bookmark_borderRebecca Makkai: Die Optimisten

Eine junge Frau mit Kurzhaarschnitt und grünem Schal, einem strengen Zug um die definierten roten Lippen und vor allem mit diesen schräg stehenden grünen Mandelaugen, deren unergründlicher, irgendwie unnahbarer und doch so vielsagender Blick den Betrachter in Bann schlägt, der das Geheimnis, die Geschichte, die Gedanken dahinter so gerne herausfinden möchte…

Das in mehrfacher Hinsicht treffend gewählte Titelbild der deutschen Ausgabe des neuen Romans von Rebecca Makkai wird unter dem Titel „Ritratto di Maria“ dem früh an Tuberkulose verstorbenen italienischen Künstler Amedeo Modigliani (1884-1920) zugeschrieben, ist wohl 1918 entstanden und erinnert in Stil und Ausdruck an andere Porträtmalereien des Künstlers, etwa an die, die er von seiner Verlobten und Künstlerkollegin Jeanne Hébuterne anfertigte. Und doch ist die Echtheit des Bildes umstritten: Kurz bevor der Roman 2018 in Amerika erschien, hatte sich — nicht zum ersten Mal — eine Debatte um die Authentizität mehrerer Werke entzündet, die 2017 in einer Modigliani-Ausstellung in Genua gezeigt wurden, darunter auch das Porträt „Maria“.

Die Kunst, nicht nur Modiglianis, ist eines der großen Themen von Makkais neuem Roman, das die Autorin auf erzählerisch großartige Weise mit weiteren Themenfeldern verknüpft. Indem sie der Frage nach dem Zusammenhang von Kunst und Leben, Kunst und Vergänglichkeit, dem (ideellen, ästhetischen und kommerziellen) Wert von Kunst nachgeht, entwirft sie im gleichen Atemzug eine packende Geschichte über Krankheit und Tod, über die Zeit, in der das tödliche Aids-Virus entdeckt wurde, über Freundschaft, Familie, Schuld und Verantwortung, und ist dabei — so wie Modigliani in seiner Kunst — ihren Figuren, den Menschen, die sie in ihren Ängsten und Freuden, ihrem Leiden und ihrer Hoffnung, zeichnet, stets ganz nah.

Entsprechend intensiv ist das Leseerlebnis, das einen die epischen 600 Seiten, die der Roman umfasst, wie im Fluge lesen lässt. Der Autorin gelingt es, einen überzeugenden historischen Bogen zu konstruieren, der von der Zeit um den Ersten Weltkrieg in der Pariser Künstlerszene über die in der vom Schrecken der neuen unheilbaren Krankheit Aids geprägten 1980er Jahre in Chicago bis ins Jahr 2015 reicht, in der die Überlebenden und Nachgeborenen ihre eigenen inneren und äußeren Kämpfe austragen und die noch losen Enden zwar zum Glück nicht zu einem kitschig-rosigen Happy End, aber immerhin doch zu einer Art poetischer Gerechtigkeit zusammengeführt werden.

Die Kapitel wechseln zwischen der Perspektive von Yale Tishman, einem jungen Galeristen, und seinem zum Großteil schwulen Freundeskreis in den Jahren 1985/86 in Chicago, und derjenigen Fiona Lerners im Jahr 2015, als sie sich auf den Weg nach Paris macht, um ihre Tochter Claire zu suchen und das schwierige Mutter-Tochter-Verhältnis aufzuarbeiten. Die Reise nach Paris wird aber auch eine Reise in Fionas eigene unzureichend verarbeitete Vergangenheit und in die ihrer Familie. Als das HIV-Virus ab der Mitte der 1980er Jahre nämlich ihren geliebten großen Bruder Nico und dann der Reihe nach ihren gemeinsamen Bekanntenkreis dahinsiechen ließ, war Fiona ein junges Mädchen, das von der auch emotionalen Verantwortung, die sie damals übernahm, noch 30 Jahre später gezeichnet ist. Fiona, in deren Gedanken- und Gefühlswelt man tief eintaucht, da sie mit dem Mittel interner Fokalisierung geschildert wird, ist neben Yale die zweite Hauptfigur und Stimme des Romans und als Überlebende auch das Bindeglied zwischen den Zeiten, zwischen Paris und Chicago, zwischen Yales Geschichte und derjenigen ihrer Großtante Nora. Nach dem Aidstod ihres Bruders wird der ebenfalls schwule Yale für Fiona zum engen Freund und zu einer umso wichtigeren Bezugsperson, als sie sich mit ihren Eltern überworfen hat, weil diese Nicos Homosexualität nicht akzeptierten. Auch die Verbindung von Yale und Nora, die bis in die 1920er Jahre die Pariser Künstlerszene frequentierte und einige private und demzufolge nicht autorisierte Skizzen und Gemälde namhafter Künstler aus dieser Zeit besitzt, kommt über Fiona zustande. Für Nora, die vor ihrem Tod die Veröffentlichung ihrer vollständigen Sammlung in die Wege leiten möchte, haben diese Kunstwerke nicht nur eine materielle und ästhetische, sondern auch eine biographische Bedeutung. Sie war als junge Frau von Amerika nach Paris gegangen, um Kunst zu studieren, wurde dann aber eher als Modell gesehen und geduldet und kam mit einigen später berühmten Künstlern wie Modigliani oder Foujita in Kontakt. In einen von ihnen, dem vielleicht das Schicksal des kurzen Lebens einen berühmten Namen vorenthielt, verliebte sie sich — um ihn kurz darauf infolge des Ersten Weltkriegs schon wieder zu verlieren: Ranko Novak, dessen Bilder auch zu ihrem Kunstschatz gehören und die Yale gemeinsam mit denen der berühmten Künstler in seiner Galerie unterbringen soll. Doch das Projekt gestaltet sich als immer größere Herausforderung, da Yale sich mit den divergierenden Ansichten verschiedener Interessensgruppen auseinandersetzen muss, mit der Familie, die sich um ihr Erbe betrogen fühlt, ebenso wie mit den ökonomischen Prinzipien, die den Kunstmarkt bestimmen. Und nicht zuletzt steht er privat vor einem Scherbenhaufen, nachdem Eifersucht, Betrug und schließlich auch noch das tödliche Virus sein Beziehungsleben erschüttert haben. Trotzdem setzt er alles daran, das Vertrauen, das die alte Nora in ihn gesetzt hat, nicht zu enttäuschen…

„Wartet man nicht eigentlich permanent darauf, dass die Welt aus den Fugen gerät?“, sagte Richard. „Wenn die Verhältnisse stabil sind, dann immer nur vorübergehend.“

Makkai, Die Optimisten, S. 472

Die ideelle Architektur des Romans, der auf vielen verschiedenen Ebenen arbeitet, die allesamt fein miteinander verwoben sind, gründet auf dem meisterhaft inszenierten Wechselspiel von (Welt-) Geschichte und privaten Familien- und Beziehungsgeschichten, ein Prinzip des Gesellschaftsromans, wie es sich in der Literaturgeschichte v.a. des 19. Jahrhunderts herausbildete — die New York Times vergleicht Makkais Roman in dieser Hinsicht sogar mit Krieg und Frieden. Die Welt der „Optimisten“ gerät fast permanent aus den Fugen, um das Zitat einer Figur aus Makkais Roman aufzugreifen: Im Kleinen, wenn familiäre oder Paarbeziehungen auseinanderbrechen, wenn Krankheit und Tod Biographien erschüttern, im Großen durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs, durch die Aids-Pandemie, die ab den 1980er Jahren große Teile der Gesellschaft bedroht und stigmatisiert, durch die terroristischen Anschläge im 21. Jahrhundert. Doch da das Schicksal der Individuen unmöglich von den gesellschaftlichen Ereignissen isoliert betrachtet werden kann, verflicht Makkai die historisch-gesellschaftliche Ebene untrennbar mit den privaten Biographien ihrer Figuren. So entsteht vor dem historischen Hintergrund von Aids etwa eine gesteigerte Komplexität der Schuldgefühle, da Untreue auf einmal über die emotionale Verletzung hinaus auch zum körperlichen Todesurteil werden kann. Die private Verantwortung des Einzelnen bekommt eine gesellschaftliche Dimension, die wiederum Einfluss auf die Gestaltung der individuellen Beziehungen hat.

Diesem inhaltlich differenzierten und komplexen Ineinander von Individuum und Geschichte, von privater und gesellschaftlicher Verantwortung wird die Autorin auch in Form und Ausdruck gerecht, und die gelungene Übersetzung von Bettina Abarbanell transportiert den authentischen Stil des Originals auch wunderbar ins Deutsche. Denn Makkai verzichtet auf Pathos, aber nicht auf Emotion, sie reflektiert die moralischen Verstrickungen ihrer Figuren, ohne zu moralisieren, sie gibt tiefen Einblick in deren bewegte, auch widersprüchliche Gedankenwelt, die Erzählung ist spannend, nach vorne drängend und zugleich nachdenklich und reflektierend. Und nicht nur die Hauptfiguren Yale und Fiona, die einem im Laufe des Romans ans Herz wachsen, werden mit viel Feingefühl porträtiert, sondern auch die vielen Weggefährten, die dank der lebendigen Dialoge Individualität und Kontur bekommen: Die schwule Community etwa, in der es neben Solidarität, Warmherzigkeit und Anziehung natürlich wie überall auch Spannungen, Streit und Zerwürfnisse gibt, wird in der individuellen Vielfalt ihrer Charaktere gezeigt, die zugleich ein größeres gemeinsames Schicksal teilen.

Die Optimisten ist der dritte Roman von Rebecca Makkai, und in den USA hat er bereits große Begeisterung entfacht: Um herauszufinden warum, fängt man am besten einfach an zu lesen — nach wenigen Seiten wird einen die Geschichte in ihren Bann geschlagen haben! Und am Ende ist man vielleicht erschüttert, aber nicht zerstört. Denn die Botschaft, die dieser komplexe und doch so flüssig lesbare Gesellschafts-, Kunst- und Aids-Roman vermittelt, ist die einer im Zeichen der Desillusion stehenden, der Realität ins Auge blickenden, aber dennoch das Leben bejahenden, mit Verantwortung verbundenen Hoffnung:

„Das ist der Unterschied zwischen Optimismus und Naivität. Keiner hier im Raum ist naiv. Naive Menschen haben noch keine echte Prüfung hinter sich, deshalb meinen sie, ihnen könne nichts passieren. Optimisten wie wir haben schon etwas durchgemacht und stehen trotzdem jeden Tag auf, weil wir glauben, wir könnten verhindern, dass es noch einmal passiert. Oder wir tricksen uns einfach aus, um das zu glauben.“

Makkai, Die Optimisten, S. 511

Rebecca Makka: Die Optimisten, Eisele (2020)
Aus amerikanischen Englisch von Bettina Abarbanell
ISBN: 9783961610778

bookmark_borderJess Kidd: Die Ewigkeit in einem Glas

Ein ganz außergewöhnlicher Kriminalroman mit einer überraschenden und komplexen Handlung, eigenwilligen Charakteren und einem erfrischend „anderen“ Stil, der die Genregrenzen überschreitet und einen durchgehend in Atem hält. Man rätselt und staunt, welche sinnlichen und übersinnlichen Richtungen die Handlung alles beschreitet, die für ihre Leser vom Schaudern bis zum Schmunzeln die ganze Palette der Faszination des Kuriosen bereithält, mit dem sich der Roman im Übrigen auch inhaltlich auf spannende Weise auseinandersetzt.

Ausgangspunkt der Handlung ist eine Kindesentführung: Ein kleines Mädchen verschwindet über Nacht zusammen mit ihrem Kindermädchen vom Schloss des vermeintlichen Vaters, einem unermüdlichen Sammler und Erforscher des Meeres und seiner Geschöpfe. Und dieser Raub gibt Anlass zu verschlungenen Ermittlungen, die in immer finsterere Gefilde und Winkel gesellschaftlicher und menschlicher Abseitigkeit führen, dabei auch immer tiefer in die Vergangenheit reichen und vor allem die Rationalität und den Wirklichkeitssinn couragierter Detektivarbeit zunehmend auf die Probe stellen. Denn je weiter die Recherchen fortschreiten, desto merkwürdiger und suspekter wird die ganze Geschichte. Um das entführte Mädchen ranken sich immer abwegigere Mythen, die sich jedoch durch so manch unheimliches Indiz zu bestätigen scheinen. Immer tiefer blickt man in dämonische Abgründe, immer weniger ist allen Beteiligten zu trauen. So erfährt man, dass fast niemand das Mädchen tatsächlich zu Gesicht bekommen hat, da der Schlossherr es vor neugierigen Blicken schützen wollte — oder war es zum Schutz seiner eigenen Experimente? Das Bild eines mythischen Meer- oder Fischmädchens drängt sich mit irritierender Intensität in die Vorstellung der Ermittler sowie der Leser, doch wohnt das aus der Naturgewalt des Wassers schöpfende Raubtierhafte und Bedrohliche tatsächlich in der Gestalt des sonderbaren Mädchens, oder vielleicht mehr noch in der Gier und der Schaulust der Menschen oder auch in der gefährlichen Dynamik von elenden sozialen Verhältnissen und entarteten Rachebedürfnissen verlorener Seelen…?

Die Erzählung spielt virtuos mit diesem Spannungsfeld von Mythos, Märchen und Übersinnlichkeit einerseits und Sozialrealismus, Forschergeist und Naturwissenschaft andererseits. In den mythische Bilder heraufbeschwörenden Kuriositätenkabinetten und die Exotik ihrer Darbietungen anpreisenden Zirkusattraktionen treffen diese Sphären aufeinander, deren Verwobensein als ambivalenter Kern des Romans auszumachen ist.

Trotz des Entsetzens über die menschlichen Abgründe, die übrigens mehr poetisch-suggestiv als reißerisch und gerade dadurch sehr eindringlich erzählt werden, leuchten doch immer wieder auch Empathie und Barmherzigkeit auf, sowie ein schwarzer Humor, mit dem die Autorin auch durchaus amüsiert und mitfühlend auf die Figuren blickt. Und dann ist da noch die starke und eigensinnige Ermittlerin, die eigentliche Hauptfigur des Romans, die in ihrer Fülligkeit attraktive, Tabak rauchende und rothaarige Bridie Devine, die im 19. Jahrhundert, in dem der Roman spielt, eine ebenso faszinierende wie provozierende Figur darstellt.

Ebenso eigenwillig wie die Ermittlerin ist auch der ganz eigene, lebhafte und zwischen Suggestion, Realismus und pointierter Direktheit, zwischen Innenschau und Distanz changierende Stil, der mit frechen Dialogen aufwartet und sich jenseits aller heute gängigen Krimiklischees befindet. Dafür knüpft er an eine viel frühere Tradition an, an die des viktorianischen Schauerromans und der mysteriösen und fantastischen Literatur des 19. Jh., wie man sie etwa bei E. A. Poe vorfindet.

Synästhetische Elemente verbinden sich mit mysteriösen und übersinnlichen und verleihen dem Realismus eine nicht endgültig von diesem zu trennende surrealistische Komponente, wie es nur die polyvalente Literatur vermag. So taucht etwa als ständiger mokanter und doch treuer Begleiter der durchscheinende Geist des verstorbenen Boxers Ruby auf, den nur Bridie sehen kann und mit dem sie ein einschneidendes Erlebnis ihrer frühen Kindheit verbindet, an das sie sich jedoch erst ganz am Ende der Geschichte erinnern wird. Der Kriminalfall dient somit auch der Aufarbeitung der persönlichen Vergangenheit der Ermittlerin, die selbst als Waisenkind bei verschiedenen, mehr oder weniger zuverlässigen Mentoren aufwuchs, früh ein auffälliges Interesse für medizinische Eingriffe zeigte und sich auch als Erwachsene nicht einschüchtern lässt von den gesellschaftlichen Konventionen des 19. Jahrhunderts, die eine weibliche Frau als Ärztin oder Pathologin ebenso verpönen wie eine weibliche Detektivin, sondern in immer wieder angestrengten, mutigen und erfindungsreichen Akten der Selbstbehauptung — von Travestie übers Pfeiferauchen bis zur angemaßten Witwenhaube — den Weg zu gehen versteht, den sie auch ethisch-moralisch als richtig erkennt.

Jess Kidd: Die Ewigkeit in einem Glas, DuMont (2019)
Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
ISBN: 9783832181055

bookmark_borderJackie Thomae: Brüder

Jackie Thomae hat einfach einen wunderbaren Stil, sie erzählt so lebendig und so wirklichkeitsnah, dass auch komplexere Themen, die persönlichen und gesellschaftlichen Konflikte, mit denen sie ihre Figuren konfrontiert, ganz leicht und natürlich in der Handlung aufgehen und zugleich nichts an Differenziertheit einbüßen. Man hat Spaß beim Lesen, ist gefesselt und amüsiert, und gerät zugleich, animiert von der intelligent komponierten Vielstimmigkeit des Textes, in einen Modus der Nachdenklichkeit, des Weiterdenkens, des gedanklichen Weiterspinnens auch der tollen Dialoge, in denen die Autorin verschiedene Ansichten, Einstellungen, Werturteile in ihrer Subjektivität entlarvend und doch einfühlsam aufeinandertreffen lässt.

Ein großes Thema des Romans ist ja gerade auch die Hinterfragung von Vorurteilen, ob sie nun auf Misstrauen und Feindseligkeit aufbauen oder auf vorschnellen oder gar gut gemeinten, doch letztlich auch wieder vereinnahmenden und diskriminierenden Annahmen. Denn mit solchen müssen sich die beiden titelgebenden „Brüder“, die eigentlich Halbbrüder sind und die nicht gleichzeitig, sondern nacheinander im Zentrum der Handlung stehen, immer wieder auseinandersetzen, und meistens nervt sie das ganz gewaltig. Zugleich treibt sie die Frage nach ihrer Herkunft, ihrer Identität, ihrem Platz in der Welt natürlich auch selbst um. Sie heißen Mick und Gabriel, beide haben sie einen – wie sich für den Leser recht schnell herausstellt, auch denselben – schwarzen Vater, der in den 1970er Jahren in der DDR, dann in Westberlin Medizin studierte, mindestens zwei ostdeutsche Frauen liebte, nach seinem Studium aber wieder zurück in die afrikanische Heimat ging und aus dem Leben seiner zwei Söhne und ihrer Mütter verschwand, beide sind sie in Ostdeutschland aufgewachsen – und beide könnten sie doch sonst nicht unterschiedlicher sein:

Mick, von dem im ersten Teil erzählt wird, ist ein eher unzuverlässiger, unbeständiger und doch irgendwie auf seine Weise aufrichtiger und grundsympathischer Draufgänger, der in den 1990er Jahren des wiedervereinigten Berlin hauptsächlich nachts eine wilde Zeit verbringt, seine Lehre abbricht, sich zeitweise und mit peinlichem Ausgang in dubiose Drogengeschäfte verwickeln lässt und dann eine Weile als Mitbetreiber eines Clubs Arbeit und Spaß unter einen Hut zu bringen scheint. Doch das Leben hält immer wieder Unvorhergesehenes bereit, der Millenniumswechsel wird für Mick zur Rundumkatastrophe, alles bricht zusammen, er verliert seine Freundin Delia und zeitweise sein Gehör, und sein bisheriger Lebenswandel erweist sich als fragiles Konstrukt.

Nach einem kurzen zweiten Teil, in dem quasi als verbindendes Element der Vater Idris auftritt, seiner Person und seiner Lebenswelt Raum gegeben werden, beginnt der dritte Teil über den anderen Bruder Gabriel seinerseits mit einem Zusammenbruch, allerdings fast zwei Jahrzehnte nach Micks Millenniumsdebakel. Dabei hatte sich Gabriel konsequent ein erfolgreiches Leben aufgebaut, mit dem er absolut zufrieden schien. Er lebt schon lange in London, hat Familie und ist ein international angesehener, gut verdienender Architekt. Wie kommt er dazu, sich durch eine Banalität derart provozieren zu lassen, dass er einer — noch dazu jungen weiblichen und dunkelhäutigen — Passantin gegenüber völlig ausrastet und handgreiflich wird? Seine Frau Fleur spricht von Burn-Out, was er nicht hören will, genauso wenig von angeblich verdrängten Komplexen wegen seiner Herkunft. Im Laufe der weiter in die Vergangenheit zurückreichenden Erzählung werden jedenfalls so einige Konfliktlinien und Unsicherheiten sichtbar, die sein Leben und auch das seiner Frau durchziehen. Und dann gibt es auch noch den gemeinsamen Sohn, der ein nicht so leicht zu bändigender Teenager geworden ist und mit dem die Frage nach Identität und Zugehörigkeit wieder eine Generation weitergetragen wird.

Ob und wie die Fäden der einzelnen Lebensgeschichten letztlich zusammengeführt werden, sei hier nicht verraten. Was aber unbedingt hervorgehoben werden muss, ist die grandiose Zeichnung der Figuren, die allesamt wie unmittelbar aus dem Leben gegriffen sind und deren vielschichtige Persönlichkeiten die Autorin mit dem Gang der Geschichte kontinuierlich weiterentwickelt und in immer neuen Aspekten einzufangen versteht.

Neben den Hauptfiguren Mick und Gabriel bekommen viele weitere Figuren ihre eigene Stimme, sind ihrerseits gebrochene, schillernde Charaktere, allen voran die beiden Frauen Delia und Fleur und Gabriels Sohn Albert, aber zum Beispiel auch Micks Mutter Monika oder ein alter, inzwischen sozial abgerutschter Schulkamerad von Mick, der ihn Jahre später rassistisch beleidigt und in eine Prügelei verwickelt. So wird ein ganzer bunt gemusterter Teppich an Lebenswegen und -modellen gewoben, die miteinander konkurrieren, sich beeinflussen und in einer unaufhörlichen Wechselwirkung stehen.

Identität gibt es bei Thomae somit nur im Plural. Im Sinne von Kwame Appiah, der in seinem Sachbuch mit dem Titel Identitäten essentielle Kategorien der Zuschreibung von Identität wie Rasse oder Religion dekonstruiert, sind in Thomaes Roman die Figuren so viel mehr als ihre Herkunft, die im Übrigen allein ohnehin schon zu komplex wäre, um sie eindeutig zu definieren: In der alten BRD ist Gabriel der Ossi, in London der mit dem deutschen Akzent, und wo passt dann da noch die afrikanische Herkunft mit hinein oder der Shitstorm, in dem er absurderweise plötzlich den alten weißen Mann verkörpert? Die „Brüder“ sind Individuen, mit ihren ganz eigenen Stärken und Schwächen, eigenwillig, stur und liebenswert, und die sich natürlich trotzdem wie wir alle zugleich als gesellschaftliche Wesen in gewissen Rollen wiederfinden und positionieren müssen. Der Roman zeigt sehr überzeugend dieses nie enden wollende Ringen zwischen einer tiefen Sehnsucht nach Zugehörigkeit, Heimat, Herkunft einerseits, und dem ebenso starken Wunsch, sich allen festen und eben auch einengenden Zuschreibungen zu entziehen.

Psychologische und soziologische Beobachtungsgabe verbinden sich hier auf so grandiose Weise mit Erzähltalent und einer weltoffenen, intelligenten, humorvollen und empathischen Haltung, dass man den Roman Brüder, der auch auf der Shortlist des deutschen Buchpreises stand, durchaus ein modernes Gesellschaftsepos nennen darf, dessen Lektüre unbedingt ans Herz zu legen ist!

Jackie Thomae: Brüder, Hanser (2019)
ISBN: 9783446264151

bookmark_borderOmri Boehm: Israel — eine Utopie

Kaum eine internationale politische Situation scheint so verfahren wie die Lage von Israel und Palästina. Und jetzt fuhrwerkt auch noch der amerikanische Präsident in der ohnehin schon fragilen Konstellation herum und stiftet die israelische Regierung geradezu an, die vom Rest der Welt seit Jahrzehnten mühsam verfolgte Möglichkeit einer Zweistaatenlösung beiseite zu fegen und in Form offensiver Siedlungspolitik einen weiteren gewaltsamen Schritt in Richtung eines vergrößerten israelischen Staates zu gehen.

Omri Boehm, israelischer Jude, deutscher Staatsangehöriger und in den USA lehrender Philosoph, der über Kant promovierte, sieht in diesem scheinbar radikalen Bruch mit der bisher verfolgten Strategie zur israelisch-palästinensischen Konfliktlösung nicht nur die sich zuspitzende Gefahr der Eskalation, sondern im Gegenteil auch eine Chance des Denkens, das sich mit der längst nurmehr pro forma, aber als alternativlos proklamierten Zweistaatenlösung in seinen Augen in einer Sackgasse verirrt hatte, die längst keine realistische Option mehr versprach.

Für die Sache brennend und scharf analysierend, zugleich differenziert und ohne Überheblichkeit, entwirft Boehm auf der philosophischen Grundlage eines universalistischen und humanistischen Denkens seine kühnen Gedanken zu einem möglichen Ausweg aus dem Konflikt, zu einer Utopie, die aber seiner Ansicht nach ein deutlich realistischeres Potential hat als die gegenwärtige Politik, und die zudem nicht aus dem Nichts kommt, sondern an politische Ansätze des frühen Zionismus anknüpft, die heute in Vergessenheit geraten sind.

Sein schmales Buch ist eine radikale Analyse des israelischen Selbstverständnisses, das Boehm wahrlich auf Herz und Nieren prüft und das bei vielen Empörung auslösen dürfte, hinterfragt er doch sehr deutlich scheinbar fundamentale Selbstverständlichkeiten des sich in erster Linie als jüdisch verstehenden israelischen Staates. Schon im Vorwort warnt der Autor — und richtet sich dabei explizit auch an seine deutschen Leser — vor den Fallstricken, in denen man sich verfängt, wenn man Israels Politik aufgrund der Vergangenheit des Holocaust mit anderem Maße misst und seiner Meinung nach durchaus berechtigte Kritik vermeidet:

Er [Kant] und andere Aufklärer neigten dazu, couragiert für einen aufklärerischen Universalismus einzutreten, dann aber die Juden als ein diesem Universalismus fremdes Element und damit als das „Andere“ der Aufklärung zu denken. Das ist die Falle, von der ich spreche, und man sollte nicht ein zweites Mal hineintappen, indem man eine allgemeingültige Ethik formuliert, und dann die Juden als Ausnahme behandelt.

Omri Boehm, Israel — eine Utopie

Boehm plädiert für eine Rückkehr zu Kant — und macht das auch zum Ausgangspunkt seiner überzeugenden Argumentation; nicht zu Kant als Privatperson, der nicht frei war von antisemitischen Vorstellungen, sondern zu Kants Philosophie. Diese Rückkehr zur Vernunft steht im Übrigen nicht im Gegensatz zur religiösen Tradition, ist vielmehr auch eine Rückkehr zur hinterfragenden Kritik der frühen jüdischen Rabbiner, wie er betont. Mit Foucault spricht er hier auch von „parrhesia“, dem Mut zur Wahrheit, so dass sich der Kreis zum Aufklärer Kant wieder schließt.

Seine Forderungen erscheinen dennoch auf den ersten Blick fast skandalös: Anstelle der vom israelischen Staat praktizierten jüdischen Erinnerungspolitik verlangt er eine Politik des Vergessens — aber eben als Bedingung der Möglichkeit eines neuen, gemeinsamen Erinnerns aller in Israel lebenden Menschen, von Juden, Christen und Arabern. Denn das auf einem, wie er schreibt, sakralisierten Holocaust basierende ethnisch-jüdische Souveränitätsverständnis stehe einem Staat, in dem Juden und Palästinenser als israelische Staatsbürger friedlich zusammenleben könnten, im Weg. Und sei außerdem auch weder liberal noch demokratisch, führe vielmehr zu einem Ausschlussdenken, das die ohnehin explosive Lage in der Region weiter befeuert. Der Gewaltspirale zwischen Arabern und Juden, den Racheaktionen und Ressentiments ist schwer zu entkommen, aber mit einer gespaltenen Identitätspolitik, in der jeder nur seine eigene Erinnerung zulässt, geradezu unmöglich. Deshalb, so sein Plädoyer, sollte man die Erinnerung an den Holocaust entnationalisieren, und gemeinsam mit den Palästinensern auch der so genannten Nakba gedenken, der gewaltsamen Zwangsumsiedlung und Vertreibung unzähliger Araber im Zuge der Staatsgründung 1948.

Die Nakba ist für Boehm auch ein wesentliches Argument gegen eine Zweistaatenlösung, lässt sich doch kaum verhandeln, wo überhaupt die Grenze zwischen den zwei Staaten verlaufen sollte, wenn schon das Israel in den Grenzen von 1948 teilweise auf zerstörten arabischen Siedlungen errichtet ist. Boehm denkt daher lieber verschiedene binationale Ansätze weiter, die bei den frühen Zionisten durchaus zu finden waren. So beruft er sich mit der seiner Ansicht nach dringend notwendigen Unterscheidung zwischen Souveränität und Selbstbestimmung nicht nur auf die kritische Philosophin Hannah Arendt, sondern auch auf Politiker, die als einwandfreie Zionisten gelten, und arbeitet heraus, dass das israelische Selbstverständnis ein historisch gewachsenes ist, dass es sich gewandelt hat und daher auch weiter wandeln kann und muss.

Sie [die Gründerväter des Zionismus] glaubten, dass die Juden das Recht auf politische Selbstbestimmung, die autonome Verwaltung ihres eigenen Lebens und die Wiederbelebung der jüdischen Kultur und Bildung hatten. Sie glaubten aber nicht, dass dies in einem souveränen jüdischen Staat erfolgen solle.

Omri Boehm, Israel — eine Utopie

So kommt einem seine Forderung gar nicht mehr so radikal, seine Utopie gar nicht mehr ganz so utopisch vor, wenn er die israelische Staatsbürgerschaft für Araber, Christen und Juden verlangt, einen gemeinsamen israelischen Staat mit autonomen Regionen, für ihn eine absolut denkbare „Alternative zur Zweistaatenpolitik aus liberalzionistischer Perspektive“:

Als wahre israelische Patrioten müssen wir heute die bekannten zionistischen Tabus auf den Prüfstand stellen und den Mut haben, uns einen Umbau des Landes vorzustellen: vom jüdischen Staat in eine föderale, binationale Republik.

Omri Boehm, Israel — eine Utopie

Die Erde dreht sich immer weiter. Und es wird — neben denen, die sich in scheinbar unumkehrbaren Denkrichtungen verloren haben oder ihren Opportunismus auf Kosten der Gesellschaft durchdrücken — auch immer Menschen geben, die es wagen, auf humane Weise ihren Verstand zu gebrauchen. So manche Idee, die einem heute kühn und fast aussichtslos erscheint, ist ein paar Jahre später völlig selbstverständlich, man denke nur — auch wenn das ein ganz anderes Beispiel ist — an den Atomausstieg in Deutschland. Es wäre Omri Boehms Utopie von Herzen zu wünschen, dass sie sich in nicht allzu langer Zeit in einen politisch und gesellschaftlich verhandelbaren Weg aus dem israelisch-palästinensischen Konflikt verwandelt, in einen Ausweg aus der Spirale von Feindschaft und Gewalt, so dass ein friedliches Zusammenleben für alle Menschen in dieser Region einer künftigen Generation zum gemeinsam erinnerten Selbstverständnis und zur Selbstverständlichkeit werden kann… Eine Utopie vielleicht, aber eine, die schon jetzt und heute zum Umdenken inspiriert, dazu, ein neues Denken zu wagen, wenn das bisherige an seine Grenzen gestoßen ist!

Omri Boehm: Israel — eine Utopie, Propyläen (2020)
Aus dem Englischen übersetzt von Michael Adrian
ISBN: 9783549100073

bookmark_borderAndreas Schäfer: Das Gartenzimmer

Dass Architektur und ihre Geschichte politische Symbolkraft entfalten können, war an den Diskussionen über das wiederaufgebaute Berliner Stadtschloss zu beobachten und zeigt sich auch gerade wieder am Beispiel einer angeregt geführten Debatte um das Berliner Olympiagelände, dessen Architektur und skulpturale Gestaltung in die Zeit des Nationalsozialismus zurückreichen. Vor diesem Hintergrund erscheint Schäfers neuer Roman, in dem eine 1909, sozusagen am Wendepunkt der Jahrhunderte gebaute und von der düsteren Geschichte des 20. Jahrhunderts geprägte Villa im Zentrum steht, in ganz aktuellem Licht.

Denn der Autor stellt in seinem Buch, freilich nicht theoretisch, sondern schön eingebunden in ein spannendes narratives Handlungsgefüge, die Frage nach der symbolischen Aufladung eines Gebäudes, nach den historischen Spuren, die sich in die Architektur einschreiben und ihr eine Bedeutung verleihen, die über ihren Entstehungskontext hinauszureichen und in einem bisweilen geradezu mythisch erscheinenden Wechselspiel mit der Biographie ihrer Bewohner zu stehen scheint. Schäfer wendet in seinem Roman die Frage stark ins Biographisch-Persönliche: Kann Architektur Menschenschicksale verändern oder ist ein Gebäude ein für sich genommen neutraler Ort, der von den Menschen aus ihrem jeweiligen Erfahrungshorizont heraus interpretiert und mit Bedeutung versehen wird?

Um diese Fragen zu verhandeln, spannt der Autor einen weiten Bogen über die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts, der von der Jahrhundertwende bis in unsere heutige Zeit reicht. Mit der Geschichte des Hauses, das durch seine teils noch im Jugendstil, teils aber schon in avantgardistischeren Formen ersonnene Form selbst eine Brücke von der Tradition in die Moderne schlägt, verbindet Schäfer mehrere Familiengeschichten. Jedoch ist der Roman alles andere als eine klassische Familiensaga. Vielmehr kreuzen sich über mehrere Jahrzehnte hinweg verschiedene Schicksale und Lebenswege in der so genannten „Taubert-Villa“, die tatsächlich als eigentlicher Protagonist im Zentrum steht. Der Autor zeigt in den geschilderten Episoden, in denen er sehr nah an die Gefühls- und Lebenswelt der Figuren herantritt, die er dennoch nur ausschnittsweise erfasst, wie die Villa auf ganz verschiedene Art und Weise zum Schicksal für die Menschen wird, die sich in ihre Geschichte verwickeln lassen. Zugleich entgeht der Autor der Versuchung des Mythischen, indem er immer wieder die Frage anstößt, wie viel die Menschen von ihrem subjektiven Horizont aus in das Gebäude hineininterpretieren oder auch, wie viel von der Geschichte des Hauses sie verdrängen.

„Legen wir die Bedeutung hinein, weil Taubert später berühmt wurde, oder wirkt das Haus von sich aus? Wissen färbt den Blick, das ist das Problem.“

Andreas Schäfer, Das Gartenzimmer

Diese nachdenkliche und für die Konstruktion des Romans zentrale Frage stellt zu Beginn des 21. Jahrhunderts der Journalist mit den zwei verschiedenfarbigen Augen, der etwas Erschütterndes über die Geschichte des Hauses erfahren hat, sein Wissen jedoch zunächst noch zurückhält, da er glaubt, dass die aktuelle Herrin des Hauses, die mit ihrem idealisierten Bild der Villa einiges in ihrem Privatleben zu kompensieren scheint, damit nur schwer zurechtkommen würde.

Etwa ein Jahrhundert zuvor setzt die Erzählung ein. Der junge und begabte Architekt Max Taubert bekommt die Chance, sein erstes Haus zu entwerfen: Für ein betuchtes, gebildetes Ehepaar, das in ihm ein wenig den eigenen verlorenen Sohn sieht, baut er in einem Berliner Villenviertel ein Haus, in dessen Architektur er all sein Herzblut hineinlegt. Von Anfang an gibt es neben Sympathie und Zutraulichkeit jedoch auch unterschwellige Misstöne in der Beziehung zwischen Architekt und Bauherren, die sich indirekt auch auf das Gebäude zu übertragen scheinen. Aus verschiedenen, auch ästhetischen Gründen — so gilt Taubert bald als Pionier der Moderne, der mit seiner neuen Architektur der Glasfronten und Flachdächer einen anderen Weg einschlägt, als er ihn mit seiner ersten Villa begonnen hatte — distanziert sich der Architekt mehr und mehr von seinem ersten Bau; und auch das Verhältnis zu den ersten Bewohnern der Villa kühlt sich ab: eine notwendige Abkapselung, nachdem er in den Entwurf dieses für ihn so bedeutsamen ersten Hauses zu viel von sich projiziert hatte? Ist ein Jahrhundertwerk überhaupt möglich, wenn Kunst und Seele nicht für einen Moment verschmelzen und den Künstler „wie von Zauberhand“ führen?

Erst nachdem Max gekündigt hatte, erst als er die versponnenen Vorstellungen der Rosens abgeschüttelt und seine Fantasie von allen Fesseln befreit hatte — erst als er sich erlaubte, die eigenen Wünsche im Haus zu verstecken, fanden die Räume, wie von Zauberhand geführt, zu ihrem Platz und ihrer Bestimmung. (…) doch inzwischen hatten die Rosens das Haus in Besitz genommen — ihre täglichen Wege und Gewohnheiten, ihr Gedanken und die Reste ihrer Gespräche hingen als Gespinst in der Luft –, und als Max die Galerie erreichte, war ihm, als beträte er verbotenes Gelände.

Andreas Schäfer, Das Gartenzimmer

Was im Laufe der verschiedenen Erzählstränge des Romans deutlich wird, ist auf jeden Fall, dass jeder eine eigene Sehnsucht mit dem Gebäude verbindet, seine eigenen Imaginationen in es hineinlegt, etwas Verlorenes, Ersehntes in ihm zu suchen scheint, das sich letztlich nicht erfüllen kann. Und umso größer ist dann auch die Enttäuschung, umso heftiger auch die Abneigung gegen die Villa, die Angst vor so etwas wie einem Fluch, der auf ihr zu lasten scheint.

Die Chronologie der Ereignisse ist nachvollziehbar dargestellt, die Kapitelüberschriften geben klar an, in welchem Zeitabschnitt man sich befindet, jedoch spielt der Autor mit dem Wechsel der zeitlichen Ebenen. Die Informationsvergabe hat etwas von einem Puzzle, das sich für den Leser erst nach und nach zusammensetzt und eine große Neugier nicht nur auf den Fortschritt der Handlung, sondern auch auf die Vorgeschichte erzeugt. Hier wird nicht jede Wissbegier befriedigt, stellenweise hätte man gern noch mehr von den Lebenswegen der einzelnen Personen erfahren. Doch die Andeutung ist hier auch ein Stilmittel, die das Spekulative, Mystische der Zuschreibungen, die das Haus erfährt, transponieren. Gerade die Zeit des Nationalsozialismus, in der die Villa ihre dunkelste Stunde hatte, erschließt sich dem Leser nur in vielen Anspielungen, die dann aber ein schockierendes Gesamtbild ergeben. Was sich im titelgebenden Gartenzimmer des Hauses abgespielt hat, soll aber an dieser Stelle nicht verraten werden.

Am Beispiel der Familie, die das Haus in unserer Gegenwart bezieht, illustriert Schäfer anschaulich das Konfliktpotenzial, das ein derart mit Historie aufgeladenes Gebäude in sich tragen kann, zumal sich im Falle der Lekebuschs, so der Name der neuen Bewohner, Öffentliches und Privates auf problematische Weise vermischen. Während Hannah Lekebusch sich in die öffentlichkeitswirksame Präsentation des bedeutsamen Kunstdenkmals hineinsteigert, sieht ihr Mann Frieder seine Privatsphäre gestört. Ihr Sohn Luis hat, wohl auch aus dem Grund, dass er die Spannungen zwischen seinen Eltern spürt, ein skeptisches Verhältnis zu der Villa. Als ihn der Journalist dann über das dunkle Kapitel des Gartenzimmers ins Vertrauen zieht, fühlt er sich bestätigt und reagiert seinerseits mit einer Abwehr, die zur Flucht wird. Und schließlich ist da noch Ana, die Tochter der brasilianischen Putzfrau, in die er sich verliebt.

Was mir an dem Buch ganz besonders gefallen hat, ist die sehr differenzierte und individuelle Ausleuchtung der sozialen Beziehungen und Hierarchien. Der Blick auf die Figuren ist kritisch, aber keinesfalls vernichtend, denn durch den Wechsel der Perspektiven entsteht eine Vielschichtigkeit und Offenheit, die den Figuren respektvoll gewährt wird. Auch das Verhältnis von Ethik und Ästhetik wird von vielen Seiten beleuchtet, und mit ihm die nie pauschal, sondern immer nur im Kontext zu beantwortende Frage nach der Verantwortung gegenüber der Geschichte.

Sully Prudhomme, der französische Dichter, der ebenfalls um die Jahrhundertwende seine wunderbare Lyrik verfasste, hat auch ein Gedicht über den Zauber alter Häuser geschrieben, in denen sich im Unterschied zu Neubauten etwas Seelenhaftes manifestiert, das mit der Geschichte bzw. den Geschichten, die sich darin abgespielt haben, mit der Zeitlichkeit, zu tun hat. So vergleicht er gleich in der ersten Strophe alte Häuser mit Witwen, die sich weinend erinnern, und endet mit dem Bild eines brennenden Hauses, in dem mit dem alten Putz und den Balken zugleich Seelen mit zu verbrennen scheinen… Etwas von dem mystischen Zauber schwebt trotz aller Aufklärungsarbeit auch in Schäfers Gartenzimmer, und das macht den Roman umso schöner zu lesen!

Andreas Schäfer: Das Gartenzimmer, Dumont (2020)
ISBN: 9783832170264

bookmark_borderBenedict Mirow: Die Chroniken von Mistle End 1 — Der Greif erwacht

Was für eine wunderschöne, superspannende, so leicht und so dicht erzählte fantastische Geschichte! Für die Dauer der Lektüre bin ich wieder zur Zehnjährigen geworden und ganz in der aufregenden Welt von Cedric und seinen Freunden in dem geheimnisvollen schottischen Ort Mistle End versunken.

Cedric zieht mit seinem Vater, Professor für Mythologie und Fabelwesen, weit hinaus in die schottischen Highlands, nach Mistle End, das sich als höchst beunruhigender und faszinierender Ort entpuppt. Kein Wunder, denn er ist, wie Cedric erst ungläubig, dann begeistert feststellt, bevölkert von magischen Wesen, was normalen Menschenaugen jedoch verborgen bleibt. So sind die Geschwister Elliot und Emily, mit denen er sich rasch anfreundet, in Wirklichkeit ein Hexer und eine Gestaltwandlerin — beide freilich noch in der Ausbildung, so dass nicht jeder Zauberversuch einwandfrei gelingt. Doch auch in Cedric — und das ist die zweite große Überraschung — schlummern magische Kräfte! Doch welche genau und wie er sie sinnvoll und zum Guten einsetzen kann, das muss er erst noch herausfinden…

Schwere und gefährliche Prüfungen warten auf ihn, und nicht von allen wird er freundlich willkommen geheißen. Als Mistle End von dämonischen Raben angegriffen wird, macht man gar ihn als Neuankömmling für die Bedrohung verantwortlich! Doch gemeinsam mit seinen Freunden und so manch unerwartetem Beistand aus der magischen Welt stellt er sich mit Mut, Herz und Verstand all den Herausforderungen, die den Leser bis zur letzten Seite gebannt mitfiebern lassen.

Besonders fasziniert haben mich all die drolligen, imposanten, sympathischen und auch unangenehmeren Gestalten, die Mirow mit großem Erzähltalent und Fantasie zum Leben erweckt: von den irrlichternden Flirrelfen über die rockigen Dunkelelben, unheimlichen Dornhexen bis hin zu den metallisch schnarrenden Wasserspeierboten des magischen Rats. Und auch ein stotternder Außenseiter spielt eine wichtige Rolle und ist nur ein Beispiel dafür, dass der Autor auf einfache Schwarzweißzeichnung verzichtet und stattdessen eine sehr plastische, lebensnahe und eben auch spannungsreiche Welt in allen Schattierungen erschafft, in der die Konflikte komplexer und psychologisch vielschichtiger sind als reine Fantasy-Kämpfe zwischen Gut und Böse.

So gelingt es ihm auch hervorragend, mit seiner Hauptfigur Cedric und den Herausforderungen, vor die er ihn stellt, die Lebens- und Gefühlswelt der Kinder abzubilden, ihre Ängste und Sorgen, ihre Begeisterung, ihren Witz und ihren Mut. Hinzu kommt ein immer wieder durchscheinender feiner und auflockernder Humor, etwa wenn sich die Geschwister gegenseitig aufziehen, wenn rasante Besenflüge im Schneehaufen enden oder wenn schrullige Wesen mit noch schrulligeren Eigenheiten ihren Auftritt haben.

Eine absolut empfehlenswerte Initiations- und Abenteuergeschichte, die in sich ein stimmiges Ende findet, aber zugleich in die Vergangenheit und in Hinblick auf zukünftige Bewährungsproben offen und somit zu meiner größten Freude bereit für eine Fortsetzung ist.

Ich habe gehört, der Autor schreibt schon an Teil 2 — trotz meiner Ungeduld hoffe ich, dass er sich ganz viel Zeit dafür nimmt, damit er genauso gelungen wird wie Teil 1!

Ab 10 Jahren

Benedict Mirow: Die Chroniken von Mistle End 1 — Der Greif erwacht, Thienemann-Esslinger (2020)
ISBN: 9783522185400

bookmark_borderRüdiger Zill: Der absolute Leser — Hans Blumenberg, eine intellektuelle Biographie

Rüdiger Zill stellt seine Biographie von Hans Blumenberg unter das Motto des „absoluten Lesers“ und charakterisiert damit nicht nur das unstillbare Lesebedürfnis des Philosophen, für den die zuerst lesende, dann schreibende Auseinandersetzung mit Texten zeit seines Lebens Antrieb seines Denkens war, ja dessen Werk selbst als fortgesetztes Lesen bezeichnet werden könnte, sondern umreißt damit auch schon die ambitionierte Zielsetzung eines Textes, der Hans Blumenberg als Person und in seinem Denken einfangen möchte, ohne ihn jedoch in absolut gestellten Begriffen seiner Philosophie gefangen zu halten.

Gerade der Begriff des Absoluten würde sich dafür ja durchaus anbieten, lässt er doch an die „absolute Metapher“ aus Blumenbergs Philosophie der Unbegrifflichkeit denken, der Metaphorologie, die eine große Rolle in seinem Denken spielt, oder auch an den „Absolutismus der Wirklichkeit“, in dem er, pointiert gesagt, seine Theorie der Metaphorologie in eine Anthropologie überführt, die die Geschichte des menschlichen Denkens und Handelns zugleich konstant und variantenreich auf eine als übermächtig erfahrene Wirklichkeit bezogen versteht und die etwa sein Kollege Odo Marquard nicht zu Unrecht als Blumenbergs philosophisches Herzstück betrachtet. Doch so wie sich Hans Blumenbergs auf die Spitze getriebene Hermeneutik des absoluten Lesers als letztlich unabschließbares Projekt versteht, so verwehrt sich sein Biograph explizit gegen jeden absoluten Ansatz. Vielmehr geht es Rüdiger Zill vor allem darum, Leben und Werk zu kontextualisieren und das Prozesshafte in Blumenbergs Denken herauszuarbeiten, das ohne Zweifel große, wiederkehrende Lebensthemen aufwies, sich über die Jahre und Jahrzehnte jedoch auf bemerkenswerte Weise immer wieder wandelte, sich der Zeit, den (Lese-) Erfahrungen anpasste, sich formte und umbildete und immer wieder neue, unerwartete Wege und Umwege einschlug.

Rüdiger Zill, Herausgeber der 2019 erschienenen Schrift Die nackte Wahrheit aus dem Nachlass Blumenbergs und selbst Philosoph, ist sich der Herausforderung seines biographischen Unterfangens bewusst, die auch darin besteht, dass der, über den er schreibt, sich anders als seine sehr präsenten Kollegen Adorno oder Habermas zunehmend der Öffentlichkeit entzog; und er stellt sich dieser Herausforderung mit Bravour, mit stilistischem Feingefühl und enormem Erkenntnisgewinn für den auf Blumenbergs Denken und Leben neugierigen Leser. Der Untertitel „intellektuelle Biographie“ trifft, wie ich finde, ziemlich gut, was einen erwartet: ein Buch, das sich nicht oberflächlich oder voyeuristisch am Privaten entlang hangelt, sondern tief in das Denken eines Menschen eintaucht und auf diese Weise fast en passant auch einige bezeichnende Charakterzüge offenlegt, die einem Blumenberg auch als Person näherbringen.

Und natürlich hat sich der Biograph, sich am Ideal des absoluten Lesers orientierend, intensiv mit dem umfangreichen Werk des Philosophen auseinandergesetzt, hat nicht nur die zu Lebzeiten erschienenen wissenschaftlichen Texte studiert, sondern auch alle möglichen weiteren Quellen: unveröffentlichte Schriften, Briefe, Feuilletonartikel, Typoskripte — und nicht zuletzt auch Blumenbergs mit Leselisten und Zettelkästen reich dokumentierte intellektuelle Vorarbeiten eines nicht immer in Veröffentlichungen mündenden unermüdlichen Denkens. Die Vertrautheit Zills mit dem Werk des Philosophen, aus dem er viele spannende Passagen zitiert, spürt man auf jeder Seite. Geschmeidig bewegt er sich durch komplexe Gedankengänge, ja macht sich fast selbst schon das Denken Blumenbergs in seiner Argumentation zu eigen, spinnt es weiter, in einem reflektierten und kritischen Dialog mit dem Philosophen, dessen Gedanken er in ihrer Genese ebenso sichtbar macht wie in ihrer immer wieder frappierenden Tauglichkeit für heute und für die Zukunft.

So liegt ein Hauptverdienst des Buches auch darin, dass es all die Verknüpfungen herausarbeitet, zwischen Philosophie und Leben, Lesen und Schreiben, zwischen den verschiedenen Phasen seines Lebens und Denkens. Um das zu erreichen, hat Zill auch eine für eine Biographie zunächst etwas ungewöhnlich erscheinende Komposition gewählt. Er unterteilt sein Buch in drei große Teile: Der „Beschreibung des Lebens“, einem im engeren Sinne biographischen ersten Teil, folgt in „Arbeit am Werk“ ein kürzerer Abschnitt über die verschlungenen Wege von Blumenbergs Publizieren und Schreiben, die nicht immer einfache Beziehung zu Verlegern und Redakteuren, zu seinem Publikum, und in „Der Prozess einer philosophischen Neugierde“ ein umfangreicher dritter Teil, in dem sich Zill vor dem bereits geschilderten Hintergrund von Leben und Publikationstätigkeit auf Blumenbergs Philosophie konzentrieren kann, deren Wesen oder „Selbstverständnis“, wie er es nennt, er anhand mehrerer Schlüsseltexte herausarbeiten möchte.

Auch wenn nicht viele Äußerungen Blumenbergs über seine Kindheit und Jugend überliefert sind und er ja ohnehin generelle Vorbehalte gegenüber memoirenhaften Erinnerungen hatte, lassen sich doch ein paar aufschlussreiche biographische Erfahrungen herausarbeiten, die auch so manche Entwicklungen seines Lebens und Denkens verständlicher machen. 1920 in Lübeck geboren erlebte Hans Blumenberg das Dritte Reich als Jugendlicher und junger Mann. Ebenso wie ihn der Katholizismus des Vaters und der Humanismus seiner ersten Schule prägten, hinterließ auch die Erfahrung des Nationalsozialismus und des Krieges Spuren in ihm, hielt sie doch eine Art ersten schmerzhaften Kontakt mit dem „Absolutismus der Wirklichkeit“ für ihn bereit: Als Sohn einer zum Christentum konvertierten Jüdin gestaltete sich der Beginn seiner akademischen Laufbahn schwierig; studieren durfte er aufgrund der restriktiven antisemitischen Politik zunächst nur an einer katholischen Hochschule und bald überhaupt nicht mehr. 1942 wurde sein Elternhaus — und mit ihm auch die gesamte Bibliothek des in alle Richtungen belesenen jungen Mannes, für den in den Worten Zills „diese Nacht eine Art ersten Tod“ (S. 7) bedeutete — bei einem Flächenbombardement zerstört und Blumenberg zum Arbeitsdienst verpflichtet; später wurde er für einige Zeit in einem Arbeitslager interniert, und die letzten Wochen vor der Kapitulation verbrachte er untergetaucht in der Dachkammer einer Lübecker Schuhmacherfamilie, deren Tochter dann seine Frau und die Mutter von insgesamt vier gemeinsamen Kindern wurde.

Nachdem es während dem Krieg zeitweise so ausgesehen hatte, als stünde ihm eine Laufbahn als Firmenangestellter bevor, nutzte er schon im Wintersemester 1945/46 die Gelegenheit, sich an der Universität in Hamburg für die Fächer Philosophie, Germanistik und Griechisch zu immatrikulieren. Getrieben von dem Gedanken, die verlorene Zeit aufzuholen und außerdem in Sorge, seine junge Familie zu versorgen, absolvierte er sein Studium in kürzester Zeit und schloss schon 1947 seine Dissertation ab. Sein Doktorvater war der Phänomenologe Ludwig Landgrebe, dem er an die Universität Kiel folgte, wo er sich — nach einigem universitären Streit — auch habilitierte. Die nächsten Stationen seiner Laufbahn waren Hamburg, Gießen, Bochum und zuletzt bis zu seiner Emeritierung 1985 Münster, unter seinen Weggefährten befanden sich der Altphilologe Bruno Snell, der Romanist Hans Robert Jauß, mit dem er die einflussreiche Forschungsgruppe „Poetik und Hermeneutik“ gründete, und für eine kurze Zeit auch Jürgen Habermas, mit dem er die Reihe „Theorie“ im Suhrkamp Verlag herausgab. Rüdiger Zill schildert Formen des ergiebigen geistigen Austausches Blumenbergs mit Lehrern, Förderern und Kollegen, genauso aber auch, wie er immer wieder aneckte, sich mit universitären Autoritäten oder Verlegern anlegte, Projekte beendete, wie er — auch als er sich längst einen Namen gemacht hatte, — zeitlebens das Gefühl hatte, um die Anerkennung seiner Arbeit ringen zu müssen.

Während sich die Charakterisierung Blumenbergs als vielseitig interessierter und exzessiver Leser — Zill nennt ihn einen „bibliophile(n) Allesfresser“ und „intellektuellen Freigeist“ (S. 99), der sich für Wissenschaft, Technik, Philosophie und eben auch für die schöne Literatur interessierte — wie ein roter Faden durch das Buch zieht, geht insbesondere aus dem zweiten Teil hervor, wie die Prozesse des Lesens und Schreibens einander wechselseitig bedingten. Aufschlussreich ist, dass sich der Philosoph gerade in seinen Anfängen intensiv mit literarischen Texten auseinandersetzte, seinen auf das Narrative, Anschauliche ausgerichteten Stil nicht zuletzt an Interpretationen von Dostojewski, Kafka, Valéry schulte und sich in seinen frühen Beiträgen fürs Feuilleton, wie Zill das nennt, auch für seine philosophischen Texte „freischreiben“ konnte. Immer auch kritisch mit sich selbst, freute Blumenberg sich umso mehr über das Lob seines Redakteurs Neukirchen, bei dem er seinen ersten wissenschaftlichen Aufsatz für die Zeitschrift Studium Generale eingereicht hatte:

„Du hast sehr genau gemerkt, was mir die Sprache, das Wort bedeuten, daß ich mich mit der Korrosion und Erosion gerade des wissenschaftlichen Wortschatzes nicht abfinden mag und mich doch auch von Heideggers Etymologisterei abgestoßen fühle, daß ich also dem Begriff seine Obertöne an Bedeutung zurückzugeben bestrebt bin (…).“

Blumenberg, zit. nach Zill, Der absolute Leser, S. 211

Zum Feuilleton, mit dem er in den 1950er Jahren sein Schreiben begann, kehrte er am Ende seines Lebens auch wieder zurück, mit Glossen für Tageszeitungen, geisteswissenschaftlichen und kulturkritischen Texten. Dazwischen liegt als sichtbarer Höhepunkt die Publikation einer Reihe von Monographien, mit denen er — bezeichnenderweise erst spät, nachdem er längst ordentlicher Professor war — auch über die akademischen Kreise hinaus Berühmtheit erlangte: Die Legitimität der Neuzeit, Die Genesis der kopernikanischen Welt, Arbeit am Mythos, Die Lesbarkeit der Welt — um nur ein paar der bekanntesten Titel zu nennen. Darüber hinaus gibt es jedoch noch eine Vielzahl an Texten, in denen sich die verschiedenen Stadien des intellektuellen Lese- und Schreibprozesses spiegeln, Vorlesungsskripte etwa, Vorträge, Aufsätze für Fachzeitschriften. Und es gibt Blumenbergs Leselisten und Zettelkästen, die so einiges über seine Denk- und Verstehensprozesse verraten. Zill führt in einem sehr spannenden Kapitel aus, wie sich der experimentelle Umgang mit dem Material auch auf weiteren Stufen fortsetzt, wie Blumenberg zunächst für die Vorlesungen eine erste schriftliche Verarbeitung seiner Gedanken unternimmt, wie diese später dann in Aufsätze umgewandelt und aus den Aufsätzen wiederum durch weitere Prozesse „des Schreibens und Umschreibens, des Erweiterns und Revidierens“ (S. 395) Monographien entstanden.

Entsprechend legt Zill den Fokus auch im dritten Teil, in dem die Philosophie im Zentrum steht, auf das Prozessuale, die Wandelbarkeit und Offenheit von Blumenbergs Denkens. Früh interessierte ihn der Zusammenhang von Wissenschaft und Wahrheit, und die Rolle, die die Philosophie in diesem Kontext einnimmt. Die Auseinandersetzung mit den philosophischen Strömungen seiner Zeit und gewiss auch seine eigene Lebenserfahrung brachten ihn dazu, dem Absoluten in jeder Hinsicht zu misstrauen und die Geschichtlichkeit des Menschen und seines Denkens, quasi als Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis, in den Vordergrund auch und gerade der Philosophie zu rücken. Für ihn, der sich empörte, wenn man ihn einen bloßen Philosophiehistoriker nannte, gehörten auch in der Philosophie Geschichte und System untrennbar zusammen. Über seine Forschungen zur Wissenschaftsgeschichte und mehr und mehr auch der Geschichte der Technik kristallisierte sich allmählich der Gedanke der Freiheit heraus und eröffnete einen neuen Weg zu einer Kritik der reinen Rationalität:

Kopernikus ist für Blumenberg nicht einfach der Befreier, der dieses System [das dogmatische Weltbild des Mittelalters] durch den Gebrauch der Vernunft zerschlagen hat, sondern jemand, dessen Denken überhaupt erst möglich war, nachdem sich dieses System aufgrund seiner inneren Widersprüche selbst zersetzt und dadurch einen Raum für Gedankenspiele eröffnet hatte (…).

Zill, Der absolute Leser, S 469

So wie Blumenberg die Philosophie nun als werdendes Selbstbewusstsein des Menschen verstand, verschob sich der Fokus seines Interesses von der Geistesgeschichte zur Anthropologie. Dabei rückte dann auch ein früheres Randthema auf einmal prominent in den Vordergrund, nämlich seine Gedanken zur Metaphorologie. Das Wirklichkeitsverhältnis des Menschen betrachtete er grundlegend als ein metaphorisches, also eines der Distanz. Und über diese Umwegstruktur der Metapher, die den indirekten, verzögerten, umständlichen Bezug zur Wirklichkeit kennzeichnet, über die Erforschung von kleinen Formen der „Unbegrifflichkeit“ wie der Anekdote oder der Fabel, gelangte er schließlich zu seiner Philosophie der Umwege und der Antimethode (in Analogie und Abgrenzung zu Descartes‘ Discours de la méthode), die ihn am Ende seines Lebens am meisten beschäftigte und die sich auch publizistisch im Übergang zu den Formen des Fragments und der Glosse niederschlug. Das Narrative, per se dem Umweg verpflichtet und gegen das Diktat der Effizienz gerichtet, blieb auch diesen kurzen Formen erhalten, und lässt sich generell als Charakteristikum seiner Schriften betrachten, die nicht immer einfach zu lesen, aber zur Freude auch des heutigen Lesers stets auf Anschaulichkeit bedacht sind.

„Was ist für Sie das vollkommene irdische Glück?“ — „Sagen zu können, was ich sehe.“

Blumenberg, zit. nach Zill, Der absolute Leser, S. 78

Der Umweg im Sinne Blumenbergs verstanden als Abenteuer, das nicht ziel- und zwecklos ist, sondern überraschende Erkenntnisse liefert, ist auch ein wenig das Strukturprinzip von Rüdiger Zills Biographie. Sie erfordert bei den vielen und vielfach verknüpften Gedankengängen, die sie verfolgt, einiges an Konzentration, und ist daher auch als Einstiegslektüre zu Blumenberg nicht wirklich geeignet. Wer sich aber für Philosophie begeistert und Blumenberg vielleicht bereits in dem einen oder anderen Text begegnet ist, kann sein Verständnis von seiner Philosophie in diesem Buch wunderbar vertiefen — und sich beeindrucken lassen, wie zeitlos bzw. wie zeitgemäß gerade heute sein Denken erscheint.

Rüdiger Zill: Der absolute Leser — Hans Blumenberg, eine intellektuelle Biographie, Suhrkamp (2020)
ISBN: 9783518587522

bookmark_borderJames Baldwin: Giovannis Zimmer

Die Bücher von James Baldwin (1924-1987) sind inzwischen Klassiker und sie sind Texte von großer literarischer Qualität, in denen sich die Stimme eines Autors erhebt, der sich in zweierlei Hinsicht einer Minderheit zuordnen lässt. In diesem Sinne könnte man Giovannis Zimmer als Roman eines schwarzen Autors über Homosexualität bezeichnen, aber gegen diese doch auch wieder vereinnahmenden Zuschreibungen hätte Baldwin, der sich durchaus in der Bürgerrechtsbewegung engagierte, sich jedoch als Mensch und als Schriftsteller keinesfalls zur Symbolfigur reduzieren lassen wollte, sich wohl mit Sicherheit gewehrt. Umso schöner ist es, dass seine Literatur, die Vorurteile aufdeckt und immer den Menschen sieht, nicht die Gruppe, in neuen deutschen Übersetzungen gerade jetzt wiederentdeckt wird, zu einem Zeitpunkt, wo eine teils überfällige und dringend notwendige, teils aber auch sich ins Gegenteil verkehrende, ihre eigentlichen Ziele ad absurdum führende Debatte um kulturelle Aneignung im Bereich von Kunst und Literatur geführt wird.

Giovannis Zimmer ist Baldwins zweiter Roman nach Go tell it on the mountain, in dem er von Glaube, Bigotterie und sexueller Unsicherheit in einem afroamerikanischem Milieu erzählte. Trotz expliziter Wünsche seines amerikanischen Verlags weigerte er sich aber, erneut einen Roman mit afroamerikanischen Protagonisten vorzulegen, da er sich nicht auf ein bestimmtes Herkunftsmilieu — „Identität“ würden wir heute sagen — festlegen und dadurch eben auch begrenzen lassen wollte. In Giovannis Zimmer sind daher nun eben alle wichtigen Figuren Weiße, weiße Amerikaner und weiße Franzosen. Das hat in den 1950er Jahren, als der Roman erschien, durchaus für Furore gesorgt, so manch einer empfand diese „kulturelle Aneignung“ als Skandal und Tabubruch…

Die Handlung entwickelte Baldwin, der selbst einige Zeit in Frankreich verbrachte, aus einem autobiographischen fait divers, den er jedoch zu einem psychologisch vielschichtigen Roman ausgebaut hat, zu einer auch stilistisch beeindruckenden Erzählung: Mit den ersten Sätzen wird man schon von ihr gefangen genommen, und das Poetische, Nachdenkliche, Empathische des Textes, der zugleich nie vor schonungsloser (Selbst-) Kritik seiner Figuren zurückscheut, begleitet einen bis zur letzten Seite. Manchmal ist die Lektüre geradezu schmerzhaft, aber immer auch intensiv, schön und flüssig lesbar und der Stil auf unprätentiöse Weise komplex in seinen psychologischen Beobachtungen und metaphorisch-literarischen Verdichtungen.

Ich weiß gar nicht, wie ich das Zimmer beschreiben soll. In gewisser Weise wurde daraus jedes Zimmer, in dem ich je war, und jedes Zimmer, in dem ich fortan sein werde, wird mich an Giovannis Zimmer erinnern. Wirklich lange habe ich dort nicht gewohnt — wir lernten uns vor Frühlingsbeginn kennen, und im Sommer zog ich aus –, aber noch immer ist mir, als hätte ich dort ein Leben verbracht. Das Leben in diesem Zimmer schien sich, wie gesagt, unter Wasser abzuspielen, und fest steht, dass dort alles umgewälzt wurde.

Baldwin, Giovannis Zimmer

Erzählt wird die Geschichte aus der Ich-Perspektive eines jungen Amerikaners namens David in Form einer Rückschau, die an eine Beichte erinnert. David quält das Gewissen, er empfindet Mitschuld am unmittelbar bevorstehenden und durch nichts mehr aufzuhaltenden Tod eines Menschen, den er liebte und doch fallen ließ. Indem er in Rückblenden sein Leben und die Begegnung mit Giovanni Revue passieren lässt, unternimmt er auch eine Selbstbefragung, die immer wieder in Selbstverachtung umschlägt, welche sich wiederum mehr und mehr als Movens seines schließlich verhängnisvollen Verhaltens entlarvt.

So erfährt man in eindringlichen Szenen vom romantischen Beginn und erst prosaischen, dann tragischen Ende der Liebesgeschichte zwischen ihm und dem Barista Giovanni in Paris, aber auch von viel weiter in seine Kindheit und Jugend zurückreichenden Episoden: vom frühen Tod der Mutter, vom instabilen Verhältnis zu seinem Vater, von den ihn überfordernden sexuellen Gefühlen zu seinem Schulfreund, seiner Flucht und seinem Verrat an ihm, von seinen jugendlichen Alkoholexzessen und schließlich von seiner Verlobung mit der Amerikanerin Hella und seiner weiteren Flucht nach Paris, wo er in Hellas Abwesenheit in Schwulenbars verkehrt, ohne sich jedoch in der Öffentlichkeit oder auch nur sich selbst gegenüber zu seiner Sexualität zu bekennen.

James Baldwin zeichnet natürlich auch ein subtiles Gesellschaftsporträt und übt indirekt Kritik an homophoben Machtstrukturen und Vorurteilen gegenüber Außenseitern der Gesellschaft, die Sündenböcke braucht, um sich ihrer selbst zu versichern. So fällt, als der schmierige Barbesitzer Guillaume umgebracht wird, der Verdacht sofort auf den homosexuellen Giovanni, der zudem auch noch Ausländer ist. Wie sich die Geschichte wirklich abgespielt, welche Situation der Ausbeutung zu der Tat geführt hat, will die Öffentlichkeit hingegen gar nicht so genau wissen.

Es war ein entsetzlicher Skandal. (…) Ein solcher Skandal droht immer, noch bevor das Echo verhallt, einen Staat in seinen Grundfesten zu erschüttern. Man braucht eine Erklärung, eine Lösung und so schnell wie möglich ein Opfer. Die meisten in Verbindung mit diesem Verbrechen aufgegriffenen Männer wurden nicht wegen Mordverdachts aufgegriffen. Sondern weil sie im Verdacht standen, wie die Franzosen es mit einer wohl hämischen Behutsamkeit nennen, les goûts particuliers zu pflegen.

Baldwin, Giovannis Zimmer

Trotzdem ist das Buch kein politisches Manifest, versteht es sich nicht als Protestliteratur — sondern als Literatur. Baldwin selbst legte Wert darauf zu betonen, dass das Thema des Romans nicht die Homosexualität sei, sondern die Angst, jemanden zu lieben. Damit stellt er eine universale menschliche Eigenschaft in den Vordergrund, eine existentielle Erfahrung, die unabhängig von Hautfarbe, sexueller Orientierung usw. ist.

„Du findest mein Leben schändlich“, setzte er nach, „weil meine Bekanntschaften schändlich sind. Sind sie ja auch. Aber du solltest dich fragen, warum.“
„Warum sind sie — schändlich?“, fragte ich ihn.
„Weil keine Zuneigung in ihnen steckt und keine Freude. (…)“

Baldwin, Giovannis Zimmer

Darüber hinaus ist sein Roman auch ein Text über Scham, Verdrängung und (Selbst-) Erkenntnis, über den Prozess einer Bewusstwerdung, die den schmerzhaften Weg des Sich Erinnerns geht, das ein wahrer Kraftakt ist und damit auch ein würdiger und mitreißender Gegenstand der modernen (Liebes-) Tragödie, die uns Baldwin mit Giovannis Zimmer hinterlassen hat.

Menschen, die sich erinnern, beschwören Wahnsinn durch Schmerz, den Schmerz ihrer fortwährenden Unschuld; Menschen, die vergessen, beschwören eine andere Form des Wahnsinns, den Wahnsinn, den Schmerz zu leugnen und die Unschuld zu hassen. Die Welt ist im Wesentlichen unterteilt in Wahnsinnige, die sich erinnern, und Wahnsinnige, die vergessen. Helden sind rar.

Baldwin, Giovannis Zimmer

James Baldwin: Giovannis Zimmer [engl. Orig. 1956], dtv (2020)
Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow
ISBN: 9783423282178

bookmark_borderBritta Teckentrupp: Der blaue Vogel

Wenn Farben sprechen könnten… dann würden sie so aussehen wie in Britta Teckentrupps wundervollem Bilderbuch, das in wenigen Worten und intensiven Bildern eine so zarte und so berührende Geschichte erzählt!

Die Illustration, collagenhaft und mit Farben, die aus sich heraus zu leuchten scheinen, harmoniert wunderbar mit dem Text und taucht ihn zugleich ins Geheimnisvolle, Zauberhafte, Mythische. Erzählt wird auch eine Art Mythos, ein Märchen, in dem es um Trauer, Einsamkeit und ihre Überwindung geht — ist es Zufall, dass das Bilderbuch den Titel von Maurice Maeterlincks Theaterstück L’Oiseau bleu trägt, in dem er in seinem unvergleichlich suggestiv-poetischen Stil ein traumartiges Kindermärchen erzählt, das tief in die Nacht der Erinnerung und eine von Seelen erfüllte Natur führt…?

In Teckentrupps Bilderbuch lebt ein kleiner blauer Vogel ganz unten im Schatten des Waldes, antriebslos, ohne Freude, ohne Spiel, ohne Gesang, vergessen von seinen Freunden, die hoch oben am sonnenbeschienenen Himmel, unendlich weit von ihm entfernt, das Dasein genießen. Der Kontrast von Schatten und Licht tritt in den Farbkompositionen eindrücklich hervor und spiegelt die Stimmung, die Gefühle, das Innenleben des Vogels, in dessen Welt die Farben ihre Leuchtkraft verloren haben.

Doch auf einmal taucht ein gelber Vogel auf, der von Licht umspielt wird und sich zunächst ganz oben auf dem Baum niederlässt, in dessen schattigem Geäst sich der traurige blaue Vogel vergraben hat. Außer Farbe, Licht und Gesang bringt der gelbe Vogel aber vor allem eine große Geduld und Sanftmut mit, er nähert sich dem blauen Vogel ganz langsam, ganz behutsam, in kleinen Etappen. Nach und nach halten so auch wieder Licht und Wärme Einzug in die Welt des blauen Vogels, als fasste er allmählich wieder Vertrauen. Gemeinsam mit dem gelben Vogel beginnt er wieder zu singen, Hoffnung breitet sich aus, und zusammen öffnen die beiden ihre Flügel und schwingen sich empor in den von sonnengelbem Licht durchfluteten Himmel.

Vielleicht können Farben nicht sprechen, aber trösten können sie und einen Horizont der Fantasie eröffnen, der die ganz Kleinen genauso wie die schon Großen ergreifen wird.

Ab vier Jahren bis unendlich, schreibt der Verlag, und ich schließe mich an.

Britta Teckentrupp: Der blaue Vogel, Ars Edition (2020)
ISBN: 9783845837536

bookmark_borderAgnete Friis: Der Sommer mit Ellen

Der Titel mag täuschen, denn es ist keine leichte Sommergeschichte, die die dänische Autorin Agnete Friis in ihrem Roman Der Sommer mit Ellen erzählt, sondern eine von Anfang bis Ende aufwühlende Erzählung, die einem beim Lesen sehr nahe, ja unter die Haut geht, wo sie dann auch ein beklemmendes Gefühl hinterlässt, das trotz des ganz zart versöhnlichen Endes noch lange anhält.

Die Hitze des Sommers — eigentlich geht es um zwei bedeutsame Sommer mit großem zeitlichen Abstand — ist demnach auch als Metapher für die schwüle, aufgeladene Atmosphäre zu verstehen, die über der ganzen Geschichte liegt, und für die drückende Last, an der Jakob, die Hauptfigur des Romans, seit seiner Kindheit zu tragen hat. Sein Leben entfaltet die Autorin in psychologischer Vielschichtigkeit und Feinnervigkeit in all seinen Schattierungen, Hoffnungen und Enttäuschungen ausgehend von zwei einschneidenden Ereignissen, zwei Erfahrungen, nach denen Jakobs Welt jeweils in Scherben liegt.

Das erste Mal hat er mit Flucht und Verdrängung reagiert, doch Jahrzehnte später wird er erneut mit der Vergangenheit konfrontiert, die sein Leben noch immer viel mehr beeinflusst, als ihm lieb ist. Seinen Kindheitstraum hat der nun über 50-Jährige zwar wahr gemacht und ist Architekt geworden, doch ist er alles andere als glücklich, seine Ehe ist dabei zu zerbrechen und zu seinen Kindern hat er kaum Kontakt.

Als sein inzwischen sehr alter Großonkel Anton ihn anruft und um Hilfe bittet, entschließt er sich daher, erst widerwillig, in die dörfliche Heimat seiner Kindheit und Jugend und auf den Hof der beiden Großonkel zurückzukehren, dem er seit jenem Sommer, als er 15 war, den Rücken gekehrt hat. Und natürlich wird die Rückkehr auch bald zu einer schmerzlichen, aber letztlich für alle notwendigen Aufarbeitung der Vergangenheit.

Gemeinsam mit Jakob taucht der Leser ein in seine immer wieder eng mit der Gegenwart verknüpften Erinnerungen an eine alles andere als unbeschwerte Kindheit. In jenem Sommer, als er den Großonkeln auf dem Hof hilft, hat seine Mutter gerade seinen Vater, einen Alkoholiker, verlassen. Der Hof ist für Jakob ein Zufluchtsort, wo er den komplizierten Schamgefühlen entgehen kann, die sein Vater in ihm hervorruft. Gleichzeitig ist Scham auch eines der beunruhigenden Gefühle, die das verwirrende Erwachsenwerden auslöst, das er am ganzen Körper spürt. Das ist aufregend, als er sich in die schöne, aber um einiges ältere Ellen verliebt, die in der Hippie-Kommune nebenan wohnt und wie er eine talentierte Zeichnerin ist. Gleichzeitig ist da eine große Unsicherheit, in Bezug auf ein unkontrolliert auftretendes körperliches Begehren ebenso wie auch auf moralische und ethische Fragen des richtigen Verhaltens, der persönlichen Verantwortung, von Schuld und Gerechtigkeit. Denn als Lise, die nicht ganz so hübsche Schwester seines Kumpels Sten verschwindet, löst ein furchtbarer Verdacht eine Kette an weiteren Ereignissen aus, die von Jakob Entscheidungen verlangen, denen er nicht gewachsen ist…

Der Roman ist überaus dicht und sehr überzeugend geschrieben, mit scharfen Beobachtungen der kollektiven Dynamiken in sozialen Gefügen, der psychologischen Irrwege, der Schuldzuweisungen und auch der fragilen Geschlechterbeziehungen, in denen erotische Anziehung schnell in ein sich verselbständigendes Machtspiel kippen kann.

Und so wie es für Jakob letztlich befreiend ist, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, fühlt man sich auch beim Lesen, das stellenweise richtig wehtut, am Ende um eine Erfahrung bereichert, die so nur ein tolles Buch vermitteln kann!

Agnete Friis: Sommer mit Ellen, Eichborn (2020)
Aus dem Dänischen von Thorsten Alms
ISBN: 9783847900481