bookmark_borderAnne Gröger: Hey, ich bin der kleine Tod… aber du kannst auch Frieda zu mir sagen

Auf den Tod ist der elfjährige Samuel, der an einer gefährlichen Autoimmunkrankheit leidet, überhaupt nicht gut zu sprechen. Er ist ihm schon mehrmals nur knapp von der Schippe gesprungen. Was für eine Zumutung also, dass pünktlich zu seiner Entlassung aus dem Krankenhaus und seiner Reintegration ins „normale“ Leben eine kleine Gestalt in schwarzer Kutte und mit einer Sense in der Hand bei ihm auftaucht! Unter der Kutte verbirgt sich tatsächlich der Tod, genauer gesagt, der kleine Tod, der sich als quirliges und zu Samuels Leidwesen äußerst zudringliches Mädchen entpuppt, das sich Frida nennt und sein Leben von nun an ziemlich auf den Kopf stellt.

Betrachte ich das Chaos in meinem Zimmer, kann ich an ihrer Echtheit eigentlich nicht mehr zweifeln. Ich begreife zwar noch immer nicht genau, woher sie kommt, was sie hier macht und vor allem, wie ich sie wieder loswerde, aber dass sie da ist, sehe ich mehr als deutlich. Auch, dass sie vom Menschsein keine Ahnung hat, ist offensichtlich. Dann wüsste sie nämlich, dass es Regeln gibt. Zum Beispiel, dass man Sachen wieder einräumt. Oder dass man Dinge, die anderen gehören, nicht einfach durch die Gegend schmeißt. Ich versuche es ihr zu erklären. Aber Frida ist Regeln gegenüber nicht besonders aufgeschlossen. „Revolution!“, schreit sie und erklärt mir, dass sie weiß, dass Menschen das machen, wenn ihnen Regeln nicht passen. Der große Tod hat immer besonders viel zu tun, wenn Menschen revolutionieren.

Anne Gröger, Hey, ich bin der kleine Tod

Erzählt wird die Geschichte einfühlsam und mit viel Humor zum Großteil von Samuel selbst, dessen Perspektive immer wieder mit kürzeren eingeschobenen Gedanken von Frida ergänzt wird. Als Auszubildende des großen Todes verrät sie in diesen Einschüben, welche geheimen Pläne sie verfolgt, dass Samuel nämlich quasi ihre Reifeprüfung darstellt; sie teilt in diesen Passagen aber auch ihre wegen kleiner Missverständnisse und Fehlinterpretationen häufig sehr amüsanten Beobachtungen über die Menschenwelt mit den Lesern, sowie ihre anfangs recht zähen Lernprozesse im Verständnis dieser Welt, die ihr ebenso fremd ist wie uns Menschen das Reich des Todes.

An dieses hat Samuel auch seinen besten Freund im Krankenhaus verloren; nur ein Karabinerhaken ist ihm geblieben, als schmerzliches Andenken und zugleich als Ansporn, die gemeinsam erträumte Bergtour eines Tages in Erinnerung an den Freund selbständig in die Tat umzusetzen. Was nun, da eine Stammzelltherapie gut angeschlagen hat, auf einmal in greifbare Nähe rückt. Zumindest theoretisch. In der Praxis hat Samuel noch viel zu große Angst vor allem, was sich draußen befindet: außerhalb des Krankenhauses, außerhalb seines perfekt desinfizierten Kinderzimmers und sogar außerhalb seines Schutzanzuges, den er auch nach der erfolgreichen Therapie nicht ausziehen mag und der seinen Körper vor all den sichtbaren und unsichtbaren Gefahren der Welt beschützen soll.

Während seine Eltern — und Frida, diese jedoch mit ihren ganz eigenen Absichten — versuchen, ihm das Leben draußen wieder schmackhaft zu machen, während sie sich nichts sehnlicher für ihn wünschen, als dass er wieder unbeschwert den Schulalltag und das Spielen mit anderen Kindern genießen kann, löst die lebhafte Vorstellung all der Gefahren, die ein solcher Alltag für ihn bereitzuhalten droht, in Samuel erst einmal ganz und gar keine Euphorie, sondern einen großen Schrecken aus. Verzweifelt muss er sich nicht nur gegen die gutgemeinten Ideen seiner Eltern, sondern auch noch gegen das Drängeln einer nicht locker lassenden Frida wehren, die Samuel unbedingt aus seiner Schutzzone herauskatapultieren möchte. So sehr hat er sich an sein Leben im Ausnahmezustand, in dem schon eine Erkältung lebensgefährlich für ihn sein konnte, angepasst und gewöhnt, so belesen und gut informiert über seine Krankheit und die Herausforderungen des Daseins, ja so vernünftig und erwachsen ist er bereits für sein Alter geworden, dass es einen riesengroßen Schritt für ihn bedeutet, das Kindsein und mit ihm die früh verlorene Unbeschwertheit wieder zu erlernen. So steckt er in einer tragikomisch geschilderten Notlage, weil er seinen Eltern die große Gefahr, in die ihn Frida zu bringen scheint, nicht begreiflich machen kann; den kleinen Tod in seiner schwarzen Kutte und mit seiner scharfen kleinen Sense sieht nur er allein, für alle anderen ist Frida nur sichtbar, wenn sie als freches kleines Mädchen auftritt, und, noch schlimmer, als selbsternannte neue Freundin von Samuel!

Gerade aus dem Antagonismus der beiden Hauptfiguren, die beide auf ganz unterschiedliche Weise alles daransetzen, den anderen loszuwerden, die sich immer wieder angiften bzw. aus rein taktischen Gründen einander Wohlwollen oder Hilfsbereitschaft vorspielen, erwächst ein zugleich sehr schwarzer und sehr liebevoller Humor. Und natürlich entsteht trotz allen Misstrauens schließlich ganz allmählich doch ein Band der Freundschaft zwischen den beiden, das sich im entscheidenden Moment als fest und entwickelt genug herausstellen wird.

Es ist bewundernswert und ein großer Genuss, nicht nur für die zehnjährigen Leser, mit wieviel Witz und Tiefgang die Autorin über ein so schwieriges Thema wie den Tod zu schreiben versteht. Anne Gröger wahrt in ihrem Ton hier genau die richtige Balance für ein Kinderbuch, sie nimmt Samuels Sorgen ernst und bringt ihre Leser trotzdem immer wieder zum Lachen und Schmunzeln, wenn er es dann doch mitunter ein bisschen übertreibt mit dem Desinfizieren und der Aufzählung all der potentiellen Risiken und lauernden Abgründe des Alltags. So gelingt es ihr, lebensphilosophische Fragen ganz federleicht und wie nebenbei zu thematisieren, etwa die Frage danach, was ein Leben eigentlich ausmacht, welche Ängste und Einschränkungen eine schwere Krankheit mit sich bringt und welche verschiedenen Wege es gibt, damit umzugehen. Auch der Tod bekommt mehr Facetten und Erscheinungsformen: er verkörpert, als großer, sich entziehender Unbekannter, nicht nur das Lebensende; vielmehr gerät man ihm zum Beispiel auch dann bedrohlich nahe, wenn man sich alle Freuden und Genüsse versagt und nur von seiner Angst leiten lässt. Umgekehrt wird in der Geschichte aber auch deutlich, wie leicht sich das natürlich als Außenstehender sagen lässt, solange man nicht selbst in der Haut des anderen, des Kranken, des Geängstigten steckt, und wie wichtig und lebensnotwendig es ist, selbst für sich herauszufinden, wie man gerne leben möchte. Das Buch hat somit eine handlungsreich gestaltete Metaebene, die ganz spielerisch aus der Geschichte erwächst: Wenn Samuel lernt, mit Frida, dem kleinen Tod, zu leben, so erleben wir in einer mitreißend erzählten Geschichte, wie es ist, mit der eigenen Sterblichkeit zu leben, und setzen uns so fast unwillkürlich mit einer großen Seinsfrage auseinander, die uns auch über den konkreten Fall von Samuels Krankheit hinausdenken lässt.

Samuels Geschichte endet, so viel sei verraten, nicht mit dem großen Tod, der nach allen Abenteuern aber auch nicht mehr als das unheimliche Böse schlechthin erscheint. Samuel darf sein neues Leben nach all der Aufregung jetzt erst einmal genießen, und auch Frida, die längst nicht in alle Pläne des großen Todes eingeweiht war, ist bei Samuel um so manche menschliche Erfahrung reicher geworden.

Bibliographische Angaben
Anne Gröger: Hey, ich bin der kleine Tod… aber du kannst auch Frieda zu mir sagen, dtv (2021)
ISBN: ISBN 9783423763479

Ab 10 Jahren

Bildquelle

Anne Gröger, Hey, ich bin der kleine Tod
© 2021 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

bookmark_borderMeg Rosoff: Sommernachtserwachen

Die schon lange in England lebende Amerikanerin Meg Rosoff hat einen fesselnden Jugendroman geschrieben, der an seiner Oberfläche wie eine Coming-of-age-Geschichte anmutet, in der nach einem Sommer am Meer nichts mehr ist wie zuvor, der im Grunde aber und erst auf den zweiten Blick ganz im Zeichen des Theaters steht. Der Titel spielt nicht zufällig auf Shakespeares Sommernachtstraum an, in dem es um ein buntes Verwirrspiel von Gefühlen und Beziehungen geht und am Ende nicht nur eine Hochzeit gefeiert wird.

Auch in dem aufwühlenden Sommer, von dem der namen- und geschlechtslose Ich-Erzähler berichtet — am Anfang war ich unbewusst davon ausgegangen, es handle sich um ein Mädchen, im Nachhinein lassen sich aber auch einige Indizien für einen männlichen Erzähler finden… letztlich ändert das auch gar nichts an den psychologischen Verwicklungen, die den Sog der Geschichte ausmachen –, finden große Hochzeitsvorbereitungen statt. Ein junges Paar, Hope und der Schauspieler (!) Malcolm, das mit der sechsköpfigen englischen Familie verwandt ist, die schon seit Jahren den Sommer in einem urigen alten Ferienhaus am Meer verbringt, ist auch in diesem Sommer wieder im benachbarten Strandhaus mit von der Partie, wo am Ende des Sommers auch ihre Hochzeit gefeiert werden soll. Und noch etwas ist anders in diesem Sommer: Die divenhafte amerikanische Patentante der Braut bringt ihre beiden ungleichen Söhne vorbei, damit sie den Sommer bei der Familie verbringen, während sie selbst sich ganz auf ihren Filmdreh konzentrieren kann. Während der eine Sohn, der wunderschöne, charmante, faszinierende Kit, nacheinander oder gleichzeitig fast allen den Kopf verdreht und manipulativ die familiären Beziehungen durcheinanderwirbelt, bleibt der andere, Hugo, verschlossen und missmutig, das genaue Gegenteil seines Bruders, den er nicht ausstehen kann. Erst spät lernt der Erzähler Hugo zu schätzen und den äußeren Schein anders zu beurteilen, nachdem er schon längst selbst in den Zauberbann seines Bruders geraten ist.

Im Unterschied zu Shakespeares Komödie, einer Feier des Spiels, des Scheins, der Täuschung, in der sich zuletzt alles von Zauberhand fügt, landen Meg Rosoffs Figuren am Ende alle unsanft in der Realität, in der Verletzungen, Lug und Trug eben nicht so einfach verpuffen. Der Sommernachtstraum wird zum schmerzhaften Sommernachtserwachen. Die Schauspieler werden enttarnt, um den Preis einer großen Desillusion.

Erzählt wird aus der Perspektive des ältesten Kindes der Familie in einer teils fast schon etwas abgeklärten Sprache — was auch damit zusammenhängen mag, dass die Dinge dem in diesem Sommer gereiften Erzähler im Rückblick offensichtlicher erscheinen –, in der aber zum Glück doch immer wieder zartere, poetischere Stellen der Unsicherheit und der Zerbrechlichkeit aufscheinen. Trotz der treffenden Beobachtung von Verhalten und Charakter der Familienmitglieder erinnern diese doch insgesamt mehr an statische Theaterfiguren, was von der Autorin durchaus gewollt scheint; es gibt immer wieder kleine metatheatralische Ironiesignale. Der Roman wirkt so insgesamt wie ein psychologisches Experiment, in dem gerade das Zentrum, der faszinierende und gottgleiche Kit, der von allen angebetet wird, am unnahbarsten bleibt — eine Leerstelle, über welcher der Schein eines Geheimnisses schwebt, das für alle, auch für die Leser, für einen Moment ein betörendes Leuchten ausstrahlt, um am Ende wie ein verglühender Stern in sich zusammenzufallen.

Altersempfehlung
Ab 14 Jahren

Bibliographische Angaben
Meg Rosoff: Sommernachtserwachen, Fischer Kinder- und Jugendbuch (2021)
Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit
ISBN: 9783737342513

Bildquelle
Meg Rosoff, Sommernachtserwachen
© 2021 FISCHER Kinder- und Jugendbuch Verlag GmbH, Frankfurt/Main

bookmark_borderAnja Jonuleit: Das letzte Bild

1970 wird eine Frau im norwegischen Isdal unter merkwürdigen Umständen tot aufgefunden, vieles deutet darauf hin, dass sie ermordet wurde, doch der Fall wird nie geklärt, geschweige denn die Identität der Frau gelüftet. Spekuliert wurde viel: War sie eine sowjetische Agentin oder bewegte sie sich als bindungslose Prostituierte am Rande der Gesellschaft? Erst vor ein paar Jahren haben neuere technische Untersuchungen ergeben, dass die noch recht junge Frau wohl aus dem Raum Nürnberg stammte und einige Zeit in Frankreich gelebt haben musste. Doch was sie nach Norwegen und in den Tod geführt hat, bleibt weiterhin ein großes Rätsel.

In diese mysteriöse und spekulative Leerstelle hinein stößt die Autorin mit ihrem neuen Roman, in dem sie auf der Grundlage einer intensiven Recherche zu dem realen Fall eine emotional bewegende und intelligent gestaltete Geschichte entspinnt, wie sie sich damals ereignet haben könnte. Dabei schlägt sie einen erzählerisch überzeugenden Bogen von Deutschland, Belgien und Frankreich über Italien bis nach Norwegen sowie von der (Nach-)Kriegszeit bis heute. Und so wie die Autorin mit detektivischem Spürsinn den Fall der Isdalfrau rekonstruiert und neu konstruiert, arbeitet sich auch ihre Hauptfigur aus der Gegenwart, die Biographin Eva, die sich in Jonuleits Fiktion als Nichte der Isdalfrau herausstellt, mit Staunen, Schmerz und Hartnäckigkeit in die Vergangenheit ihrer eigenen Familie hinein, von der sie so einiges nichts ahnte. Und als Leser wird man auch mit so mancher Wunde der deutschen und europäischen Geschichte konfrontiert, es geht um Kollaboration, um Vereine wie den Lebensborn, der sich während des Krieges die Not der Mütter zunutze machte und „arischen“ Kriterien entsprechende Kinder in nationalsozialistische Obhut nahm, und es geht auch um Verdrängung, um die Bedeutung, den Schmerz und auch um die Verfälschung von Erinnerung.

Auch wenn die Fiktion natürlich nicht wenig aus dem Melodram schöpft, mit getrennten Zwillingen, Waisenkindern und einem von Männern ausgenutzten jungen Mädchen, so ist sie doch von der ersten bis zur letzten Seite fesselnd und stimmig erzählt und hält mit den beiden weiblichen Protagonistinnen von damals und heute auch zwei engagierte und findige Frauenfiguren bereit, deren Spuren durch Europa man fasziniert und mit Neugier folgen mag.

Bibliographische Angaben
Anja Jonuleit: Das letzte Bild, dtv (2021)
ISBN: 9783423282819

Bildquelle
Anja Jonuleit, Das letzte Bild
© 2021 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

bookmark_borderJörg Scheller: Identität im Zwielicht — Perspektiven für eine offene Gesellschaft

Der Begriff der Identität hat die wissenschaftlichen Sphären der Psychologie und der Philosophie längst überschritten und eine gesellschaftspolitische Aufladung erfahren, die sich in so vielen, so häufig mit großer Emotionalität und Vehemenz geführten Debatten in der breitgefächerten medialen Öffentlichkeit äußert, dass man in der eigenen Wahrnehmung der Welt unweigerlich von diesem wie auch immer inhaltlich gefüllten Wort gelenkt zu werden scheint.

Diesen Eindruck erweckt auch der persönliche Einstieg, den der Autor Jörg Scheller für seinen Essay gewählt hat. In einer psychologischen Selbsthinterfragung schildert er, wie er, etwa beim Schauen von Musikvideos, in seiner Wahrnehmung mittlerweile geprägt ist von Diversitätssignalen, von der automatischen Erfassung der repräsentierten — oder eben nicht repräsentierten — Identitäten. Gleichzeitig stellt er an sich fest, dass er seine journalistischen Texte unbewusst gern mit eigenen fragmentarischen Identitätszuordnungen („Ich als Mann von soundsoviel Jahren / als Kunsthistoriker“ u.ä.) zu legitimieren strebt. In solchen auf die Identität bezogenen Reflexen dürften sich wohl viele wiedererkennen. Den sozialen Wert der so und viel genannten Vielfalt durchaus schätzend, ja sie „als“ Kunstwissenschaftler, Journalist, Erforscher der Popkultur, Musiker (u.a. in einer Heavy-Metal-Band), um nur ein paar der öffentlich bekannten Identitätsmerkmale des Autors aufzuzählen, intellektuell und ästhetisch praktizierend, stößt ihm doch die teilweise opportunistische Instrumentalisierung von „diversity“ und „identity“ sowie die polarisierende Reduktion und Vulgarisierung von Identitätszuschreibungen ungut auf.

Sein Essay, in dessen freie Argumentationslinie er neben persönlichen Beobachtungen viele aussagekräftige Stimmen aus der Philosophie, Soziologie, politischen Theorie, auch aus der Literatur und den (sozialen) Medien einbaut, von John Rawls, Hannah Arendt über Eva Illouz und Mohomodou Houssouba bis zum Rapper Ice-T, ist trotz der subjektiven Färbung das Gegenteil einer aktivistischen Streitschrift; es ist vielmehr der engagierte Versuch einer sachlicheren Betrachtung der seit einiger Zeit hitzig geführten Diskussionen um den in vielfältigen Schattierungen schillernden und von zahlreichen Kollektiven in ihrem eigenen Sinne eingesetzten Begriff der Identität. Auf seinem inspirierenden und informierenden Gedankengang, der ihn in wenigen Kapiteln von der Theorie zur Praxis der Identitätspolitik führt und auch kontextualisierende Einblicke etwa in die Entstehungsgeschichte der Intersektionalitätstheorie (d.h. der Theorie von der Überschneidung verschiedener Diskriminierungen) gibt, folgt der Autor dem Weg der Mäßigung und Differenzierung als in seinen Augen einzig möglichen, dem Extremismus, Fundamentalismus und Populismus, der sich auf diesem Gebiet breitzumachen versucht, entgegenzutreten.

So kann der Einsatz für eine Gruppenidentität den drastischen oder auch schleichenden Übergang zu einer Abwertung anderer Gruppenidentitäten, die nicht die eigene sind, in sich bergen. Ein solches Identitätsverständnis wird schnell ideologisch und extremistisch und führt mit „hermetische[n] Weltbilder[n] und eiserne[n] Identitäten“ (S. 35) zu Entdifferenzierung und moralischer Radikalisierung:

Die Soll-Identität der Welt wird mit der eigenen Gruppenidentität identifiziert — aus der unausweichlichen Enttäuschungserfahrung resultiert Gewalt. Natürlich ist dieses Prinzip nicht auf rechtsextreme Ideologien beschränkt. Es ist Kennzeichen aller Extremismen.

Jörg Scheller, Identität im Zwielicht, S. 35

Aus diesem Grund misstraut Scheller, der für Offenheit, Pluralismus und einen Liberalismus der Chancengleichheit nach John Rawls eintritt, allen Kollektiven mit exklusiv verstandener Identität, Kollektiven, die für sich beanspruchen, eine Kultur zu repräsentieren. Hier, im Zwielicht der Identitätspolitik, lauert die identitäre Politik:

Das Problem sind somit nicht Identitäten an und für sich, insofern diese meist flexible, wabernde, an den Rändern offene Gebilde sind. Das Problem ist ihre Kodifizierung, ihre dogmatische Verengung […] und ihre Repräsentation durch machthungrige Narzissten, die Menschen nicht in ihrer lebendigen Einzigartigkeit begreifen, sondern als Figuren auf dem Schachbrett der Macht. Sie sehen in Menschen stets nur Repräsentanten und Repräsentationen einer Kultur, einer Identität, einer Religion, einer „Rasse“, einer Partei, einer Ideologie, und immer so weiter. […] Dabei eliminieren sie nicht nur die faktische Vielfalt, die jeden einzelnen Menschen […] kennzeichnet […]. Sie reduzieren auch Sympathie und Solidarität auf die Zustimmung zu nur einem oder einigen wenigen Aspekten einer Identität.

Jörg Scheller, Identität im Zwielicht, S. 43

Vor der Einordnung der Umwelt in Kategorien ist niemand gefeit; Gesellschaften brauchen Zuweisungen sogar, funktionieren sie doch nach gewissen Kriterien der psychologischen und sozialen Erwartbarkeit. Identitätskategorien sind somit wichtige Orientierungshilfen für uns. Doch das Spannungsfeld der Identitätszuschreibungen, in dem wir uns bewegen, ist groß und wir sollten aufmerksam und selbstkritisch jedes reflexhafte Einordnen unserer Mitmenschen in Gruppen hinterfragen. Denn:

Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob ich beschreibend feststelle: Viele ältere weiße Männer wählen die AFD. Oder ob ich insinuiere: Sie sind ein alter weißer Mann und neigen deshalb vermutlich der AFD zu.

Jörg Scheller, Identität im Zwielicht, S. 40

Scheller unterscheidet daher zwischen einer gesellschaftspolitisch absolut sinnvollen deskriptiven Identitätsanalyse als Maßstab auch unseres politischen Handelns, und einer gefährlichen präskriptiven und moralisch vereinnahmenden Identitätszuschreibung.

Uneinigkeit und Verwirrung besteht heute auch im Verhältnis der Identitätspolitik zum überzeitlichen Universalismus Kants sowie zur Theorie der Postmoderne. Während sich letztere zeitgebunden versteht und ein Denken in Relationen praktiziert, worin eine Schnittstelle mit aktuellen Identitätstheorien liegt, unterscheidet sie sich von diesen jedoch radikal in Bezug auf den für die postmoderne Dekonstruktion jeglicher fester Identitäten geradezu unmöglichen Begriff der „Authentizität“ konkreter Identitäten, der in gegenwärtigen identitätspolitischen Diskursen eine wichtige, wenngleich nicht unumstrittene Rolle spielt.

Eine weitere im Zwielicht der Identitätspolitik lauernde Gefahr sieht der Essayist in der nicht nur, aber auch im Zuge des Authentizitätsdiskurses oft folgenden Klassifizierung und Absolutsetzung einzelner Identitätsmerkmale, die einen mythologisierenden Rückfall ins Klischee zur Folge hat. Wie sich verschiedene identitätstheoretische Ansätze in ihrer praktischen Umsetzung ineinander verstricken können, illustriert übrigens die auch von Scheller mehrfach zitierte Autorin und Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal in ihrem Roman Identitti großartig, mit viel Scharfsinn und Humor, indem sie die Komplexität von Identitäten und das Zwielicht, das Scheller essayistisch auslotet, literarisch bis in die kleinsten Schattenwürfe ausleuchtet.

Auch dem changierenden Spannungsverhältnis von Autonomie und Macht, welches das Mit- und Gegeneinander der Identitäten bestimmt, geht der Essayist auf den Grund. Identitätspolitik ist auch ein Kampf um die Autonomie der (Selbst)Bezeichnungen, der Prozess des Identifizierens impliziert den uralten, magischen Machtgestus der Benennung. Daher verwundert es nicht, dass sich so viele Debatten um scheinbar banale Ausdrücke und Bezeichnungen drehen. Den identitätspolitischen Selbstbezeichnungen voraus gehen oft bereits existierende abwertende Identitätskonstrukte und Gruppenbezeichnungen von außen, sei es in Form von diskriminierenden Gesetzen oder Situationen im alltäglichen gesellschaftlichen Umgang. Autonom, also für sich selbst zu sprechen und zu handeln, ist in diesem Sinne ein klar liberaler identitätspolitischer Ansatz. Wenn sich eine so verstandene Identitätspolitik jedoch nicht auf Individuen, sondern auf Gruppen bezieht und diese über den Einzelnen stellt, entfernt sie sich vom liberalen Denken und wird anfällig für die Kettenreaktion der Macht:

Die einen bilden Gruppen, um Macht zu erlangen, die anderen bilden Gruppen, um Macht zu bewahren; beide nutzen dieselben Methoden mit unterschiedlichen Zielen; beider Handeln führt dazu, dass Partikulares die Debatte prägt.

Jörg Scheller, Identität im Zwielicht, S. 72

Die Isolierung einzelner Identitätsaspekte und ihre moralische Essentialisierung und Überhöhung hat sich längst auch der sehr erfolgreich im Zwielicht der Identitätspolitik agierende Markt zunutze gemacht. All die fragmentierten Identitätskategorien lassen sich wunderbar zur Ware machen, mit der freilich profitorientierten Zielgruppenorientierung ist das „Targeting“ zur angesagten Kulturtechnik geworden.

Es gilt also aufzupassen, dass aus einem strategischen Essentialismus, der als Durchgangsstadium der Identitätspolitik durchaus angebracht sein kann, nicht schleichend ein habitueller wird, dass man weder die Lebenspraxis aus dem Blick verliert noch das analytische Denken, das einem vor dem Abgleiten ins Partikularistische-Ideologische bewahrt, dass man skeptisch bleibt angesichts institutionalisierender und bürokratisierender Tendenzen, die schnell mit einer reduktionistischen Vereinfachung einhergehen können, und angesichts einer Vereinnahmung durch sich mit Hingabe weiß waschende Unternehmen oder Plattformen, die oft geradezu plakativ mit ihrer Diversität werben, um hinter diesem Deckmäntelchen so manche Ungleichheit besser vertuschen zu können.

Um den Opportunismus der Identitätsökonomie ebenso wie auch die vereinnahmenden Tendenzen verschiedener Identitätspolitiken zu durchschauen und zu konterkarieren, wirft man daher mit dem Autor, der in der Form des Essays elegant die Sphären der Politik und der Kunst zueinanderbringen kann, am besten einen ästhetischen Blick auf all die nebeneinander existierenden und miteinander rivalisierenden Identitäten. Scheller plädiert für eine spielerische, imaginationsreiche Offenheit, die er durch eine Gegenüberstellung der klaren Konturen im Klassizismus Jacques-Louis Davids mit den verschwommenen, fluiden Ansichten William Turners veranschaulicht, in dessen Werk er der schillernden Komplexität der wandelbaren Wahrnehmung mehr Rechnung getragen sieht. In diesem Sinne erscheinen auch Prozesse einer so genannten kulturellen Aneignung, zumal der Begriff des Eigentums für den Bereich der Kultur mehr als fragwürdig ist, keineswegs als Anmaßung, sondern durchweg als positives, konstruktives Handeln, ist ein künstlerischer Rollenwechsel doch untrennbar mit Einfühlung und Empathie verbunden und damit der beste Nährboden für einen respektvollen und wertschätzenden Umgang mit dem anderen.

Jörg Scheller gelingt in seinem mit Zitaten aus einschlägigen und differenzierten Lektüren argumentativ fundierten Essay, kurzweilig und stringent sein Anliegen einer Auslotung der Motive und Schattenbereiche der heutigen Identitätspolitik unaufgeregt und zugleich engagiert zu erfüllen. Erhellend weist er seine Leser auf die Fallstricke hin, die hinter den oft berechtigten Anliegen lauern, wenn die Forderung nach Autonomie und Chancengleichheit umkippt in eine Konkurrenzsituation verschiedener Gruppen oder Opferkategorien oder wenn Fluides behördlich oder geschäftstüchtig festgenagelt werden soll. Und immer bleibt sein Blick auf das Zusammenleben der Menschen in der Gesellschaft gerichtet, einer Gesellschaft, die sich letztlich aus so vielen Identitäten zusammensetzt, wie es Menschen gibt.

Bibliographische Angaben
Jörg Scheller: Identität im Zwielicht — Perspektiven für eine offene Gesellschaft, Claudius Verlag (2021)
ISBN: 9783532628607

Bildquelle
Jörg Scheller, Identität im Zwielicht
 © 2021 Claudius Verlag im Evangelischen Presseverband für Bayern e. V., München

bookmark_borderAngela Lehner: Vater unser

Es dauert nicht lang, bis man als Leser ahnt, dass man ausgerechnet von der Autoritätsperson des Romans, nämlich der Erzählerstimme, ziemlich geschickt in die Irre geführt wird. Die durch die Ich-Perspektive suggerierte Identifikation und ein im Erzählkontext durch Unstimmigkeiten erzeugtes Misstrauen in eine ohnehin charakterlich schwer zu fassende, psychisch labile und provozierende Hauptfigur kommen sich immer wieder in die Quere und geben den spannungsreichen Ton des Romans an, der sekundenschnell vom Witzigen ins Schockierende wechseln kann.

„Na gut“, sag ich und seufze, „ich hab also eine Kindergartenklasse erschossen. Sie wissen schon“, sag ich, „mit einer Pistole.“

Angela Lehner, Vater unser, S. 31

Unzuverlässiges Erzählen gibt es im Grunde schon so lange wie den Roman selbst, auch Cervantes‘ Don Quijote, Apuleius‘ Lucius oder Diderots Jacques ist nicht recht zu trauen, wenn sie ihre Version der Wirklichkeit schildern und so das Fingieren, das dem Erzählen generisch innewohnt, erst recht herausstellen. Und wer gilt in unserer modernen Gesellschaft als unzuverlässiger als eine in ihrer Wahrnehmung gestörte Patientin der Psychiatrie? Angela Lehners Ich-Erzählerin Eva Gruber, die sich schon als Kind von ihren Klassenkameraden anhören musste, dass sie Lügen erzähle, scheint auch als Psychiatrieinsassin Ende 20 einer gut, aber nicht wasserdicht getarnten dichterischen Fantasie zu frönen, die vehementer noch als von Platon traditionell wohl von der katholischen Kirche verdammt wird, welch letztere im Debütroman der Österreicherin eine latent unterdrückerische Funktion einnimmt.

Die keinesfalls auf den Mund gefallene Eva wird zu Beginn der Geschichte also in die Psychiatrie gebracht, weil sie eine Kindergartenklasse erschossen hat — oder dies immerhin behauptet getan zu haben. So ganz zu trauen ist ihrer Aussage nicht. Ähnlich ins Schwanken gerät bald auch der Wahrheitsgehalt der Bemerkungen, die Eva in der Therapiesitzung bei dem ihr zugeteilten Psychiater Doktor Korb wie beiläufig fallen lässt: dass nämlich ihr Vater sich umgebracht habe und ihre Mutter auch tot sei. Stattet die Mutter später doch Eva und ihrem ebenfalls therapeutisch behandelten, schwer traumatisierten Bruder mehrere Besuche in der Psychiatrie ab. Und warum hegt Eva den innigen Wunsch, ihren bereits toten Vater, der nach der Scheidung ihrer Eltern angeblich mit einer neuen Familie zusammenlebe, (nochmals) umzubringen? Es ist beeindruckend und stellenweise richtig unheimlich zu lesen, wie die Autorin dieses zerstörerische Lügenkonstrukt, das sich Eva, natürlich auch zum Selbstschutz ihrer verletzten Psyche, aus verschiedenen Fragmenten der Wirklichkeit und der Fantasie zusammengestrickt hat, in einem ganz lockeren Erzählstil darbietet, der moderat angereichert ist mit einer in deutschen Ohren immer irgendwie lässig wirkenden österreichischen Umgangssprache.

Die Therapiesitzungen, die vor allem im ersten, mit „Vater“ übertitelten, der drei Teile des Romans durch die zugespitzten Dialoge von Therapeut und Patientin eine satirisch-provokative Atmosphäre schaffen, ebenso wie die scharf beobachteten und entlarvenden Szenen menschlicher Verhaltensweisen, die Eva im Psychiatriealltag erlebt, wechseln sich ab mit einzelnen, unzusammenhängenden Erinnerungen, von denen uns die Erzählerin im Präteritum berichtet und in denen ihr gespielt lässiges Auftreten als vorlaute Patientin von einem brüchigeren, verletzlicheren Ich der Vergangenheit abgelöst wird. Doktor Korb, der Eva die Genugtuung einer eindeutigen Diagnose, die leicht von ihr auszuhebeln wäre, nicht geben mag, attestiert seiner Patientin zumindest eine ins Narzisstische gehende Widersprüchlichkeit, die sich in ihren hochgestochenen Ansprüchen an andere zeigt, die sie selbst jedoch nicht erfüllen kann oder mag. Tatsächlich rührt die Unzuverlässigkeit der Protagonistin von einer immer wieder zu Tage tretenden und Verwirrung stiftenden Diskrepanz her, die ihre Wahrnehmung ebenso betrifft wie ihren moralischen Kompass.

Trotz ihrer entlarvenden Beobachtungsgabe und manipulativen Art hat Eva jedoch die Situation längst nicht so im Griff, wie sie sich das in ihrem seit der Kindheit konstruierten Selbstbild vorstellt. Ihre Verdrehungen der Wahrheit sind vor allem ein Schutzpanzer, hinter ihren coolen und dreisten Bemerkungen verbergen sich eine Verletzung und Verwahrlosung, und auch eine Überforderung, die sie sich selbst nicht eingesteht. Gegen eine ernsthafte Aufarbeitung der auf welche Weise auch immer verheerenden Familiengeschichte sträubt sie sich vehement. Selbst wenn sie einen Missbrauch durch den Vater andeutet, zieht sie ihn an anderer Stelle wieder in Zweifel. Gewiss ist nur, dass sowohl sie als auch ihr Bruder in der Kindheit großen Zumutungen ausgesetzt waren, das Bild eines depressiven, alkoholkranken Vaters scheint auf und das einer Mutter, die in ihrer Überforderung ihre Tochter in eine Verantwortung zu drängen schien, die diese ihrerseits überforderte. Zum Vater leuchtet in Evas Erinnerungen immer wieder eine deutlich engere Bindung des Kindes als zur Mutter auf, entsprechend gewaltig entfaltet sich später auch ihr Hass auf ihn, der die Familie angeblich verlassen hat. Oder hat er noch Schlimmeres getan, so schlimm, dass Eva nicht anders konnte, als es zu verdrängen?

Unser Geschwür ist der Vater. Der Vater wuchert uns unter der Haut, er dringt uns aus den Poren. Der Vater kriecht uns den Rachen herauf, wenn wir uns verschlucken. Nein, das innere Kind heilen zu wollen ist Blödsinn. Rache ist die Wurzel alles Guten, Rache stellt das Gleichgewicht wieder her.

Angela Lehner, Vater unser, S. 162

Immerhin benennt Eva den Vater eindeutig als Ursache für das Leid ihres Bruders Bernhard. Mit ungelenken und übergriffigen Aktionen versucht sie in der Psychiatrie daher auch eine Annäherung an ihren Bruder, der an einer schweren Anorexie leidet, mit Infusionen am Leben gehalten wird, und seine plötzlich in der Psychiatrie auftauchende Schwester — wohl nicht zu Unrecht — als existentielle Gefahr einschätzt, der es sich dann aber doch nicht wirklich erwehren kann. Als die ja ihrerseits nicht gerade stabile Eva ihren Plan, den Bruder auf ihre Weise zu therapieren, in die Tat umsetzt, beginnt ein Abenteuer, das kaum gut ausgehen kann…

Je deutlicher die Unsicherheitsstellen in der Familiengeschichte von Eva und Bernhard zutage treten, desto klarer wird, dass sich hinter der Figur des Vaters, wie es schon der Titel nahelegt, nicht nur eine individuelle angeknackste Biographie verbirgt, sondern weiter verzweigte paternalistische Strukturen, die auch das Heimatdorf der beiden in Kärnten dominierten. Immer wieder ist die Rede von Gemeinschaften, die auf dem Prinzip des Ausschlusses basieren, von den anderen im Dorf, die über die Familie redeten, oder von anderen Kindern, die Eva nicht mitspielen ließen. Besonders eindrücklich wirkt die kontrastive Schilderung der zwei Dorfpfarrer, die Evas Kindheit geprägt haben. Während der erste eine Art wohlwollender Väterlichkeit praktizierte, unterband der ihm nachfolgende und schon in seinem Auftreten teuflisch wirkende Pfarrer jede Aufmüpfigkeit von Seiten der Kinder, indem er seine strafende Autorität mit einer auf Exklusion zielenden Sündenbockmethode sicherte: Wer sich seinem Willen nicht beugte, wurde von ihm und der ganzen Schulklasse ausgelacht, was Eva als weitaus schlimmer und erniedrigender als eine körperliche Züchtigung in Erinnerung hat. Das Lachen spielt auch in anderen Situationen eine wichtige Rolle, als Kind lachte sie gemeinsam mit dem Vater, um ihre im Nachhinein lächerlich erscheinende Angst abzubauen, und auch mit Doktor Korb gibt es einen Moment, in dem sich die Spannung in einem gemeinsamen Lachen auflöst. So erscheint das insgesamt deutlich symbolisch aufgeladene Lachen im einen Moment dämonisch, im anderen befreiend und bringt über seine soziale Funktion hinausgehend das Element des Blasphemischen und Satanischen in einen auch sonst mit christlicher Motivik angereicherten Roman, der in Umberto Ecos reaktionärer Klosterwelt wohl ziemlich sicher auch einer Vergiftung anheimgefallen wäre.

Und so wie einem beim Lesen immer wieder das Lachen im Halse stecken bleibt, bewegt sich auch der übrigens äußerst kurzweilige Text stets an der Kippe zwischen witzig und tragisch: ein Borderliner, wie seine ziemlich überdrehte und doch immer wieder auch faszinierende Erzählerin Eva.

Bibliographische Angaben
Angela Lehner: Vater unser, Hanser Berlin (2019)
ISBN: 9783446262591

Bildquelle
Angela Lehner, Vater unser
© 2019, Carl Hanser Verlag, München

bookmark_borderCharles Ferdinand Ramuz: Derborence

Hörfassung der Rezension

Zweimal, 1714 und 1749, wurde der im Schweizer Wallis gelegene Talkessel von Derborence von Bergstürzen heimgesucht, die mit zerstörerischer Wucht eine Schar von Bergbauern, ihr Vieh und ihre Chalets unter sich begruben und zwei Jahrhunderte später Charles Ferdinand Ramuz zu seinem Roman inspirierten. Nach dem ersten Sturz 1714 benannte man die Berge um in „Diablerets“, also Teufelsberge oder Teufelshörner; ein im Wallis ansässiger Pfarrer, dessen Aufzeichnungen erhalten sind, machte sich an den Ort der Katastrophe auf, um dort den Teufel auszutreiben, der in den Augen der Einheimischen das Unglück verursacht hatte. Sein Bericht ist die Vorlage für Ramuz, der in einem radikal reduzierten und zugleich radikal zärtlichen naturpoetischen Stil die existentielle Bedeutung dieses Naturereignisses für die Bewohner der Bergregion in einem kargen und eindringlichen Prosatext zum Ausdruck bringt.

Charles Ferdinand Ramuz (1878-1947) ist einer der bedeutendsten Schriftsteller der frankophonen Schweiz, zu seinem Werk zählen neben Lyrik, (Musik-)Theater und Essays 22 Romane, von denen längst nicht alle ins Deutsche übersetzt sind. Nun hat der Schweizer Limmat Verlag eine neue deutsche Auflage von Derborence herausgebracht, in der Übersetzung des inzwischen ebenfalls verstorbenen Schweizers Hanno Helbling.

Auch wenn der Protagonist des Romans weniger ein einzelnes Individuum ist als die ganze von dem Unglück betroffene Bergregion, oder vielleicht auch der Berg selbst, zeichnen sich die Konturen zweier Figuren doch ein wenig schärfer ab, nämlich die des frisch verheirateten Paares Antoine und Thérèse. Antoine begibt sich zu Beginn der Geschichte zusammen mit anderen Bergbauern, darunter auch Thérèses Onkel Séraphin, für einige Wochen im Sommer auf eine Berghütte, um dort oben das Vieh zu hüten. Des Nachts werden sie von dem herabstürzenden Berg überrascht, der alle Hirten und alles Vieh unter sich begräbt. Die Nachricht von dem Unglück erreicht kurz darauf auch die Bewohner von Derborence, die ihre Männer, Väter und Söhne kollektiv betrauern, aber ohne Leichname nicht bestatten können. Zwei Monate später taucht Antoine im Dorf auf, bärtig und abgemagert wie ein Gespenst, als das er den Bewohnern und zunächst auch seiner Frau Thérèse erscheint. Ist er ein wandelnder Geist, der ohne christliches Begräbnis noch nicht zur Ruhe gekommen ist? Während die Dorfbewohner Antoine umscharen und befragen und sich allmählich von seiner Lebendigkeit überzeugen lassen, wagt sich dennoch kaum jemand zur Unglücksstelle zurück. Als Antoine erfährt, dass niemand von den anderen lebend vom Berg zurückgekommen ist, lässt er sich nicht davon abbringen, dorthin zurückzukehren, um seinen verschütteten und aller Wahrscheinlichkeit nach längst toten väterlichen Freund Séraphin aus den Trümmern zu befreien. Einzig Thérèse, die den wie durch ein Wunder ins Leben zurückgekehrten Mann und Vater ihres ungeborenen Kindes nicht ein zweites Mal verlieren will, ist fest entschlossen, ihn ins Dorf zurückzuholen…

Ramuz schreibt sich in diesem Roman an die Essenz des Daseins heran. Hinter dem vordergründigen Regionalismus seiner lokal verankerten Erzählung, in die er die Namen der Bergdörfer ebenso mit aufnimmt wie die Sprachen und Dialekte, die sich in dieser Alpenregion mischen, das Schweizerdeutsch, das Frankoprovenzalische, hinter einer archaisch wirkenden bäuerlichen Welt, scheint gerade angesichts des harten, der Natur auf Gedeih und Verderb ausgesetzten Lebens in den Alpen immer wieder die conditio humana auf. So wird das Dasein der Menschen dort ganz von den Jahreszeiten geprägt, die bestimmen, wann die Männer mit dem Vieh auf die Alpe gehen oder wie die Gemüsegärten bewirtschaftet werden. Das Wirtshaus als lokaler Treffpunkt der Männer nach getaner Arbeit ist ein Ort der dörflichen Gemeinschaft, der Kollektivität, die auch den Umgang mit dem Tod, die Rituale der Trauer charakterisiert. Selbst der regionale Aberglauben, die Furcht vor dem Werk des Teufels, erhält in der Geschichte angesichts der Katastrophe, mit der die Dorfbewohner umgehen müssen, eine mythische Kraft, die im narrativen Kontext jedoch alles andere als lächerlich, sondern irgendwie sehr nachvollziehbar wirkt. Ramuz konfrontiert seine Figuren mit existentiellen Situationen, in denen sie auf das Äußerste, was das Menschsein ausmacht, zurückgeworfen werden. So bremst Antoine, als er von seinem Überleben unter dem Geröll erzählt, seine Zuhörer, die wissen wollen, wie er so lange seinen Hunger und Durst gestillt habe:

„Ihr habt es zu eilig; die Luft, die ist noch wichtiger als das Brot und das Wasser; und da war ich nun zufrieden, weil ich sah, dass mir wenigstens die Luft nicht fehlen würde, wegen der Löcher überall zwischen den Steinen, die aufeinander getürmt waren, eine große Masse, aber voll von Ritzen, wo die Luft hereinkonnte, und darunter hab ich auf allen vieren herumkriechen können, aufstehen nicht; und so hab ich gesehen, dass ich Glück hatte […]“.

Ramuz, Derborence

Es sind universelle Themen, von denen diese Geschichte erzählt: von der Angst und vom Tod, und nicht zuletzt auch von der Liebe, von einer großen Liebe ohne große Worte, die Verständigung vollzieht sich hier jenseits der Sprache. Und so besiegt am Ende die Menschlichkeit wenn auch nicht die Natur, so doch die Angst und den mythischen Zauber, als nämlich eine schwangere Frau den größten Mut und die größte Entschlossenheit von allen beweist. Ihre Liebesgeschichte ist umso berührender, als sich die innige Verbundenheit des Paares ganz schlicht und fast unmerklich aus der Schroffheit der Berglandschaft herausschält:

Er schwingt die Hacke, er schlägt herab.
Sie muss nur darauf hören, woher der Ton kommt; sie bleibt stehen, geht weiter. Sie umgeht noch diesen Felsblock, jenen noch; dann werden die Blöcke kleiner, rücken zusammen, türmen sich gleichzeitig auf, bilden wie Stufen einer [sic!] Treppe, die sie hinaufsteigt; in dieser Einöde, wo nie eine Frau sich allein hineingewagt hätte, doch sie ist nicht allein, ihre Liebe ist da, und die Liebe begleitet sie, treibt sie vorwärts.

Ramuz, Derborence

So eigen wie die Bergbewohner und ihre Umgebung ist auch die Sprache, die Ramuz für seinen Roman verwendet. Zugleich einfach und expressiv, nimmt sie die lokale Umgangssprache in sich auf und brachte dem Schriftsteller erst Kritik ein, während Kollegen wie Céline oder Claudel sie bewunderten. Seine Texte zeigen, dass sich Regionalismus und Avantgardismus nicht ausschließen; so arbeitete Ramuz zum Beispiel auch mit Igor Strawinsky zusammen, schuf mit ihm mehrere (Bühnen-)Werke. In seinem Roman Derborence fällt auf, wie seine epische Prosa immer wieder in Poesie übergeht, insbesondere dann, wenn die Natur in den Vordergrund tritt. Schönheit und Kargheit, Gewalt und Zartheit liegen dann oft ganz nah beieinander. So entsteht etwa eine unaufdringliche, stille Form der Melancholie, wenn er dem Klang des Wortes Derborence nachspürt:

Derborence, das Wort klingt sanft; sanft und etwas traurig klingt es in uns nach. Es beginnt mit einem festen und bestimmten Laut, dann zögert es und sinkt, noch während man es klingen lässt, ins Leere: Derborence; als wollte es so auf den Untergang, auf die Einsamkeit und das Vergessen deuten.

Ramuz, Derborence

Immer wieder geht der Text in poetische Naturbeschreibungen über, die man heute wohl mit dem Begriff des Nature Writing bezeichnen würde; die Dorfbewohner leben mit einer großen Selbstverständlichkeit mit der Natur und haben zugleich auch eine unverbrüchliche Achtung vor ihr, sie erscheint an vielen Stellen selbst personifiziert: eine Respektsperson, mit der man tagtäglich umgehen und der man sich fügen muss, die einem vertraut ist, die man inwendig kennt und die doch auch eine Unberechenbarkeit in sich trägt, die man nie unterschätzen darf:

Sie […] schauten zum Bach hinüber, sie sahen, wie die großen Steine auf dem Grund seines Bettes nun trocken wurden, zwischen sich ganz stille Tümpel stehen ließen, und diese Tümpel glänzten wie Brillengläser. Die starke Stimme des Wassers ist verstummt, die sie mit dem Ohr unwillkürlich wiederzufinden versuchen, dort, wo sie hätte sein müssen und in der Luft, wo sie nicht mehr war, und sie wunderten sich über diese neue Stille, und gleichzeitig fügten sie sich ihr. Denn sie verstummten einer nach dem anderen, und dann machten sich die vom Sanetsch und die vom Anzeindaz auf den Heimweg.

Ramuz, Derborence

In der Bergwelt von Derborence hat man auf die Natur zu hören gelernt, lauscht man in beständiger Achtsamkeit ihrer Stimme; denn die eigene menschliche Existenz hängt ja davon ab, ob es gelingt, im Einklang mit ihr zu leben:

Und da seufzt einer von ihnen; und da seufzt auch der Berg, er hebt schwer seine steinerne Brust, lässt sie schwer wieder sinken.

Ramuz, Derborence

Diese selbstverständliche Ehrfurcht haben wir in den modernen Städten aufgewachsenen Menschen heute wohl so gut wie verloren, bei der Lektüre dieses wunderbaren Textes erinnert man sich daran, mit Ehrfurcht, aber keineswegs mit Selbstverständlichkeit.

Bibliographische Angaben
Charles Ferdinand Ramuz: Derborence [1934], Limmat (3. Aufl., 2021)
Aus dem Französischen übersetzt von Hanno Helbling
ISBN: 9783857914393

Bildquelle
Charles Ferdinand Ramuz, Derborence
© 2021 Limmat Verlag AG, Zürich

bookmark_borderBenedict Mirow: Die Chroniken von Mistle End 2 — Die Jagd beginnt

Nachdem ich den ersten Band mit großer kindlicher Freude verschlungen und mit — etwas erwachsenerer — Begeisterung für seine originellen Einfälle in diesem ja nicht gerade konkurrenzlosen Kinderbuchgenre rezensiert hatte (Rezension vom 16.7.2020), war ich gespannt auf die Fortsetzung. Tatsächlich geht es fantasievoll und spannungsreich weiter, mit einer gut konstruierten Handlung, die dieses Mal an einen anderen Schauplatz führt, nämlich nach London, und für die sich der Autor einige neue, teils beunruhigende, teils faszinierende fantastische Gestalten ausgedacht hat. Während die in sich gespaltene Gruppe der in London regierenden Vampire durch familiäre Verflechtung zugleich als Verbündete und als mächtige und schonungslose Gegner der bunten Gemeinschaft von Mistle End auftreten, steht im pulsierenden Zentrum dieses Bandes auf jeden Fall die kleine Gauklertruppe, die sich aus noch ausgefalleneren magischen Gestalten zusammensetzt als die Bevölkerung von Mistle End. Diese Außenseiterfiguren sind es auch, die Cedric und seinen Freunden in der Gefahr tapfer und unkonventionell beiseitestehen, als durch den Raub eines magischen Buches die Sicherheit Mistle Ends in Gefahr gerät. Und umgekehrt setzt sich auch Cedric mit seinen allmählich intuitiveren Druidenkräften und gemeinsam mit seinen Freunden für sie ein, als ihre vor den Vampiren geschützte Existenz in London bedroht wird. Ein von Emilys Gestaltwandlungen total begeisterter Werwolf, ein eher unheimliches Wasserwesen und eine afrikanische Voodoo-Zauberin sind nur ein paar Beispiele für die Vielfalt der herrlich schrillen und warmherzigen Gauklertruppe.

Hingegen stecken die bereits bekannten Hauptfiguren im Vergleich zum ersten Band etwas zurück, es gibt weniger Szenen zum Schmunzeln zwischen den drei Freunden. Trotzdem halten sie natürlich fest zusammen und besonders Emily fasziniert immer wieder mit ihrer intelligent und mutig eingesetzten gestaltwandlerischen Gabe. Schade finde ich jedoch, dass Crutch, der als Widerpart Cedrics im ersten Band noch offen und ambivalent ausgelegt war, nun doch deutlicher ins feindliche Lager geschoben wird, auch wenn Cedric, aber auch nur er, ihn noch nicht ganz aufgegeben zu haben scheint. Mal abwarten, was der Autor im dritten Band mit dieser Figur noch vorhat. Denn eine weitere Fortsetzung wird es ganz bestimmt geben, die Vorausdeutungen auf neues drohendes und gewiss wieder für spannende Abenteuer sorgendes Unheil sind zahlreich in diesem zweiten Band.

Hier geht es zur Rezension des ersten Bandes: Die Chroniken von Mistle End 1 — Der Greif erwacht.

Bibliographische Angaben
Benedict Mirow: Die Chroniken von Mistle End 2 — Die Jagd beginnt, Thienemann-Esslinger (2021)
ISBN: 9783522185721

Bildquelle
Benedict Mirow, Die Chroniken von Mistle End 2
© 2021 Thienemann-Esslinger Verlag GmbH, München

bookmark_borderSteve Sem-Sandberg: Der Sturm

Der skandinavische Schriftsteller Steve Sem-Sandberg setzt sich in seinen Romanen (z.B. Die Erwählten oder Die Elenden von Łódź, und ganz neu erschienen: W über das historische Vorbild von Büchners Woyzeck) gerne auf eine ganz besondere Art mit der Geschichte auseinander. Vergangenheits- und Erinnerungsarbeit strukturieren auch den 2019 auf Deutsch erschienenen Roman Der Sturm. Er setzt ein mit einer Rückkehr wider besseres Wissen, und dieses anfangs noch unklare Gefühl der Bedrohung bleibt bis zum Ende des stimmungsvollen Romans erhalten.

Es ist der Ich-Erzähler, Andreas Lehman, selbst, der dieses Gefühl immer weiter nährt. Trotzdem kann er nicht anders, als nach dem Tod seines Ziehvaters Johannes auf die Insel zurückzukehren, auf der er aufgewachsen ist. Während er im sogenannten Gelben Haus, in dem er mit seiner Schwester Minna von Johannes aufgenommen worden war, als ihre Eltern verschwanden, den Nachlass sichtet, hat er den Eindruck, dabei von so manch zwielichtigen Inselgeschöpfen feindselig beäugt zu werden. Zugleich kommen, je länger er sich auf der Insel aufhält, immer drängendere, wenngleich zunächst recht unzusammenhängende Erinnerungen hoch. Sem-Sandberg gestaltet sie sinnlich und verstörend, szenisch dicht und doch bruchstückhaft, wie kleine klärende Risse in einem Nebelfeld, die wieder neue Rätsel aufwerfen.

Da tritt uns seine rebellische große Schwester ganz lebendig und als schwer fassbares, widersprüchliches Wesen entgegen, das den kleinen, die Schwester fast devot-voyeuristisch bewundernden Bruder in grenzwertige, demütigende Streiche hineinzog. Eher schemenhaft nehmen die amerikanischen Eltern der beiden Kontur an, die angeblich bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kamen, und deren in die Zeit des Krieges zurückreichende Verbindung zur Insel der Ich-Erzähler erst nach und nach auf die Spur kommt. Die dominierende Figur wird in Andreas Erinnerung aber der alte Kaufmann, der einst fast die ganze Insel besaß und idealistische Pläne für sie ersann, nach dem Krieg jedoch den Hass der Bewohner auf sich zog. Er erinnert nicht zufällig an Shakespeares Inselkönig Prospero aus dem Stück, das denselben Titel trägt wie Sem-Sandbergs Roman. Natur und Metapher, Natur und Mythos sind in diesem Text nämlich eng verwoben. So ereignet sich auch kein Sturm im meteorologischen Sinne während der Romanhandlung, Schneeschauer und dichte winterliche Nebelfelder, von den Bewohnern der Insel „Bleiche“ genannt, jedoch umso häufiger. Ja letztere sind gewissermaßen Grundstimmung und Kompositionsprinzip dieses so eindringlichen und suggestiven Romans, der einen auf schmerzhafte Weise in Bann schlägt und vor allem mit seiner Sprachpoesie verzaubert wie Prospero seine gestrandeten Übeltäter.

Tatsächlich verrät gerade die Ambivalenz, die dieser Shakespeareschen Figur innewohnt, einiges über sein Alter ego Kaufmann im Roman, der sich vom Idealisten und philanthropischen Träumer zum Kollaborateur und schließlich zum Sündenbock für die Inselbewohner wandelt. Während Kaufmann vor dem Krieg auf der Insel eine erste Kolonie in Form eines sozialutopischen Falanstère wohl nach dem Vorbild Charles Fouriers begründete, in der er neue Anbaumethoden anwandte, verstieg er sich mit seinen landwirtschaftlichen und biologischen Feldforschungen während des Krieges womöglich bis hin zu Menschenexperimenten — so der Verdacht, der sich Andreas bei seinen Nachforschungen in der Vergangenheit immer mehr aufdrängt.

Doch der Autor lässt uns absichtlich im Ungewissen darüber, was tatsächlich passiert ist. Wie in Shakespeares Stück überlagern sich Traum und Wirklichkeit und verweisen sehr oft auf die metaphorische Struktur des Unterbewusstseins. Das weiße Pferd, das Andreas wiederholt beim Träumen beobachtet, scheint mir hier ein zentrales Motiv zu sein, wie ein Hinweis auf die poetische Anlage des Romans. Harmlos wird das Geschehen dadurch nicht, im Gegenteil kippen Sehnsucht, Schönheit und Traumhaftes immer wieder um in eine fast mythische Gewalt, als würde ein Fluch auf der Insel liegen. Gut und böse gehen ineinander über, sind fluide Kategorien, und das Monströse lauert eben nicht nur im optisch Furchteinflößenden, auch wenn dieses wunderbar zum Sündenbock taugt. Auch dem Erzähler selbst ist nicht recht zu trauen: Was entspringt seiner Fantasie, seinem Schmerz, seiner Kränkung, einer Verletzung, was ist echte Erinnerung oder rationale Erkenntnis, was Unterstellung, Hoffnung, Fiktion oder gar Wahn?

Gar nicht traumhaft, sondern schmerzhaft real ist jedoch der Griff der Vergangenheit nach der Gegenwart, der nicht durch einen mythischen Fluch, sondern durch die Ängste und Aggressionen der Menschen ausgelöst wird. Warum setzt sich die Gewalt, die während der Besatzungszeit verübt wurde, über die Generationen hinweg fort, warum hören die Anfeindungen nicht auf? In Sem-Sandbergs Text deutet sich eine Erklärung an:

[Ich begreife] mit einem Mal, dass der Niedergang nicht so sehr eine Folge der auf der Insel herrschenden Inzucht war, […] sondern dass einfach alle in sich selbst feststeckten und es der Stummheit und dem Schweigen am Ende gelungen war, jeden nur möglichen Ausgang zu versperren. Oder war es etwa so, dass man schwieg, weil man einfach nicht zu reden vermochte, denn wenn man das, was man wusste, in Worte fasste, würde man auch den eigenen passiven Anteil am Geschehen eingestehen müssen und somit auch die eigene Schuld daran, dass alles immer so weitergehen konnte, ohne dass jemand etwas sagte oder auch nur die geringste Anstrengung unternahm, um die Sache ans Licht zu bringen, das aber wäre einfach zu viel gewesen. Dann schon besser, dass Kaufmann für alles die Verantwortung bekam, schließlich war er ja doch nicht ganz richtig im Kopf.

Sem-Sandberg, Der Sturm, S. 192

Sem-Sandberg entlässt seine Figuren anders als Shakespeare in seinem Stück nicht durch einen Zaubertrick aus der Verantwortung ihres Schweigens, ihrer Schuld, ihrer Gewalt. Und doch bricht beim Lesen immer wieder etwas Leuchtendes herein, kann man sich, wie beim Zusammensetzen eines alten Puzzles, von dem einige Teile für immer verloren gegangen und andere durch strahlendere neue ersetzt worden sind, dem Sog der sich immer wieder entziehenden, aber intensiven, magischen Geschichte kaum entziehen. So gewährt die Lektüre dem mutigen Leser einen schockierenden und betörenden Einblick in die schillernde Komplexität des menschlichen Seins und Handelns.

Bibliographische Angaben
Steve Sem-Sandberg: Der Sturm, Klett-Cotta (2019)
Aus dem Schwedischen übersetzt von Gisela Kosubek
ISBN: 9783608981209

Bildquelle
Steve Sem-Sandberg, Der Sturm
© 2019 Klett-Cotta Verlag, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Stuttgart

bookmark_borderToon Horsten: Der Pater und der Philosoph — Die abenteuerliche Rettung von Husserls Vermächtnis

Der belgische Autor Toon Horsten begibt sich in einem spannenden Sachbuch auf die kaum bekannte und doch so tiefe Spur, die sein Verwandter, der Pater Herman Leo Van Breda (1911-1974), in der an prominenten Namen reichen Philosophiegeschichte des 20. Jahrhunderts hinterlassen hat. Ohne Van Breda hätte die Philosophiegeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg vielleicht eine andere Richtung eingeschlagen; nicht dank einer besonderen philosophischen Theorie, die er selbst geformt hätte, sondern dank einer im Nachhinein wahrhaft spektakulären Rettungsaktion, die der junge Pater während des Krieges unternahm und die ein archivarisches und wissenstransferierendes Werk in Gang setzte, dem er sich ein Leben lang mit vollem Einsatz verschreiben würde.

Van Breda trat als junger Mann dem Franziskanerorden bei, ließ sich zum Priester weihen und studierte an der katholischen Universität Leuwen Philosophie. Besonders angetan hatte es ihm die Philosophie Edmund Husserls, der mit der von ihm entworfenen Phänomenologie viele Denker des 20. Jahrhunderts nachhaltig prägen sollte, darunter Martin Heidegger, Maurice Merleau-Ponty, Emmanuel Levinas. Für seine Dissertation reiste Van Breda 1938 zu Husserls Witwe Malvine nach Freiburg. Die beiden verstehen sich auf Anhieb gut, und so vertraut Malvine dem jungen Belgier die nachgelassenen und bisher unveröffentlichten Handschriften ihres Mannes an, deren philosophiegeschichtliche Bedeutung Van Breda sofort erkennt. Tatsächlich gelingt es ihm, nicht nur etwa 40.000 Manuskriptseiten, sondern auch Teile der Bibliothek Husserls und zuletzt auch Malvine selbst aus dem nationalsozialistischen Deutschland hinauszuschleusen. Die Husserls waren ursprünglich jüdischen Glaubens, weshalb das Werk des Philosophen ebenso wie das Leben seiner Witwe von der Auslöschung durch die Nationalsozialisten akut bedroht waren. Auf ehemalige Weggefährten wie Martin Heidegger, der sich noch zu Husserls Lebzeiten von ihm distanzierte, war kein Verlass mehr.

Welche Kraftanstrengungen, Versteckspiele, Überredungskünste Van Breda unternimmt, um den philosophischen Schatz nicht nur zu retten, sondern dann auch der Öffentlichkeit und der Nachwelt zugänglich zu machen, welche Hartnäckigkeit er an den Tag legt, welche Widerstände er umschifft, welche Umwege er auf sich nimmt, bis er endlich das Husserl-Archiv in Leuwen gründen und in der Folge am Leben halten kann, schildert der Autor Toon Horsten historisch detailliert und zugleich so mitreißend, wie es einem Sachbuch eben noch angemessen ist. Schön ist dabei auch, dass er Van Bredas unermüdlichen Einsatz und sein unbestreitbares Talent als akademischer Netzwerker avant la lettre herauszustellen vermag, ohne ihn zum einzelkämpferischen Helden zu verklären. Die vielen Unterstützer und Mitstreiter im Dienste der Wissenschaft und der Mitmenschlichkeit, die er um sich schart, haben in diesem bewegenden Geschichtsbuch ebenfalls ihren Platz. Um etwa Husserls in der sogenannten Gabelsberger Stenographie niedergeschriebene Manuskripte zu transkribieren, brauchte es Expertise. Eindrücklich ist mir hier die Schilderung im Gedächtnis geblieben, wie das jüdische Ehepaar Strasser während des Krieges 25 Monate lang im geheimen Unterschlupf für Van Breda Husserls Schriften transkribiert. Auch wenn nicht immer ganz zu trennen ist, ob Van Breda hier vor allem im Sinne der Philosophie oder der Menschen handelt, so übernimmt er in den Kriegs- und Besatzungszeiten immer wieder Verantwortung auch für die Menschen, die mit ihm zusammen arbeiten, und für ihre Familien. Er hilft, wo er kann, und kümmert sich, geht aber auch taktische Kompromisse ein und nutzt seine Kontakte zu den nachsichtigeren Vertretern des Besatzungsregimes.

Nach dem Krieg ist Van Bredas Lebensprojekt, die Archivierung und Veröffentlichung von Husserls Werk, noch lange nicht abgeschlossen, im Gegenteil. Das Feilschen um Mitarbeiter, um Gelder, um Kontakte, um Aufmerksamkeit nimmt nun erst recht an Fahrt auf. Während in Frankreich mit dem Existentialismus das Interesse für Husserls Phänomenologie auf einmal merklich steigt und Van Breda hier einige wertvolle Kontakte knüpfen kann, tauchen an anderer Stelle neue Widerstände auf, wie die nach dem Krieg wieder aufflammende Rivalität zwischen den frankophonen und den flämischen Gruppierungen innerhalb Belgiens und auch innerhalb Leuwens, dem Standort des Husserl-Archivs. Auch den Einfluss der katholischen Kirche auf manche Wissenschaftsinstitutionen gilt es im Sinne von Husserls Erbe auszutarieren. Da steht der Pater als Vertreter der Kirche und der Wissenschaft bisweilen gefährlich zwischen den Stühlen.

Trotz der großen Faszination für Van Bredas Wirken lässt der Autor in seinem deutlich um Objektivität bemühten Text auch kritische Stimmen zu Wort kommen, er verherrlicht seinen Protagonisten und Verwandten an keiner Stelle, thematisiert vielmehr auch seine schwierige, impulsive Wesensart, die wohl auch mit seinem sich mit der Zeit immer mehr verschlechternden Gesundheitszustand — der Pater litt an Diabetes — zusammenhing, den er nach Kräften zu verdrängen suchte. Auch Van Bredas eher nachlässiger Umgang mit dem Werk der Philosophin und Karmelitin Edith Stein, einer Assistentin Husserls, die später im KZ umkam und deren Denken er im Vergleich zu dem Husserls geringschätzte, wird von Toon Horsten im philosophiegeschichtlichen Kontext eingeordnet und korrigiert.

So schenkt einem die Lektüre dieser doppelten Biographie — derjenigen des Paters und Begründers des Husserl-Archivs Van Breda sowie derjenigen des Nachlasses von Husserl –, die sich passagenweise wie ein Roman liest, ohne die sachliche Ebene der Fakten je aus dem Blick zu verlieren, aus einer ungewöhnlichen Perspektive heraus einen tiefen historischen Einblick in das Schicksal und Handeln einzelner Menschen in einer vom Schatten der Kriegsgewalt verfinsterten Zeit.

Bibliographische Angaben
Toon Horsten: Der Pater und der Philosoph — Die abenteuerliche Rettung von Husserls Vermächtnis, Galiani Berlin (2021)
Aus dem Niederländischen übersetzt von Marlene Müller-Haas
ISBN: 9783869712116

Bildquelle
Toon Horsten, Der Pater und der Philosoph
© 2021 Galiani Berlin bei Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co KG, Köln

bookmark_borderShida Bazyar: Drei Kameradinnen

Ausgehend von einem „fait divers“, einem Brand in einem Mietshaus, in den ihre Freundin aus Kindheitstagen verwickelt sein soll, entwirft die Autorin mit der Stimme ihrer Ich-Erzählerin Kasih eine ebenso provozierende wie berührende Empörungserzählung über Diskriminierung, rechte Gewalt und das stigmatisierende Bewusstsein einer „anderen“ Herkunft, das nicht nur die so genannten privilegierten Teile der Gesellschaft mit ihren unhinterfragten Vorurteilen verinnerlicht haben, sondern auch diejenigen, die als „andere“ in dieser Gesellschaft aufgewachsen sind. Denn die drei Protagonistinnen, die drei Freundinnen Kasih, Saya und Hani, betrachten sich immer auch in diesem gesellschaftlichen Spiegel, ob sie sich nun dagegen auflehnen, ihn vorausschauend antizipieren oder — und das gelingt der Autorin mit diesem intelligent konstruierten, vielschichtigen Roman — seine Funktionsweise entlarven.

So ist die Freundschaft der drei jungen Frauen, die im gleichen Wohnviertel am sozialen Rand einer größeren deutschen Stadt aufgewachsen sind, deren kulturell-geographische Herkunft uns die Autorin jedoch absichtlich vorenthält, zugleich eine Kameradschaft, der Titel spielt wohl nicht zufällig auf ein Buch von Erich Maria Remarque über drei Freunde und Kameraden aus dem Ersten Weltkrieg an. Bazyars Kameradinnen halten auf keineswegs reibungslose, aber umso intensivere Weise in einer anderen Art von Krieg zueinander, der seine böseste Fratze in den NSU-Morden zeigt, deren Nachwirkung im Roman eine wichtige Rolle spielt.

Dass dieser Roman so gelungen ist, liegt in meinen Augen an seiner ausdrücklichen Subjektivität, die zum einen aus wunderbar lebendigen und eigenwilligen Figuren besteht, die aus „Personen mit Migrationshintergrund“ Menschen mit ganz individuellen Lebensgeschichten, Prägungen und Gefühlen macht, vor denen sich dann so manche geteilte unangenehme Erfahrung umso schockierender abhebt. Zum anderen entsteht auf diese Weise ein literarischer Ton, der Betroffenheit und (Selbst-)Ironie, Empörung und Humor zusammenführt und so das Kunststück vollbringt, gerade im Gewand der provozierenden Beschimpfung des fingierten privilegierten deutschen Lesers ohne Migrationshintergrund einer nur polarisierenden und moralisierenden Vereinfachung zu entgehen. Denn die Erzählung will gar nicht fair sein, die Erzählerin stellt ihre Voreingenommenheit und die ihrer Freundinnen bewusst zur Schau, der Diskriminierungsvorwurf ist schnell zur Hand und wird auch in vielen subtilen kleinen Beispielen quasi empirisch belegt, aber im literarischen Subtext werden einzelne Vorfälle zwar nicht relativiert, aber doch aus einem zu einfachen Polarisierungsmuster befreit, und damit das vorschnelle Urteilen über andere entlarvt. Die Dialoge sind oft hitzig, emotionale Gefechte, und je nach Perspektive und Einfühlung erscheinen die Verhaltensweisen der anderen und selbst die eigenen Gefühle oder Ansichten in einem anderen Licht.

Ich saß dann irgendwann schon wieder auf einer Bank und sah den Tanzenden zu, das hat ja auch was, einfach eine Beobachterin zu sein, auch wenn ich, sobald ich selbst auf der Tanzfläche bin, allen Beobachtern irgendeine Perversion unterstelle.

Shida Bazyar, Drei Kameradinnen

Was Kasih hier an sich beobachtet, die Abhängigkeit von der Perspektive, die man jeweils einnimmt, charakterisiert die Erzählung insgesamt, die auf geschickte uns sehr lesenswerte Weise damit spielt und uns so auch dazu anstößt, den Platz, den wir anderen in der Gesellschaft zuschreiben und auch den, den wir selbst in ihr einnehmen, zu hinterfragen.

Bibliographische Angaben
Shida Bazyar: Drei Kameradinnen, Kiepenheuer&Witsch (2021)
ISBN: 9783462052763

Bildquelle
Shida Bazyar, Drei Kameradinnen
© 2021 Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co KG, Köln