bookmark_borderJana Revedin: Margherita

Jana Revedin erzählt in ihrem auf der eigenen Familiengeschichte basierenden Roman die Geschichte einer modernen Frau und verknüpft sie geschickt und unterhaltsam mit einer Kultur- und Gesellschaftsgeschichte des europäischen 20. Jahrhunderts.

Zunächst mutet die Geschichte der intelligenten und einfühlsamen Margherita, die mit ihren Schwestern einen Zeitungskiosk betreibt, um die Familie zu ernähren, wie ein Märchen an. Einer ihrer Zeitungsabonennten ist Nino, der Erbe der alteingesessenen, reichen Familie Revedin in Treviso. Marghuerita mag ihn gern und genießt es, ab und an ein Wort mit ihm über das in den Zeitungen berichtete Zeitgeschehen zu wechseln, doch als Nino sie eines Tages zu sich einlädt und ihr einen Heiratsantrag macht, fällt sie aus allen Wolken und bleibt zunächst skeptisch, ob eine solche unstandesgemäße Liebe eine Zukunft haben kann. Doch ihr familiäres Umfeld ist dem jungen Paar gewogen — im Unterschied zu den venezianischen Patrizierfamilien, die Margherita auch nach Jahrzehnten nicht als eine der Ihren akzeptieren werden — und so findet 1920 die Hochzeit statt und die beiden ziehen in ein Palais nach Venedig.

Venedig ist zu dem Zeitpunkt eine im Wandel begriffene Stadt, und Margherita verkörpert wie keine andere diesen kulturellen und gesellschaftlichen Wandel. Geschult in Paris, wo sie vor ihrer Hochzeit einige Monate verbrachte, sozusagen als Bildungsreise und kulturelle Initiation, nutzt sie den Einfluss der Familie ihres Mannes und nicht weniger auch ihre eigenen Kontakte, die sie in Paris geknüpft hat — darunter z.B. die später berühmte Kunstmäzenin Peggy Guggenheim –, um Venedig zu einem kulturellen Zentrum der Moderne zu machen. Film, Kunst, Sport, Mode, Architektur, überall steckt die Moderne in ihren Startlöchern, und Margherita ist begeistert und engagiert mit dabei.

Doch während Margherita sich in diese neue Welt in Venedig, in der sie als Mädchen einfacher Herkunft immer wieder auch auf Widerstand stößt, mit ihrer einfühlsamen und begeisterungsfähigen Art rasch einzufügen versteht und dem kleinen Luigi bald auch eine verantwortungs- und liebevolle Mutter wird, beobachtet sie zunehmend mit Sorge, wie ihr verträumter Mann Nino, dessen Leidenschaft die Fotografie ist, sich mehr und mehr in dubiose Geschäfte einlässt, Schulden anhäuft und sich schließlich sogar den neuen politischen Granden des Faschismus anbiedert. Diese Selbstentfremdung Ninos geht bald auch einher mit einer Entfremdung der Eheleute voneinander, die ein trauriges Ende nimmt.

Nach den 1930er Jahren folgt ein großer Zeitsprung ins Jahr 1962. Margherita ist längst Witwe, hat ihre kunstsinnige Umtriebigkeit und ihre Begeisterungsfähigkeit aber nicht verloren, sondern gestaltet mit talentierten Nachwuchsarchitekten das künftige Stadtbild Venedigs. Und, so viel sei zumindest verraten, auch die Familiengeschichte nimmt ein versöhnliches Ende mit dem hoffnungsvollen Ausblick auf eine neue Generation. Diese wird für die Autorin dann auch die Brücke zu einem autobiographischen Epilog, in dem sie schildert, wie sie selbst Margheritas Enkel kennengelernt hat: Antonio Revedin, den sie geheiratet und dessen Familiengeschichte sie hier niedergeschrieben hat.

Auch wenn der Roman manchmal an eine Chronik erinnert, da die Autorin eine Fülle an historischen Personen und Tatsachen in ihm unterbringt, werden diese doch fast immer lebendig in die Handlung eingebunden. Das gelingt zum einen durch die überzeugend gestalteten Dialoge, zum anderen auch durch die plastische und meist vielschichtige Charakterisierung der Figuren. Einzig Marherita selbst wird zwar äußerst einfühlsam, doch im Unterschied zu manch anderen gebrocheneren oder schillernderen Figuren vielleicht als zu gute Seele gezeichnet. So haftet der Erzählung doch bis zuletzt etwas Märchenhaftes an, aber das nimmt man gern in Kauf bei einer insgesamt überaus mitreißenden Geschichte.

Jana Revedin: Margherita, Aufbau Verlag 2020
ISBN: 9783351038304

bookmark_borderThomas Hettche: Herzfaden

Thomas Hettche ist ein ganz wunderbarer Erzähler, der Ereignisse aus der Geschichte glaubhaft und in einem Stil, der Eleganz und Natürlichkeit verbindet, in einen fesselnden Roman verwandelt. In seinem neuen Buch über die Entstehungsgeschichte der Augsburger Puppenkiste verwebt er so verschiedene Genres und Erzählstile zu einem sehr harmonischen und aussagekräftigen Ganzen. In einer Sprache, die stilvoll ist ohne jeden Manierismus, die Poesie und Realismus vereint und auf diese Weise genau den Ton trifft, der dem Inhalt der Erzählung gerecht wird: durch Kunst und Theater gemeinschaftlich eine (Gegen-)Welt zu schaffen, die der Wirklichkeit Rechnung trägt, ohne sich ihr zu unterwerfen, und so auch eine Art poetischen Widerstand zu leisten, ohne sich von den politischen und historischen Umständen einschüchtern zu lassen.

Allein mit dem Wort „Mondlichtteppich“, das man sich nicht genug auf der Zunge zergehen lassen mag, schafft Hettche eine poetisch-zauberhafte Atmosphäre, die den Rahmen der Erzählung bestimmt. In diesen Erzählrahmen lässt der Autor ein namenloses Mädchen im Hier und Jetzt stolpern, das sich mit seinen 13 Jahren eigentlich schon viel zu erwachsen für eine Marionettenaufführung der Augsburger Puppenkiste fühlt, das daher aus Trotz seinem Vater davonläuft und sich im dunklen Keller des Theaters in einer fantastischen Welt verirrt, in die es sich erst skeptisch, dann aber mit immer größerer Faszination hineinziehen lässt. Denn die Marionetten werden auf einmal lebendig, ebenso lebendig wie die Vergangenheit, die in der Erzählung von Hannelore, genannt Hatü, das Mädchen genauso wie uns Leser in den Bann zu schlagen vermag.

Hatü, die aus dem Jenseits an diesen fantastischen Ort zurückgekehrt ist, um rückblickend ihre Geschichte zu erzählen, ist die Tochter von Walter Oehmichen, der mit seiner Familie und Freunden und vor allem einer Schar junger Leute mitten im Krieg die Puppenkiste erfand, die dann in der frühen Bundesrepublik zum Erfolgsschlager des frühen Farbfilms wurde und seitdem ein nicht wegzudenkendes Kulturgut ist.

Der Autor rückt die junge Hannelore, und nicht etwa ihren damals in der Theaterszene schon etablierten Vater, ins Zentrum seiner Erzählung, so dass ihr kindlicher und jugendlicher Blick auf die geschichtlichen Ereignisse und Veränderungen, und auch auf das mitunter unverständliche oder erschreckende Verhalten der Erwachsenen vorherrscht. Es ist ein Blick, der sich vielen Desillusionierungen aussetzen muss, und doch oder gerade deshalb nie das Wesentliche aus den Augen verliert. So wird Hatü, die trotz aller Rückschläge und Unsicherheiten, die der Autor psychologisch glaubhaft schildert, nie den Glauben an ihre Unternehmung verliert, die treibende Kraft des Theaters und gibt als begabte Puppenschnitzerin vielen der noch heute berühmten Marionetten ihr unvergessliches Gesicht.

Das zu lesen, ist ein großer Genuss, ein ungemein berührendes und geschichtsbewusstes Eintauchen in eine magische Welt!

Thomas Hettche: Herzfaden: Roman der Augsburger Puppenkiste, Kiepenheuer & Witsch 2020
ISBN: 9783462052565

bookmark_borderChristine Wunnicke: Die Dame mit der bemalten Hand

Die Dame mit der bemalten Hand ist ein historischer Roman der besonderen Art aus der amüsant eigenwilligen Feder der Autorin, die ihre erst sorgsam recherchierten Figuren und Stoffe dann gerne parodistischen, fast grotesken Kontexten aussetzt.

Hier treffen zwei Figuren aus Welten, die nicht unterschiedlicher sein könnten, aufeinander, und das an einem Ort — einer indischen Insel namens Elephanta — an dem beide nur durch Zufall gestrandet sind: der deutsche Mathematiker Carsten Niebuhr, der letzte am Leben verbliebene Teilnehmer einer europäischen Forschungsexpedition, der sich zum wiederholten Mal im Sumpffieberdelirium dem Tode nähert, und der persische Astronom — und Meistererzähler — Musa al-Lahuri. Die beiden verständigen sich, mit vielerlei Missverständnissen und doch großer Intensität, in vielen verschiedenen Sprachen, und diese Sprachverwirrung und Thematisierung der manchmal erstaunlicherweise auch gelingenden, oft aber scheiternden Kommunikation ist das eigentliche Thema des Buches. Denn zur Verständigung braucht es mehr als die Beherrschung eines linguistischen Systems. Wenn der kulturelle Hintergrund dem anderen unbegreiflich ist, wenn selbst die Sterne, zu denen alle gleichermaßen hinaufschauen, unterschiedliche Bezeichnungen und Bedeutungen haben, ist es schwer, dem anderen zu erklären, was man eigentlich fühlt und denkt und vorhat. Wobei es, etwa angesichts des Todes, zwischen den beiden Protagonisten des Romans ab und an Momente gibt, in denen ein zwischenmenschliches Einfühlen und Verstehen aufblitzt, das im Kontext einer ansonsten häufig absurd anmutenden Begegnung sehr berührend wirkt. Die Autorin wählt somit einen ungewöhnlichen und erhellenden Blickwinkel auf eine die Weltgeschichte bis heute beeinflussende Entwicklung, indem sie den europäischen Forscherdrang auf tragikomische Weise zeigt und seine ignorante Überheblichkeit, aber auch seine optimistische Naivität und Neugier beleuchtet.

Am Ende schließt sich ein Kreis, wird die Erzählung an ihren Anfang zurückgeführt und ironisch in der Fiktion, im Erzählen an sich verankert. Dieses Erzählen, in dem sich nicht nur Musa als Meister erweist — auch Carsten Niebuhr schreibt zurück in der Heimat seine Erlebnisse in der Ferne nieder — trägt stets auch die Lüge, das Ausschmücken, das Erfinden in sich: für die einen ein Ärgernis, für die anderen der besondere Reiz. Und ist nicht auch die Wissenschaft an Erzählungen und situationsbedingte, weltanschauliche Fragestellungen gebunden?

Christine Wunnicke jedenfalls relativiert und hinterfragt in ihrem Roman auf unterhaltsame und provozierende Weise unseren Blick auf die Welt und auf den anderen.

Christine Wunnicke: Die Dame mit der bemalten Hand, Berenberg 2020
ISBN 9783946334767

bookmark_borderJens Steiner: Ameisen unterm Brennglas

Ein brennendes Haus, ein Schusswechsel auf einer Raststätte, ein junges Paar auf der Flucht — atemlos verfolgt die ganze Schweiz vor dem Fernseher diese gar schrecklichen Szenen mutmaßlicher terroristischer Gewalt in ihrem kleinen Land, mit größter Besorgnis und jeder mit seinen ganz persönlichen, von Vorurteilen keineswegs freien Spekulationen… Oder ist das alles nur ein Spiel, ein Experiment, über das sich irgendwer ins Fäustchen lacht? Wer beobachtet hier eigentlich wen, und liegt der Wahnsinn wirklich nur in den bestürzenden Fernsehbildern?

Ein entlarvender und doch liebevoller Blick ist es, den der Schweizer Autor Jens Steiner in seinem neuen Roman durch sein literarisches Brennglas wirft. Ein die Gesellschaft ebenso wie die Psyche seiner Protagonisten schonungslos sezierender Blick, der noch die kleinsten Ängste oder Misstöne in eindringlicher Vergrößerung zeigt, dabei aber in einem stilistisch überzeugenden Balanceakt zugleich eine Ebene der Distanz schafft, indem er das Glas immer wieder auch umdreht und sich herauszoomt aus der geradezu pathologisch wirkenden Intimität. Schließlich ist es auch ein schmunzelnder Blick, ein Blick voll Humor auf seine Figuren, die sich verrennen wie die Ameisen, denen der Autor in seiner Geschichte nicht zufällig eine verhängnisvolle und natürlich metaphorisch lesbare Spur gelegt hat:

Die Ameise sondiert, entdeckt hier und da Spuren von Essensresten, aber so richtig brauchbar ist das alles nicht. (…) Dann lockt eine Spur sie die Wand hoch, sie folgt ihr, bis zur Befestigung des Küchenfernsehers, das ist der falsche Weg, aber sie begreift das nicht, irrt auf dem Rahmen des warmen Fernsehers herum, landet schließlich auf dem flimmernden Bildschirm, Farben und Formen rasen hin und her, wandeln sich, Flächen blähen sich auf, schrumpfen wieder, Eckiges schleicht von rechts nach links, hier und da Lichtexplosionen, und dann fliegen von oben her ein menschlicher Daumen und ein Mittelfinger heran und schließen sich wie eine Klammer um sie.

Steiner, Ameisen unterm Brennglas, S. 168

Und so wie im sozialen Gefüge des Ameisenbaus die Tiere ganz unterschiedlichen Aufgaben nachgehen, haben auch Jens Steiners Romanfiguren verschiedene gesellschaftliche Rollen, von denen im Wechsel und aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt wird. So entstehen vielfältige Porträts, denen jeweils ein eigener Stil zugedacht ist, eine eigene Stimme, die jedes Mal so überzeugend wiedergegeben wird, dass man sich beim Lesen wunderbar in die jeweilige Denkweise und Psyche hineinfühlen kann, egal ob es sich um privilegierte oder sozial schwache, männliche oder weibliche, alte oder junge Figuren handelt:

Da ist der Familienvater Martin Boll, der „seine Bande“ aufrichtig liebt, aber immer wieder auch an ihr verzweifelt: seine shoppingverliebte Frau, seine am Smartphone hängende Tochter und sein kleiner Sohn Noah, der sich heimlich als Mädchen verkleidet, womit der Vater so gar nicht umzugehen weiß. Gleichzeitig fühlt er sich beruflich enorm unter Druck gesetzt, seit die Firma, in der er angestellt ist, von der taffen, stets makellos gekleideten und geschminkten, bis in die Nacht hinein durcharbeitenden neuen Chefin auf den Kopf gestellt wird.

Toni Manfredi macht das Leben auf andere Weise zu schaffen: Wegen seines schlechten Rückens frühpensioniert, fristet er sein Leben in einer Hochhaussiedlung in Bern Bethlehem und schnitzt mit Hingabe Krippenfiguren. Er ist ein sympathischer Kerl, der es gut meint, viel nachdenkt und sich auf etwas eigenwillige Weise auch um das Schicksal der Einwanderer in seinem Viertel sorgt. Im Widerstreit zwischen der Reue über seine Passivität, durch die er einst die Liebe seines Lebens verpasste, und einer Sehnsucht nach Harmonie, auch im Sinne eines gesellschaftlichen Zusammenhalts, unternimmt er ungelenke Versuche, den sozialen Frieden in seinem Viertel aufrechtzuerhalten.

In einem gänzlich anders gearteten Milieu verkehrt der frankophone Schweizer Jacques Rance, der in einer großbürgerlich ausgestatteten Villa in der Nähe von Lausanne mit seiner ärgerlich überbesorgten Haushälterin in intellektuellem und materiellem Reichtum lebt, der ihn gleichwohl, so wird ihm nun auf unangenehme Weise bewusst, nicht vor dem unaufhaltsam fortschreitenden körperlichen Verfall bewahren kann. Zurückgeworfen auf seine gebrechliche Körperlichkeit und gefangen in einem ohnmächtigen Geist, liest der sterbende Herr mit dem sprechenden Nachnamen den Renaissancephilosophen Montaigne und setzt sich mit seinem ranzigen Dasein, dem Sterben und der conditio humana auseinander, für die er sich während seines früheren geschäftigen Unternehmerdaseins nie Zeit genommen hatte; ebensowenig im Übrigen wie für die Menschen in seinem sozialen Umfeld, von denen einer ihm seine herablassende Ignoranz ganz besonders übel nimmt…

Noch mitten im hektisch-geschäftigen Dasein präsent ist die umtriebige und geradezu hyperaktiv wirkende alleinerziehende Mutter Regina Nowotny, die sich nach ihrer Scheidung in unzähligen Jobs und Ehrenaufgaben gleichzeitig aufarbeitet und, weil es irgendwie praktisch ist und zeitsparender als eine neue Beziehung, mit ihrem Exmann heimlich wieder eine Affäre hat. Überfordert, ohne dies zugeben zu wollen, ist sie unablässig am Rotieren, um den Schein zu wahren und noch den letzten Rest an Energie aus sich herauszuholen. Ihr introvertierter Sohn Raffi kommt dabei ungewollt etwas zu kurz, was der kleine Junge der Mutter eigentlich gar nicht so übel nimmt, kann er sich auf diese Weise doch die eine oder andere kindliche Freiheit herausnehmen, endlos in der Natur herumzustreifen zum Beispiel, so dass sich dann auch ein vergessenes Abendessen mal verschmerzen lässt. Die Handlung des Romans wird durch Reginas Nachlässigkeit gegenüber ihrem Sohn jedoch entscheidend vorangetrieben. Als sie gemeinsam mit dem Vater eine verzweifelt-heimliche Suchaktion startet, ist ihr Sohn schon über eine Nacht verschwunden!

Raffi, das Kind, ist es auch, das vielleicht das größte Abenteuer von allen in dieser Geschichte erlebt. Verträumt bewegt der Junge sich in einer von Rittern und Ungeheuern bevölkerten Fantasiewelt, deren Spuren er in seinen Streifzügen in der Landschaft herbeifantasiert, die ihn dann aber auch ganz real immer weiter von zuhause wegführen und, wie es der Zufall will, in eine waschechte, wenn auch irgendwie unkonventionelle Entführung hineinstolpern lassen. So wird er, der Träumer, den nach einem Abenteuer hungert, an dem er aber am liebsten doch eher nur in der Beobachterrolle teilnehmen würde, ohne es zu wissen mitten in die Ereignisse hineingezogen, die der Rest der Bevölkerung im Fernsehen verfolgt.

Raffi nimmt nicht nur dramaturgisch, sondern auch durch seine Zeugenschaft, sein kindlich vorurteilsfreies Beobachten eine zentrale Position in der Erzählung ein, in der immer wieder behutsam-ironisch auf die Perspektive des von außen Beobachtenden verwiesen wird. Am Schluss wirft auch die sich fiktionsironisch selbst in Frage stellende auktoriale Erzählerfigur einen Metablick auf die soeben von ihr zuende erzählte Geschichte und spielt mit dem Verweis auf das literarische Zusammenspiel von Kunst und Wissenschaft auf die Realismusexperimente des späten 19. Jahrhunderts an, von denen sie sich mit dem Mittel der ironischen Brechung jedoch gleich wieder distanziert. Der fiktionsironische Blick von oben erinnert vielmehr auch an einer anderen Stelle ganz stark an den für das erzählerisch selbstreflexive frühe 20. Jahrhundert wegweisenden Roman Die Falschmünzer von André Gide, an den Jens Steiner nun im 21. Jahrhundert wieder anzuknüpfen vermag. Im letzten Drittel der Erzählung halten wir mit einem über das ameisenhafte Gewusel der städtischen Bevölkerung zumindest geographisch erhabenen Bewohner des Schweizer Jura für ein paar Absätze inne, um aus der Distanz der in einem ganz anderen Tempo zirkulierenden Bergluft heraus erstaunt und etwas befremdet auf die Aufregung der hektisch umherirrenden, ihr eigenes Verhängnis geradezu heraufbeschwörenden Ameisen hinabzublicken:

Der Mensch hier oben weiß wenig von der Aufregung im Mittelland unten. Eine Aufregung, die ständig in alle Richtungen voranprescht und nachschwappt, jedoch sogleich abebbt, wenn sie auf die Flanken der jurassischen Längsrippen trifft. Selten schafft sie es bis hier hinauf. Dabei hätte sie die dafür nötige Masse durchaus. Eine Masse, die sowohl das Wichtige wie auch das Unwichtige in sich trägt, die Wahrheit und die Lüge. Eine Masse als unaufhörliches Handgemenge ihrer eigenen Teile.

Steiner, Ameisen unterm Brennglas, S. 188

Als „Falschmünzer“ stellen sich schließlich auch die beiden mutmaßlichen Terroristen, Brandstifter und Kindesentführer heraus. Ihre scheinbar willkürlichen und absurd anmutenden Taten, mit denen sie die ganze Schweiz in helle Aufregung versetzen und so manches falschmünzerhaft gelebte Leben zum Einstürzen bringen, erinnern stark an die „actes gratuits“ aus Gides Romantheorie. So fliegt am Ende Falschgeld durch die Luft und stiftet ein Verkehrschaos an, wird sündteures Empire-Mobiliar zertrümmert, und alles stellt sich letztlich als ganz anders heraus, als es sich in den Medien und den panischen Köpfen der Menschen dargestellt hat.

So erwächst den spektakulären „actes gratuits“ in Jens Steiners Roman auch eine gesellschaftliche Relevanz, die über ein mit großem Amüsement lesbares literarisches Spiel hinausreicht: Die reißerischen Medien bekommen ihr Fett ab und ebenso natürlich ihre kritiklosen und emotionalisierten Konsumenten. Der Autor entwirft das beunruhigende Psychogramm einer zeitgenössischen Gesellschaft, die in den mentalen Barrieren eines eigentlich längst überwunden geglaubten Klassenverhaltens gefangen ist. Eine Gesellschaft, deren Zusammenhalt brüchig geworden ist und die in einander verachtende oder zumindest belächelnde Gruppen zu zerfallen droht, deren Verständigung untereinander und Verständnis füreinander gegen Null geht. Und dieses antagonistische Gesellschaftspanorama, in dem Migranten und Schweizer, Landbewohner und Stadtmenschen, Frankophone und Deutschschweizer, Großbürgertum und Angestellte, Familienernährer und alleinerziehende Mütter einander fremd und feindselig gegenüberstehen, lässt sich im Grunde ziemlich gut von der Schweiz auch auf andere Länder übertragen. Denn unterm Brennglas treten in satirischer Zuspitzung einige der Merkmale unserer Gesellschaften im 21. Jahrhundert deutlich zutage: ihre Überreizung und Überforderung, ihr Populismus und ihre Irrationalität, ihre panischen, vorschnellen, vom Vorurteil gesteuerten Reaktionen. Und all das gelingt dem Autor in einem Stil, der zwar satirisch ist, doch alles andere als moralistisch oder alarmistisch. Anstatt seinerseits Panik zu schüren, geht Jens Steiner den Ursachen der überhitzten Reaktionen seiner Figuren auf den Grund, und dies tut er, wie eingangs erwähnt, mit einem durchgehend humoristischen Grundton und indem er neben verbohrter Unversöhnlichkeit auch zwischenmenschliche Begegnungen schildert, die Hoffnung schöpfen lassen.

Vor allem hat er, wenn auch kein Verständnis, so doch Mitgefühl mit dem irrationalen Verhalten, das alle erwachsene Figuren an den Tag legen. So versteht man nach der Lektüre ein bisschen besser, woher die auf den ersten Blick so absurde Panik eigentlich kommt und wie es vonstattengeht, dass individuelle Ängste und Sorgen in falsche Bahnen gelenkt werden und sich zu bedenklichen Neurosen, psychischen Zwängen oder Fehlleistungen oder gar halluzinatorischen Wahnvorstellungen entwickeln.

So führt der Autor den Leser glaubhaft und empathisch durch die verschiedenen Milieus seiner Figuren und wahrt dennoch stets eine literarische Distanz, die gerade die besondere ästhetische Qualität des Textes ausmacht. Eine besondere Literarizität erlangt der Text auch durch die kreativen Metaphern, mit denen er die Innenschau der Figuren immer wieder um eine weitere Bedeutungsebene bereichert, wie im folgenden Beispiel, in dem die Psyche der Figur sich in einem Sinneseindruck offenbart, der in eine Metapher übergeleitet wird:

Martin muss sich an der Wand abstützen. Hilfe! Als ob ein dünner Sandfaden durch seinen Körper rieseln würde. Als ob er eine gläserne Sanduhr wäre und in ihm drin diese lautlose, luftige Erosion.

Steiner, Ameisen unterm Brennglas, S. 173

Ameisen unterm Brennglas ist ein höchst lesenswerter Roman, der nicht nur stilistisch gelungen ist, sondern durch die nach und nach mehr miteinander korrespondierenden Perspektivwechsel auch dramaturgisch überzeugend und überaus spannend konstruiert ist. Taucht man anfangs ein in die Lebenswelten von Personen, die scheinbar rein gar nichts miteinander gemeinsam haben, so fügt man ihre Geschichten bald wie ein Puzzle zusammen und erkennt in den einzelnen Erzählsträngen sich immer wieder kreuzende Straßen von Ameisen, deren emsiges Treiben der Autor im Brennglas der Literatur mit scharfem und schmunzelndem Blick erfasst.

Jens Steiner: Ameisen unterm Brennglas, Arche (2020)
ISBN: 9783716027905

bookmark_borderPatrick Modiano: Encre sympathique

Es ist der unvergleichliche Modiano-Stil, der einen sofort gefangennimmt, wenn man den neuen Roman des französischen Schriftstellers aufschlägt, des nicht nur in seinem Schreiben, sondern auch im Austausch mit der Öffentlichkeit so diskreten Nobelpreisträgers von 2014: ein Stil, der sich zumindest andeutungsweise mit den Adjektiven poetisch, detektivisch, mysteriös, onirisch, und ja, auch urban umreißen lässt, schließlich ist der Schauplatz auch dieses Mal wieder ein knapp skizziertes und dennoch atmosphärisch dichtes Paris mit seinen Cafés, seinen Straßen, seinen Büros. Ein Paris wie aus einer Bleistiftzeichnung, dessen Romantik gerade nicht aus einem sentimentalen In-Farbe-Tauchen, sondern aus dem Mysterium des bloß Angedeuteten, Erahnten entsteht.

Wie so oft bei Modiano, gerät man auch hier als Leser in den Sog einer intellektuellen detektivischen Spurensuche. Es geht um die Rekonstruktion einer Geschichte, die sich in der Erzählweise des Romans selbst widerspiegelt, in der verschiedene Zeit-Ebenen und Erinnerungsschichten ineinandergreifen. So scheint zunächst alles auf eine lange zurückliegende und eigentlich ganz unscheinbare Episode aus dem Leben des Ich-Erzählers zurückzugehen, als dieser ein eher unspektakuläres Praktikum in einer Privatdetektei absolvierte. Seine einzige und damals ergebnislos verlaufende Aufgabe bestand darin, nach der Spur einer verschwundenen jungen Frau zu suchen. Doch Jahre später, in der Erzählgegenwart, nimmt er sich die fast leere Akte und das Adressbüchlein der Verschwundenen erneut vor, und obwohl er die Bedeutung des Ganzen erst herunterzuspielen versucht, erfährt man nach und nach, dass er auch in der Zwischenzeit sporadisch weiterermittelte und ihn die ungeklärte Geschichte nie wirklich losgelassen hat.

Immer wieder deutet sich in Form einer ganz leisen Ahnung an, dass das Verschwinden der jungen Frau irgendwie auch mit seiner eigenen Vergangenheit in Verbindung steht. Es ist nur eine ganz lose Verknüpfung von Ereignissen und Vermutungen, in die sich der Ich-Erzähler hier vorwagt und die der leisen, suggestiven écriture Modianos entspricht, mit der er auf seine ganz eigene Art eine subtile, fast mystische Spannung erzeugt, die einen als Leser zugleich fasziniert und in Bann schlägt. Zusammen mit dem Ich-Erzähler gibt man sich der Suche nach einem Zusammenhang hin, will man die identitären Leerstellen mit Bedeutung füllen, das Rätsel aufdecken und eine kohärente Geschichte (re)konstruieren. Denn für den Ich-Erzähler, so merkt man bald, bedeutet die wiederaufgenommene Spurensuche weit mehr als bloße Detektivarbeit: Sie ist, zunächst unbewusst, vor allem auch die Suche nach sich selbst, nach seiner eigenen Geschichte, deren Brüche und Leerstellen er in eine gerade, erzählbare Form bringen möchte:

Dans le tracé assez rectiligne de ma vie, elle était une question demeurée sans réponse. Et si je continue d’écrire ce livre, c’est uniquement dans l’espoir, peut-être chimérique, de trouver une réponse.

In der ziemlich geradlinigen Spur meines Lebens war diese Frage ohne Antwort geblieben. Und wenn ich das Buch hier weiterschreibe, so einzig in der vielleicht utopischen Hoffnung, eine Antwort zu finden.

Modiano, Encre sympathique, S. 101 (Übersetzung aus dem Französischen von mir)

Doch indem Modiano bzw. sein schreibender Ich-Erzähler die Biographien von Suchendem und Gesuchter ineinanderfließen lässt, indem er ihre Vergangenheiten miteinander verschmilzt, entfernt er sich natürlich erst recht von einer wie auch immer gearteten objektiven Wahrheit. Als Leser merkt man schnell, dass die Erzählung äußerst subjektiv gefärbt ist und beginnt, sie mit einer gewissen Vorsicht zu bedenken. Auch wenn wir es nicht mit einem absichtlich unzuverlässigen Erzähler zu tun haben, der seine Leser willkürlich in die Irre führen will, so ist dieser Erzähler doch auf jeden Fall in dem Grade unzuverlässig, als es auch die subjektive Erinnerung selbst ist, die im Nachhinein Geschichten konstruiert, sie ausschmückt oder verändert. Im suchenden Schreiben des Ich-Erzählers offenbart sich so eine tiefe Sehnsucht nach der Konstruktion einer in sich stimmigen Identität, die in präzisen, aber eben erst aufzudeckenden Linien schon vorgezeichnet ist:

Il me semble que tout était déjà écrit à l’encre sympathique. Quelle est dans le dictionnaire sa signification? ‚Encre qui, incolore quand on l’emploie, noircit à l’action d’une substance déterminée.‘ Peut-être, au détour d’une page, apparaîtra peu à peu ce qui a été rédigé à l’encre invisible, et la raison pour laquelle je me pose ces questions, tout cela sera résolu avec la précision et la clarté des rapports de police. D’une écriture très nette et qui ressemble à la mienne, les explications seront données dans les moindres détails et les mystères éclaircis. Et, en définitive, cela me permettra peut-être de mieux me comprendre moi-même.

Es scheint mir, als stünde alles bereits mit unsichtbarer Tinte geschrieben. Wie umschreibt das Wörterbuch ihre Bedeutung? „Tinte, die beim Schreiben farblos ist und erst beim Auftragen einer bestimmten Substanz sichtbar wird.“ Vielleicht wird, wenn die eine oder andere Seite umgeblättert ist, nach und nach darauf erscheinen, was mit unsichtbarer Tinte verfasst worden ist, und der Grund, warum ich mir diese Fragen stelle, all das wird mit der Präzision und Klarheit eines Polizeiberichts offenliegen. Mit einer sehr deutlichen Schreibweise, die meiner eigenen ähnelt, werden die kleinsten Details erklärt und die Geheimnisse gelüftet werden. Und letzten Endes wird mir das vielleicht die Möglichkeit geben, mich selbst besser zu verstehen.

Modiano, Encre sympathique, S. 91 (Übersetzung aus dem Französischen von mir)

Ist der Ich-Erzähler mit dieser romantischen Spekulation der unsichtbaren oder geheimen Tinte, die man aus so manchem Detektivroman kennt, auf einer heißen Spur oder auf dem Irrweg? Auf jeden Fall wartet der Roman mit vielen Unsicherheitsstellen auf, die diese Wunschvorstellung erst einmal in Frage stellen. Hinzu kommt, dass es auch einen Perspektivwechsel im Laufe der Geschichte gibt, nach ca. 100 Seiten, also im letzten Viertel des Romans, taucht man über die Form der internen Fokalisierung tatsächlich in die Erinnerung der gesuchten Noëlle ein, wodurch sich zumindest für den Leser ganz neue Möglichkeiten der Rekonstruktion der Geschichte ergeben…

Wie immer bei Modiano gibt es auch in seinem neuen Roman kein krachendes Finale, keine pompöse Auflösung. Die Geschichte klingt vielmehr ganz leise und unaufgeregt aus, und doch staunt man, dass der Ich-Erzähler am Ende doch den so zarten und fragilen Erinnerungsfaden, der die beiden Leben verknüpft, aufzudecken vermag. Hier leuchtet die Poesie, ja Romantik des Alltags für einen flüchtigen Moment auf! Eine Poesie, die ebenso darin besteht, daran zu glauben, dass wir unserem Leben eine Bedeutung geben können, wie auch darin, dass diese Bedeutung eine subjektive Erzählung ist, deren Schönheit gerade nicht in ihrer Geradlinigkeit, sondern in ihrer Offenheit besteht:

J’ai peur qu’une fois que vous avez toutes les réponses votre vie se referme sur vous comme un piège, dans le bruit que font les clés des cellules des prisons. Ne serait-il pas préférable de laisser autour de soi des terrains vagues où l’on puisse s’échapper?

Ich habe Angst, dass euer Leben gerade dann, wenn ihr alle Antworten habt, wie eine Falle über euch zuschnappt, mit dem Geräusch, das die Schlüssel der Gefängniszellen machen. Wäre es dem nicht vorzuziehen, dass man um sich gewisse Freiflächen lässt, wohin man sich flüchten kann?

Modiano, Encre sympathique, S. 102 (Übersetzung aus dem Französischen von mir)

Patrick Modiano: Encre sympathique, Gallimard (2019)
ISBN: 9782072753800

bookmark_borderAnne Weber: Annette, ein Heldinnenepos

Idee und Form dieses grandiosen Werks aus der Feder der seit langem in Frankreich lebenden Übersetzerin und Romanautorin — und nun sogar Versepikerin! — Anne Weber sind aus einer zufälligen Begegnung mit der von ihr besungenen Heldin entstanden: der 1923 in einem kleinen Fischerdorf in der Bretagne geborenen und heute 97-jährigen Widerstandskämpferin Anne Beaumanoir, Spitzname Annette. Mit ihr kam die Autorin in Frankreich bei einer Veranstaltung ins Gespräch, und aus der Faszination heraus, in unserer heutigen Zeit tatsächlich noch einer echten Heldin begegnet zu sein, ging dann, so die Autorin, dieser ungewöhnliche Text hervor, der seinerseits tatsächlich noch die Gestalt eines echten Versepos in unsere heutige Zeit transportiert — und zwar stilistisch virtuos, ungemein mitreißend und alles andere als verstaubt.

Natürlich variiert und interpretiert Anne Weber diese längst aus der Mode gekommene Gattung auf ihre eigene Weise. Die Tradition, in der sie sich ganz bewusst verortet, um sie dann ebenso bewusst zu transformieren und auf sinnfällige Weise neu zu interpretieren, reicht von der Antike mit Homers Odyssee über die mittelalterlichen Epen bis zur Renaissance, in denen das Genre mit Herrscherlob und Nationalbewusstsein ein letztes Mal zur Blüte kommt, ehe es allmählich von neuen epischen Formen wie dem Roman verdrängt wird. Interessant ist auch, dass für Anne Weber, die die bretonische Herkunft ihrer Heldin durchaus hervorhebt, die wohl doch zu fantastische „matière de Bretagne“ der Artusepen dennoch weniger eine Rolle spielt als die deutlich politischere „chanson de geste“. Vor allem das Rolandslied steht einem hier bei der Lektüre kontrastiv vor Augen, geht es darin doch auch um Widerstand, Verrat und Kameradschaft, gleichwohl die Heldin bei Anne Weber selbst nicht mit Waffen auf offenen Schlachtfeldern kämpft, sondern im Untergrund, und gleichwohl sie nicht für einen König oder eine bestimmte Nation ihr Leben aufs Spiel setzt, sondern eher für eine Idee, die universale und doch alles andere als abstrakte Idee der Humanität, die für sie im menschlichen Einzelfall, als religionsunabhängige Form der Nächstenliebe, jedesmal aufs Neue individuelle Gestalt annimmt. Anne Beaumanoir handelt stärker noch als ihr freilich auch charakterlich heldenhafter epischer Vorgänger Roland aus einer inneren ethischen Überzeugung heraus, und vor allem besteht ihr Heldentum gerade nicht im Sichtbarwerden ihrer Taten, sondern in ihrem unaufhörlichen, unsichtbaren, selbstlosen Wirken im Geheimen, darin, unerkannt, ja anonym zu bleiben und ganz hinter der Sache, dem Dienst an der Menschheit und Menschlichkeit, zu verschwinden. Im Unterschied zu den traditionellen Epen gewinnt Anne Webers Heldin mit den vielen, immer wieder wechselnden Namen ihre Kraft und ihre Besonderheit gerade nicht aus der Ehre des großen Heldennamens.

Denn es geht der Autorin wohl ganz wesentlich auch darum, am Beispiel von Annette und im Kontext ihrer einen Großteil des 20. Jahrhunderts umfassenden Biographie jenseits der berühmten männlichen Heldenfiguren weitere von der Geschichte vergessene Gestalten zu benennen, sie ins Gedächtnis zu rufen, zu ehren, wie z.B. die junge Frau, die Annette beim Verstecken der jüdischen Kinder hilft:

Sie ist es auch, die vorher schon Annette zur
Tarnung die Krankenschwesterkluft besorgte,
eine junge Frau, alleine, ohne Kind noch Mann — eine
von vielen und von viel zu wenigen –, die sofort hilft, wo sie
nur kann, und deren Namen heute alle vergessen haben.

Weber, Annette, ein Heldinnenepos, S. 49

Übrigens kommt der Roland, den es tatsächlich auch in dieser Geschichte gibt — er ist die erste große Liebe Annettes, ihr Kamerad und treuer Mitstreiter — trotz bzw. gerade als Folge seines Mutes bereits vor der Hälfte des Epos um. Seine ebenso mutige Freundin Annette mit den vielen Namen ist es, die überlebt, die weiterkämpft wie eine Heldin, als welche sie sich selbst nie fühlte.

Annette ist auch die moderne und weibliche Variation eines anderen, noch berühmteren epischen Helden:

(…) Und wie Odysseus, dem auf
langer Reise seine Gefährten nacheinander starben, ist sie
von ihrer Herkunft, ihrer Geschichte abgetrennt: Von
denen, die in jenen Tagen ihre Wege kreuzten, kennt
keiner ihren wahren Namen, ihre Vergangenheit —
kaum, dass sie selbst sich ihrer noch erinnert. Sie bewohnt
ihren eigenen Schatten. Und wie Odysseus könnte sie,
gefragt nach ihrem Namen, nicht nur aus List, sondern
wahrheitsgemäß „Ich heiße Niemand“ sagen.

Weber, Annette, ein Heldinnenepos, S. 59

In ihrem Heldinnenepos rückt die Autorin somit einen anderen Aspekt in den Vordergrund: Annettes Heldentum besteht darin, wie aus einer Notwendigkeit heraus selbstlos und im Sinne der Schwächeren zu handeln, Opfer zu bringen, ohne sich als Opfer zu fühlen. Zugleich wird uns in Anne Webers Versen die Ambivalenz des Heldinnenseins vor Augen geführt. Einerseits zeigt sie Annette als starke Heldin, die, während sie handelt, nie in Frage stellt, ob die Sache ihren bedingungslosen Einsatz wert gewesen ist, und genau daraus ihre Kraft entfaltet. Andererseits schreibt die Autorin ihrem vielschichtigen Text den Zweifel, der die Heldin wenn überhaupt erst rückblickend beschlich, von Anfang an mit ein. Sie macht uns Lesern bewusst, dass ihre weibliche Heldin eben auch eine Frau und Mutter ist, die um ihres Einsatzes für die Menschlichkeit willen, ohne zu klagen, als solche vielfach zurücksteckt. So verzichtet sie — und der Verzicht tut ihr weh — auf ihr ungeborenes Kind mit Roland, und als sie Jahre später doch noch Mutter wird, muss sie ihre drei geliebten Kinder, von denen das Jüngste eben erst zur Welt kam, zurücklassen, um dem Gefängnis und dem Land, das in ihr keine Heldin, sondern eine Verbrecherin sieht, zu entfliehen. Sie lebt das Leben einer modernen Frau, einer mutigen Frau, die ihrer Zeit voraus ist, was auch im Privaten zu Konflikten führt, etwa wenn sie in ihrem algerischen Exil einen höheren Posten innehat als ihr algerischer Geliebter. Gerade weil sie eine Frau ist, die mit den tradierten Zuschreibungen bricht und sie in Frage stellt, stößt sie sich doch immer wieder an den verfestigten patriarchalischen Strukturen und Oppositionen, wie der von Privatheit und Öffentlichkeit, Gefühl und Stärke. Und doch zeigt die Autorin am Beispiel ihrer Geschichte, dass Mitgefühl und Heldenmut einander nicht ausschließen. Annettes Heldinnentum vereint beides, auch wenn es immer wieder Schmerz und Verzicht bedeutet:

(…) An diesem Tag
retten Roland und Annette ein Kind. Ein
anderes, das ihre, das noch unbewusst im Leib
der Mutter schwimmt, geben sie am selben Tag
verloren. Denn jegliches hat wirklich seine Zeit
das Kinderkriegen und das Widerstehen,
und beides gleichzeitig ist nicht zu haben.

Weber, Annette, ein Heldinnenepos, S. 46

Man muss Anne Webers Epos eigentlich laut lesen, um seine ganze poetische Kraft zu spüren. Die freien Verse strukturieren den Text und verleihen ihm einen ganz eigenen Rhythmus: andächtig und melodisch wie ein alter epischer Gesang, in den sich immer wieder auch die auktoriale Stimme mischt, aber auch mit Brüchen und überraschenden Enjambements, die die Aufmerksamkeit des Lesers wachhalten und ihn bisweilen nachdenklich innehalten lassen.

Berichtet werden die Taten der Heldin, die selbst lieber handelt als über ihre Motivationen zu reflektieren, gleichwohl sie durchaus nach übergreifenden Ideen und Idealen handelt, die man Humanismus, Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft oder heute vielleicht Zivilcourage nennen kann. Hier erweist sich die Form des Epos, das von den Taten erzählt und sie zugleich auktorial kommentiert, tatsächlich als passende und erstaunlich zeitgemäße Gattung. Anne Weber liefert die Reflexion immer gleich mit, ja lässt sie kunstvoll den Worten selbst entwachsen, und verleiht ihrem Text auf diese Weise eine große poetische Dichte und essayistische Nachdenklichkeit.

So arbeitet sie, ohne den mutigen und selbstlosen Einsatz so vieler im Untergrund Widerstand Leistender dadurch herabzuwürdigen, auch das Konfliktpotential des kollektiven Widerstands heraus: die Schwierigkeit wenn nicht Unmöglichkeit, im Kampf gegen die Besatzer, gegen Unmenschlichkeit und Gewalt selbst „unschuldig“ zu bleiben, die Gefahr, sich von Ideologien vereinnahmen zu lassen, und die Kehrseite der Unterordnung unter eine Gruppe bzw. einen höheren Zweck. Auch das Thema Religion und Religiosität wird in diesem Kontext von vielen Seiten beleuchtet; Annette erlebt z.B., wie der Islam in den ehemaligen französischen Kolonien ein neuer politischer Faktor wird, oder wie eine algerische Mitgefangene sich zur Ikone des Widerstands stilisieren lässt, und bleibt zwiegespalten, ob hier weibliche Selbstermächtigung am Werke ist oder fragwürdige Propaganda. Sie selbst jedenfalls bleibt lieber im Schutze ihrer vielen Namen, die sich auch als Schutz vor einseitiger Instrumentalisierung erweisen.

Es werden im Laufe der lebendigen Darstellung von Annettes Biographie auch einige bewusst ausgewählte Autoren und Werke zitiert und zu ihrem Handeln in Beziehung gesetzt. Allen voran André Malraux, der selbst im Widerstand tätig war und in seinen Büchern Auflehnung, Revolution und Selbstopfer im existentialistischen Kontext der conditio humana reflektiert. Auch andere Bücher werden aus Annettes fiktivem Bücherregal gezogen, etwa Camus und sein Mensch in der Revolte oder Rousseau. Facettenreich geht es um die Frage nach der Rechtfertigung von Gewalt, dem Übergang von Widerstand in Terrorismus, der Legitimität von Bluttaten im Kampf gegen ein Unterdrückungssystem. Camus‘ Einstellung zum Kolonialismus etwa unterscheidet sich von derjenigen Annettes, gleichwohl ihr Leben in vielerlei Hinsicht mit seiner in der Figur des glücklichen Sisyphus kulminierenden Philosophie übereinstimmt.

(…) Jenseits der Zweifel, die bis ins
Bewusstsein dringen, gibts aber andere, die in weiter
Seelenferne schwimmen. Ist es denn Liebe, die den
Revolutionär macht, ist es Hass? Sind es Ideen oder ist es was
Lebendiges, was den im Innersten erschüttert, der vor
dem Unglücklichen steht, vor dem, der hungert, leidet,
vor dem, der … von einer Bombenexplosion zerfetzte
Beine hat und sterben wird?

Weber, Annette, ein Heldinnenepos, S. 127

Die Autorin verurteilt nicht, sie wirft Fragen auf, die einen langen Nachhall haben, und sie hinterfragt vor allem auch die offiziellen Geschichtsbilder, in denen so manches verzerrt oder verschwiegen wird. Aber nicht in Form einer moralischen Anklage, sondern über poetische Assoziationen, durch die für die Dichterin z.B. die Möglichkeit entsteht, ein Lied von Charles Trenet mit einem Atomtest in der Wüste zu verknüpfen, der viele namenlose Opfer forderte und in der überlieferten Geschichtserzählung kaum auftaucht. Das gilt ganz besonders auch für den Algerienkrieg, der lange Zeit in Frankreich mit der Bezeichnung „Ereignisse“ verharmlost wurde, für all die Seilschaften und vertuschten Verbrechen im Hintergrund des kolonialen Gefüges.

In seiner ehrwürdigen, in Verse gesetzten Form, die zugleich durch moderne Begrifflichkeiten gelockert ist und sich an unserer heutigen Prosa orientiert, adelt der Text den unermüdlichen Einsatz der Heldin, ohne sie zum Idol zu machen. Denn im Vordergrund steht Annettes Menschlichkeit und durch die reflexive Ebene dringen auch ihre Zweifel bis zu uns durch. Dank ihres Gespürs gelingt es der Autorin, die man auf jeden Fall eine Dichterin nennen sollte, diese Balance nicht nur inhaltlich, sondern auch stilistisch zu vermitteln. Ein beeindruckendes Werk!

Anne Weber: Annette, ein Heldinnenepos, Matthes & Seitz (2020)
ISBN: 9783957578457

bookmark_borderBov Bjerg: Serpentinen

In leichten Sätzen hat Bov Bjerg einen sehr ernsten Roman geschrieben, in Sätzen, die sich serpentinenhaft assoziativ hin und her winden, die ziemlich wild — für mein ästhetisches Empfinden etwas zu wild und vor allem zu lose — in der Zeit und im Raum umherkreisen und sich immer wieder auch verhängnisvoll wiederholen.

Denn hinter dem an der Oberfläche leichten Stil, hinter den sich spielerisch zugeworfenen Worten von Vater und Sohn, die gemeinsam die Sommerferien in der alten Heimat des Vaters verbringen, lauert die bedrängte Psyche des Vaters, der zugleich der Erzähler ist, lauert der Schmerz des Kindes, das er einmal war, und v.a. die Angst vor sich selbst und davor, dem eigenen Kind den gleichen Schmerz zuzufügen, den einst sein Vater ihm zugefügt hat.

So kämpft er die ganze Zeit, mit sich selbst, mit seinen Erinnerungen und seinen Gedanken; man ist beim Lesen nicht selten schockiert, wie stark die Depression ihn im Griff hat: trotz besseren Wissens, trotz seines Willens, mit der geradezu mythische Dimension annehmenden väterlichen Tradition zu brechen, ja auch trotz der Liebe zu seinem Sohn. Er kämpft, bis auf dem Höhepunkt der Geschichte etwas Schlimmes passiert, nicht das Schlimmste, wie sich dann herausstellt, und doch wird das Schlimmste hier zumindest für einen Moment Wirklichkeit.

Aber eine Depression lässt sich eher nicht durch einen Schock ein für allemal heilen. Ebenso wenig wie die fortschreitende Demenz der Mutter, die zusätzlich auf dem Erzähler lastet. Eine Depression ist zwar kein unausweichliches mythisches Erbe, doch eine auch genetisch vererbbare Krankheit, die den Betroffenen und genauso auch die ihm Nahestehenden immer wieder von Neuem herausfordert. Eher noch lassen einen daher die kleinen überraschenden Momente, die der Erzähler trotz allem mit seinem kleinen Sohn ganz bewusst erlebt und die anders sind als seine Erfahrungen mit dem eigenen Vater, ein wenig hoffen, dass der selbstmörderische Kreislauf, der seine Familie seit ewigen Zeiten verschlingt, vielleicht doch irgendwann beendet werden kann.

Berührend finde ich vor allem, wie Bjerg den siebenjährigen Sohn darstellt, der nur „der Junge“ genannt wird, wie er ihn in die Geschichte integriert, die ansonsten natürlich stark von der Gedankenwelt des Vaters vereinnahmt wird, und wie er ihn in knappen, aber fein gezeichneten Situationen charakterisiert: als empathischen, aufgeschlossenen, offenherzigen, seinen Vater vorbehaltlos liebenden Jungen, der oft erwachsener wirkt als der Vater und doch zugleich noch ein schutzbedürftiges Kind ist, das einen Vater braucht, der es im entscheidenden Moment auffangen kann.

Serpentinen ist ein insgesamt ziemlich düsterer Text, der zwar ein authentisches Bild der Krankheit auf literarisch durchdachte Weise vermitteln mag, in mir aber einen allzu destruktiven, letztlich doch in der Ausweglosigkeit verharrenden Eindruck hinterlassen hat. Ich musste beim Lesen einige Male an den Roman von David Wagner denken, in dem er das auf andere Weise nicht weniger schmerzliche Thema eines alzheimerkranken Vaters überzeugend darstellt, dabei aber mit einem so feinen Humor erzählt, dass die Lektüre dadurch keineswegs weniger eindringlich, aber doch erträglicher wird und so bei mir auch einen nachhaltigeren Eindruck hinterlassen hat (vgl. Rezension vom 21.1.2020). Aber natürlich ist die Erzählperspektive eine andere: Wagner erzählt aus der des mit-leidenden Angehörigen, Bjerg vertieft sich unmittelbar in die Psyche des Erkrankten.

Bov Bjerg: Serpentinen, Claasen 2020
ISBN: 9783546100038

bookmark_borderRobert Seethaler: Der letzte Satz

Er weiß es zu dem Zeitpunkt noch nicht, aber er ahnt es wohl schon… Die Überfahrt, die der berühmte Komponist, Dirigent und Hofdirektor der Wiener Oper Gustav Mahler im Jahr 1910 an Bord der Amerika unternimmt, wird die letzte in seinem Leben sein: Ein alternder, herzkranker Mann, der vom Deck des Schiffes auf den Atlantik blickt und von seinen Erinnerungen eingeholt wird, während er von einem aufmerksamen Schiffsjungen ein wenig gegen seinen Willen umsorgt wird — aus dieser Situation heraus nähert sich Robert Seethaler dem Leben oder eigentlich eher der Persönlichkeit des Mannes, der mit seinen Symphonien und seinen Liedern so komplexe, so tiefgehende, so innige Musikwerke schuf.

So sehr man bedauern kann, dass Leben und Werk des großen Künstlers hier in recht knappen Episoden und Andeutungen abgehandelt werden — seine Wiener Zeit, sein Wirken an der Oper, seine Reform des Musiktheaters etwa kommen kaum zur Sprache, und die künstlerische Dimension seines musikalischen Werks geht aus dem kurzen Text nicht wirklich hervor –, so zeigt sich doch das Talent des Autors, in kurzen Skizzen die Wesenszüge seiner Figuren so lebendig herauszuarbeiten, dass sie einem beim Lesen rasch sehr nah, sehr vertraut sind.

So erlebt man Mahler als einen nicht nur künstlerisch feinnervigen, rastlosen, charakterlich auch schwierigen Menschen. Ja im Kontext der Erzählgegenwart erscheint er geradezu als eine zutiefst gequälte Seele, als jemand, der von seiner schweren Krankheit gezeichnet ist und dabei ist, seine Autonomie, seine Würde zu verlieren, die er dem Schiffsjungen gegenüber so verzweifelt zu wahren versucht.

Insofern ist Seethalers Erzählung durchaus das gelungene Psychogramm eines gebrochenen Menschen, dem schmerzhaft bewusst wird, dass angesichts des herannahenden Todes Kategorien wie Ruhm und Erfolg verblassen und an Bedeutung verlieren, während sich die Schicksalsschläge seines Lebens, der Verlust der kleinen Tochter, die scheiternde Beziehung mit seiner Frau Alma, in den Vordergrund drängen. So liegt der Verdacht nahe, dass es Seethaler in seinem Buch mehr darum geht, am Beispiel einer gebrochenen Figur die conditio humana auszuloten, und indem er zu diesem Zweck eine historische Figur fiktionalisiert, erreicht er natürlich schnell eine große Fallhöhe, ein großes Spannungsverhältnis zwischen künstlerischem Genie und körperlicher Hinfälligkeit, mit der sich die Prekarität und Vergänglichkeit des Daseins schön sichtbar machen lassen.

In eindrucksvollen Momentaufnahmen, verdichtet durch Mahlers Erinnerungen, erwächst aus Seelennot auch Nachdenklichkeit. Kleine, unscheinbare Verhaltensweisen werden stilistisch so subtil entfaltet, dass der Charakter Mahlers in diesen Momentaufnahmen zum Vorschein tritt — und auch eine Ahnung vom schöpferischen Ursprung seiner Musik. Allerdings setzt das voraus, dass man bereits eine gewisse Vertrautheit mit Mahlers Werken hat, so ganz ohne musikalischen Bezug wird es für den Leser wohl eher schwierig, sich auf den Text einzulassen.

Die Kritik im Feuilleton war bisher nicht sehr gnädig mit Seethalers Versuch, der Dimension des Geschichtlichen nicht wie bisher über eine in der Geschichte unbekannte Figur nachzuspüren, sondern dieses Mal gewissermaßen umgekehrt aus der Geschichtlichkeit seiner Figur heraus zurück zum Allgemeinmenschlichen zu gehen. Ich finde, es ist ein interessantes erzählerisches Experiment, das der ohnehin sehr experimentierfreudige Seethaler da anstellt — ganz begeistert bin ich ja von seinem richtig wilden, witzigen Roman Jetzt wird’s ernst –, und das einem, wenn man ein bisschen was mit klassischer Musik anfangen kann, doch ein paar angenehme Lesestunden beschert — am besten, man hört dazu seine unsagbar schöne Erste Symphonie.

Robert Seethaler: Der letzte Satz, Hanser 2020
ISBN: 9783446267886

bookmark_borderMonika Helfer: Die Bagage

Mich hat Monika Helfers Roman Die Bagage von der ersten Seite an gefangengenommen, was ganz klar an ihrem so besonderen, eindringlichen Erzählton liegt, mit dem sie, fast wie eine Märchenerzählerin, ganz natürlich, ganz schnörkellos und zugleich so kunstvoll und zauberhaft ihre Figuren zum Leben erweckt, als seien sie einem Gemälde entstiegen. Und in dem sie liebevoll und zugleich gnadenlos von dem alles andere als unbeschwerten Leben einer Familie im frühen 20. Jahrhundert erzählt, deren Hof sich abgelegen am äußersten Rand eines österreichischen Bergdorfes befindet.

Am entfernten Rand befindet sich diese Familie nicht nur geographisch, sondern auch in gesellschaftlicher Hinsicht. Man nennt sie abfällig „die Bagage“, eine Bezeichnung, die wie ein Stigma an ihnen haftet. Der Begriff, der im Französischen „Gepäck“ heißt, stammt noch von den Vorfahren der Familie, die so genannte Träger waren:

das waren die, die niemandem gehörten, die kein festes Dach über dem Kopf hatten, die von einem Hof zum anderen zogen und um Arbeit fragten und im Sommer übermannshohe Heuballen in die Scheunen der Bauern trugen, das war der unterste aller Berufe, unter dem des Knechtes.

Helfer, Die Bagage

Und auch wenn die Familie inzwischen längst sesshaft ist und den Beruf nicht mehr ausübt, tragen sie die Last des Namens noch immer.

Die Autorin schöpft für ihren Roman aus der Geschichte ihrer eigenen Vorfahren, was natürlich gut passt, da es ja gerade um Herkunft und eine Familiengeschichte geht, doch muss man das eigentlich gar nicht wissen, die Erzählung entfaltet ihren Zauber auch ohne diesen autobiographischen Hintergrund. Und allein schon durch die biblischen (und natürlich auch sehr österreichischen) Namen der Großeltern Josef und Maria Moosbrugger taucht sie die Geschichte, die ja auch schon lange vor ihrer Geburt begann und nur in der Nachdichtung erzählt werden kann, in eine romaneske, fiktionalisierte Welt.

Auch wenn die Autorin den Bogen bis heute spannt, steht im Zentrum doch ein kurzer und stark verdichteter Zeitraum vor und während des Ersten Weltkriegs. Josef, ein stattlicher, schöner, im Privaten auch auf seine Weise zärtlicher Mann, der aber keine großen Worte macht, und mit seiner Frau Maria bisher drei Kinder hat, wird bei Ausbruch des Krieges zusammen mit drei anderen Männern aus dem Dorf eingezogen. Er wird der einzige von ihnen sein, der aus dem Krieg zurückkehrt. Die Beziehung zwischen Josef und Maria ist innig, doch auf fast elementare und in der Tradition verankerte Weise:

Josef liebte seine Frau. Er selber hat dieses Wort nie gesagt. Es gab dieses Wort in der Mundart nicht. (…) Deshalb hatte er dieses Wort auch nie gedacht. Maria gehörte ihm. Und er wollte, dass sie zu ihm gehörte, Ersteres meinte das Bett, Letzteres die Familie.

Helfer, Die Bagage

Als er seine Frau, den Hof und das Dorf verlassen muss, um für einen Kaiser und ein Vaterland ins Feld zu ziehen, zu denen er keinerlei Bezug oder Bindung hat, hält er den Bürgermeister an, auf Maria, die eine ungewöhnliche Schönheit ist, „aufzupassen“. Maria ist von da an auf die Hilfe der im Dorf Gebliebenen angewiesen und ansonsten ganz auf sich allein gestellt, um die Kinder, den Hof und sich selbst irgendwie durch die im Krieg sich noch verschärfende Armut zu bringen und sich gegen männliche Avancen zur Wehr zu setzen. Doch die Familie hält auch ohne Vater zusammen, sei es auch um den Preis, dass die Kinder in dieser schroffen Umwelt vorschnell die Rolle von Erwachsenen einzunehmen versuchen. Und mitten in dieser entbehrungsreichen Zeit taucht auf einmal ein blonder junger Mann aus Deutschland aus und mit ihm ein Gefühl, das Maria ganz neu und ganz stark überfällt. Sie begegnen sich nur zweimal, doch als Maria dann während des Krieges schwanger wird — ihr Mann kommt auch auf Heimaturlaub –, werden böse Zungen im Dorf laut und sie sieht sich geächtet, ja sogar der Pfarrer schließt die Familie vom göttlichen Segen aus. Es bleibt in der Erzählung unklar, von wem das Kind, das Grete heißen und die Mutter der Erzählerin werden wird, wirklich ist. Doch die Gerüchte erreichen auch ihren heimkehrenden Mann Josef und der straft nicht seine Frau, sondern das neugeborene Mädchen, das er nie als seine Tochter anerkennen wird. Eindringlich und schmerzhaft wird geschildert, wie Grete unter der Ablehnung ihres Vaters leidet, die, so spitzt es die Autorin in ihrer umso schockierender wirkenden lakonischen Erzählweise zu, gerade in der verweigerten Gewalt in ihrer Radikalität zum Ausdruck kommt:

Er hatte keinen Zorn auf sie, keine Wut; er verabscheute sie, er ekelte sich vor ihr, als würde sie nach dem Zudringling riechen ihr Leben lang. Sie schlug er nie. Die anderen Kinder manchmal. Die Grete nie. Er wollte sie nicht einmal im Schlagen berühren. Er tat, als gäbe es sie nicht. Er habe bis zu seinem Tod nicht mit ihr gesprochen.

Helfer, Die Bagage

Hier verwendet die Autorin die indirekte Rede; denn die Erzählungen anderer, vor allem ihrer Tante, zitierend, rekonstruiert sie die Geschichte, deren Offenheit und Konstruiertheit sie mehrfach betont. Indem sie Ereignisse wiederholt erzählt und das Erzählen an sich thematisiert — übrigens ohne den Erzählfluss dadurch zu stören –, schafft sie ein reflexives Ineinander von Vergangenheit und Gegenwart und markiert die Geschichte als eine erzählte, die von ihr gewählte Ordnung als eine subjektive:

Eine Ordnung in die Erinnerung zu bringen — wäre das nicht eine Lüge? Eine Lüge insofern, weil ich vorspielen würde, so eine Ordnung existiere.

Helfer, Die Bagage

Monika Helfer gibt ihrem Roman durchaus eine Ordnung, bricht diese aber immer wieder auf, so dass das Geschehen durch verschiedene Blickwinkel erhellt wird, die ihr zugleich intensive Momentaufnahmen und schattierte Charakterzeichnungen ermöglichen.

Besonders konturiert gezeichnet werden die Moosbruggerkinder, die man sowohl als kleine Kinder während dem Krieg kennenlernt als auch als Erwachsene, jung Verstorbene oder Gealterte. Durch die Beleuchtung verschiedener zeitlicher Ebenen bekommt die insgesamt eher kurze Erzählung so auch eine epische Dimension. Ebenso wohnt ihr eine gewisse Tragik inne, die durch die gerade durch das zyklische Moment der Wiederholung betonte Unausweichlichkeit hervorgerufen wird. Am Beispiel der schlaglichtartig erhellten Lebenswege der Kinder zeigt sich die Schwierigkeit, der eigenen Herkunft zu entkommen. Gerührt und zugleich mit einem Gefühl banger Ohnmacht liest man, wie Lorenz, der zweitälteste Sohn von Josef und Maria, der dem Vater so ähnlich ist und doch gerade nicht in seine Fußstapfen will, während dem Krieg wie selbstverständlich die Rolle des abwesenden Vaters übernimmt — so gut es ihm eben gelingt, denn er ist doch immer auch noch ein Kind. Von diesem Lorenz heißt es einmal, und die Stelle verrät die ganze Kraft der Bindung und der Herkunft:

Ein Bauer wollte er nicht werden. Allein, dass er sich überlegte, was aus ihm einmal werden könnte, unterschied ihn von allen anderen Buben im Dorf.

Helfer, Die Bagage

Im gleichen Atemzug Bindung und Offenheit zur Sprache zu bringen, ist vielleicht der Kern dieses auf magische Weise anrührenden Romans.

Monika Helfer: Die Bagage, Hanser 2020
ISBN: 9783446265622

bookmark_borderNadia Terranova: Der Morgen, an dem mein Vater aufstand und verschwand

Mit den grandiosen Romanen der geheimnisvollen italienischen Schriftstellerin, die sich Elena Ferrante nennt und deren Platz in den Bestsellerlisten wirklich einmal ein auch literarisch verdienter ist, scheint hierzulande die Neugier auf italienische Autorinnen sichtbar gewachsen zu sein. Die sich außerdem trotz ganz unterschiedlicher Handlungsentwürfe doch an bestimmten gemeinsamen Interessenfeldern abzuarbeiten scheinen. Letzes Jahr etwa wurde ein Roman von Rosa Ventrella, Die Geschichte einer anständigen Familie, aus dem Italienischen übersetzt, das deutsche Cover erinnert wohl nicht zufällig an die Neapel-Saga Ferrantes; auch Ventrella betont den Bezug zur regionalen Herkunft, die Geschichte spielt in Bari, wo die Autorin auch selbst aufgewachsen ist, es geht auch bei ihr um die sozio-psychologischen Konflikte einer Familie und um die konfliktreichen emotionalen und intellektuellen Bedürfnisse eines in einengenden Traditionen zur jungen Frau heranwachsenden Mädchens.

Auch die junge sizilianische Schriftstellerin und Kinderbuchautorin Nadia Terranova, Jahrgang 1978, die u.a. für den Premio Strega nominiert wurde, kann man in diesem regionalen, weiblichen literarischen Kontext verorten, gleichwohl sie wieder eine ganz eigene Erzählweise hat. Ihr nun ins Deutsche übersetzter Roman über eine junge Frau aus dem sizilianischen Messina, deren an Depression erkrankter Vater aus ihrem Leben und ihrer Familie verschwand, als sie ein dreizehnjähriges Mädchen war, ist ein ganz schmales Buch, das mich mit seiner großen poetischen und psychologischen Dichte sehr beeindruckt hat.

Der sehr übersichtliche Schauplatz der Geschichte, der aber einen großen Raum in die subjektiv erinnerte Vergangenheit der Ich-Erzählerin, Ida, eröffnet, ist das Haus ihrer Eltern bzw. ihrer Mutter in Messina, das überquillt vor allzu lange aufbewahrten Gegenständen und eben auch Erinnerungen. Dorthin kehrt die inzwischen erwachsene Ida, die sich ein neues Leben mit ihrem Mann in Rom konstruiert hat, zu Beginn der Erzählung zurück, nachdem ihre Mutter ihr am Telefon angekündigt hat, das Haus ausräumen, sanieren und verkaufen zu wollen. Sie kommt ohne ihren Mann an diesen Ort ihrer Kindheit und der schmerzhaften Erinnerung zurück, um ihre beiden so verschiedenen Welten, Gegenwart und Vergangenheit, römische Hauptstadt und sizilianische Heimat, die sie allzu säuberlich auseinander hält, nun doch irgendwie in ein Verhältnis zu setzen. Ida ist — und das ist nicht ganz unwichtig — Autorin, sie schreibt Texte fürs Radion, fiktionalisierte Erzählungen, für die sie auf Erlebtes und Beobachtetes zurückgreift. Auf diese Weise schreibt sich die Aufarbeitung ihrer Kindheit und Jugend auch metaliterarisch in den Text ein — auch etwas, was an Elena Ferrante erinnert –, wenngleich das an der Oberfläche erfüllte Leben der Erzählerin und Texterin bisher eher einer Fluchtbewegung geschuldet ist, einer Vermeidung jeder tieferen Konfrontation mit der Vergangenheit, die sie daher unbewusst umso schwerer zu belasten scheint.

Die Rückkehr nach Messina stellt insofern einen Wendepunkt in Idas Leben dar, der eine gewisse inwendige Notwendigkeit zu haben scheint. Denn als sie sich in ihrem alten Kinderzimmer wiederfindet, kann sie sich der beängstigenden Versuchung des Blickes zurück, dem sie so lange durch ihre Flucht nach vorne entgangen war, nicht mehr entziehen. Schlaflos, zurückgeworfen auf ihr Inneres, setzt sie sich mit den realen und den ideellen, emotionalen Räumen ihrer Vergangenheit auseinander, öffnet sich für das, was in ihrer Erinnerung überdauert hat, sucht nach den Puzzleteilen ihrer eigenen Geschichte und ihres eigenen Selbst, dessen Autonomie nur im Prozesshaften erlangt werden kann und auch auf der bewussten, kreativen Auseinandersetzung mit den Bildern der Erinnerung beruht. Wesentlich ist dabei das Bewusstsein der Subjektivität, die jeder Wahrheit über die eigene Geschichte innewohnt. So stellt Ida eine schöne Reflexion über das unsichere und doch so faszinierende, schillernde, wandelbare Wesen der Erinnerung an, die zugleich auch als metaliterarischer Kommentar zu lesen ist:

Ich habe mich oft gefragt, ob diese Version der Geschichte vielleicht erst beim späteren Erzählen entstanden ist und schon vorwegnimmt, was ich erst am Nachmittag entdeckte, nämlich, dass mein Vater gegangen war; doch selbst wenn, wäre das erfundene Gefühl wahrer als die Wahrheit. Die Erinnerung ist ein kreativer Prozess, sie wählt aus, setzt zusammen, entscheidet, verwirft; der Roman der Erinnerung ist das unverdorbenste Spiel, das wir spielen.

Nadia Terranova

Und so steht das bewusste Rekonstruieren einer Geschichte auch im Zentrum des Romans von Nadia Terranova. Die narrative Logik der Erzählung entspricht der Suche der Erzählerin nach Identität. Es geht darum, ausgewählten Dingen und Episoden nachträglich Bedeutung und Symbolkraft zu geben, so dass die Ereignisse im Nachhinein Prägnanz erhalten, wie der Philosoph Hans Blumenberg sagen würde, der in dieser dem Prinzip des Mythos folgenden Neigung des Menschen eine anthropologische Veranlagung sieht.

Eine solche Mythisierung findet nach dem Verschwinden des Vaters im Haus der auf Mutter und Tochter reduzierten Familie tatsächlich statt, die Gegenstände erfahren eine magische Aufladung durch eine nicht thematisierte, aber im stummen Einverständnis gesetzte unsichtbare Anwesenheit des Vaters, die sich von Zeit zu Zeit in banalen, aber mythisch aufgeladenen Alltagsphänomen wie sickerndem Wasser zu manifestieren scheint. Der Vater ist verschwunden, sein Verschwinden wird bald auch nicht mehr mit Worten thematisiert, aber er bleibt permanent unterschwellig präsent. Er ist eine Leerstelle, die unablässig auf sich selbst zu verweisen scheint, für Ehefrau und Tochter jedes „normale“ Familienleben, wie Ida es bei den Nachbarn oder Schulkameraden beobachtet, forthin unmöglich macht und von ihr als fehlende Unschuld, fehlende Ausgelassenheit erlebt wird: „Mein Leben lang war ich die Tochter von Sebastiano Laquidaras Abwesenheit.“ (Nadia Terranova)

Doch im Unterschied zu damals wagt es Ida nun, diese Verlusterfahrung, die für sie unbestreitbar ein einschneidendes Erlebnis war, zu benennen und die mythische Kontingenz des zeitlichen Zusammenfalls des väterlichen Verschwindens mit ihrer Menarche, dem Beginn ihrer Pubertät, in einem kreativen Prozess erzählerisch miteinander zu verknüpfen. Die Autorin verwendet das Motiv des Vaterverlusts somit auch, um einen Roman über die Konstruktion einer weiblichen Identität zu schreiben. Die konfliktreiche Beziehung von Mutter und Tochter nimmt entsprechend großen Raum in der Erzählung ein, und es ist schön, wie es der Autorin mit leisen Zwischentönen gelingt, auch die tiefe Verbundenheit, die über die Spannungen und Gereiztheiten hinweg zwischen den beiden Frauen besteht, anzudeuten.

Die poetischen, nachdenklichen Töne, das Gespür für feine, aber sinnige Unterschiede und der unprätentiöse, sehr nah am Ich der Figur orientierte Stil, in dem diese zum Ausdruck gebracht werden, macht die literarische Qualität dieses berührenden Buches aus. So denkt Ida, als sie ihren Erinnerungen an die Großeltern und ihren Vater nachgeht, über Tod, Verlust und Verschwinden nach. Allerseelen wurde in ihrer Familie als Fest der Erinnerung gefeiert, was dem Tod seinen Schrecken nahm. Doch wie anders erlebte sie dann das Verschwinden des Vaters:

So war der Tod, wie ich ihn bis zu meinem dreizehnten Lebensjahr kannte: eine direkte, blinde Linie, die mit Vererbung und Vergänglichkeit zu tun hatte, ein Ort, von dem die Menschen nur einmal im Jahr zurückkehrten, ein unschönes, aber letztlich fruchtbares Fest. Das war er, und vor ihm hatte ich keine Angst.
Dann, eines Morgens, war mein Vater verschwunden. (…) Der Tod ist ein Fixpunkt, doch das Verschwinden ist das Fehlen eines Punktes oder jedes anderen Satzzeichens am Ende der Wortreihe. Wer verschwindet, schreibt die Zeit um, und ein Reigen aus Obsessionen umgibt die Überlebenden.

Nadia Terranova

Der Roman hat drei Teile, die mit „Der Name“, „Der Körper“ und „Die Stimme“ überschrieben sind und sowohl auf die Erzählerin selbst als auch auf den Vater bezogen werden können. Die Re- und Dekonstruktion der Vergangenheit ermöglicht Ida erst, sich von unbestimmten, unterdrückten Schuldgefühlen freizumachen, die auch die Beziehungen zu anderen Personen, ihrer früheren Freundin, ihren Mann, beeinflussen. Der sakralisierte Raum des abwesenden Vaters, den bildhaft gesprochen nur ihre Mutter und sie selbst betreten durften, machte es schwer, wenn nicht unmöglich, jemanden von außen hereinzulassen. Daher die Rebellion der Tochter, als ihre Mutter eine neue Beziehung eingeht, daher die fehlende Empathie für die beste Freundin, als diese Schmerzhaftes erlebt. Erst unfreiwillig, dann mutiger verlässt Ida allmählich ihre Schutzzone und öffnet die Augen auf ihre Außenwelt, auf andere Schicksale und Erfahrungen.

Es ist ein schmerzhafter Prozess der Erkenntnis, des Sich-Annehmens, den die Erzählerin durchläuft und wir Leser ganz nah mit ihr. Und so wohnt diesem wunderbaren Roman eine von jedem Kitsch befreite Poesie von Schmerz und Hoffnung inne, die einen nachdenklich stimmt und auf magische Weise ganz intensiv berührt.

PS:
Der allzu ausgedehnte deutsche Titel, der für das schlichte italienische „Addio Fantasmi“ gefunden wurde, ist, wie ich finde, etwas irreführend, da er Assoziationen zu Büchern wie von Jonas Jonasson weckt, mit denen Terranovas Erzählung nun so gar nichts zu tun hat.

Nadia Terranova: Der Morgen, an dem mein Vater aufstand und verschwand, Aufbau Verlag (2020)
Aus dem Italienischen übersetzt von Esther Hansen
ISBN: 9783351034849