen großen Liebe Nadja, wie er im Polizeidienst, aber um einiges jünger, wird im Verlauf der Geschichte auf eine schwere Probe gestellt.

Besonders gefallen hat mir auch, dass in die große und wendungsreich erzählte Kriminalgeschichte so viele kleine Szenen eingebaut sind, in denen nicht nur die Hauptfiguren nochmal von einer anderen Seite gezeigt werden, sondern auch die Randfiguren so an Anschaulichkeit gewinnen, dass insgesamt ein dichtes und lebendiges Bild der kanadischen bzw. nordamerikanischen Gesellschaft entsteht. In einer solchen Szene tritt ein schwarzer Taxifahrer, der mit Witz und Courage ganz selbstverständlich eingreift, als Victor in Dallas verprügelt wird, für einen Moment in den Vordergrund der Handlung. Auch die Scharmützel mit Jacinthe und die erzählerischen Miniaturen, in denen auf tragikomische Weise Victors Duelle mit dem Alkohol geschildert werden, dem er in seiner Verzweiflung mehrfach beinahe wieder verfällt, bleiben einem noch lang in Erinnerung.

„Je me souviens“, „Ich erinnere mich“, heißt das Buch im französischen Original. Das Motiv der Erinnerung und des Fortwirkens der Vergangenheit durchzieht eindrücklich den ganzen Roman. Michaud erzählt eine Geschichte von Unrecht und Gewalt, die nicht selten eine schreckliche Eigendynamik entwickelt, und er stellt auf mehreren Ebenen die Frage, wie Kinder mit dem Erbe ihrer Väter umgehen, wo die Schuld ihren Ursprung hat und wo die eigene Verantwortung einsetzt.

Wer die Kriminalromane von Fred Vargas, Jean-Christophe Grangé oder Olivier Norek mag, der wird bestimmt auch an Martin Michaud seine Freude haben — ich habe ihn jedenfalls schon in die Runde meiner französischsprachigen Lieblingskrimischriftsteller eingereiht.

Bibliographische Angaben
Martin Michaud: Aus dem Schatten des Vergessens, Hoffmann und Campe (2020)
Aus dem Französischen von Reiner Pfleiderer und Anabelle Assaf
ISBN: 9783455010077

Bildquelle
Martin Michaud, Aus dem Schatten des Vergessens
© 2020 Hoffmann und Campe Verlag GmbH, Hamburg

bookmark_borderJana Taysen: Wir Verlorenen

Jana Taysen hat einen spannenden Abenteuerroman geschrieben, der in den gegenwärtigen Zeiten der Pandemie für junge Leser eine geradezu bibliotherapeutische Wirkung entfalten könnte.

Versetzt in eine postpandemische Welt, in der „die Plage“, ein noch weitaus tödlicheres Virus als Covid-19, nicht nur die Bevölkerung radikal dezimiert, sondern auch alle gesellschaftlichen Institutionen und Infrastrukturen zum Einsturz gebracht hat, erleben wir zusammen mit der jungen Protagonistin Smilla die Schrecken und Strapazen, aber auch die ganz praktischen Herausforderungen einer Welt, in der man auf beinahe nichts mehr von dem, was uns heute selbstverständlich vorkommt, vertrauen kann.

Ohne Eltern und in liebe- und sorgenvoller Verantwortung für ihre kleine Schwester ist Smilla gewissermaßen über Nacht erwachsen geworden und hat sich, als sich die Gelegenheit bot, einem Familienclan angeschlossen, da es alleine für zwei Mädchen in der neuen Welt zu gefährlich geworden ist. Denn jeder Einzelne, der die Plage überlebt hat, kämpft nun einen nicht minder gefährlichen Kampf ums tägliche Überleben. Auseinandersetzungen um Essen, Kleidung, Medizin oder einen sicheren Schlafplatz sind an der Tagesordnung, marodierende Banden ziehen umher und es gibt sogar Gerüchte über Menschenhandel und Kannibalismus. So schließt man sich am besten einer Gruppe an, in der man gemeinsam füreinander sorgt, seine individuellen Fähigkeiten und seine Arbeitskraft einbringen kann und schließlich auch die Möglichkeit des zwischenmenschlichen Austauschs hat.

Trotz aller Nähe ist die Gruppe, mit der Smilla zusammenlebt, für sie doch ein Zweckbündnis, immer wieder merkt sie, dass sie eben doch nicht vorbehaltlos zur Familie gehört. Ohnehin ein sehr reflektiertes Mädchen, gerät Smilla daher in einen inneren und bald auch äußeren Konflikt, als sie durch Zufall Falk über den Weg läuft, dem sie einst in ihrem früheren Leben Nachhilfe gegeben hatte. Verwirrende Gefühle, eine neu erwachende und mehr als riskante Sehnsucht nach Freiheit, Ausgelassenheit und Liebe, Heimlichkeiten, Misstrauen, ein böser Verdacht… Immer tiefer verstrickt sich Smilla in einen Gewissens- und Loyalitätskonflikt und gerät bald auch selbst in große Gefahr.

Das vor allem dank seiner ambivalenten Figuren überzeugende und überaus fesselnd geschriebene Buch wirft auf anschauliche Weise Fragen auf, die gerade heute viele junge Menschen bewegen dürften: Welche Werte gelten in einer Welt, die sich in einem radikalen Wandel befindet? Wem kann man vertrauen? Wie verhalte ich mich zur Natur? Was ist wirklich von Bedeutung? In Smillas Welt gelten auf einmal ganz andere Maßstäbe, mit denen auch andere ethische Prinzipien einhergehen. Nachhaltigkeit, Solidarität und ein Leben im Einklang mit der Natur sind auf einmal keine Fragen eines ökologischen Lifestyles mehr, sondern handfeste Kriterien, um zu überleben. Und auch wenn sich vielerorts Egoismus und Stammesdenken durchgesetzt haben, ist die Suche nach einem moralischen Kompass doch essentiell, das bekommt nicht nur Smilla am eigenen Leib zu spüren. Ohne einen solchen bleibt man letztlich verloren, das gilt in Smillas Welt wie in unserer eigenen.

Die Autorin lässt diese komplexen Fragen vielschichtig aus der Handlung entstehen und bindet sie in glaubhafte, nur ganz selten ein klein wenig ins Thesenhafte geratende lebhafte Dialoge ein, die nachdenklich machen und die Leser animieren, Selbstverständlichkeiten in unserem Dasein zu hinterfragen. So ermöglicht dieser Text aus der Perspektive eines zugleich starken und sich doch immer wieder in Frage stellenden, auch sehr sensiblen Mädchens eine identifikatorische Lektüre, die noch dazu unheimlich spannend geschrieben ist. Am Ende ist man dann doch erleichtert, die faszinierende und beunruhigende Rolle Smillas, in die man sich hineinversetzt hat, wieder abzustreifen und kritisch, aber auch mit einer gewissen Dankbarkeit auf die Welt unserer Gegenwart zu schauen.

Bibliographische Angaben
Jana Taysen: Wir Verlorenen, Kirschbuch Verlag (2020)
ISBN: 978-3948736064

Bildquelle
Jana Taysen, Wir Verlorenen
© 2020 Kirschbuch Verlag in der QualiFiction GmbH, Hamburg

bookmark_borderHannes Wirlinger: Der Vogelschorsch

Berührend, schmerzlich schön, vertraut und doch so unerhört ist diese Geschichte von einem jungen österreichischen Mädchen und seiner aufwühlenden Freundschaft mit dem „Vogelschorsch“, einem Jungen, der anders ist als die anderen Kinder, der sein junges Leben wie ein schweres Schicksal trägt und doch so unvergleichlich leichte, lichte, verrückte und poetische Momente entstehen lässt.

Seit der ersten Begegnung mit dem merkwürdigen Jungen, der im Nachbarhaus eingezogen ist, schlägt sein trauriges Lächeln die junge Leni, aus deren Perspektive der Roman erzählt wird, in Bann. Die Geschichte von ihr und dem Vogelschorsch spielt in einem österreichischen Dorf nicht weit von Linz und handelt von einer einschneidenden Zeit in ihrem jungen Leben, in der ein ländliches Paradies, das Idyll sorgloser Kindheit, eine schmerzliche Tiefe bekommt, die dem Erwachsenwerden innezuwohnen scheint. Coming of age, ja, aber erzählt in ganz eigener, sehr poetischer Manier. Denn Mystik, Innigkeit und Witz sind erzählerisch so toll ausbalanciert, dass Schönheit und Schwere der geschilderten Ereignisse einen tief treffen, ja verwunden, und doch zugleich ein Gefühl der Leichtigkeit in einem zurücklassen.

Der Vogelschorsch heißt eigentlich Georg. Er ist ein eigenwilliger und schutzbedürftiger Charakter, das spürt Leni ziemlich bald: wegen seines Andersseins, das bei den Kindern im Dorf Spott hervorruft — er kleidet sich anders, redet mit den Vögeln — und auch wegen seiner traumatisierenden Familienverhältnisse, die der Junge selbst übrigens nie zur Sprache bringt, so dass Leni seine traurige Familiengeschichte erst allmählich zu erahnen beginnt. Der Vater ist Alkoholiker, gewalttätig in seinen immer häufigeren Rauschzuständen; seine Mutter hält es irgendwann nicht mehr aus und verschwindet. Eine Zeitlang findet der Vogelschorsch Zuflucht bei seiner über alles geliebten Oma, in ihrem Garten, der etwas Paradiesisches hat; auch im Wald hat er sich einen Rückzugsort geschaffen, einen geradezu magischen Ort, an dem er mit den Vögeln kommuniziert, in denen sich die aus seinem Leben Verschwundenen für ihn reinkarnieren. Das hat aber überhaupt nichts Esoterisches, sondern ist die ungemein berührende Art, wie ein verlorener Junge mit seiner Trauer umgeht, wie er sie zur eigenen Seelenrettung in einem Akt der Fantasie, der Kreativität in etwas Schönes, Tröstliches verwandelt. Und auch bei Leni findet er Zuflucht, und sie bei ihm: Während Leni sich anfangs noch für sein aus der Norm fallendes Auftreten schämt, wird sie ihm bald zur Freundin, zur Vertrauten, die zu ihm hält — so gut sie es eben vermag; denn während der Vogelschorsch eine Demütigung, einen Schicksalsschlag nach dem anderen verarbeiten muss, ist Leni mit ihren vergleichsweise harmlosen, ein heranwachsendes junges Mädchen gleichwohl überfordernden Problemen beschäftigt: mit den ersten verwirrenden, aufregenden und schmerzhaften Liebeserfahrungen und mit der ohnmächtigen Sorge um ihre Eltern, die kurz vor einer Trennung stehen.

Vor dem Hintergrund dieser schmerzlichen Erfahrungen hebt sich umso poetischer die wunderbare Freundschaftsgeschichte der beiden ab: Zart und holprig entsteht das Band zwischen Schorsch und Leni, wird unmerklich fester, schafft eine Verbundenheit zwischen den beiden, die auf einer ganz anderen Ebene wirkt als Lenis ausgelassene und turbulente Freundschaft zu den anderen Nachbarsjungen, dem blonden Mühlbauer Max und dem dunkelhaarigen Lederer Lukas. Während Leni mit den beiden Schulkameraden, mit denen sie Seite an Seite aufgewachsen ist, nun auf einmal die Wirren und Emotionen der ersten Liebe, der ersten Enttäuschung, der ersten Versöhnung erlebt, ist ihre Beziehung zum Vogelschorsch in vieler Hinsicht ungewöhnlich, ist behutsamer, tiefer. Man fühlt sich hier an die poetische Beschreibung der Freundschaft bei Antoine de Saint-Exupéry erinnert, an den Vorgang des „apprivoiser“, des gegenseitigen Zähmens, sich Annäherns, das Zeit braucht, dann aber eine wunderschöne und schmerzliche ewige Verantwortung füreinander schafft.

Dieses poetische, sich zart formende Freundschaftsbild verdankt sich ganz besonders auch der Sprache, in der diese Geschichte erzählt wird. Lenis oft widerstreitende Gefühle werden ganz wunderbar wiedergegeben, ihre impulsive Wut genauso wie ihre Hingabe und Aufrichtigkeit, ihr ehrliches Nachsinnen über die eigenen Fehler genauso wie ihr — nicht immer ganz — gerechter Zorn über die Gemeinheiten der anderen. Es gelingt dem Autor, aus ihrer Perspektive die Tiefe der Empfindungen eines jungen Menschen zu zeigen, der aus der Kindheit gerade herauswächst. Hannes Wirlinger nimmt seine Protagonisten ernst und bedenkt sie dennoch immer wieder mit einem Schmunzeln; er zeigt verletzte Teenagerseelen, die von neuartigen Gefühlen wie Verliebtsein und Eifersucht überwältigt werden. Das alles schildert er seinen Lesern in einer einfach köstlichen, anrührend-komischen Sprache, in der er sich seiner Ich-Erzählerin glaubhaft annähert, ohne in die Falle einer von oben herab erzählten Jugendsprache zu fallen. Seine charmant-freche österreichische Direktheit des Gefühlsausdrucks erinnert ein wenig an Christine Nöstlinger, die sich in ihren Kinder- und Jugendbüchern der Verletzlichkeit, den Nöten und Ängsten, und ebenso der Neugier, Leidenschaft und Begeisterung ihrer jungen Protagonisten ähnlich empathisch annähert. Ziemlich witzig wirkt bei Wirlinger zum Beispiel das im Laufe der Erzählung unzählige Male provokativ wiederholte „epitheton ornans“, das die verärgerte Erzählerin ihrer Konkurrentin und Schulkameradin gibt, der „Feichtinger Simone. So eine blöde Kuh.“ (Variation: „das Miststück“.) Man muss unweigerlich lachen, wenn sich Leni sprachlich so über ihre Rivalin empört, die aus einer wohlhabenderen Familie kommt und sie bei den Jungs mit einem Labrador und einem Swimmingpool im Garten ausstechen will, und kann sich doch zugleich so gut mit ihrer ohnmächtigen Empörung identifizieren.

Unbedingt zur Sprache kommen müssen hier auch noch die absolut bestechenden, sehr atmosphärischen Illustrationen von Ulrike Möltgen, die als schwarz-weiße Kohle- und Tuschezeichnungen, teilweise collagenhaft mit in die Zeichnung integrierten Materialien wie Fäden und Haaren zusammengestellt, die einzelnen Kapitel begleiten und sich wunderbar in den Zauber der Geschichte einfügen. Die in einem märchenhaften (Sur)Realismus gestalteten Bilder fangen großartig die Stimmung ein, unterstreichen das Psychologische und verleihen dem Text eine metaphysische Ebene, auf der die tieferen Ängste und seelischen Nöte, aber auch die geheimen Sehnsüchte der jugendlichen Protagonisten, die diese vielleicht selbst noch nicht klar formulieren können, einen nachwirkenden bildhaften Ausdruck finden.

Ein wunderbares Gesamtkunstwerk, in dem Lachen und Weinen ganz nah beieinander liegen und das nicht nur für Jugendliche wahrhaft zauberhaft zu lesen ist!

Ab 14 Jahren

Hannes Wirlinger: Der Vogelschorsch, Jacoby & Stuart (2019)
Mit Illustrationen von Ulrike Möltgen
ISBN: 9783964280312

bookmark_borderScott Thornley: Der gute Cop

Gute 5oo Seiten komplexer und dichter Krimistoff aus Kanada: Der erste Band der Reihe um den eigenwilligen Ermittler MacNeice, der im Original bereits 2012 erschien, ist etwas für anspruchsvollere und geduldigere Krimileser. Denn auch wenn ein Psychopath in diesem Buch eine wichtige Rolle spielt, handelt es sich hier keinesfalls um einen Gänsehautthriller. Es geht vielmehr um gesellschaftliche und politische Strukturen, die, natürlich in Verbindung mit bestimmten individuellen Biographien, Verbrechen und Gewalt begünstigen.

Der zentrale Schauplatz ist die fiktive Stadt Dundurn in Ontario. Hier ereignen sich gleich mehrere Fälle, in denen sich Gewalt auf erschreckende Weise Ausbruch verschafft und die Polizei, lokale Institutionen und Öffentlichkeit in Atem halten. Zum einen wird das große Hafenbauprojekt der Stadt, das nicht nur dem Bürgermeister sehr am Herzen liegt, von brutalen Morden überschattet: Bei den Bauarbeiten werden im Beton völlig entstellte Leichname gefunden. Gleichzeitig finden im Biker-Milieu mehrere Morde statt. Handelt es sich um Rachefeldzüge konkurrierender Banden oder gibt es einen Zusammenhang mit den Leichen im Hafen? Die Spur führt nämlich nicht nur in ein weit entferntes Pub in den USA, dem Stammlokal einer Gruppe von Afghanistanveteranen, sondern auch zu den ortsansässigen Betonunternehmen, für die einige der Biker Securityjobs übernommen haben.

Parallel dazu wird Dundurn von einer weiteren grausamen Mordserie heimgesucht: Der Täter scheint es auf erfolgreiche junge Frauen mit Migrationshintergrund abgesehen zu haben und es darauf anzulegen, in der Presse und vor allem in den sozialen Medien eine zweifelhafte Berühmtheit zu erlangen. So führt die Spur auch rasch zu einem jungen Mann mit Motorrad, der sich vor kurzem aus dem sozialen Leben zurückgezogen hat. Davor hatte er als Demograph und Statistiker gearbeitet; ein brillanter Kopf, ein introvertierter, arroganter Nerd mit einem maskenhaften Dauerlächeln im Gesicht, so beschreiben ihn die ehemaligen Kollegen, der sich in einem wirren Gespinst aus rassistischen und demographischen Theorien verloren hat. Wir Leser lernen ihn in einigen kurzen Kapiteln persönlich kennen, als eine etwas unheimliche, manisch-besessene Figur, die ununterbrochen Monologe bzw. Zwiegespräche mit ihrem Spiegelbild führt. Der Autor gibt uns auf diese Weise einen kleinen Einblick in die Perspektive des Täters, in seine Logik, sein wahnsinniges, aber eben doch methodisches Denken, ohne ihn und seine Motive jedoch ganz zu Ende zu erklären. So bleibt dieser zugleich kalte und rasende Mensch schwer greifbar, er entzieht sich immer wieder, da ergeht es den Lesern genauso wie den Ermittlern, die ihm nur entgegentreten können, indem sie sich auf sein tödliches Spiel einlassen. Denn eine der Polizistinnen, die für MacNeice mehr ist als eine geschätzte Kollegin, die junge und attraktive promovierte Kriminologin Fiza Aziz, fällt genau in das Beuteschema des Täters und soll der Lockvogel werden, mit dem die Ermittler ihn zu Fall bringen wollen. Ein riskantes Spiel…

Immer wieder ringen die Figuren darum, sich nicht zu stark in den Fall hineinziehen zu lassen, professionell zu bleiben und doch das Äußerste zu geben. Dass das alles andere als ein leichtes Unterfangen ist, zeigt Scott Thornley, indem er seine Figuren genau beobachtet und mit einem Gespür für psychologische Feinheiten immer wieder indirekt charakterisiert:

„Ich glaube nicht, dass seine Erkrankung mit dem Tod seiner Eltern zu tun hat. Er muss schon länger krank sein. Ihr Tod war möglicherweise der Auslöser für alles…“ MacNeice fiel auf, dass Aziz sehr darum bemüht war, jeglichen Abscheu, den sie gegenüber William Dance vielleicht empfand, zu unterdrücken. „Wenn er sich ein Kapitel in den Psychopathologie-Lehrbüchern sichert, dann nicht durch die Morde, sondern durch seinen Gebrauch des Internets“, fügte sie hinzu.

Thornley, Der gute Cop, S. 264

Das ist es im Übrigen auch, was auch den Autor in diesem Fall besonders zu interessieren scheint: nicht die psychopathische Gewalt an sich, als Selbstzweck der Spannung, sondern ihre hinterfragende Einbettung in den gesellschaftlichen und medialen Kontext.

Was ich beim Lesen außerdem sehr wohltuend fand, war der feine Humor, etwa in so manchen Wortwechseln des Ermittlerteams: ein befreiender, menschlicher Gegenpol zur Schwere der fast omnipräsenten Gewalt. Auch wenn es dem Autor ernst mit den Themen und Diskursen ist, die er in seinen Roman einfließen lässt, wirkt seine Geschichte dennoch alles andere als belehrend oder moralisierend. Das gelingt ihm auch dadurch, dass er die verhandelten gesellschaftspolitischen Konflikte von Zeit zu Zeit ironisch bricht, ohne jedoch polemisch zu werden oder sie ins Lächerliche zu ziehen. Immer steht der einzelne Mensch im Vordergrund, nicht der Diskurs, so auch im folgenden Beispiel, einem Auszug aus einem Dialog von MacNeice mit seinem afrokanadischen Mitarbeiter, der gerade Kontakt mit den Kollegen in den USA aufgenommen hat:

„Das macht richtig Spaß, diese grenzüberschreitende Polizeiarbeit. Demetrius wollte wissen, ob ich aus der Karibik stamme. Er konnte nicht glauben, dass meine Familie schon seit Generationen in Kanada ansässig ist — und aus einem Ort namens Africville stammt.“ — „Woher wusste er, dass Sie schwarz sind?“ — „Das weiß man, Sir. Das weiß man einfach.“

Thornley, Der gute Cop, S. 363

Auch wenn MacNeice‘ Ermittlerkollegen individuelle Züge bekommen, die das Potential haben, in den Folgebänden noch weiter ausgeschöpft zu werden, steht im Zentrum doch ganz klar der Kommissar selbst, Detective Superintendent MacNeice. Er ist der „gute Cop“ des Titels, der, so knapp und affirmativ er formuliert ist, es fast schon erzwingt, dass man sich während des Lesens die Frage stellt, ob man diesen Cop wirklich ohne Abstriche einen guten nennen kann. MacNeice ist auf jeden Fall eine äußerst interessante Figur, sympathisch mit all seinen Schrullen, unbestechlich, aufrichtig, mutig und voller Einsatz für die Gerechtigkeit, wenngleich seine guten Eigenschaften mitunter dazu neigen, ins Extrem zu kippen. Mehrfach im Roman riskiert er nicht nur sein Leben, sondern setzt ungewollt auch das seiner Kollegen aufs Spiel. Trotz seiner unbestreitbaren Qualitäten als Chef eines loyalen und gewitzten Teams ist er nämlich auch eine gebrochene, psychisch angeschlagene Figur; den Tod seiner Frau vor vier Jahren hat er noch nicht wirklich verarbeitet, er wird von Alpträumen, Halluzinationen und Schlaflosigkeit geplagt und tröstet sich in seinen einsamen vier Wänden mit dem einen oder anderen Grappa oder der einen oder anderen übersinnlichen Kommunikation mit der Verstorbenen. Diese etwas spleenig anmutende Sensibilität macht ihn jedoch gerade zu dem genialen — nicht fehlerfreien — Ermittler, der er ist: Er ist empathisch, hat feine Antennen und ein großes psychologisches Gespür. Insgesamt also ein Cop, der „irre cool, aber auch irre verrückt“ ist:

„Meiner Meinung nach, Mac, hätten Sie mitsamt Ihrem Team ums Leben kommen können. Es war reines Glück, dass es anders ausgegangen ist.“ — „Glück hat viel damit zu tun, da stimme ich zu. Aber das Risiko, das ich eingegangen bin, war wohlkalkuliert.“ (…) „Gut, in Ordnung. Hören Sie, ich möchte ehrlich mit Ihnen sein, trotzdem frage ich mich, ob Sie nicht manchmal eine Todessehnsucht umtreibt.“ — „Eigentlich nicht.“ MacNeice tat so, als würde er wirklich darüber nachdenken — und musste erkennen, dass es tatsächlich so gewesen war, und mehr als einmal. „Es gibt da nämlich einen verwundeten Polizisten im Dundurn General, der ist der Ansicht, dass dem so sein. Er hat sie als ‚irre cool, aber auch irre verrückt‘ beschrieben.“ MacNeice zuckte mit den Schultern.

Thornley, Der gute Cop, S. 339

Der einzige Vorwurf, den man dem Roman machen könnte, ist, dass er vielleicht etwas vollgepackt ist mit krassen Verbrechen, Explosionen und lebensgefährlichen Einsätzen. Doch zum Glück bewahrt sich der Autor einen sehr realistischen, lebensnahen Stil, sehr lebendig und frei von Plattitüden; auch die viele Action ist kein sensationsheischender Selbstzweck. Bei den spektakulären Einsätzen der Polizei, ebenso wie auch bei den Vernehmungen, werden genauso die langen Zeiten der Vorbereitung und des Abwartens dargestellt. In den vielen Dialogen, in denen übrigens eine der großen Stärken des Romans liegt und die auch sehr idiomatisch ins Deutsche übersetzt sind, bringt Thornley überzeugend das Nervenspiel und die manchmal schier unerträglichen Geduldsproben zum Ausdruck, die Teil der Polizeiarbeit sind. Hinzu kommt, dass die Frage, wie man in Momenten handelt, in denen man überfordert ist, in denen alles gleichzeitig über einem zusammenbricht, gerade ein wichtiges Thema, dem der Autor in seinem Krimi nachgeht. So dient ihm die Dichte der Handlung und die Komplexität der Fälle gerade dazu, die Herausforderung darzustellen, die es bedeutet, wenn man binnen Sekunden eine folgenschwere Entscheidung treffen, den Einsatz von Menschenleben kalkulieren oder Moral und Würde, Professionalität und Gerechtigkeit gegeneinander abwägen muss. Wie groß darf das Risiko sein, dass man eingeht, wie viel Rücksicht ist geboten, auch gegenüber sich selbst, wie weit muss man, wie weit darf man gehen?

Manchmal hätte ich mir noch ein bisschen mehr von den eindringlichen einsamen Szenen im Haus von MacNeice gewünscht, in denen der Polizist auf sein Seelenleben zurückgeworfen ist und die fast wie geschriebene Stillleben anmuten. Aber dieser Krimi war ja erst der Auftakt der Reihe um MacNeice, ich bin also mehr als zuversichtlich, dass da in den folgenden Bänden mit ihm noch einige existentialistische Momente zu erleben sind.

Bibliographische Angaben
Scott Thornley: Der gute Cop, Suhrkamp 2020
Aus dem Englischen von Karl-Heinz Ebnet und Andrea O’Brien
ISBN: 9783518470817

bookmark_borderJo Nesbø: Ihr Königreich

Es waren einmal zwei Brüder, der eine etwas älter, in sich gekehrter, der andere offener, draufgängerischer und doch schutzbedürftiger, die verbrachten ihre Kindheit in einem abgelegenen norwegischen Bergdorf, bis nach dem tragischen Unfalltod der Eltern der jüngere der beiden das Dorf verließ, nach Amerika ging — und nun, viele Jahre später, mit einer schönen Frau und hochtrabenden Zukunftsplänen wieder an den Ort der gemeinsamen Vergangenheit zurückkehrt und dadurch ungewollt eine Dynamik in Gang setzt, die seine Familie und schließlich das ganze Dorf in einem Strudel aus Scham, Schuld und Gewalt zu verschlingen droht.

Der neue Krimi Jo Nesbøs hat ein geradezu mythisches Antlitz: Es geht um Liebe in all ihren Extremen, um familiäre Bindung, um Begehren, das immer wieder in Gewalt ausschlägt, um Rivalität und Loyalität, um die Macht des Verdrängten und die Möglichkeit von Vergebung. Ja, das ist nahe am Pathos der griechischen Tragödie, der in einem in der Gegenwart spielenden Spannungsroman schnell fehl am Platz wirken könnte; ja, der Autor schreibt sich hier wirklich ganz nah an die ungezähmten Ursprünge des Menschen heran, ohne seinen Roman jedoch mythisch zu überfrachten. Denn Ihr Königreich ist nicht nur ein düsteres Familiendrama, sondern auch eine epische Milieustudie und ein fein konstruierter psychologischer Krimi, der menschliches Verhalten in Bedrängnis erforscht und seelischen Nöten, widerstreitenden Gefühlen und ethisch-moralischen Konflikten auf den Grund geht. Es ist ein dichtes und beklemmendes Handlungs- und Seelengewebe, das der Autor da entspinnt. Tief und sehr überzeugend durchdringt er die Gefühle und Gedanken seines Ich-Erzählers Roy, des älteren der Brüder, aus dessen Perspektive der Kreislauf der Scham, Schuld und Gewalt Seite für Seite mehr Gestalt annimmt. Es ergreifen einen Mitgefühl und Entsetzen, das Jammern und Schaudern der Tragödie, doch da zugleich immer wieder eine Ebene der Reflexion eingeschoben wird, weist die Geschichte über sich hinaus und geht der Frage nach, was Begriffe wie Loyalität, Familie oder Liebe eigentlich bedeuten, und in welchen seelischen Tiefen man die Wurzeln der Gewalt suchen muss, um vielleicht irgendwann doch einen Ausweg aus der verhängnisvollen Spirale, die sie entfaltet, zu finden:

Manche Geschehnisse — ein kleiner Diebstahl, eine eigentlich vollkommen unwichtige Abfuhr — lassen einen nie mehr los. Sie stecken wie Kugeln im Körper, die sich eingekapselt haben, an kalten Tagen aber schmerzen oder nachts auf seltsame Weise in Bewegung geraten. Man kann hundert Jahre alt sein und spürt trotzdem noch, wie einem die Schamesröte in die Wangen steigt.

Jo Nesbø, Ihr Königreich

Auffällig häufig greift Nesbø hier auch auf Metaphern aus dem Tierreich zurück, vielleicht, um die oft nur schmale Grenze auszuloten, die den vernunftbegabten Menschen von der instinktgetriebenen Animalität unterscheidet — oder eben gerade nicht. So manche biologische Verhaltenslehre gibt anschaulich, wenngleich nicht allzu überraschend, Aufschluss über verschiedene Dynamiken in sozialen Gefügen, über Schwarmverhalten und Herdentrieb, aber auch über Solitäre, über Einzelgänger, die auf Abstand zur Gruppe gehen. Eher ungewöhnlich ist jedoch der Vergleich mit dem exotisch anmutenden Komodowaran, der sich mit seinem schleichend wirkenden Gift der Abgeschlossenheit seiner Umwelt angepasst hat, mit der im Kontext der Romanhandlung natürlich die Unzugänglichkeit des abgeschotteten Bergdorfes gemeint ist:

Giftige Tiere, die an eng begrenzten Orten leben, von denen ihre Beutetiere aus praktischen oder anderen Gründen nicht fliehen können, brauchen kein besonderes, schnell wirkendes Gift. Sie können auf diese schrecklich langsame Art vorgehen.

Jo Nesbø, Ihr Königreich

Das Animalische, Elementare tritt also auch in der Geographie zu Tage: im zerklüfteten, dem Wetter und den Naturgewalten besonders ausgesetzten Schauplatz der norwegischen Berglandschaft, an deren extremstem Punkt das Familiengut der Brüder liegt. Von dort tun sich Abgründe auf: Dort ist das Auto der Eltern abgestürzt, nicht weit entfernt befindet sich auch der See, in dessen Abgrund ein ehemaliger Dorfpolizist versunken ist, und dann gibt es natürlich all die seelischen Abgründe, die Abgründe der Liebe, der Scham, der Gewalt, die gleichfalls dort ihren Ursprung haben.

Zur Freude des spannungshungrigen Krimilesers nimmt die Handlung immer wieder überraschende Wendungen. Im ersten Teil des Romans wird man auf die eine oder andere falsche Fährte gelockt und hegt manch furchtbaren Verdacht; doch sind es wirklich falsche Fährten oder nicht potentielle Abgründe, die in allen Menschen lauern? Auf jeden Fall gelingt Nesbø hier ein vielschichtiges und komplexes Handlungsgefüge, in dem er vergangenes und gegenwärtiges Geschehen spannungsreich miteinander verknüpft, analytisches (die Vergangenheit aufdeckendes) und synthetisches (einem noch offenen Ausgang zusteuerndes) Drama in einem.

Zur mythischen Struktur, die seiner Erzählung zugrunde liegt, gehört auch das so genannte „mimetische Begehren“, das der berühmten Theorie des Literaturwissenschaftlers und Anthropologen René Girard zufolge der zentrale und durch Religion, Kultur, Gesellschaftsinstitutionen zu bändigende Auslöser gewaltsamer Konflikte im menschlichen Zusammenleben ist. Es hätte der expliziten Nennung Girards in der Krimihandlung gar nicht bedurft, illustriert doch das oft ambivalente Verhalten der Protagonisten hier besser als jede vereinfachte Erläuterung der komplexen Theorie dieses zwiespältige Movens menschlichen Verhaltens, von dem so viele alte Mythen erzählen. Wie in vielen dieser Geschichten (Kain und Abel, Romulus und Remus, Polyneikes und Eteokles) baut auch Ihr Königreich auf einer Grundkonstellation auf, in der zwei Brüder einander zugleich in inniger Liebe und unterschwelliger Rivalität verbunden sind. Bei Nesbø liest sich die Kurzfassung der Theorie mimetischen Begehrens übrigens so:

Wenn dein Held sich in eine Frau verliebt, wird es dein unbewusstes Ziel, dieselbe Frau für dich zu gewinnen.
— Hm. Und in wen ist man dann wirklich verliebt? In den Held oder die Frau?

Jo Nesbø, Ihr Königreich

Der mimetische und in Gewalt abgleitende Konflikt, der sich horizontal auf der Ebene der Brüder und der Dorfgemeinschaft manifestiert, ist allerdings schon in vertikaler Linie angelegt. Denn da gibt es auch den übermächtigen, und zugleich gegenüber seinen eigenen Trieben so ohnmächtigen, schwachen Vater, der die eigene Schuld den Söhnen vererbt, die nach seinem Tod erst recht in dessen Bann zu geraten scheinen. Jo Nesbø hat für seinen Krimi wohl auch Freuds psychoanalytische Kulturtheorie vom Vatermord studiert. All dem liegt ein mythisch-zyklisches Weltbild zugrunde, das, so begreifen die Brüder nach und nach, den Kreislauf der Gewalt auf fatale Weise immer weiter nährt:

Wir alle drehen uns im Kreis. Der einzige Ort, an den es uns wirklich zieht, ist der, an dem alles losgegangen ist.

Jo Nesbø, Ihr Königreich

Im Laufe des Romans wird das Thema des mimetischen Begehrens und seines gefährlichen Gewaltpotentials in vielen Variationen ausgelotet: nicht nur bei den beiden Brüdern, sondern auch in den Biographien der anderen Figuren, auf deren Charakterisierung der Autor im Übrigen viel Sorgfalt verwendet.

Jo Nesbø ist, man muss es einfach zugeben, ein begnadeter Krimischreiber, mit einem ganz besonderen Talent für psychologisch dichte, spannende, mitreißende Handlungsgewebe, für Charaktere, die einem beim Lesen ganz lebendig vor Augen treten und deren literarische Überzeugungskraft vielleicht gerade darin liegt, dass sie aufs Ganze gehen, ohne Helden zu sein, dass sie vielmehr eine Verletzlichkeit an sich haben, die zugleich ihre Stärke ist, obwohl ihr auch ein selbstzerstörerisches Moment innewohnt: wie verwundete Tiere, die sich verzweifelt aufbäumen mit aller ihnen noch verbliebenen Kraft.

Bibliographische Angaben
Jo Nesbø: Ihr Königreich, Ullstein (2020)
Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob
ISBN: 9783550050749

Bildquelle
Jo Nesbø, Ihr Königreich
© 2020 Ullstein Buchverlage GmbH

bookmark_borderDorothee Elmiger: Aus der Zuckerfabrik

Dass es ein Buch wie Dorothee Elmigers jüngste Schöpfung, Aus der Zuckerfabrik, in die engere Auswahl des Buchpreises geschafft hat, finde ich ebenso bemerkenswert wie entzückend. Denn was uns hier erwartet, ist alles andere als ein klassischer Erzähltext, der uns — ob traditionell oder modern verfremdet — in eine fiktive Geschichte eintauchen lässt. Die junge Schweizer Autorin hat sich, wie sie es uns im Text selbst auf amüsante Weise schildert, erfolgreich dagegen gewehrt, dass ihr Buch auf dem Einband als „Roman“ kategorisiert wird; „Recherchebericht“, wie sie stattdessen etwas provokativ vorschlug, wurde vom Verlag dann nachvollziehbarerweise auch nicht umgesetzt.

Worum geht es denn aber eigentlich in diesem Text, der sich einer gattungsspezifischen Einordnung bewusst entziehen will? Bevor ich auf die Besonderheiten der Form zurückkomme, die der Autorin für ihr Thema oder besser Themenspektrum am geeignetsten schien, zunächst ein paar Zeilen zu den Gegenständen ihres Textes: Man ahnt schon, dass entgegen dem Klang des Titels, der die eine oder andere romantische Assoziation wecken könnte, hier kein Märchen erzählt wird. Wenn wir der Autorin in ihre Zuckerfabrik folgen, erwarten uns keine süßen Fantasiegestalten, sondern die eher bitter schmeckende, ethisch und moralisch komplexe Realität der Geschichte der Zuckerproduktion, deren vielschichtigen Zusammenhängen Dorothee Elmiger auf der Spur ist. So entsteht eine facettenreiche Kulturgeschichte, in der Kolonisierung und Konsum, menschliche Süchte und Sehnsüchte zueinander in Beziehung gesetzt werden.

Der Zucker ist also ein Motiv oder Ding, ein Rätsel, das immer wieder aufgetaucht ist bei mir in den letzten Jahren.

Dorothee Elmiger, Aus der Zuckerfabrik

Denn das Faszinierende am Thema der Zuckerproduktion, so liest man an derselben Stelle, ist die Verbindung, die sie zwischen „Unbekannte[n] über Zeit und Raum hinweg“ schafft:

Weil ja der Zucker historisch auf den Plantagen produziert und dann in Europa, auch von den europäischen Lohnarbeitern, konsumiert wurde.

Dorothee Elmiger, Aus der Zuckerfabrik

Diese Verbindung von Unbekanntem durch Zeit und Raum beschreibt nicht nur den Textgegenstand, sondern charakterisiert auch recht gut die stilistische Vorgehensweise der Autorin bei der Annäherung an dieses sie umtreibende Thema: Das „Rätsel“ des Zuckers, ja das Mystische an ihm — immerhin erforscht die Autorin intensiv auch das Exzessive, Ekstatische, das dem Konsum und so paradoxerweise auch den ökonomischen Prozessen innewohnt –, bringt auch stilistisch eine bestimmte eigene Form hervor: eine mäandernde, offene Form, die der schillernden Komplexität und Widersprüchlichkeit des Themenspektrums entspricht. Es ist ein offenes Kunstwerk im Sinne von Umberto Eco, das uns die Autorin hier präsentiert, ein work in progress, in dem sie den Prozess der écriture, der Textgenese offenlegt. Das ist essayistisch, das ist experimentell, das ist ironisch — bei Elmiger vor allem selbstironisch — und trägt im gleichen Atemzug auch den Wunsch nach einer Aufrichtigkeit in sich, die sich unablässig im produktiven Widerstreit mit der ausgestellten Subjektivität des Schreibens befindet. So treibt den Text ein suchender Geist voran, der zwar sein Thema, nicht aber sich selbst zu ernst nimmt, der reflektiert ist, rezeptiv und rezipierend. Daher rührt auch die immanente dialogische Struktur, die dem Text zu eigen ist:

— Ist aber die Behauptung falsch, dass du einfach nicht imstande bist, das zu tun, was man gemeinhin unter ‚Erzählen‘ versteht?
— Nein, das ist richtig.
— Was hindert dich daran?
— Na ja, es ist doch ganz einfach so, dass immer alles Mögliche geschieht, während ich an meinem Schreibtisch sitze, […] und das muss dann natürlich alles auch erzählt werden, weil das ja die Bedingungen sind, unter denen der Text entsteht, also die Verhältnisse, in denen ich schreibe. Aber es ist mir eben ganz unmöglich, diese Dinge in ihrer Gleichzeitigkeit in den Text zu bringen.

Dorothee Elmiger: Aus der Zuckerfabrik

Das essayistische Ich befindet sich in einem unaufhörlichen Gespräch: mit sich selbst, mit fiktionalisierten Dialogpartnern, mit der Literaturgeschichte, mit Biographien von Mystikerinnen, Spielern und Kolonialisten. Zitate aus Lexikonartikeln und Fachliteratur finden ebenso Eingang in den Text wie Zeilen aus der Literatur, aus Tagebüchern und Memoiren und bilden zusammen mit den erzählenden und dialogischen Passagen ein buntes, dynamisches Textgewebe.

Aber lauschen wir noch ein wenig dem fingierten Dialog:

— Man könnte auch sagen, das ist eine völlige Überfrachtung, eigentlich eine Zumutung.
— Richtig. Diese Sätze, das muss ich selbst einsehen, werden nie diese Art von reiner, strahlender Klarheit erreichen, die sich aller zusätzlicher, aller verworrener Bedeutungen entledigt hat. Es handelt sich eher um flackernde, schwierige Konstruktionen, denke ich, um dunkle Strudel, in denen sich mit ohrenbetäubendem Lärm alles, also auch alles Periphere, für immer um ein instabiles Zentrum dreht. Und immer wird noch mehr mit hereingerissen.

Dorothee Elmiger, Aus der Zuckerfabrik

Ja, in diesen faszinierenden Strudel zieht es einen, dem Fehlen einer linearen Erzählung zum Trotz, beim Lesen unweigerlich hinein. Aus der Zuckerfabrik ist keinesfalls ein Roman, und wer einen solchen erwartet, wird auf jeden Fall enttäuscht werden. Wer sich aber auf ein essayistisches Abenteuer einlassen mag, der wird spannende Denkanstöße finden. Denn hier wird das traditionell hingenommene Verhältnis von Zentrum und Peripherie aus der Balance gebracht, auch im kolonialen Sinne, auch im Sinne von Machtverhältnissen. Ungewöhnliches findet in neuer Gewichtung zueinander, mentale Distanzen werden überwunden — eine literarische Herausforderung für Querdenker!

Bibliographische Angaben
Dorothee Elmiger: Aus der Zuckerfabrik, Hanser 2020
ISBN: 9783446267503

Bildquelle
Dorothee Elmiger, Aus der Zuckerfabrik
© 2020 Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, München

bookmark_borderJana Revedin: Margherita

Jana Revedin erzählt in ihrem auf der eigenen Familiengeschichte basierenden Roman die Geschichte einer modernen Frau und verknüpft sie geschickt und unterhaltsam mit einer Kultur- und Gesellschaftsgeschichte des europäischen 20. Jahrhunderts.

Zunächst mutet die Geschichte der intelligenten und einfühlsamen Margherita, die mit ihren Schwestern einen Zeitungskiosk betreibt, um die Familie zu ernähren, wie ein Märchen an. Einer ihrer Zeitungsabonnenten ist Nino, der Erbe der alteingesessenen, reichen Familie Revedin in Treviso. Marghuerita mag ihn gern und genießt es, ab und an ein Wort mit ihm über das in den Zeitungen berichtete Zeitgeschehen zu wechseln, doch als Nino sie eines Tages zu sich einlädt und ihr einen Heiratsantrag macht, fällt sie aus allen Wolken und bleibt zunächst skeptisch, ob eine solche unstandesgemäße Liebe eine Zukunft haben kann. Doch ihr familiäres Umfeld ist dem jungen Paar gewogen — im Unterschied zu den venezianischen Patrizierfamilien, die Margherita auch nach Jahrzehnten nicht als eine der Ihren akzeptieren werden — und so findet 1920 die Hochzeit statt und die beiden ziehen in ein Palais nach Venedig.

Venedig ist zu dem Zeitpunkt eine im Wandel begriffene Stadt, und Margherita verkörpert wie keine andere diesen kulturellen und gesellschaftlichen Wandel. Geschult in Paris, wo sie vor ihrer Hochzeit einige Monate verbrachte, sozusagen als Bildungsreise und kulturelle Initiation, nutzt sie den Einfluss der Familie ihres Mannes und nicht weniger auch ihre eigenen Kontakte, die sie in Paris geknüpft hat — darunter z.B. die später berühmte Kunstmäzenin Peggy Guggenheim –, um Venedig zu einem kulturellen Zentrum der Moderne zu machen. Film, Kunst, Sport, Mode, Architektur, überall steckt die Moderne in ihren Startlöchern, und Margherita ist begeistert und engagiert mit dabei.

Doch während Margherita sich in diese neue Welt in Venedig, in der sie als Mädchen einfacher Herkunft immer wieder auch auf Widerstand stößt, mit ihrer einfühlsamen und begeisterungsfähigen Art rasch einzufügen versteht und dem kleinen Luigi bald auch eine verantwortungs- und liebevolle Mutter wird, beobachtet sie zunehmend mit Sorge, wie ihr verträumter Mann Nino, dessen Leidenschaft die Fotografie ist, sich mehr und mehr in dubiose Geschäfte einlässt, Schulden anhäuft und sich schließlich sogar den neuen politischen Granden des Faschismus anbiedert. Diese Selbstentfremdung Ninos geht bald auch einher mit einer Entfremdung der Eheleute voneinander, die ein trauriges Ende nimmt.

Nach den 1930er Jahren folgt ein großer Zeitsprung ins Jahr 1962. Margherita ist längst Witwe, hat ihre kunstsinnige Umtriebigkeit und ihre Begeisterungsfähigkeit aber nicht verloren, sondern gestaltet mit talentierten Nachwuchsarchitekten das künftige Stadtbild Venedigs. Und, so viel sei zumindest verraten, auch die Familiengeschichte nimmt ein versöhnliches Ende mit dem hoffnungsvollen Ausblick auf eine neue Generation. Diese wird für die Autorin dann auch die Brücke zu einem autobiographischen Epilog, in dem sie schildert, wie sie selbst Margheritas Enkel kennengelernt hat: Antonio Revedin, den sie geheiratet und dessen Familiengeschichte sie hier niedergeschrieben hat.

Auch wenn der Roman manchmal an eine Chronik erinnert, da die Autorin eine Fülle an historischen Personen und Tatsachen in ihm unterbringt, werden diese doch fast immer lebendig in die Handlung eingebunden. Das gelingt zum einen durch die überzeugend gestalteten Dialoge, zum anderen auch durch die plastische und meist vielschichtige Charakterisierung der Figuren. Einzig Marherita selbst wird zwar äußerst einfühlsam, doch im Unterschied zu manch anderen gebrocheneren oder schillernderen Figuren vielleicht als zu gute Seele gezeichnet. So haftet der Erzählung doch bis zuletzt etwas Märchenhaftes an, aber das nimmt man gern in Kauf bei einer insgesamt überaus mitreißenden Geschichte.

Bibliographische Angaben
Jana Revedin: Margherita, Aufbau Verlag (2020)
ISBN: 9783351038304

Bildquelle
Jana Revedin, Margherita
© 2020 Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

bookmark_borderDante Medema: Diese eine Lüge

Wer bin ich und was bleibt von mir, wenn meine Herkunft auf einer Lüge aufbaut? Diese auf einmal existentielle Form annehmende Frage drängt sich der Ich-Erzählerin Delia auf, als sie bei einem Projekt für die Schule ihre DNA testen lässt. Es stellt sich heraus: Ihr Vater ist nicht ihr biologischer Vater. Ist also alles eine einzige Lüge, ihre Familie, ihre Herkunft, ihr ganzes Leben?

Die nordamerikanische Autorin Dante Medema hat einen Jugendroman geschrieben, der mitten hineintrifft in die Fragen, Sehnsüchte und Ängste, die eigentlich jeden Teenager irgendwann in der einen oder anderen Weise ereilen, durcheinanderbringen und den moralischen und emotionalen Kompass verrückt spielen lassen: einen Roman über Familie, Prägung und Identität, über die erste Liebe, über Freundschaft, Schule und die Gestaltung des künftigen Lebenswegs; einen Roman aber auch, der feste Vorstellungen und Verhaltensweisen hinterfragt und der seinen jungen Lesern über die literarische Begegnung mit vertrauten Konflikten, Unsicherheiten oder Ängsten hinaus vielleicht auch den ein oder anderen neuen Impuls geben kann.

Dieses Erfrischende, Neue, Kreative des Romans, mit dem er sich von anderen Coming-of-Age-Geschichten abhebt, liegt vor allem in der Form, die sich die Autorin für ihr Thema gewählt hat. Der Text wechselt nämlich ab zwischen der Teenagern heute vertrauten Kommunikationsform verschiedenster elektronischer Nachrichten einerseits und der auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinenden lyrischen Form in freien Versen andererseits, in der die Hauptfigur und Erzählerin bzw. Dichterin Delia ihren Gefühlen und Gedanken wunderbar Ausdruck verleihen kann. Die subjektive lyrische Form entspricht der emotionalen und zugleich reflexiven Art Delias, sich mit den Konflikten und Herausforderungen, die sie erlebt, auseinanderzusetzen. Durch die Wahl der freien Versform, die oft auch ein wenig an balladenhafte Songtexte erinnert, lässt sich zugleich auch die Handlung in die lyrischen Zeilen integrieren, und zwar auf eine sehr flüssig lesbare Weise: Man findet schnell in den Rhythmus hinein und gerät bald in einen richtigen Sog, der einen bis zur letzten Seite in Atem hält.

Das Besondere ist, dass das Gedichtemachen selbst Teil der Handlung ist. Denn das Abschlussprojekt, das sich Delia gewählt hat, besteht gerade darin, dass sie in Form von Gedichten ihre Identitätssuche abbildet, in lyrischer Form also ihrer Herkunft auf die Spur kommen möchte. Mehr und mehr zeigt sich jedoch, dass diese Form ihr vor allem auch dabei hilft, sie überwältigende Gefühle zu verarbeiten. Und zum Ärger ihrer Eltern und besten Freundin auch dabei, ihrer großen Liebe Kodiak Jones, der in der Vergangenheit ein wenig auf Abwege geraten ist, wieder näher zu kommen…

So werden die feinen Zwischentöne der Lyrik zu einem Element, das über alle Turbulenzen, Irrungen und Wirrungen, und auch über die genetische Verwandtschaft hinaus, Identität, Nähe und Verbindung schafft.

Altersempfehlung
Ab 13 Jahren

Bibliographische Angaben
Dante Medema: Diese eine Lüge, Thienemann-Esslinger 2020
ISBN: 9783522202718

Bildquelle
Dante Medema, Diese eine Lüge
© 2020 Thienemann-Esslinger Verlag GmbH

bookmark_borderThomas Hettche: Herzfaden

Thomas Hettche ist ein ganz wunderbarer Erzähler, der Ereignisse aus der Geschichte glaubhaft und in einem Stil, der Eleganz und Natürlichkeit verbindet, in einen fesselnden Roman verwandelt. In seinem neuen Buch über die Entstehungsgeschichte der Augsburger Puppenkiste verwebt er so verschiedene Genres und Erzählstile zu einem sehr harmonischen und aussagekräftigen Ganzen. In einer Sprache, die stilvoll ist ohne jeden Manierismus, die Poesie und Realismus vereint und auf diese Weise genau den Ton trifft, der dem Inhalt der Erzählung gerecht wird: durch Kunst und Theater gemeinschaftlich eine (Gegen-)Welt zu schaffen, die der Wirklichkeit Rechnung trägt, ohne sich ihr zu unterwerfen, und so auch eine Art poetischen Widerstand zu leisten, ohne sich von den politischen und historischen Umständen einschüchtern zu lassen.

Allein mit dem Wort „Mondlichtteppich“, das man sich nicht genug auf der Zunge zergehen lassen mag, schafft Hettche eine poetisch-zauberhafte Atmosphäre, die den Rahmen der Erzählung bestimmt. In diesen Erzählrahmen lässt der Autor ein namenloses Mädchen im Hier und Jetzt stolpern, das sich mit seinen 13 Jahren eigentlich schon viel zu erwachsen für eine Marionettenaufführung der Augsburger Puppenkiste fühlt, das daher aus Trotz seinem Vater davonläuft und sich im dunklen Keller des Theaters in einer fantastischen Welt verirrt, in die es sich erst skeptisch, dann aber mit immer größerer Faszination hineinziehen lässt. Denn die Marionetten werden auf einmal lebendig, ebenso lebendig wie die Vergangenheit, die in der Erzählung von Hannelore, genannt Hatü, das Mädchen genauso wie uns Leser in den Bann zu schlagen vermag.

Hatü, die aus dem Jenseits an diesen fantastischen Ort zurückgekehrt ist, um rückblickend ihre Geschichte zu erzählen, ist die Tochter von Walter Oehmichen, der mit seiner Familie und Freunden und vor allem einer Schar junger Leute mitten im Krieg die Puppenkiste erfand, die dann in der frühen Bundesrepublik zum Erfolgsschlager des frühen Farbfilms wurde und seitdem ein nicht wegzudenkendes Kulturgut ist.

Der Autor rückt die junge Hannelore, und nicht etwa ihren damals in der Theaterszene schon etablierten Vater, ins Zentrum seiner Erzählung, so dass ihr kindlicher und jugendlicher Blick auf die geschichtlichen Ereignisse und Veränderungen, und auch auf das mitunter unverständliche oder erschreckende Verhalten der Erwachsenen vorherrscht. Es ist ein Blick, der sich vielen Desillusionierungen aussetzen muss, und doch oder gerade deshalb nie das Wesentliche aus den Augen verliert. So wird Hatü, die trotz aller Rückschläge und Unsicherheiten, die der Autor psychologisch glaubhaft schildert, nie den Glauben an ihre Unternehmung verliert, die treibende Kraft des Theaters und gibt als begabte Puppenschnitzerin vielen der noch heute berühmten Marionetten ihr unvergessliches Gesicht.

Das zu lesen, ist ein großer Genuss, ein ungemein berührendes und geschichtsbewusstes Eintauchen in eine magische Welt!

Bibliographische Angaben
Thomas Hettche: Herzfaden — Roman der Augsburger Puppenkiste, Kiepenheuer & Witsch 2020
ISBN: 9783462052565

Bildquelle
Thomas Hettche, Herzfaden — Roman der Augsburger Puppenkiste
© 2020 Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co KG, Köln

bookmark_borderChristine Wunnicke: Die Dame mit der bemalten Hand

Die Dame mit der bemalten Hand ist ein historischer Roman der besonderen Art aus der amüsant eigenwilligen Feder der Autorin, die ihre erst sorgsam recherchierten Figuren und Stoffe dann gerne parodistischen, fast grotesken Kontexten aussetzt.

Hier treffen zwei Figuren aus Welten, die nicht unterschiedlicher sein könnten, aufeinander, und das an einem Ort — einer indischen Insel namens Elephanta — an dem beide nur durch Zufall gestrandet sind: der deutsche Mathematiker Carsten Niebuhr, der letzte am Leben verbliebene Teilnehmer einer europäischen Forschungsexpedition, der sich zum wiederholten Mal im Sumpffieberdelirium dem Tode nähert, und der persische Astronom — und Meistererzähler — Musa al-Lahuri. Die beiden verständigen sich, mit vielerlei Missverständnissen und doch großer Intensität, in vielen verschiedenen Sprachen, und diese Sprachverwirrung und Thematisierung der manchmal erstaunlicherweise auch gelingenden, oft aber scheiternden Kommunikation ist das eigentliche Thema des Buches. Denn zur Verständigung braucht es mehr als die Beherrschung eines linguistischen Systems. Wenn der kulturelle Hintergrund dem anderen unbegreiflich ist, wenn selbst die Sterne, zu denen alle gleichermaßen hinaufschauen, unterschiedliche Bezeichnungen und Bedeutungen haben, ist es schwer, dem anderen zu erklären, was man eigentlich fühlt und denkt und vorhat. Wobei es, etwa angesichts des Todes, zwischen den beiden Protagonisten des Romans ab und an Momente gibt, in denen ein zwischenmenschliches Einfühlen und Verstehen aufblitzt, das im Kontext einer ansonsten häufig absurd anmutenden Begegnung sehr berührend wirkt. Die Autorin wählt somit einen ungewöhnlichen und erhellenden Blickwinkel auf eine die Weltgeschichte bis heute beeinflussende Entwicklung, indem sie den europäischen Forscherdrang auf tragikomische Weise zeigt und seine ignorante Überheblichkeit, aber auch seine optimistische Naivität und Neugier beleuchtet.

Am Ende schließt sich ein Kreis, wird die Erzählung an ihren Anfang zurückgeführt und ironisch in der Fiktion, im Erzählen an sich verankert. Dieses Erzählen, in dem sich nicht nur Musa als Meister erweist — auch Carsten Niebuhr schreibt zurück in der Heimat seine Erlebnisse in der Ferne nieder — trägt stets auch die Lüge, das Ausschmücken, das Erfinden in sich: für die einen ein Ärgernis, für die anderen der besondere Reiz. Und ist nicht auch die Wissenschaft an Erzählungen und situationsbedingte, weltanschauliche Fragestellungen gebunden?

Christine Wunnicke jedenfalls relativiert und hinterfragt in ihrem Roman auf unterhaltsame und provozierende Weise unseren Blick auf die Welt und auf den anderen.

Bibliographische Angaben
Christine Wunnicke: Die Dame mit der bemalten Hand, Berenberg 2020
ISBN 9783946334767

Bildquelle
Christine Wunnicke, Die Dame mit der bemalten Hand
© 2020 Berenberg Verlag GmbH, Berlin