bookmark_borderAstrid Seeberger: Goodbye, Bukarest

Astrid Seebergers (auto)biographisch motivierter Roman ist, wie schon der Vorgänger, Nächstes Jahr in Berlin, eine historische Spurensuche in literarisierter Form, mit der sich die Autorin den blinden Flecken in der Vergangenheit ihrer Familie anzunähern versucht. Diesmal geht es um Bruno, den Bruder ihrer Mutter, der angeblich in Stalingrad gefallen ist, was, wie sie später erfährt, jedoch nicht der Wahrheit entspricht. Doch außer Brunos Namen besitzt sie kaum Anhaltspunkte, lediglich eine Fotografie von Chopin, dem er sehr ähnlich gesehen haben soll, und wenige unbekannte Namen im Adressbuch ihrer verstorbenen Mutter. So trifft sich die Erzählerin, in deren literarische Haut die Autorin schlüpft, nacheinander mit Menschen, die eine Zeitlang Brunos Weggefährten waren, und nach und nach nimmt seine Geschichte, vermittelt über die Erinnerungen ihrer Gesprächspartner, Gestalt an. Auch wenn sie erst einmal eher schemenhaft bleibt, im Vergleich zu den viel plastischer und eindrücklicher wirkenden Lebensgeschichten der Weggefährten, denen die Autorin großen Raum gewährt. Doch gerade dadurch bekommt der Roman eine über die rein biographische Aufarbeitung einer Familiengeschichte hinausgehende historisch-gesellschaftliche Dimension und eine fiktionale Verdichtung. Er wird zum Epochenbild, in dem sich verschiedene, von Krieg, Repression und Diktatur geprägte Schicksale spiegeln.

Den tiefsten Eindruck hat in mir die Schilderung der Gefangenschaft im Strafgefangenenlager in Sibirien hinterlassen, vielleicht das Herzstück des Romans, da hier die fast unmögliche Liebesgeschichte von Bruno und Dinu ihren Anfang nimmt. Erzählt wird diese Episode aus der Perspektive des ersten Gesprächspartners der Erzählerin, Dmitri Fjodorow alias Hannes Grünhoff, der, Sohn eines russischen Vaters und einer deutschen Mutter, nach dem Kriegstod des Vaters und der Deportation seiner Mutter in ein sowjetisches Lager, obwohl er fast noch ein Kind ist, seinerseits in ein Lager gebracht wird: in dasselbe, in dem auf verschiedenen Wegen auch der rumänische Komponist Dinu und der deutsche Pilot Bruno landen, mit denen er Freundschaft schließt. In zugleich rauen und poetischen Bildern wird in der Erinnerung von Dmitri/Hannes sowohl das harte, gefährliche Leben im Lager lebendig als auch die Verlorenheit des Jungen, der er damals war, und der trotz der von tiefem Vertrauen geprägten und für ihn in dieser Situation vielleicht lebensnotwendigen Verbundenheit mit den beiden Männern letztlich nur die Rolle des Dritten im Bunde einnimmt, was er damals eher ahnt als wirklich versteht. Mit der Zeit im Lager endet dann auch Hannes‘ Zeugenschaft, Bruno und Dinu gelangen auf Umwegen nach Bukarest zu Dinus Schwester, und eine neue Dreieckskonstellation beginnt, in einem Land, in dem sie sich, erst recht als homosexuelles Paar, bald kaum weniger unfrei fühlen als im sibirischen Arbeitslager.

Astrid Seeberger schreibt in einem nachdenklichen, poetisch angereicherten Stil, in kurzen Sätzen, die sich flüssig und leicht lesen, aber stellenweise etwas gefällig konstruiert sind, ein Eindruck, der sich auch bei so manchem Sprachbild aufdrängt, dessen poetische Kraft literarisch nicht jedesmal voll und ganz überzeugt. Eine Ursache mag wohl darin liegen, dass die Autorin ihren nachdenklich-melancholischen Stil, der anfangs ja besonders dazu dient, die Ich-Erzählerin zu charakterisieren — als Suchende, als sich für die Erinnerung vorsichtig Öffnende –, in ihrem multiperspektivischen Text durchgehend beibehält, anstatt für die eingeschobenen Geschichten der Weggefährten eine eigene, ihrem Charakter und ihrer Erzählsituation entsprechende Ausdrucksweise zu finden.

Dennoch berührt einen diese Geschichte auf eine sehr zarte, feinfühlige Art und Weise. Man spürt, dass der Roman aus einem großen Einfühlungsvermögen und einer aufrichtigen Anteilnahme am Leben der Figuren heraus geschaffen wurde, deren fein beobachtete Schicksale die Autorin behutsam und lebendig erzählt. Und so gelingt ihr auch die Transformation der eigenen Familiengeschichte in einen mit kleinen Einschränkungen auf jeden Fall lesenswerten Roman über den Einfluss der Geschichte auf die verschlungenen Lebenswege und -kämpfe der Menschen.

Bibliographische Angaben
Astrid Seeberger: Goodbye, Bukarest, Urachhaus (2020)
Aus dem Schwedischen übersetzt von Gisela Kosubek
ISBN: 9783825152307

Bildquelle
Astrid Seeberger, Goodbye, Bukarest
© 2020 Verlag Freies Geistesleben und Urachhaus GmbH, Stuttgart

bookmark_borderJemma Wayne: Der silberne Elefant

Die britische Journalistin und Autorin Jemma Wayne erzählt in ihrem beeindruckenden ersten Roman gleich drei weibliche Lebensgeschichten, die sie zu einem stimmigen Gesamtwerk verknüpft. Sie schreibt mit einem feinen Gespür für das psychologische Detail und die verschlungenen und alles andere als eindeutigen Pfade der menschlichen Emotionen, mit einem entlarvenden Blick auf ihre Figuren, der kritisch ist und doch zugleich von großer Empathie getragen wird.

Denn das, wonach sich die drei so unterschiedlichen Frauen — die schwerkranke Witwe Lynn, die mit Lynns Sohn verlobte junge Vera und die aus Ruanda geflohene Emilienne –, die abwechselnd und in verschiedenen Konstellationen im Zentrum der Erzählung stehen, alle sehnen, was sie aufreibt und woran sie zu scheitern drohen, gründet letztlich bei jeder in den fundamentalen menschlichen Bedürfnissen von Freiheit und Geborgenheit. Jede Einzelne von ihnen sucht auf ihre Weise einen Platz in einer Welt, die genug Widerstände, Schmerz und Leid bereithält, dass man an ihnen zugrunde gehen könnte. Dass Waynes Protagonistinnen das nicht tun, liegt auch daran, dass sie letztlich trotz allen Bewusstseins einer Abhängigkeit von äußeren Umständen und trotz Phasen tiefster Verzweiflung und zermürbender Selbstkritik doch unermüdlich daran arbeiten, ihre eigene Geschichte mitzugestalten. Dabei ist der „room for one’s own“, den sich eine jede auf ihre Weise schafft, jedoch nur eine Etappe auf dem Weg zu einer hier ganz weit gefassten Form von Emanzipation. Denn ganz auf sich selbst zurückgeworfen gerät man schnell in einen Teufelskreis aus zerstörerischen Grübeleien, ist man den erlebten Verletzungen, Traumata und auch den eigenen Fehlern schonungslos ausgesetzt. Alle drei sind Einzelkämpferinnen, denen das Risiko der eigenen Verwundbarkeit näher ist als ihre Nächsten und die in einem mehr als holprigen Miteinander erst allmählich begreifen, dass ein Gegenüber, dem man vertrauen kann, unverzichtbar ist. So besteht die große Herausforderung darin, erst wieder neu zu lernen, sich einem anderen zu öffnen und zu vertrauen. Die Autorin zeigt diesen für alle überaus schwierigen Prozess auf eine glaubhafte und ganz wunderbare Weise, die einen auch immer wieder schmunzeln lässt.

Doch wer sind die drei Frauen, die sich hinter den Namen Vera, Lynn und Emilienne bzw. Emily verbergen? Ohne zu viel von der Geschichte vorwegzunehmen, kann man Vera als eine schöne, aber innerlich zerrissene, von ihrem Gewissen zerriebene und um ihr fragiles frisches Liebesglück bangende junge Frau beschreiben, die seit kurzem mit dem sehr gläubigen, streng christlich lebenden Luke liiert ist — eine aus moderner, aufgeklärter Sicht etwas ungewöhnliche Beziehung, die Vera jedoch geradezu als himmlische Rettung aus einer Vergangenheit betrachtet, in der sie einen folgenschweren Fehler begangen hat. Ihr Charakter ist ein bisschen nach dem biblischen Vorbild einer Maria Magdalena angelegt, die nach einer ausschweifenden Jugend nun eine moralische Kehrtwende unternimmt und sich mit aufrichtigem, aber immer wieder auch von Rückschlägen geplagten Einsatz zum Glauben hinzuwenden versucht. Zu dieser Kehrtwende gehört auch das Bemühen um eine gute Beziehung zu ihrer künftigen Schwiegermutter Lynn, was sich als ziemlich aussichtsloses Unterfangen herausstellt.

Lynn, die reiche, gebildete und inzwischen schwer erkrankte Witwe und Mutter zweier erwachsener Söhne kämpft — wie im Grunde schon ihr Leben lang — um ihre Autonomie und wehrt sich vehement dagegen, irgendeine Schwäche einzugestehen, weder gegenüber ihren Mitmenschen noch gegenüber sich selbst. Deshalb will sie auch auf keinen Fall, dass sich irgendwer um sie kümmert, schon gar nicht ihre so blutjung und kraftvoll mit allen Möglichkeiten im Leben stehende Schwiegertochter. Mehr pro forma protestiert sie anfangs auch gegen die ruandische Krankenpflegerin Emily, die sie erst einmal nur als Putzhilfe akzeptiert. Nach und nach begreift man beim Lesen die tiefere Ursache für die harsche Ablehnung ihrer Mitmenschen und die unter der Oberfläche deutlich knirschenden Beziehungen in ihrer Familie, nämlich ihr Hadern mit dem eigenen Lebensentwurf, der nie mit ihrem als junge Frau angestrebten Idealbild in Einklang zu bringen war. Um mit dieser Enttäuschung umzugehen, schafft sie sich ihren eigenen Raum der Kunst und entwirft an einem Ort, zu dem sie niemand anderem Zugang gewährt, expressive Gemälde. Ein weiterer Raum eröffnet sich ihr mit Emily, die sich in Bezug auf ihre eigene Geschichte noch verschlossener zeigt als Lynn. Doch genau darin liegt wohl der Schlüssel zu ihrer sich ganz behutsam anbahnenden Beziehung; wie zwei scheue Wildtiere zähmen die beiden sich gewissermaßen gegenseitig, mit äußerster Vorsicht und im Notfall jederzeit die Krallen ausfahrend oder die Flucht ergreifend.

Emilienne schließlich, die sich in England Emily nennt, hat es als einzige ihrer Familie, ja ihres Dorfes geschafft, dem brutalen Völkermord an den Tutsi zu entkommen: lebend, aber alles andere als unversehrt, körperlich und vor allem seelisch tief verwundet, versucht sie, an einem anderen Ort, weit entfernt von ihrer Heimat, die ihr keine mehr ist, ein neues Leben aufzubauen. Doch natürlich holt sie die Vergangenheit immer wieder ein, gegen die tiefen Traumata können ihre Verdrängungsstrategien nichts ausrichten. Denn wie soll sie sich eine Zukunft gestalten und neue Beziehungen zu Menschen knüpfen, wenn kein Vertrauen mehr übriggeblieben ist? Trotzdem versucht Emilienne in einem bewundernswerten Kraftakt, auf eigenen Füßen zu stehen und von niemandem abhängig zu sein. Für ihr kleines Londoner Zimmerchen arbeitet sie sich klaglos als Putzkraft auf und erwirbt sich nebenbei noch eine Qualifikation zur Krankenpflegerin. Dieser Weg führt sie dann auch zu Lynn, deren anfängliche Schroffheit ihr, die schon alles Menschen(un)mögliche erlebt und ausgehalten hat, nichts mehr anhaben kann, ja ihrem eigenen emotionalen Schutzwall sogar entgegenkommt:

Statt einer Antwort gab Lynn ein ungeduldiges Schnauben von sich und wedelte herablassend mit der Hand. „Angenehm mild heute“, bemerkte sie dann und spähte flüchtig aus dem Fenster, als wäre das Wetter und nicht ihr Gesundheitszustand der Grund dafür, dass sie hier saßen und miteinander Tee tranken, ungeachtet der Kluft zwischen ihnen — eine Kluft der Generationen, der Ethnien und der persönlichen Geschichten, die sie einander noch nicht offenbart hatten.

Wayne, Der silberne Elefant, S. 164

Jede Szene ist mit Bedacht konstruiert und genau beobachtet; psychologisch spannend und lebendig wird erzählt, wie es zwischen den Figuren immer wieder zu leichten Misstönen kommt und wie sich daraus größere Missverständnisse entwickeln. Tragikomisch wirken auch die stolpernden Versuche, den anderen zu verstehen oder sich dem anderen verständlich zu machen, die durch Vor-Urteile oder regelrechte Abwehr des anderen verkompliziert werden. Und doch zeichnen sich mehr und mehr gewisse Gemeinsamkeiten ab, die über die scheinbar unüberwindlichen sozialen, kulturellen und generationellen Unterschiede hinaus eine zwischenmenschliche Verständigung möglich machen. So erwacht eine leise Neugier am Gegenüber, der andere wird als Mensch mit einer eigenen Geschichte beachtet und geachtet:

Emily erfasste schlagartig, dass sie hier eine Frau vor sich hatte, die in zwei getrennten Welten lebte: eine, die man mit den Augen sehen konnte, und eine, zu der nur ihre Gedanken Zutritt hatten, in etwa so, wie Emily es von sich selbst kannte.

Wayne, Der silberne Elefant, S. 159

Aus der hier anklingenden Diskrepanz zwischen Selbstbild und Fremdbild, das im Grunde den ganzen Roman beherrscht, bezieht die Autorin das Konfliktpotential und die Dynamik ihrer Erzählkonstruktion. So lehnt etwa Lynn ihre künftige Schwiegertochter Vera gerade deshalb ab, weil sie in ihr die Verkörperung des Ideals sieht, an dem sie in ihrem Leben gescheitert ist, scheint Vera doch wie selbstverständlich weibliche Schönheit und Attraktivität mit Selbständigkeit, Berufstätigkeit und Freiheit vereinbaren zu können. Im zusätzlichen Bewusstwerden ihres mit der Krankheit zunehmenden Autonomieverlusts bricht eine alte und nie verheilte Wunde in ihr auf: Sie, die einst emanzipierte Studentin, die Historikerin werden wollte, hatte stattdessen die Rolle der liebenden Ehefrau und Mutter übernommen. Lynns Schmerz und ihre Wut, die sich eigentlich gegen sie selbst richtet, rührt darin, dass sie sich entgegen ihrem jugendlichen Optimismus irgendwann doch zwischen zwei unvereinbaren Welten entscheiden musste. In ihrem eifersüchtigen Zorn übersieht sie dabei — und das ist der erzählerische Kniff, den Wayne mehrfach anwendet –, dass auch Vera alles andere als glücklich und frei ist, dass sie sich vielleicht sogar weitaus ähnlicher sind, als Lynn sich das vorstellen kann.

Durch den wechselnden Fokus auf die verschiedenen Figuren, das subtile Nebeneinander von Innenschau und Dialogen, von inwendig Gefühltem und nach außen Getragenem, gelingt es der Autorin, sowohl die individuellen Gefühle und Perspektiven erlebbar zu machen, als auch eine ästhetische Distanz zu wahren, die den Leser über das identifikatorische Mitgefühl mit den Figuren hinaus Zusammenhänge begreifbar macht, problematische Denk- oder Verhaltensweisen entlarvt, tieferliegende Ursachen erkennen lässt und auf diese Weise genau vor den vorschnellen Urteilen bewahrt, denen die Protagonisten immer wieder in die Falle gehen.

Wichtig erscheint es mir noch, auf die erzähltechnische Funktion des Genozids in Ruanda hinzuweisen, der über die Geschichte Emiliennes, die in einzelnen schockierenden und aufwühlenden, sehr intensiven Rückblicken in die Romanhandlung eingebunden ist. Emiliennes Schicksal, die Grausamkeiten, die sie erlebt hat, ihre Traumata, sind objektiv keinesfalls vergleichbar mit der Lebensgeschichte der gutsituiert in England aufgewachsenen Lynn. Doch da die Autorin den Frauenschicksalen auf einer subjektiven Ebene nachspürt, fügen sich die drei gänzlich unterschiedlichen Biographien eben doch zueinander und erlauben den Blick auf eine gemeinsame Herausforderung, der sich drei Individuen auf ganz unterschiedliche Weise und mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen stellen: Sie teilen die Gewissheit ihrer Verwundbarkeit, ihre Angst und zugleich Sehnsucht, Vorsicht und Misstrauen in Vertrauen umzuwandeln und sich einem anderen zu öffnen. Der silberne Elefant ist kein Roman, der den Konflikt in Ruanda historisch-kritisch aufarbeitet. Er enthält aber doch ein empathisches Sich-Annähern auf literarischer Ebene, mit den Mitteln der Fiktion, die dem Ausmaß der Gewalterfahrung vielleicht nur ansatzweise einen realistisch überprüfbaren Ausdruck verleihen kann, es dafür aber in eine individuelle Geschichte transformiert, die ihrer Heldin eine Stimme gibt und sie zu so viel mehr macht als einem Opfer.

Sie wusste nicht, woher dieser plötzliche Eifer kam; möglicherweise aus dem Antrieb heraus, etwas zu konstruieren oder zu rekonstruieren: ein Leben, eine Geschichte. Ein winziger silberner Elefant erinnerte sie flüchtig an ihre eigene Geschichte, an einen Park, den sie besucht hatte. Sie ließ ihn kurzerhand in ihrer Hosentasche verschwinden.

Wayne, Der silberne Elefant, S. 162

Genau das steht auch im Zentrum des ganzen Romans: in mehreren Varianten ein Leben, eine Geschichte zu konstruieren oder rekonstruieren, die uns Leser auf intelligente und erkenntnisreiche Weise unterhält und zugleich immer wieder innehalten und uns über den eigenen Lebensentwurf nachdenken lässt: darüber, wo er im Verhältnis zu den vielfältigen anderen möglichen Lebensentwürfen steht, welcher Grad an Autonomie, welche Grenzen der Freiheit unser Leben bestimmen und auf welche Weise wir unsere beruflichen und familiären Vorstellungen und Wünsche verwirklichen oder miteinander auszubalancieren verstehen.

Bibliographische Angaben
Jemma Wayne: Der silberne Elefant, Eisele Verlag (2021)
Aus dem Englischen übersetzt von Ursula C. Sturm
ISBN: 9783961611058

Bildquelle
Jemma Wayne, Der silberne Elefant
© 2021 Eisele Verlag in der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin

bookmark_borderAlena Schröder: Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid

Der poetische Titel verweist auf ein fiktives Gemälde von Jan Vermeer, das in Alena Schröders Debütroman, in dem Kunst- und Familiengeschichte aufeinander treffen, eine zentrale Rolle spielt. Tatsächlich kann man sich vor seinem inneren Auge gut ausmalen, wie ein solches Gemälde des holländischen Künstlers aussehen könnte, der im 17. Jahrhundert lebte und vor allem für seine Genreszenen bekannt ist. Nicht selten sind darauf Frauenfiguren zu sehen, die in der Nähe eines Fensters stehen und blaue Kleidungsstücke tragen. Das berühmteste ist wahrscheinlich das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge, dessen in kräftigem Blau gemaltes Stirnband vielleicht noch mehr im visuellen Gedächtnis präsent ist als der kleine Perlenohrring. Vermeers heute authentifizierter Werkumfang ist mit knapp 40 Bildern eher beschaulich, es sind jedoch in der Vergangenheit immer wieder Werke auf dem Kunstmarkt aufgetaucht, die ihm — meist fälschlicherweise — zugeschrieben wurden.

Ebenso wie der suggestive Titel ist auch die ziemlich fesselnde Geschichte, die die Autorin um dieses Bild herum aufbaut, also Fiktion mit einem plausiblen (kunst)historischen Möglichkeitshintergrund. Ausgangspunkt der Handlung ist unsere Gegenwart, in der wir der Perspektive der jungen und etwas verlorenen Doktorandin Hannah folgen, die am frühen Tod ihrer Hippie-Mutter, zu der sie keine einfache Beziehung hatte, wohl schwerer zu tragen hat, als sie sich das eingesteht. Eine zwar auch nicht reibungslose, aber doch sehr enge Beziehung hat Hannah zu ihrer Großmutter Evelyn, einer selbstbewussten Frau, die mit ihrem Umzug ins Pflegeheim nicht wirklich im Reinen ist. Als ein Brief auftaucht, über den Evelyn sich zunächst weigert, zu sprechen, ist Hannahs Neugier geweckt. Denn der Brief weist ihre Großmutter als einzige Erbin eines verschollenen jüdischen Kunstvermögens aus, das den rechtmäßigen Besitzern im Zweiten Weltkrieg entwendet wurde. Hannah, die davon ebenso wie von einem jüdischen Familienzweig nichts wusste, holt diese aufwühlende und zunächst mysteriös erscheinende Nachricht aus ihrer halb verzweifelten, halb lethargischen Haltlosigkeit heraus und motiviert sie zu einer historischen Spurensuche, die sie auch mit ihrer eigenen bisher verschwiegenen komplizierten Familiengeschichte konfrontiert.

Alena Schröder verbindet in ihrem Roman am Beispiel einer individuellen Familiengeschichte Kunst- und Provenienzgeschichte mit der Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, insbesondere mit der düsteren Zeit des Nationalsozialismus und den Verbrechen an den Juden, hier in Gestalt des Schicksals des Berliner Kunstsammlers Itzig Goldmann und seiner Familie. Und sie schlägt den Bogen bis heute, in unsere Gegenwartsgesellschaft und unsere Erinnerungskultur mit ihrer teils aufrichtigen, teils aber auch heuchlerischen oder kontraproduktiven Art der Aufarbeitung.

Die fiktive weibliche Titelfigur des fingierten Vermeer-Porträts steht aber auch für ein Motiv, das der Roman am Beispiel mehrerer Figuren aus der Vergangenheit und Gegenwart durchspielt, nämlich für das Motiv des Frauseins oder der Weiblichkeit, wie sie sich im reibungsvollen Kontext von Geschichte und Gesellschaft herausbildet. Der Konflikt zwischen Beruf(ung) und Bindung, Selbstverwirklichung und Familie, Freiheit und Sinnsuche in oder jenseits von Mutterschaft besteht in unterschiedlicher Ausformung bis heute, das machen die so verschiedenen Persönlichkeiten in Schröders Roman deutlich. Besondere Empathie verspürt man im Laufe der Erzählung mit Senta, der leiblichen Urgroßmutter Hannahs, die sich jung in einen Piloten aus dem Ersten Weltkrieg verliebt, sich in ihrer Rolle als Ehe- und Hausfrau jedoch bald eingeengt fühlt und in Berlin als Journalistin ein neues Leben beginnt, das mit dem alten schwer zu vereinbaren ist. Und deren Konflikte mit der Exschwägerin nicht nur in der Rivalität um das Kind, sondern auch in unterschiedlichen Werten und einer konträren Einstellung zur nationalsozialistischen Politik gründen, ehe die geschichtlichen Ereignisse sie schließlich beide überrollen. Hervorzuheben ist dabei, dass die Hitler anhängende Schwägerin ihrerseits in vielen moralischen Schattierungen gezeigt wird, ebenso wie auch Senta, die ihrerseits keinesfalls nur ethisch einwandfreie Entscheidungen trifft.

Mit hat das leicht und mitreißend geschriebene Buch einiges an Leseglücksmomenten beschert, das Pendeln zwischen einer Hauptfigur unserer Gegenwart, mit der man sich gerade aufgrund ihrer manchmal geradezu verbohrten, lethargischen und dann doch auch wieder engagierten Anwandlungen identifizieren kann, und den Rückblicken in die für uns weit entfernte und doch noch immer schmerzhaft nachwirkende Vergangenheit wird glaubhaft und sehr menschlich erzählt; die Autorin führt uns sehr einfühlsam an die von ihren verschiedenen, bisweilen gegensätzlichen Beweggründen getriebenen Charaktere heran. Was mich trotzdem an manchen Stellen gestört hat, ist der unpassend flapsige Stil vor allem im Gegenwartsteil; der missglückte Versuch, mit der Formulierung, dass ihre Mutter an Krebs „verreckt“ sei, Hannahs Empörung gegen das Schicksal sprachlich einzufangen, ist hier nur ein Beispiel von mehreren. Seinen durchaus immer wieder durchscheinenden kritischen Humor gewinnt der Roman viel überzeugender auf andere Weise, nämlich durch die Entlarvung der Widersprüche im Verhalten der Figuren, das ihre Krisen, ihre charakterlichen Eigenarten oder Verdrängungsstrategien aus dem erzählerischen Kontext heraus viel subtiler offenbart. Besonders laut knirscht es da zwischen Hannah und dem ihr erst gegen ihren Willen an die Seite gestellten jungen Historiker, was immer wieder zu absurd-witzigen Situationen führt und nicht nur über beide Figuren psychologisch Aufschluss gibt, sondern darüber hinaus auch auf satirische Weise auf die gesellschaftliche Herausforderung aufmerksam macht, die der Aufarbeitung der (nationalsozialistischen) Vergangenheit noch immer innewohnt. So engagiert und idealistisch sich Hannahs aufdringlicher Kommilitone mit dem Spezialgebiet Holocaust etwa gegen die Geschichtsvergessenheit seiner Umwelt einzusetzen scheint, so besteht der von ihm begründete Club zum Gedenken an den Holocaust aus einem doch etwas wunderlichen Sammelsurium von allesamt nicht-jüdischen Charakteren mit teils etwas fragwürdigen Motiven und Ansichten, die unter dem Deckmantel eines antisemitischen Aktionismus einer gefährlichen Fremdenfeindlichkeit anderer Art Vorschub leisten.

In der erzählerisch unterhaltsam gestalteten differenzierten Auseinandersetzung mit der Aufarbeitung der Vergangenheit liegt für mich die große Stärke des Buches, das literarisch zwar einem Vergleich etwa mit Rebecca Makkais jüngst erschienenem Roman Die Optimisten, in dem es gleichfalls im Kontext von Kunst und Provenienzforschung um die Aufarbeitung eines anderen Kapitels der Geschichte geht (vgl. Rezension vom 13.8.2020), nicht standhalten kann, aber dennoch eine berührende und spannende Reise in die Vergangenheit unseres Landes darstellt.

Bibliographische Angaben
Alena Schröder: Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlich, blaues Kleid, dtv (2021)
ISBN: 9783423282734

Bildquelle
Alena Schröder, Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid
© 2021 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

bookmark_borderRichard Russo: Jenseits der Erwartungen

Einst waren sie unzertrennlich: Lincoln, Teddy und Mickey haben während ihres Studiums am Minerva College in Connecticut eine Freundschaft geschlossen, die sie auch heute, fast ein halbes Jahrhundert später, und obwohl sie seitdem ganz unterschiedliche Lebenswege eingeschlagen haben, noch miteinander verbindet. Nach vielen Jahren treffen sie sich nun für ein Wochenende in Martha’s Vineyard, wo sie damals von ihrem Studentendasein Abschied genommen haben, ehe sie weit voneinander entfernt ihr Erwachsenenleben begannen. Doch hält das Wiedersehen trotz aller immer noch empfundenen Vertrautheit weniger ein unbeschwertes Schwelgen in Nostalgie für sie bereit als die sich immer stärker aufdrängende Erkenntnis, dass es da noch immer einige graue Flecken in ihrer Vergangenheit gibt, die danach schreien, aufgearbeitet zu werden — und die das Fundament ihrer als unverbrüchlich betrachteten Freundschaft ins Wanken zu bringen drohen.

Denn — und hier verschmilzt der Autor Richard Russo seinen Roman über eine Männerfreundschaft erzählerisch gekonnt mit der spannungsgeladenen Atmosphäre eines Kriminalplots — bei ihrem letzten gemeinsamen Treffen als Studenten war auch ein Mädchen namens Jacey dabei, in die sie alle drei mehr oder weniger heimlich verliebt waren, deren Verlobung mit einem reichen angehenden Juristen aus ebenso gutem Hause wie sie selbst sie aber alle davor zu bewahren schien, ihre Freundschaft durch rivalisierendes Balzverhalten in Gefahr zu bringen. Unmittelbar nach diesem letzten Treffen aber verschwand Jacey spurlos, um bis heute nicht wieder aufzutauchen. Flucht oder Verbrechen? Geplant oder erzwungen? Einiges an diesem Vorfall ist ungeklärt geblieben, und wirft nun auch Jahrzehnte später seine emotionalen Schatten auf das Wiedersehen der Freunde. Verdrängte Erinnerungen bahnen sich ihren Weg an die Oberfläche, lassen auf einmal einiges in einem anderen Licht erscheinen und konfrontieren die drei Freunde mit dem Verdacht, dass sie nicht nur ihre gemeinsame Freundin Jacey weniger gut kannten, als sie dachten, sondern womöglich auch zueinander nicht immer ganz aufrichtig waren.

Russo erzählt aus den verschiedenen Perspektiven der drei Freunde und wechselt zwischen dem für alle aufwühlenden Wiedersehen in der Gegenwart und den im Zuge dessen aufkommenden Erinnerungen an damals. So entwirft er bewegende persönliche Lebensgeschichten, die er überdies in einen deutlich konturierten gesellschaftlichen Kontext bettet. Denn auch wenn sich ihre Wege am renommierten Minerva College kreuzten, entstammen die Freunde doch jeweils ganz unterschiedlichen Milieus: Lincoln aus einem konservativen Elternhaus, Teddy aus einer akademisch geprägten Familie und Mickey, der Sohn einer italienischen Einwanderergroßfamilie, aus der Arbeiterschicht. Ebenso wie der Vietnamkrieg als gesellschaftlich und politisch mit hoher Symbolkraft aufgeladener historischer Moment Leben und Denken der Figuren entscheidend beeinflusst, spielt auch die soziale Herkunft eine große Rolle für die so unterschiedlichen Lebenswege, die sie nach ihrem Studium einschlagen. Auf diese Weise gelingt es Russo, in narrativem Gewande zugleich ein vielschichtiges Gesellschaftspanorama der Vereinigten Staaten Amerikas der letzten 50 Jahre zu zeichnen, das bisweilen erhellende Einblicke in die tieferliegenden Ursachen von so manchen aktuell aufflackernden Verwerfungen gibt.

Und doch wird der Roman auch getragen von dem aufrichtigen jugendlichen Elan und der innigen Sehnsucht der Freunde, sich von ihrer sozialen Herkunft zu befreien und ein unverfälschteres Leben zu führen als ihre Eltern. Ihr Wiedersehen ist daher auch der Moment, in dem sie ihre einstigen Ideale und Hoffnungen mit dem, was sie geworden sind, vergleichen. So ist Lincoln nun ausgerechnet im Immobiliengeschäft tätig und damit gerade innerhalb des Systems, das er einst kritisierte; Teddy korrigiert Manuskripte anderer Leute und tritt damit in die Fußstapfen seiner Lehrereltern, anstatt es endlich zu wagen, selbst einen Roman zu schreiben. Das ist schmerzhaft und desillusionierend, aber eben nicht nur, da Russo zum Glück einen zwar entlarvenden, aber auch gütigen, wertschätzenden Blick auf die Diskrepanzen in ihren Lebenskonzepten wirft.

So wird der bewegende Freundschaftsroman, der spannende Kriminalroman, der gut beobachtete Gesellschaftsroman stellenweise sogar zu einem philosophischen Roman, der Fragen aufwirft, wie das Ich sich zur Welt und zu sich selbst verhalten soll, kann oder muss, welche Grenzen und welche Möglichkeiten sich bei der Verwirklichung der eigenen Ziele auftun und wie wir mit existentiellen Bedrohungen wie Krieg oder Krankheit umgehen können. Besonderes erzählerisches Feingefühl beweist Russo hier, wenn es darum geht, die Verletzlichkeit der Körper und der Seelen am Beispiel seiner Figuren spürbar zu machen.

Diese Verletzlichkeit spielt auch in eine andere Thematik hinein, die den Roman von Anfang bis Ende durchzieht und auf sehr differenzierte Weise intensiv hinterfragt und ausgelotet wird: der Thematik der Männlichkeit nämlich, die sich vom Motiv der unverbrüchlichen Männerfreundschaft bis hin zur strukturellen Gewalt in den verschiedensten Schattierungen erstreckt. Da stehen auf der einen Seite die Erfahrungen eines Expolizisten, der in seiner Laufbahn unzählige Male Zeuge häuslicher Gewalt wurde, und ebenso unzählige Male erlebte, wie diese Fälle erfolgreich vertuscht wurden. Und auf der anderen Seite die drei Freunde, die mit ihrer unschuldigen Verliebtheit ein überzeugendes Gegenbeispiel männlichen Dominanzstrebens verkörpern. Doch sind nicht auch ihnen gewisse Geschlechterstereotype eingeimpft, hat Lincoln nicht erst spät begriffen, dass die von ihm lange nicht hinterfragte Unterordnung seiner Mutter Teil eines Familienmythos war, den sein Vater zur Aufrechterhaltung seiner Ehre errichtet hatte, da er nicht zulassen konnte, dass seine Frau mehr Vermögen besaß als er? Und beruht nicht Teddys religiös überhöhte Weigerung, Frauen näher an sich heranzulassen, in Wahrheit auf einer zur Gänze verinnerlichten Angst, wegen seiner körperlichen Versehrtheit seine männliche Würde zu verlieren? Zu guter Letzt offenbart Jaceys erst am Ende des Romans enthüllte schockierende Geschichte die ganze Komplexität von sozialen Vorurteilen und sexuellem Machtmissbrauch, von fragiler Körperlichkeit und der Unaufrichtigkeit eines Lebens im materialistisch-gesellschaftlichen Korsett; genauso aber auch die Sehnsucht, sich davon zu befreien, und den unbändigen Drang, diese Sehnsucht zu verwirklichen, bis einen unweigerlich die conditio humana in seine Schranken weist, den einen früher, den anderen später.

Bibliographische Angaben
Richard Russo: Jenseits der Erwartungen, DuMont (2020)
Aus dem Englischen übersetzt von Monika Köpfer
ISBN: 9783832181154

Bildquelle
Richard Russo, Jenseits der Erwartungen
© 2020 DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG, Köln

bookmark_borderPilar Quintana: Hündin

Was der Falke bei Boccaccio, ist die Hündin in der grandios geschriebenen Erzählung der kolumbianischen Schriftstellerin Pilar Quintana. Der kurze, sehr dicht und ohne jeden Schnörkel erzählte Roman, der von der italienischen Renaissance weit entfernt im Lateinamerika der Gegenwart spielt, hat in der Tat einige Ähnlichkeit mit jener stilbildend gewordenen Novelle der Weltliteratur, der „Falkennovelle“ aus Boccaccios Novellenzyklus Il Decamerone. Auch bei Pilar Quintana kristallisiert sich der zentrale Konflikt in dem titelgebenden Tier, das dadurch symbolische Bedeutung erlangt; auch bei ihr steuert der Konflikt, am Leib des Tieres ausgetragen, zielstrebig auf eine Katastrophe zu, welche die Hündin wie der Falke am Ende nicht überlebt.

Die Hauptfigur von Quintanas Erzählung heißt Damaris und ist eine schwarze kolumbianische Frau, die unter ihrer ungewollten Kinderlosigkeit leidet. Neben dem persönlichen Schmerz, den ein unerfüllter Kinderwunsch bedeutet, stellt Damaris‘ Kinderlosigkeit in der Gesellschaft, in der sie beheimatet ist und in der Frauen früh verheiratet werden, um dann möglichst schnell für eine breite Schar Nachkommen zu sorgen, ein regelrechtes Stigma dar. Nachdem sie und ihr Mann alles Mögliche und Unmögliche versucht haben, um schließlich müde und aufgerieben wie von einem vergeblichen Kampf zu resignieren, nimmt Damaris eines Tages einen Hundewelpen bei sich auf, der natürlich zu einem Substitut für ihre enttäuschte Mutterliebe wird. Sie umsorgt ihn mit all der Liebe und Aufmerksamkeit einer Mutter für ihr neugeborenes Baby. Ängstlich und eifersüchtig darauf bedacht, den Welpen ganz für sich zu haben, und wohl auch in der uneingestandenen Furcht, ihrer psychologischen Ersatzhandlung überführt zu werden, hält sie auch ihren Ehemann auf Abstand, gegen den sie den Welpen schützen zu müssen glaubt. Das Ehepaar hat nämlich bereits zwei Hunde, um die sich allerdings Damaris‘ Ehemann kümmert, der diese jedoch eher ruppig behandelt; es sind Wachhunde, die im Haus nichts verloren haben, während Damaris mit dem Welpen nun enger zusammenlebt als mit ihrem Mann. Doch die Natur bestimmt den Lauf der Dinge; der süße, anhängliche Welpe wächst zur erwachsenen Hündin heran und benimmt sich in Damaris‘ Augen wie ein ungezogener Teenager: Das Tier läuft mehrfach einfach davon, verschwindet für einige Zeit im Urwald, um dann zerrupft wieder aufzutauchen. Damaris ist zunächst zutiefst besorgt, doch wandelt sich ihre Sorge bald in Empörung, um sich schließlich in einen geradezu irrationalen Hass zu steigern. Damaris kann nicht damit umgehen, dass die Hündin, die sie mit all ihrer Liebe aufgezogen hat, sie nun auf einmal im Stich lässt, sie betrügt, sie verrät. Denn die Hündin hat nicht nur ihre kindliche Anhänglichkeit verloren und scheint Damaris auf einmal nicht mehr zu brauchen, sondern vor allem kommt sie von einem ihrer Streifzüge trächtig zurück! Damaris, von ihren komplexen Gefühlen überrumpelt, empfindet das als unerträglichen Affront…

Dass die Erzählung so unter die Haut geht und auch so schockierend ist, liegt vor allem daran, dass wir das alles ganz nah und ungeschminkt aus der personalen Perspektive von Damaris erleben. Diese Perspektive gestaltet die Autorin stilistisch so gewandt, dass unter der unaufgeregten Oberfläche einer klaren, fast lakonischen Sprache stets weitere Schichten zum Vorschein kommen, die subtil über die oft nicht so eindeutigen Motive Aufschluss geben, die dem Verhalten und der Rede der Figuren zugrunde liegen. So begreift man, wie sehr Damaris die gesellschaftlichen Erwartungen und Werturteile verinnerlicht hat und wie heftig der innere Konflikt deshalb ausfallen muss, wenn ihre eigenen Sehnsüchte und Ansichten sich diesen als entgegengesetzt erweisen. Ebenso unterschwellig gestaltet sich im Laufe dieses sich an der Hündin materialisierenden Konflikts die schleichende Veränderung der Beziehung von Damaris zu ihren Mitmenschen und auch zu sich selbst. Während ihr Mann am Anfang wegen seines rauen Umgangs mit den Hunden unsympathisch erscheint, wandelt sich der Blick auf ihn unmerklich, bis am Ende nicht seine nüchterne Indifferenz gegenüber den Tieren, sondern die aus einer tiefen seelischen Verletzung entsprungene Grausamkeit seiner Frau das größere zerstörerische Potential entfaltet.

Hinter den aus dem Zusammenstoß von gesellschaftlicher Konvention und persönlichen Bedürfnissen resultierenden Schuldgefühlen, die in Damaris‘ Fall eine geradezu tragische Dynamik auslösen, verbirgt sich jedoch noch eine weitere, tiefenpsychologische Ebene, die bis in Damaris‘ Kindheit zurückführt, in der sie mit dem Tod der Mutter und dem tödlichen Unfall ihres besten Freundes im Meer mindestens zwei traumatische Verluste erlitten hat. Auf diffuse Weise vermengte sich damals ein unbestimmtes Gefühl von Schuld mit einer tiefen Angst davor, verlassen zu werden. So verwundert es nicht, dass der Tod in der Geschichte omnipräsent ist, von der ersten Szene, in der ein vergifteter Hund am Strand gefunden wird, bis zur letzten, in der die schwarzen Schatten der Aasgeier über dem Urwald kreisen.

Die Prekarität des Daseins bestimmt Damaris‘ Schicksal von Kindheit an, und diese Prekarität ist durchaus auch im materiellen Sinne zu verstehen und wird von ihr in jeder Hinsicht als existenziell erfahren:

Sie hatte das Gefühl, dass ihr Leben der kleinen Bucht glich und dass sie sie zu Fuß durchqueren musste, die Füße im Schlamm versunken, das Wasser bis zur Taille, allein, vollkommen allein in einem Körper, der ihr keine Kinder schenkte und nur dazu diente, Dinge kaputtzumachen.

Quintana, Hündin

Pilar Quintanas Erzählung hat neben der psychologischen eine nicht minder wichtige gesellschaftliche Dimension. Damaris‘ Abwertung des eigenen Körpers entspricht im gesellschaftlichen Kontext eine soziale Abwertung ihrer Person als Teil der armen, schwarzen Bevölkerung Kolumbiens. Ihr Mann ist Fischer, sie selbst putzt in fremden Häusern, und beide wohnen sie in ärmlichsten Verhältnissen in einer Hütte auf dem riesigen Anwesen, um das sie sich in Abwesenheit der reichen Eigentümer kümmern. Am eindrücklichsten wird diese soziale Kluft in einer Szene, als das Paar Besuch von der Familie bekommt, die sich ein Vergnügen daraus macht, im Pool des Anwesens zu baden. Damaris kann dieses Vergnügen nicht mitempfinden, vielmehr wird ihr in diesem Augenblick die eigene Deklassierung nur umso schmerzhafter bewusst:

Damaris sagte sich, dass man sie niemals mit den Eigentümern verwechseln könnte. Sie waren eine Bande armer, schlechtgekleideter Schwarzer, die die Sachen der Reichen benutzten. Was für eine Anmaßung, würden die Leute denken, und Damaris schämte sich in Grund und Boden, denn anmaßend zu sein war ebenso schlimm und schändlich wie Inzest, wie ein Verbrechen.

Quintana, Hündin

Schließlich bietet nicht einmal die Natur, die sich an der urbewaldeten Küste Kolumbiens in üppiger Pracht offenbart, Damaris einen Zufluchtsort, geschweige denn eine Form von Trost. Der Dschungel ist voller gefährlicher wilder Tiere und auch das Meer, das ihr einst den Freund geraubt hat, ist eher ein metaphernreicher Spiegel von Damaris‘ versehrtem Innenleben als ein ursprüngliches, Freiheit verkündendes Naturidyll, als welches wir europäische Leser vielleicht geneigt sind, diesen für uns exotisch anmutenden Landstrich zu verklären:

(…) während draußen das Meer anschwoll und abflaute, der Regen sich bedrohlich über die Welt und den Urwald ergoss, sie umgab, ohne für sie da zu sein, so wie ihr Mann, der im Zimmer nebenan schlief und sich nicht erkundigte, was mit ihr los war, (…) so wie ihre Mutter, die nach Buenaventura gegangen war und danach gestorben war, so wie die Hündin, die sie nur großgezogen hatte, um von ihr verlassen zu werden.

Quintana, Hündin

In der harten Welt, in der Damaris aufwächst, ist kein Platz für Verklärung. Die Desillusion trägt sie schon in sich, seit sie ein Kind ist, wie folgender halb-komischer, halb-tragischer Kinderdialog über das Dschungelbuch illustriert:

„Die Tiere haben ihn gerettet?“, hatte Damaris verwirrt gefragt, und als Nicolasito geantwortet hatte: „Ja, ein Panther und eine Wolfsfamilie“, war Damaris in schallendes Gelächter ausgebrochen, weil das unmöglich war.

Quintana, Hündin

So entfaltet das an Seiten so schmale Buch einen ganzen Fächer von mit feinem stilistischen Gespür gestalteten Bedeutungsebenen, die das Buch dann doch von der Novelle zum Roman erweitern und einen wirklich in Bann zu schlagen verstehen. Eine verstörende und faszinierende Lektüre!

Bibliographische Angaben
Pilar Quintana: Hündin, Aufbau Verlag (2020)
Aus dem Spanischen übersetzt von Mayela Gerhardt
ISBN: 9783351038236

Bildquelle
Pilar Quintana, Die Hündin
© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

bookmark_borderAyad Akhtar: Homeland Elegien

Auch literarische Gattungsbezeichnungen dienen natürlich dazu, dem Leser Orientierung zu geben und ihm eine Wiederkehr an einen vertrauten Ort zu versprechen. Ganz besonders ist das bei der gegenwärtig wohl beliebtesten Gattung „Roman“ der Fall, zu welcher auch Ayad Akhtars neues Buch gehören soll. Doch die Literatur als Kunstform entzieht sich nicht selten einer solch eindeutigen Zuordnung, ja kann vielmehr gerade durch einen stilistisch gewandten individuellen, ästhetisch freien Umgang mit Sprache und Struktur an literarischer Bedeutung gewinnen.

Der Autor der Homeland Elegien erweist sich nun gerade in diesem Buch als ein Schriftsteller, der sich Einordnungen aller Art immer wieder entzieht, ein natürliches Misstrauen gegenüber einfachen Zuschreibungen hegt und mit Genuss die Widersprüche und die mal staunenswerte, mal irritierende Vielfalt, die sich dahinter verbergen, zu Tage treten lässt. So wäre, obwohl Akhtar seinem Ich-Erzähler seinen eigenen Namen gegeben hat, auch die Bezeichnung „Autobiographie“ zu kurz gegriffen, da eine Herzensangelegenheit des Autors gerade darin besteht, Fiktion und Realität, Autor und Werk, nicht vorschnell in eins zu setzen, wie das bei seinen Theaterstücken in der Vergangenheit bereits passiert ist. Nicht zuletzt ist der Text auch eine künstlerisch freie Stellungnahme zu all den in der geschwätzigen (sozialen) Medienwelt kursierenden Spekulationen über den Autor preisgekrönter und zugleich umstrittener Dramen (v.a. Disgraced aus dem Jahr 2012 über muslimische Einwanderer in Amerika). Man könnte nun eine ganze Weile weitersuchen und Begriffe wie Autofiktion, literarischer Essay, anekdotenhafte Memoiren, humoristisch-philosophisches Tagebuch gegeneinander abwägen, um sich der Besonderheit seines Textes zu nähern. Vielleicht aber kommt man diesem intellektuell erfrischenden Buch, das einen immer wieder zum Lachen bringt und charmant provokant und hellsichtig auch den empörendsten Verhaltensweisen auf den Grund geht, eher mit den folgenden Zeilen aus dem Text selbst auf die Spur. Das autofiktionale Ich beschreibt hier, welcher Art die Notizen sind, die es sich — vielleicht ähnlich wie der Autor — immer wieder über die Erlebnisse und Eindrücke des Tages macht:

Die Technik, die ich für diese Aufzeichnungen anwendete, verdankte viel dem Traumtagebuch, das ich jahrelang geführt hatte. Ich kümmerte mich nicht um die Chronologie und legte großen Wert auf Details. Je lebendiger ein Fragment, ein Geräusch, ein Bild war — und je gründlicher ich es sprachlich verarbeitete –, desto ergiebiger war das Assoziationsfeld, das es erzeugte. Der Prozess war nicht intuitiv; es war, als würde ich die ursprünglichen Sedimentschichten auf einem zutage geförderten Erzklumpen identifizieren. Der Geist erinnerte sich an das Wesentliche und vergaß die Schlacke, doch gerade die enthielt so viel Leben.

Ayad Akhtar, Homeland Elegien

Eben diese chronologische Freiheit und diese tief unter der scheinbar glatten Oberfläche grabende Detailversessenheit sind charakteristisch für den Stil des ganzen Buches, das in großen thematischen Kapiteln einzelne Episoden aus der Vergangenheit des Ich-Erzählers, seiner Freunde und insbesondere seiner eigenen Familie enthält, in denen das Dialogische stark in den Vordergrund tritt und den intelligenten, alles hinterfragenden und sehr oft (selbst)ironischen Reflexionen des Erzählers eine bestechende Anschaulichkeit verleiht. In dieser komplexen und unorthodoxen Form gelingt dem Autor ein tiefer, subtiler und einfach hochinteressanter Einblick in die latenten psychologischen und gesellschaftlichen Antriebe und Widersprüche, Bedürfnisse und Ängste der amerikanischen Bevölkerung der Gegenwart. Ob es um Verwerfungen im Bereich des Gesundheitssystems, des Finanzsektors oder um die himmelschreiende Ungleichheit zwischen ländlichen und städtischen Regionen geht, immer wieder dringt er am ganz individuellen menschlichen Beispiel auch zu ökonomischen Strukturen vor, die das Denken, die (Vor-)Urteile und Verhaltensweisen der Menschen nachhaltig beeinflussen.

Bei all seinen Beobachtungen, die in einem Ton verfasst sind, in dem frech und ernsthaft, Anteil nehmend und kritisch entlarvend, involviert und analysierend, schmerzhaft und ironisch-witzig keinen Widerspruch bilden, stehen die einzelnen Menschen und ihre individuellen Geschichten im Vordergrund. Letztlich werden auch die abstrahierenden Schlüsse, die der sich gleichfalls immer wieder selbst in seinen Motiven und Urteilen erforschende Ich-Erzähler daraus zieht, nicht als endgültige Wahrheiten präsentiert. Allen porträtierten Verhaltensweisen liegen Biographien zugrunde, die zwar einiges erklären, doch sowohl in sich Brüche und Widersprüche aufweisen, so dass ein gebildeter muslimischer Kardiologe wie sein Vater eine Zeitlang Donald Trump verfallen ist, als auch untereinander kaum pauschal miteinander verglichen werden können. Es steht dem Autor fern, sich von einer bestimmten Gruppe oder einem Kollektiv vereinnahmen zu lassen. Gleichwohl er durchaus intensiv ergründet, inwiefern auch seine eigene Herkunft ihn in seinem Denken und Fühlen beeinflusst und gleichwohl er zahlreiche scheinbar alltägliche Situationen eines schmerzhaft am eigenen Leibe erfahrenen Rassismus schildert, erhebt er das Thema „race“ nicht zur identitätsstiftenden Maxime. Der Blick bleibt konsequent auf den einzelnen Menschen gerichtet und erreicht doch gerade dadurch eine umso ausgeprägtere Differenziertheit und Diversität, die der Autor schon in den so divergierenden Ansichten in seiner eigenen Familie erlebt.

Wenn ich überhaupt etwas in der albernen Schwärmerei meines Vaters für Trump sah, dann ein menschliches Element — schwach und irrational –, und das passte nicht in das klare Bild, das Mike vom Geist Amerikas zeichnete. Als Künstler vertraute ich eher dem Durcheinander.

Ayad Akhtar, Homeland Elegien

Gerade diese widerspenstige Detailversessenheit aber macht das Buch so sympathisch und so bereichernd! Und vor allem auch zu einem großen literarischen Kunstwerk, das — so die selbstverständlich auch keineswegs unhinterfragte These der Literaturprofessorin des Ich-Erzählers — die Welt vielleicht nicht gleich besser macht, aber doch bestimmt ein wenig die Augen zu öffnen vermag und so die beste Illustration dieser in die Kunst vertrauenden These darstellt.

Bibliographische Angaben
Ayad Akhtar: Homeland Elegien, Claassen (2020)
Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren
ISBN: 9783546100144

Bildquelle
Ayad Akhtar, Homeland Elegien
© 2020 Claassen in der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin

bookmark_borderDagmar Fohl: Wer ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt

„Wer ein Leben rettet, rettet die Welt.“ Diese Worte, die auch als Inspiration für den Titel des neuen Romans der Schriftstellerin und Historikerin Dagmar Fohl dienten, sind heute als Epitaph auf dem Grabstein des Portugiesen Aristides de Sousa Mendes zu lesen und erinnern an sein mutiges Engagement während eines der düstersten Kapitel der europäischen Geschichte. Der portugiesische Generalkonsul, der zur Zeit des Nationalsozialismus in Bordeaux in Frankreich tätig war, rettete wohl etwa 30.000 Menschen das Leben, indem er denen, die sich auf der Flucht vor dem nationalsozialistischen Regime befanden, unterschiedslos und bald auch gegen die ausdrücklichen Anordnungen des faschistischen Herrschers im eigenen Lande, António de Oliveira Salazar, Visa ausstellte und Berufsethos und Menschenwürde über den eigenen Vorteil und die eigene Sicherheit erhob. Doch obwohl Sousa Mendes das Ende des Zweiten Weltkrieges um einige Jahre überlebte, starb er einsam, verarmt und ohne von dem Regime, dessen autoritäre Herrschaft in Portugal noch bis zur Nelkenrevolution 1974 fortdauerte, rehabilitiert worden zu sein. Dies geschah auch unter demokratischen Vorzeichen erst in den späten 1980er und 1990er Jahren.

Die Autorin lässt in ihrer gut recherchierten Romanbiographie Sousa Mendes selbst in der Ich-Form sprechen und macht seine letzte Lebensphase zur Erzählsituation, aus der heraus ihr Protagonist auf sein Leben und seine Taten zurückblickt. Die chronologisch strukturierten Erinnerungen dieses zu diesem Zeitpunkt schwer kranken und gebrochenen Mannes sind zugleich Lebensbeichte und Testament. Und sie sind, neben (auto)biographischen Schilderungen und historischen Einordnungen von vielen Zweifeln und Reflexionen durchzogen, mit denen er bzw. in Wahrheit natürlich die Autorin sein Handeln von mehreren Seiten beleuchtet, seinen Beweggründen nachgeht und seine auch von Sorgen und Ängsten begleiteten Entscheidungsfindungen einer selbstkritischen Prüfung unterzieht. In dieser Form kann Dagmar Fohl einerseits die keineswegs selbstverständliche Menschlichkeit dieses Mannes würdigen und andererseits der Gefahr einer allzu unkritischen Heldengeschichte entgehen.

Indem die Autorin die Selbstanalyse in die subjektive Ich-Perspektive ihres Protagonisten verlagert, kann sie dessen Geschichte auch ohne äußere moralisch-ethische Bewertungen seines Verhaltens erzählen, das keineswegs zu jeder Zeit tadellos und vorbildlich war. Es gibt durchaus auch dunklere Seiten und einen inneren Zwiespalt in ihm. Das zeigt sich vor allem an Sousa Mendes‘ streng christlicher Lebensweise, die bei ihm einerseits mit einem bestimmten Menschenbild einhergeht, das ihn in seinem Handeln für die Verfolgten bestärkt, andererseits jedoch eine gewisse Bigotterie nicht ausschließt, wenn er trotz seiner kinderreichen Ehe mit einer liebenden, treuen und loyalen Frau an seiner Seite eine geheime Beziehung mit einer viel jüngeren französischen Geliebten führt. Sousa Mendes, der aus einem alten portugiesischen Adelsgeschlecht stammt und weitläufige Ländereien besitzt und noch einige Zeit monarchistische Ansichten vertritt, steht außerdem nicht von vornherein auf der Seite der Armen und Deklassierten. Umso eindrücklicher wirkt aber vielleicht auch sein Eintreten für die Flüchtlinge, die durch politische Willkür als Staaten- und Rechtslose ganz nach unten gedrängt wurden.

Ich will aufrichtig sein und nichts verschweigen. Auch ich besaß Ländereien. (…) Es gab immerhin eine Schule, und ich wies den Verwalter an, die Bauern gut zu behandeln. Aber was bedeutet das? Auch ein Teil meiner Einkünfte speiste sich aus der Arbeit der Bauern. Ich war niemals ein Landreformer, auch ich beließ alles, wie es war. Daran hatte selbst meine Tolstoi-Lektüre nichts geändert. Ich gab Almosen an die Armen, von denen ich lebte, und fühlte mich dabei als guter Mensch. (…)

Wie widersprüchlich kann ein Mensch sein? Der Mann, der ich hätte sein mögen, lehnte den Mann ab, der ich war, und doch lebten die beiden unzertrennlich zusammen.

Dagmar Fohl, Wer ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt

Nachdem Sousa Mendes von den Vertretern des trotz vorgeblicher Neutralität mit den Nazis kollaborierenden Regimes nach Lissabon zurückbeordert worden war, dauerte es nicht lange, bis er seines Dienstes enthoben und angeklagt wurde. Es folgten viele verzweifelte und zunehmend bittere Jahre eines vergeblichen Kampfes gegen die Verarmung und für seine Rehabilitierung. Die Verstrickung des Regimes in den Krieg, ein persönliches Ressentiment Salazars gegen den befehlsverweigernden Aristokraten, das Fortdauern des Polizeistaates in Portugal — dagegen hatten Sousa Mendes, seine Familie und seine Freunde, keine Chance, dagegen prallte jedes seiner in vielen Briefen niedergeschriebenen ethischen Argumente gnadenlos ab. Trotzdem, so entnimmt man dem Zweifeln und Ringen des hadernden, leidenden Mannes, der fast am Ende seines Lebens und seiner Hoffnung angekommen ist, blieb ihm doch eine unerschütterliche Gewissheit. Sein sozialer Abstieg und seine politische Desillusionierung waren ein zweifellos hoher Preis, den zu zahlen er — auch auf Kosten seiner Familie — jedoch in seiner seelenforschenden Rückschau für sich als alternativlos (an)erkennt: Er musste so handeln, wenn er sich selbst und seine Menschlichkeit nicht verraten wollte.

Zwar zwingt die Ich-Form die Autorin bisweilen in ein selbst gewähltes Korsett, in dem manche Selbstbeschreibung etwas aufgesetzt und ungewollt eitel wirkt, etwa wenn sie Sousa Mendes selbst sein gutes Aussehen schildern lässt. Doch außer dieser kleinen Einschränkung wird hier ein menschliches Schicksal in seiner Zeit insgesamt glaubwürdig erzählt. Und vor allem auch mit viel historischem Hintergrundwissen, das einen sehr differenzierten Blick ermöglicht, der sich hinter den meist ganz einfachen und scheinbar locker herunterzulesenden Sätzen verbirgt. Man muss sich bewusst sein, dass diese Romanbiographie weniger handlungsreiche, schillernde Szenen bereithält als nachdenkliche Reflexionen, und sich darauf einlassen, dass das Romaneske an vielen Stellen von einem verständlich geschriebenen Geschichtsbuch verdrängt wird, das sich in die komplexeren Bereiche dieser historischen Epoche vorwagt und zeigt, wie sich auch andere Länder durch Kollaboration, Wegschauen oder Profitgier an den Verbrechen des Faschismus mitschuldig gemacht haben. Doch daran wird man, genauso wie auch an das vor diesem Hintergrund umso eindringlicher wirkende Beispiel von Sousa Mendes, noch lange, nachdem man das eher schmale Buch zuende gelesen hat, mit Erschütterung denken.

Bibliographische Angaben
Dagmar Fohl: Wer ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt – Der portugiesische Oskar Schindler, Gmeiner (2020)
ISBN: 9783839227718

Bildquelle
Dagmar Fohl, Wer ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt
© 2020 Gmeiner-Verlag GmbH, Meßkirch

bookmark_borderJulia Phillips: Das Verschwinden der Erde

Von der ersten Seite an lässt uns die Autorin lesend eine fremde Welt entdecken, die uns trotz der unzähligen Kilometer, die uns von ihr trennen, sofort auch unheimlich vertraut erscheint. Der Schauplatz der Geschichte ist Kamtschatka, diese Halbinsel ganz am asiatischen Rande Russlands, auf der es die faszinierendsten Naturformationen gibt, Vulkane, Geysire, schneebedeckte Steppen und wilde, exotische Tiere, Bären, Robben und Riesenseeadler. Doch indem auf psychologisch sehr stimmige Weise alles durch die Augen der Figuren gesehen, aus ihrem individuellen und eben auch zutiefst menschlichen Blick erzählt wird, wirkt außer der Landschaft nichts exotisch.

Die Amerikanerin Julia Phillips debütiert hier mit einem Roman, für den sie viele Jahre recherchiert hat, auch vor Ort, sie verbrachte einige Zeit in Kamtschatka, und das merkt man dem Buch an, das nicht nur fesselnd geschrieben ist, sondern auch ein differenziertes Porträt der Bevölkerung von Kamtschatka ist und sich mit seiner Geschichte auseinandersetzt.

Ausgangspunkt und erzählerischer Rahmen ist ein Kriminalfall: Zwei kleine russische Mädchen verschwinden bei einem Ferientagesausflug an den Strand von Petropawlowsk, zuletzt werden sie gesehen, als sie zu einem unbekannten Mann in den Wagen steigen. Doch obwohl sich dieser Entführungsfall wie ein roter Faden durch die Kapitel schlängelt, bezieht die geschickt konstruierte Geschichte ihre Spannung bei weitem nicht nur aus dem mutmaßlichen Verbrechen. Mindestens ebenso spannend ist das, was wir aus den einzelnen Kapiteln, in denen jeweils eine andere Figur im Vordergrund steht, vom Leben der Menschen in Kamtschatka erfahren, von ihren ganz persönlichen Schicksalen, ihren Ängsten und Sorgen, Hoffnungen und Plänen. In dreizehn Kapiteln, die mit Ausnahme des zusätzlich eingeschobenen Silvester-Kapitels von Monat zu Monat springen, erleben wir ein ganzes Jahr auf der Halbinsel: vom August, in dem die Mädchen verschwinden, bis zum Juli des folgenden Jahres. Und in jedem dieser Kapitel oder Monate erklingt eine neue Stimme, die auch eine neue Perspektive auf die Ereignisse und einige der bereits aufgetretenen Figuren wirft, die zur Freude des aufmerksamen Lesers immer wieder unerwartet in anderen Kontexten auftauchen.

So unterschiedlich das Alter, der Charakter, die persönliche Lebenssituation, die gesellschaftliche oder ethnische Herkunft der Figuren sind, eines ist allen diesen Stimmen doch gemeinsam: Es handelt ausschließlich um Frauen bzw. Mädchen, deren weibliche Perspektive die Autorin dank ihrer geschickten Erzählkonstruktion überzeugend in ihrer Vielfalt und Differenziertheit darstellen kann. In die komplexe Auseinandersetzung mit den verschiedenen Fremd- und Selbstbildern dieser Frauen lässt die Autorin auch die gesellschaftliche Position und die familiäre Verankerung mit hineinfließen, und ebenso die Geschichte des Landes, seinen keineswegs unproblematischen Übergang von der Sowjetzeit in die postsowjetische Gegenwart, sowie das auf einer kolonialen Unterdrückungsgeschichte und Vorurteilen beruhende Verhältnis von Indigenen, Russen und Einwanderern.

Ob es sich um eine aus einer indigenen Familie stammende junge Studentin handelt, die von ihrem russischen Freund aus der Ferne kontrolliert wird und sich eine Freiheit herausnimmt, die sie schier überwältigt; um eine Frau, die mit der von ihr erwarteten Rolle seit der Geburt ihres Kindes so überhaupt nicht klarkommt, die sich eingesperrt fühlt in ihrem Zuhause, in dem sie nurmehr Mutter oder Gastgeberin ist, und die sich in Lügen und Ausweichmanöver flüchtet, um ihrem Gefängnis momenteweise zu entkommen; oder um ein verzweifeltes junges Mädchen, dessen Beziehung zur besten Freundin in die Brüche geht, da deren Mutter der Meinung ist, sie sei als Tochter einer alleinerziehenden Mutter, die beruflich viel unterwegs ist, kein Umgang für die eigene Tochter: Alle diese Geschichten, von denen eine jede ungemein aufrichtig und berührend erzählt ist, sind Variationen des Verschwindens, dem all diese Frauen in unterschiedlichsten Formen ausgesetzt sind und gegen das sie sich mit all ihrer Kraft aufzulehnen versuchen. Immer stehen die Figuren an einem Kipppunkt in ihrem Leben, an dem sie sich selbst, ihre Gefühle, ihr Verhalten, ihre Entscheidungen und Abhängigkeiten in Frage stellen, sie neu betrachten und bewerten, und das ist fast immer schmerzhaft, überwältigend, mutig, oft ungerecht, empörend und manchmal auch sehr traurig oder richtig tragisch.

Das Verhalten der Protagonistinnen wird im Übrigen durchaus ambivalent dargestellt, nicht immer denken und handeln sie so, wie man sich das wünschen würde, aber gerade dadurch gewinnen sie eine Eigenwilligkeit, die dazu beiträgt, sie aus einer einseitigen Opferrolle herauszuholen. Der erzählerische Akt wird dabei zu einem Akt der Selbstbehauptung, wie es besonders eindrücklich in der Rahmengeschichte der entführten Mädchen deutlich wird. Aljona, die ältere der beiden, erzählt ihrer Schwester Sofija vom titelgebenden Verschwinden der Erde, eine Legende, mit der sie die etwas nervige kleine Schwester beim Spielen am Strand erst erschrecken wollte und die sie nun etwas anders erzählt, um Sofija und sich selbst in der existentiellen Situation der Bedrohung Mut zu machen. So wird das Erzählen zur Überlebensstrategie, zum verzweifelten Protest gegen das Schweigen der Gewalt. Der Gewalt der Auslöschung, Unterdrückung oder Indifferenz, die viele verschiedene Gesichter hat und auf das Verhältnis von Frauen und Männern, Indigenen und Zuwanderern, aber auch von Mensch und Natur bezogen werden kann.

Ihr ausgeprägtes Stilgefühl lässt die Autorin intensive emotionale Momente erschaffen, ohne Pathos oder unehrlichen Kitsch aufkommen zu lassen. Immer konzentriert auf das Wesentliche, schreibt sie einfühlsam und kritisch, lebendig, realitätsnah und existenziell. Auch auf inhaltlicher Ebene gelingt es ihr, die Balance zu halten zwischen der literarischen Darstellung der Eigentümlichkeiten des Landes und seiner so vielfältigen Bevölkerung und der Individualität ihrer Figuren. So verknüpft sie die fiktiven Biographien mit der kolonialen und (post)sowjetischen Geschichte Kamtschatkas, um sie doch zugleich als ganz persönliche Schicksale zu gestalten, in die man sich als Leser wunderbar hineinfühlen kann. Und so wie ihre Protagonisten das, was ihnen in der Geschichte widerfährt, als existenziell erleben, so durchweht auch das ganze Buch der zugleich erdverbundene und befreiende Atem menschlicher Universalität.

Bibliographische Angaben
Julia Phillips: Das Verschwinden der Erde, dtv 2021
Aus dem amerikanischen Englisch von Pociao und Roberto de Hollanda
ISBN: 9783423282581

Bildquelle
Julia Phillips, Das Verschwinden der Erde
© 2021 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

bookmark_borderDon DeLillo: Die Stille

Kurzweilig und sehr beunruhigend liest sich Don DeLillos gespenstisch hellsichtig wirkendes neuestes Werk, in dem ein unerklärlicher Stromausfall nach und nach alle Infrastrukturen zum Erliegen bringt. Während sich im öffentlichen Raum ein chaotisches Tohuwabohu ausbreitet, ist die Unruhe in den Häusern eher metaphysischer Art: eine unheimliche Stille, die ein nicht genauer bestimmbares, doch auf jeden Fall noch größeres Unheil zu verkünden scheint. Zum Ausdruck kommt diese Unruhe in den subtilen Grenzüberschreitungen der Protagonisten, letztlich die einzige hier spürbare und aufs Urmenschliche herabgebrochene Form von Transzendenz.

Auf wenigen Seiten eröffnet diese an mehrdeutigen Dialogen reiche Kurzprosa, die als Theaterstück vermutlich noch eindrücklicher gewirkt hätte, einen imaginären Raum, in dem die vielen Fragen, auf die die Protagonisten ebensowenig eine klare Antwort bekommen wie wir Leser, bedrohlich zirkulieren. So entsteht bei der Lektüre ein Gefühl von Klaustrophobie, das auf apokalyptische Weise mit einem weiteren Gefühl einhergeht, dem der Haltlosigkeit und Verlorenheit in einem riesigen, letztlich unkontrollierbaren Raum-Zeit-Gebilde.

Bibliographische Angaben
Don DeLillo: Die Stille, Kiepenheuer & Witsch (2020)
Aus dem amerikanischen Englisch von Frank Heibert
ISBN: 9783462001280

Bildquelle
Don DeLillo, Die Stille
© 2020 Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co KG, Köln

bookmark_borderSteven Price: Der letzte Prinz

Es gibt Bücher, da nimmt einen ein einziger Satz so gefangen, dass man ihn nicht mehr vergisst, weil sich in ihm der ganze Gehalt einer ehrlich erzählten und tief empfundenen Geschichte noch einmal aufs Äußerste sprachlich verdichtet.

So schwebt seit vielen Jahren der Schlusssatz von Hemingways A farewell to arms in meinem Gedächtnis, in dem sich hinter seiner sprachlichen Knappheit, ja fast Beiläufigkeit, eine tiefe Desillusion verbirgt; all das Unsagbare, was der Protagonist, der nun auch noch seine Liebste und das Baby bei der Geburt verloren hat, im Ersten Weltkrieg durchgemacht hat, kulminiert in dem scheinbar lapidaren Satz: „And he was walking back to the hotel in the rain.“

Auch in Steven Price‘ beeindruckendem neuen Roman Der letzte Prinz, in dem der Autor den Entstehungsprozess von Giuseppe Tomasi di Lampedusas erst postum erschienenem und berühmt gewordenem Roman Der Leopard und das Leben seines Autors in einer sehr poetischen Romanbiographie nachbildet, erklingt gegen Ende ein solcher Satz, den man wieder und wieder lesen muss:

Ein dunkler, sehr schöner Morgen ging auf. Seine Augen tränten, und er versuchte, sie offenzuhalten, die Welt so lange zu sehen, wie er konnte. Er lauschte dem Atem seiner Frau. Das schwarze Buch auf dem Knie seiner Frau glänzte. Wie seltsam, dachte er, dass er das Buch nicht kannte, nicht wusste, was drinstand.

Steven Price, Der letzte Prinz

Es ist sein eigenes Buch, sein Lebenswerk, das der sterbende Schriftsteller nicht mehr erkennt. Gleichwohl hier eine poetische Versöhnlichkeit durchschimmert, der Hemingway sich verwehrt, ist den beiden Sätzen doch der melancholische Ton gemeinsam, der auch der Stimmung des gesamten Buches von Steven Price entspricht. Am Beispiel des Lebens eines Schriftstellers, der über Jahre und in einem fortdauernden Kraftakt an einem einzigen Roman schreibt, in dem er die Geschichte seiner Vorfahren und letztlich auch seine eigenen Erfahrungen verarbeitet, und dessen Veröffentlichung er dann nicht einmal mehr erlebt, verbildlicht Steven Price ohne pathetische Hilfsmittel sehr glaubwürdig die ganze „conditio humana“. Es gelingt ihm, Emotionen durchscheinen zu lassen, ohne sie sprachlich zu forcieren; vielmehr liegt der Erzählung ein nachdenklicher, oft auch zweifelnder Ton zugrunde, der den Prozess des Sich-Erinnerns der Romanfigur ebenso auszeichnet wie die behutsame biographische Herangehensweise des Autors.

Während die Erzählgegenwart den Schriftsteller in seinen späten Jahren zeigt, werden kapitelweise Rückblicke eingeschoben, die bis in Giuseppe Tomasi di Lampedusas Kindheit zurückreichen. Eindrücklich wird erzählt, wie er seine schwere Lungenkrankheit lange Zeit vor seiner Frau verbirgt, weil er nicht weiß, wie er ihr diese schicksalhafte Nachricht vermitteln soll. Hier spiegelt sich wohl auch eine viel grundsätzlichere Schwierigkeit: diejenige nämlich, für das, was einen innerlich ausmacht, was einen berührt, was einem Angst macht, einen angemessenen Ausdruck zu finden. So nimmt auch das sich schier endlos in die Länge ziehende, an seinen Kräften zehrende Schreiben Lampedusas an seinem einzigen Roman, den er immer wieder umschreibt, einen großen, ja eigentlich zentralen Raum in der Erzählung ein. Der Leopard ist seine Lebensaufgabe, eine Herausforderung, die höchste Glücksgefühle und tiefste Unsicherheit bereithält.

Der Roman enthält somit durchgehend die Spannung einer doppelten Ebene, die erzähltechnisch überzeugend konstruiert ist: Price schreibt eine Romanbiographie über den letzten Fürsten der Lampedusa, indem er erzählt, wie dieser seinerseits in Romanform vom letzten Fürsten des sizilianischen Geschlechts erzählt, dessen Nachgeborener er ist. Nicht erstaunlich also, dass sich immer wieder Parallelen zwischen Price‘ Romanhelden Giuseppe di Lampedusa und Lampedusas eigenem Romanhelden andeuten, den beiden alternden Prinzen, die auf ganz unterschiedliche Weise doch beide eine im Verschwinden begriffene Welt einzufangen versuchen und zugleich an der Sinnhaftigkeit dieses Unterfangens zweifeln. Und so wie der alte Fürst Salina aus Der Leopard den Machtverlust in Folge der politischen Umwälzungen im Italien der Jahrhundertwende zu spüren bekommt, erlebt der nachgeborene Schriftsteller, der diesen geschichtlichen Einschnitt in Romanform verewigt hat, durch seine Krankheit und den herannahenden Tod seinerseits eine Form wachsender Ohnmacht — ein gelungenes Ineinander von Geschichte und Individuum.

In dem oben zitierten Satz zeigt sich all dies und vor allem die Erzählkunst des Autors, der für mein ästhetisches Empfinden in seinem Roman genau den richtigen Ton zwischen Nachdenklichkeit und Emotion zu treffen versteht, auch wenn es um einen so intimen, so grausamen und zugleich sublimierten Moment wie das Sterben eines Menschen geht.

Bibliographische Angaben
Steven Price: Der letzte Prinz, Diogenes (2020)
Aus dem Englischen von Malte Krutzsch
ISBN: 9783257071436

Bildquelle
Steven Price, Der letzte Prinz
© Diogenes Verlag AG, Zürich (CH)