bookmark_borderOmri Boehm: Israel — eine Utopie

Kaum eine internationale politische Situation scheint so verfahren wie die Lage von Israel und Palästina. Und jetzt fuhrwerkt auch noch der amerikanische Präsident in der ohnehin schon fragilen Konstellation herum und stiftet die israelische Regierung geradezu an, die vom Rest der Welt seit Jahrzehnten mühsam verfolgte Möglichkeit einer Zweistaatenlösung beiseite zu fegen und in Form offensiver Siedlungspolitik einen weiteren gewaltsamen Schritt in Richtung eines vergrößerten israelischen Staates zu gehen.

Omri Boehm, israelischer Jude, deutscher Staatsangehöriger und in den USA lehrender Philosoph, der über Kant promovierte, sieht in diesem scheinbar radikalen Bruch mit der bisher verfolgten Strategie zur israelisch-palästinensischen Konfliktlösung nicht nur die sich zuspitzende Gefahr der Eskalation, sondern im Gegenteil auch eine Chance des Denkens, das sich mit der längst nurmehr pro forma, aber als alternativlos proklamierten Zweistaatenlösung in seinen Augen in einer Sackgasse verirrt hatte, die längst keine realistische Option mehr versprach.

Für die Sache brennend und scharf analysierend, zugleich differenziert und ohne Überheblichkeit, entwirft Boehm auf der philosophischen Grundlage eines universalistischen und humanistischen Denkens seine kühnen Gedanken zu einem möglichen Ausweg aus dem Konflikt, zu einer Utopie, die aber seiner Ansicht nach ein deutlich realistischeres Potential hat als die gegenwärtige Politik, und die zudem nicht aus dem Nichts kommt, sondern an politische Ansätze des frühen Zionismus anknüpft, die heute in Vergessenheit geraten sind.

Sein schmales Buch ist eine radikale Analyse des israelischen Selbstverständnisses, das Boehm wahrlich auf Herz und Nieren prüft und das bei vielen Empörung auslösen dürfte, hinterfragt er doch sehr deutlich scheinbar fundamentale Selbstverständlichkeiten des sich in erster Linie als jüdisch verstehenden israelischen Staates. Schon im Vorwort warnt der Autor — und richtet sich dabei explizit auch an seine deutschen Leser — vor den Fallstricken, in denen man sich verfängt, wenn man Israels Politik aufgrund der Vergangenheit des Holocaust mit anderem Maße misst und seiner Meinung nach durchaus berechtigte Kritik vermeidet:

Er [Kant] und andere Aufklärer neigten dazu, couragiert für einen aufklärerischen Universalismus einzutreten, dann aber die Juden als ein diesem Universalismus fremdes Element und damit als das „Andere“ der Aufklärung zu denken. Das ist die Falle, von der ich spreche, und man sollte nicht ein zweites Mal hineintappen, indem man eine allgemeingültige Ethik formuliert, und dann die Juden als Ausnahme behandelt.

Omri Boehm, Israel — eine Utopie

Boehm plädiert für eine Rückkehr zu Kant — und macht das auch zum Ausgangspunkt seiner überzeugenden Argumentation; nicht zu Kant als Privatperson, der nicht frei war von antisemitischen Vorstellungen, sondern zu Kants Philosophie. Diese Rückkehr zur Vernunft steht im Übrigen nicht im Gegensatz zur religiösen Tradition, ist vielmehr auch eine Rückkehr zur hinterfragenden Kritik der frühen jüdischen Rabbiner, wie er betont. Mit Foucault spricht er hier auch von „parrhesia“, dem Mut zur Wahrheit, so dass sich der Kreis zum Aufklärer Kant wieder schließt.

Seine Forderungen erscheinen dennoch auf den ersten Blick fast skandalös: Anstelle der vom israelischen Staat praktizierten jüdischen Erinnerungspolitik verlangt er eine Politik des Vergessens — aber eben als Bedingung der Möglichkeit eines neuen, gemeinsamen Erinnerns aller in Israel lebenden Menschen, von Juden, Christen und Arabern. Denn das auf einem, wie er schreibt, sakralisierten Holocaust basierende ethnisch-jüdische Souveränitätsverständnis stehe einem Staat, in dem Juden und Palästinenser als israelische Staatsbürger friedlich zusammenleben könnten, im Weg. Und sei außerdem auch weder liberal noch demokratisch, führe vielmehr zu einem Ausschlussdenken, das die ohnehin explosive Lage in der Region weiter befeuert. Der Gewaltspirale zwischen Arabern und Juden, den Racheaktionen und Ressentiments ist schwer zu entkommen, aber mit einer gespaltenen Identitätspolitik, in der jeder nur seine eigene Erinnerung zulässt, geradezu unmöglich. Deshalb, so sein Plädoyer, sollte man die Erinnerung an den Holocaust entnationalisieren, und gemeinsam mit den Palästinensern auch der so genannten Nakba gedenken, der gewaltsamen Zwangsumsiedlung und Vertreibung unzähliger Araber im Zuge der Staatsgründung 1948.

Die Nakba ist für Boehm auch ein wesentliches Argument gegen eine Zweistaatenlösung, lässt sich doch kaum verhandeln, wo überhaupt die Grenze zwischen den zwei Staaten verlaufen sollte, wenn schon das Israel in den Grenzen von 1948 teilweise auf zerstörten arabischen Siedlungen errichtet ist. Boehm denkt daher lieber verschiedene binationale Ansätze weiter, die bei den frühen Zionisten durchaus zu finden waren. So beruft er sich mit der seiner Ansicht nach dringend notwendigen Unterscheidung zwischen Souveränität und Selbstbestimmung nicht nur auf die kritische Philosophin Hannah Arendt, sondern auch auf Politiker, die als einwandfreie Zionisten gelten, und arbeitet heraus, dass das israelische Selbstverständnis ein historisch gewachsenes ist, dass es sich gewandelt hat und daher auch weiter wandeln kann und muss.

Sie [die Gründerväter des Zionismus] glaubten, dass die Juden das Recht auf politische Selbstbestimmung, die autonome Verwaltung ihres eigenen Lebens und die Wiederbelebung der jüdischen Kultur und Bildung hatten. Sie glaubten aber nicht, dass dies in einem souveränen jüdischen Staat erfolgen solle.

Omri Boehm, Israel — eine Utopie

So kommt einem seine Forderung gar nicht mehr so radikal, seine Utopie gar nicht mehr ganz so utopisch vor, wenn er die israelische Staatsbürgerschaft für Araber, Christen und Juden verlangt, einen gemeinsamen israelischen Staat mit autonomen Regionen, für ihn eine absolut denkbare „Alternative zur Zweistaatenpolitik aus liberalzionistischer Perspektive“:

Als wahre israelische Patrioten müssen wir heute die bekannten zionistischen Tabus auf den Prüfstand stellen und den Mut haben, uns einen Umbau des Landes vorzustellen: vom jüdischen Staat in eine föderale, binationale Republik.

Omri Boehm, Israel — eine Utopie

Die Erde dreht sich immer weiter. Und es wird — neben denen, die sich in scheinbar unumkehrbaren Denkrichtungen verloren haben oder ihren Opportunismus auf Kosten der Gesellschaft durchdrücken — auch immer Menschen geben, die es wagen, auf humane Weise ihren Verstand zu gebrauchen. So manche Idee, die einem heute kühn und fast aussichtslos erscheint, ist ein paar Jahre später völlig selbstverständlich, man denke nur — auch wenn das ein ganz anderes Beispiel ist — an den Atomausstieg in Deutschland. Es wäre Omri Boehms Utopie von Herzen zu wünschen, dass sie sich in nicht allzu langer Zeit in einen politisch und gesellschaftlich verhandelbaren Weg aus dem israelisch-palästinensischen Konflikt verwandelt, in einen Ausweg aus der Spirale von Feindschaft und Gewalt, so dass ein friedliches Zusammenleben für alle Menschen in dieser Region einer künftigen Generation zum gemeinsam erinnerten Selbstverständnis und zur Selbstverständlichkeit werden kann… Eine Utopie vielleicht, aber eine, die schon jetzt und heute zum Umdenken inspiriert, dazu, ein neues Denken zu wagen, wenn das bisherige an seine Grenzen gestoßen ist!

Omri Boehm: Israel — eine Utopie, Propyläen (2020)
Aus dem Englischen übersetzt von Michael Adrian
ISBN: 9783549100073

bookmark_borderRüdiger Zill: Der absolute Leser — Hans Blumenberg, eine intellektuelle Biographie

Rüdiger Zill stellt seine Biographie von Hans Blumenberg unter das Motto des „absoluten Lesers“ und charakterisiert damit nicht nur das unstillbare Lesebedürfnis des Philosophen, für den die zuerst lesende, dann schreibende Auseinandersetzung mit Texten zeit seines Lebens Antrieb seines Denkens war, ja dessen Werk selbst als fortgesetztes Lesen bezeichnet werden könnte, sondern umreißt damit auch schon die ambitionierte Zielsetzung eines Textes, der Hans Blumenberg als Person und in seinem Denken einfangen möchte, ohne ihn jedoch in absolut gestellten Begriffen seiner Philosophie gefangen zu halten.

Gerade der Begriff des Absoluten würde sich dafür ja durchaus anbieten, lässt er doch an die „absolute Metapher“ aus Blumenbergs Philosophie der Unbegrifflichkeit denken, der Metaphorologie, die eine große Rolle in seinem Denken spielt, oder auch an den „Absolutismus der Wirklichkeit“, in dem er, pointiert gesagt, seine Theorie der Metaphorologie in eine Anthropologie überführt, die die Geschichte des menschlichen Denkens und Handelns zugleich konstant und variantenreich auf eine als übermächtig erfahrene Wirklichkeit bezogen versteht und die etwa sein Kollege Odo Marquard nicht zu Unrecht als Blumenbergs philosophisches Herzstück betrachtet. Doch so wie sich Hans Blumenbergs auf die Spitze getriebene Hermeneutik des absoluten Lesers als letztlich unabschließbares Projekt versteht, so verwehrt sich sein Biograph explizit gegen jeden absoluten Ansatz. Vielmehr geht es Rüdiger Zill vor allem darum, Leben und Werk zu kontextualisieren und das Prozesshafte in Blumenbergs Denken herauszuarbeiten, das ohne Zweifel große, wiederkehrende Lebensthemen aufwies, sich über die Jahre und Jahrzehnte jedoch auf bemerkenswerte Weise immer wieder wandelte, sich der Zeit, den (Lese-) Erfahrungen anpasste, sich formte und umbildete und immer wieder neue, unerwartete Wege und Umwege einschlug.

Rüdiger Zill, Herausgeber der 2019 erschienenen Schrift Die nackte Wahrheit aus dem Nachlass Blumenbergs und selbst Philosoph, ist sich der Herausforderung seines biographischen Unterfangens bewusst, die auch darin besteht, dass der, über den er schreibt, sich anders als seine sehr präsenten Kollegen Adorno oder Habermas zunehmend der Öffentlichkeit entzog; und er stellt sich dieser Herausforderung mit Bravour, mit stilistischem Feingefühl und enormem Erkenntnisgewinn für den auf Blumenbergs Denken und Leben neugierigen Leser. Der Untertitel „intellektuelle Biographie“ trifft, wie ich finde, ziemlich gut, was einen erwartet: ein Buch, das sich nicht oberflächlich oder voyeuristisch am Privaten entlang hangelt, sondern tief in das Denken eines Menschen eintaucht und auf diese Weise fast en passant auch einige bezeichnende Charakterzüge offenlegt, die einem Blumenberg auch als Person näherbringen.

Und natürlich hat sich der Biograph, sich am Ideal des absoluten Lesers orientierend, intensiv mit dem umfangreichen Werk des Philosophen auseinandergesetzt, hat nicht nur die zu Lebzeiten erschienenen wissenschaftlichen Texte studiert, sondern auch alle möglichen weiteren Quellen: unveröffentlichte Schriften, Briefe, Feuilletonartikel, Typoskripte — und nicht zuletzt auch Blumenbergs mit Leselisten und Zettelkästen reich dokumentierte intellektuelle Vorarbeiten eines nicht immer in Veröffentlichungen mündenden unermüdlichen Denkens. Die Vertrautheit Zills mit dem Werk des Philosophen, aus dem er viele spannende Passagen zitiert, spürt man auf jeder Seite. Geschmeidig bewegt er sich durch komplexe Gedankengänge, ja macht sich fast selbst schon das Denken Blumenbergs in seiner Argumentation zu eigen, spinnt es weiter, in einem reflektierten und kritischen Dialog mit dem Philosophen, dessen Gedanken er in ihrer Genese ebenso sichtbar macht wie in ihrer immer wieder frappierenden Tauglichkeit für heute und für die Zukunft.

So liegt ein Hauptverdienst des Buches auch darin, dass es all die Verknüpfungen herausarbeitet, zwischen Philosophie und Leben, Lesen und Schreiben, zwischen den verschiedenen Phasen seines Lebens und Denkens. Um das zu erreichen, hat Zill auch eine für eine Biographie zunächst etwas ungewöhnlich erscheinende Komposition gewählt. Er unterteilt sein Buch in drei große Teile: Der „Beschreibung des Lebens“, einem im engeren Sinne biographischen ersten Teil, folgt in „Arbeit am Werk“ ein kürzerer Abschnitt über die verschlungenen Wege von Blumenbergs Publizieren und Schreiben, die nicht immer einfache Beziehung zu Verlegern und Redakteuren, zu seinem Publikum, und in „Der Prozess einer philosophischen Neugierde“ ein umfangreicher dritter Teil, in dem sich Zill vor dem bereits geschilderten Hintergrund von Leben und Publikationstätigkeit auf Blumenbergs Philosophie konzentrieren kann, deren Wesen oder „Selbstverständnis“, wie er es nennt, er anhand mehrerer Schlüsseltexte herausarbeiten möchte.

Auch wenn nicht viele Äußerungen Blumenbergs über seine Kindheit und Jugend überliefert sind und er ja ohnehin generelle Vorbehalte gegenüber memoirenhaften Erinnerungen hatte, lassen sich doch ein paar aufschlussreiche biographische Erfahrungen herausarbeiten, die auch so manche Entwicklungen seines Lebens und Denkens verständlicher machen. 1920 in Lübeck geboren erlebte Hans Blumenberg das Dritte Reich als Jugendlicher und junger Mann. Ebenso wie ihn der Katholizismus des Vaters und der Humanismus seiner ersten Schule prägten, hinterließ auch die Erfahrung des Nationalsozialismus und des Krieges Spuren in ihm, hielt sie doch eine Art ersten schmerzhaften Kontakt mit dem „Absolutismus der Wirklichkeit“ für ihn bereit: Als Sohn einer zum Christentum konvertierten Jüdin gestaltete sich der Beginn seiner akademischen Laufbahn schwierig; studieren durfte er aufgrund der restriktiven antisemitischen Politik zunächst nur an einer katholischen Hochschule und bald überhaupt nicht mehr. 1942 wurde sein Elternhaus — und mit ihm auch die gesamte Bibliothek des in alle Richtungen belesenen jungen Mannes, für den in den Worten Zills „diese Nacht eine Art ersten Tod“ (S. 7) bedeutete — bei einem Flächenbombardement zerstört und Blumenberg zum Arbeitsdienst verpflichtet; später wurde er für einige Zeit in einem Arbeitslager interniert, und die letzten Wochen vor der Kapitulation verbrachte er untergetaucht in der Dachkammer einer Lübecker Schuhmacherfamilie, deren Tochter dann seine Frau und die Mutter von insgesamt vier gemeinsamen Kindern wurde.

Nachdem es während dem Krieg zeitweise so ausgesehen hatte, als stünde ihm eine Laufbahn als Firmenangestellter bevor, nutzte er schon im Wintersemester 1945/46 die Gelegenheit, sich an der Universität in Hamburg für die Fächer Philosophie, Germanistik und Griechisch zu immatrikulieren. Getrieben von dem Gedanken, die verlorene Zeit aufzuholen und außerdem in Sorge, seine junge Familie zu versorgen, absolvierte er sein Studium in kürzester Zeit und schloss schon 1947 seine Dissertation ab. Sein Doktorvater war der Phänomenologe Ludwig Landgrebe, dem er an die Universität Kiel folgte, wo er sich — nach einigem universitären Streit — auch habilitierte. Die nächsten Stationen seiner Laufbahn waren Hamburg, Gießen, Bochum und zuletzt bis zu seiner Emeritierung 1985 Münster, unter seinen Weggefährten befanden sich der Altphilologe Bruno Snell, der Romanist Hans Robert Jauß, mit dem er die einflussreiche Forschungsgruppe „Poetik und Hermeneutik“ gründete, und für eine kurze Zeit auch Jürgen Habermas, mit dem er die Reihe „Theorie“ im Suhrkamp Verlag herausgab. Rüdiger Zill schildert Formen des ergiebigen geistigen Austausches Blumenbergs mit Lehrern, Förderern und Kollegen, genauso aber auch, wie er immer wieder aneckte, sich mit universitären Autoritäten oder Verlegern anlegte, Projekte beendete, wie er — auch als er sich längst einen Namen gemacht hatte, — zeitlebens das Gefühl hatte, um die Anerkennung seiner Arbeit ringen zu müssen.

Während sich die Charakterisierung Blumenbergs als vielseitig interessierter und exzessiver Leser — Zill nennt ihn einen „bibliophile(n) Allesfresser“ und „intellektuellen Freigeist“ (S. 99), der sich für Wissenschaft, Technik, Philosophie und eben auch für die schöne Literatur interessierte — wie ein roter Faden durch das Buch zieht, geht insbesondere aus dem zweiten Teil hervor, wie die Prozesse des Lesens und Schreibens einander wechselseitig bedingten. Aufschlussreich ist, dass sich der Philosoph gerade in seinen Anfängen intensiv mit literarischen Texten auseinandersetzte, seinen auf das Narrative, Anschauliche ausgerichteten Stil nicht zuletzt an Interpretationen von Dostojewski, Kafka, Valéry schulte und sich in seinen frühen Beiträgen fürs Feuilleton, wie Zill das nennt, auch für seine philosophischen Texte „freischreiben“ konnte. Immer auch kritisch mit sich selbst, freute Blumenberg sich umso mehr über das Lob seines Redakteurs Neukirchen, bei dem er seinen ersten wissenschaftlichen Aufsatz für die Zeitschrift Studium Generale eingereicht hatte:

„Du hast sehr genau gemerkt, was mir die Sprache, das Wort bedeuten, daß ich mich mit der Korrosion und Erosion gerade des wissenschaftlichen Wortschatzes nicht abfinden mag und mich doch auch von Heideggers Etymologisterei abgestoßen fühle, daß ich also dem Begriff seine Obertöne an Bedeutung zurückzugeben bestrebt bin (…).“

Blumenberg, zit. nach Zill, Der absolute Leser, S. 211

Zum Feuilleton, mit dem er in den 1950er Jahren sein Schreiben begann, kehrte er am Ende seines Lebens auch wieder zurück, mit Glossen für Tageszeitungen, geisteswissenschaftlichen und kulturkritischen Texten. Dazwischen liegt als sichtbarer Höhepunkt die Publikation einer Reihe von Monographien, mit denen er — bezeichnenderweise erst spät, nachdem er längst ordentlicher Professor war — auch über die akademischen Kreise hinaus Berühmtheit erlangte: Die Legitimität der Neuzeit, Die Genesis der kopernikanischen Welt, Arbeit am Mythos, Die Lesbarkeit der Welt — um nur ein paar der bekanntesten Titel zu nennen. Darüber hinaus gibt es jedoch noch eine Vielzahl an Texten, in denen sich die verschiedenen Stadien des intellektuellen Lese- und Schreibprozesses spiegeln, Vorlesungsskripte etwa, Vorträge, Aufsätze für Fachzeitschriften. Und es gibt Blumenbergs Leselisten und Zettelkästen, die so einiges über seine Denk- und Verstehensprozesse verraten. Zill führt in einem sehr spannenden Kapitel aus, wie sich der experimentelle Umgang mit dem Material auch auf weiteren Stufen fortsetzt, wie Blumenberg zunächst für die Vorlesungen eine erste schriftliche Verarbeitung seiner Gedanken unternimmt, wie diese später dann in Aufsätze umgewandelt und aus den Aufsätzen wiederum durch weitere Prozesse „des Schreibens und Umschreibens, des Erweiterns und Revidierens“ (S. 395) Monographien entstanden.

Entsprechend legt Zill den Fokus auch im dritten Teil, in dem die Philosophie im Zentrum steht, auf das Prozessuale, die Wandelbarkeit und Offenheit von Blumenbergs Denkens. Früh interessierte ihn der Zusammenhang von Wissenschaft und Wahrheit, und die Rolle, die die Philosophie in diesem Kontext einnimmt. Die Auseinandersetzung mit den philosophischen Strömungen seiner Zeit und gewiss auch seine eigene Lebenserfahrung brachten ihn dazu, dem Absoluten in jeder Hinsicht zu misstrauen und die Geschichtlichkeit des Menschen und seines Denkens, quasi als Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis, in den Vordergrund auch und gerade der Philosophie zu rücken. Für ihn, der sich empörte, wenn man ihn einen bloßen Philosophiehistoriker nannte, gehörten auch in der Philosophie Geschichte und System untrennbar zusammen. Über seine Forschungen zur Wissenschaftsgeschichte und mehr und mehr auch der Geschichte der Technik kristallisierte sich allmählich der Gedanke der Freiheit heraus und eröffnete einen neuen Weg zu einer Kritik der reinen Rationalität:

Kopernikus ist für Blumenberg nicht einfach der Befreier, der dieses System [das dogmatische Weltbild des Mittelalters] durch den Gebrauch der Vernunft zerschlagen hat, sondern jemand, dessen Denken überhaupt erst möglich war, nachdem sich dieses System aufgrund seiner inneren Widersprüche selbst zersetzt und dadurch einen Raum für Gedankenspiele eröffnet hatte (…).

Zill, Der absolute Leser, S 469

So wie Blumenberg die Philosophie nun als werdendes Selbstbewusstsein des Menschen verstand, verschob sich der Fokus seines Interesses von der Geistesgeschichte zur Anthropologie. Dabei rückte dann auch ein früheres Randthema auf einmal prominent in den Vordergrund, nämlich seine Gedanken zur Metaphorologie. Das Wirklichkeitsverhältnis des Menschen betrachtete er grundlegend als ein metaphorisches, also eines der Distanz. Und über diese Umwegstruktur der Metapher, die den indirekten, verzögerten, umständlichen Bezug zur Wirklichkeit kennzeichnet, über die Erforschung von kleinen Formen der „Unbegrifflichkeit“ wie der Anekdote oder der Fabel, gelangte er schließlich zu seiner Philosophie der Umwege und der Antimethode (in Analogie und Abgrenzung zu Descartes‘ Discours de la méthode), die ihn am Ende seines Lebens am meisten beschäftigte und die sich auch publizistisch im Übergang zu den Formen des Fragments und der Glosse niederschlug. Das Narrative, per se dem Umweg verpflichtet und gegen das Diktat der Effizienz gerichtet, blieb auch diesen kurzen Formen erhalten, und lässt sich generell als Charakteristikum seiner Schriften betrachten, die nicht immer einfach zu lesen, aber zur Freude auch des heutigen Lesers stets auf Anschaulichkeit bedacht sind.

„Was ist für Sie das vollkommene irdische Glück?“ — „Sagen zu können, was ich sehe.“

Blumenberg, zit. nach Zill, Der absolute Leser, S. 78

Der Umweg im Sinne Blumenbergs verstanden als Abenteuer, das nicht ziel- und zwecklos ist, sondern überraschende Erkenntnisse liefert, ist auch ein wenig das Strukturprinzip von Rüdiger Zills Biographie. Sie erfordert bei den vielen und vielfach verknüpften Gedankengängen, die sie verfolgt, einiges an Konzentration, und ist daher auch als Einstiegslektüre zu Blumenberg nicht wirklich geeignet. Wer sich aber für Philosophie begeistert und Blumenberg vielleicht bereits in dem einen oder anderen Text begegnet ist, kann sein Verständnis von seiner Philosophie in diesem Buch wunderbar vertiefen — und sich beeindrucken lassen, wie zeitlos bzw. wie zeitgemäß gerade heute sein Denken erscheint.

Rüdiger Zill: Der absolute Leser — Hans Blumenberg, eine intellektuelle Biographie, Suhrkamp (2020)
ISBN: 9783518587522

bookmark_borderStefan Frey: Franz Lehár — Der letzte Operettenkönig

Franz Lehár war ein „Mann, der weiß, was er will“! Der nämlich gegen alle Bedenken und Widerstände seinem Herzen, seinem Talent und seinem untrüglichen musikalischen Instinkt folgte, um die Musik zu schreiben, die seinem ästhetischen Empfinden entsprach und mit der er schließlich auf der ganzen Welt berühmt wurde. 2020 jährt sich nun sein Geburtstag zum 150. Mal.

Stefan Frey, Theaterwissenschaftler und ausgewiesener Kenner der Operette, begibt sich in seiner nun im Böhlau Verlag in einer umfassenden Überarbeitung erschienenen Biographie auf die Spuren dieser so talentierten wie hartnäckig ihren künstlerischen Weg verfolgenden Persönlichkeit, die die Musik- und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts so nachhaltig prägte und uns bis heute mit einem überraschend vielgestaltigen Werk beglückt, das weit über die Highlights der Lustigen Witwe und des Lands des Lächelns hinausreicht — davon ist man nach der Lektüre dieses tief und facettenreich in Leben und Werk Lehárs eintauchenden Textes mehr als überzeugt.

Wie Stefan Frey im Vorwort schreibt, hat er für die Neufassung seiner Lehár-Biographie von 1999 nicht nur einiges an inzwischen zugänglichem Quellenmaterial und neuer Forschungsliteratur mit einbezogen, sondern auch den Schwerpunkt seines Textes noch mehr auf die Person des Komponisten gelenkt. Gleichwohl bleibt als roter Faden die Chronologie von Lehárs Werken erhalten, spielen Gattungs- und Aufführungsgeschichte ebenso wie ästhetische und kulturgeschichtliche Debatten eine untrennbar und überdies sehr gewinnbringend mit der Biographie des Komponisten verbundene Rolle. Denn…

…verstehen lässt sich die Operette nur aus ihrer Zeit heraus. Als ehemals aktuelle Theatergattung bedarf sie mehr als jede andere der Kontextualisierung. Schließlich galten gerade Lehárs Werke einmal als modern. In ihrer wilden Mischung von Stilgebärden spiegeln sie die Widersprüchlichkeiten einer turbulenten Umbruchsepoche, in der Neues und Altes unvermittelt aufeinanderstieß.

Frey, Franz Lehár, S. 12

Zur Freude aller auf spannende Zusammenhänge und Hintergründe neugierigen Leser ist das Buch Biographie und Geschichtsbuch in einem, wird das Geheimnis von Lehárs persönlichem Erfolg als Operettenkomponist eng verknüpft mit dem ästhetischen und kommerziellen Wandel, der zwischen 1870 und 1948, Lehárs Lebensdaten, stattfand. So traf er, oft unbewusst, immer wieder den Nerv der Zeit, indem er sich irgendwie geschmeidig zwischen den so radikal gegensätzlichen Polen von Tradition und Moderne bewegte. Freys Annäherung an Lehárs Persönlichkeit gibt daher auch reichlich Aufschluss über den historischen Kontext, in dem sie sich formte. So entsteht ein entsprechend detailreiches Bild der kulturellen und gesellschaftlichen Einflüsse, das die mit Lehár zusammenarbeitenden Librettisten, Theaterdirektoren und Sänger ebenso umfasst wie die Reaktionen des Publikums und der Presse. Auch kritische Stimmen — etwa die bissigen und der Operette nicht gerade wohlwollend gesinnten Kommentare von Karl Kraus oder Zitate von Adorno — werden mit eingebunden, so dass sich ein komplexes Gesamtbild ergibt.

Dass die Fülle des recherchierten Materials die Leser zwar in ihrer Konzentration fordert, aber nie erschlägt, dafür sorgen die strukturierte Gliederung und der lebendige Stil des Biographen, der die zahlreichen Zitate sehr anschaulich in seinen Text einzubauen versteht und zum Amüsement des Lesers auch mal süffisant-ironisch kommentiert; so liest sich die Episode der zweimaligen Ablehnung des Zarewitsch-Librettos, dessen Protagonist homoerotische Neigungen hat und aus dem Lehár später eine wunderschöne, ganz in seinem Sinne lyrisch-melancholische Operette zaubern würde, folgendermaßen:

Lehár hatte damals Jenbachs Angebot abgelehnt, genügte doch die keusche Titelfigur den elementarsten Anforderungen, die man gemeinhin an einen Operettenhelden zu stellen pflegte, in keinster Weise. Weder hatte er gern, noch jemals ‚die Frau’n geküsst‘, von anderen Dummheiten ganz zu schweigen, die mit denselben in Verbindung mit Alkohol und tänzelnder Bewegung anzustellen wären und nicht umsonst als eigentliches Geschäft der Operette galten.

Frey, Franz Lehár, S. 254

Frey nähert sich der wie es den Anschein hat fast ganz für seine Musik lebenden Person Lehárs, indem er Tagebucheinträge und Korrespondenzen auswertet, die Entstehungsprozesse seiner Werke untersucht und seine Arbeitsweise ergründet. Man erfährt von Lehárs seit je gehegtem Traum von der Oper, seiner innigen Freundschaft mit Puccini und seinem ungebremsten Schaffensdrang, der ihn ganze Nächte durcharbeiten ließ, wenn er für ein Projekt Feuer gefangen hatte. „Wie empfunden, so geschrieben“, ist ein frühes Stück übertitelt, das, so Frey, als Motto für sein Gesamtwerk stehen könnte, in dem das Emotionale stets dem Intellektuellen übergeordnet war.

1870 in Komorn, in der heutigen Slowakei, geboren, ist er ganz ein Kind des multiethnischen Habsburgerreiches. Als „Tornisterkind“ — der Vater, in dessen Fußstapfen er bald treten würde, war Militärkapellmeister und wechselte mit seiner Familie entsprechend häufig den Wohnort — wuchs er an verschiedenen Orten auf und sprach drei Sprachen — Deutsch, Ungarisch und Tschechisch — wie seine Muttersprache. Die verschiedenen kulturellen Einflüsse färbten wie selbstverständlich auch auf die so besondere musikalische Gestaltung seiner Werke ab, wie er es selbst hervorhebt:

daß ich die ungarische, die slawische und die Wiener Musik so intensiv in mir aufgenommen habe, daß ich unbewußt in meiner Musik eine Mischung all dieser Nationen wiedergebe

Lehar über sich selbst, zit. nach Frey, Franz Lehár, S. 23

Auch später saß das einstige Tornisterkind nie durchgehend still in seinem Kämmerlein in der Bad Ischler Sommerresidenz, sondern blieb sein Leben lang umtriebig. So dirigierte Lehár fast alle seine Premieren selbst und wirkte auch an den ausländischen Adaptionen seiner Operetten, die er ungern völlig aus der Hand gab, meist sehr aktiv mit.

Bevor es allerdings so weit war, machte Lehár durchaus zähe und beschwerliche Anfänge durch. Er wurde von seiner Familie, die sein musikalisches Talent erkannte, zwar so gut es ging unterstützt und erhielt eine Konservatoriumsausbildung als Violonist. Mehr noch allerdings reizte ihn die Komposition, in der er aber bis auf ein paar heimlich abgetrotzte Unterrichtsstunden Autodidakt bleiben musste: ein Autodidakt freilich mit unbestreitbarem Talent, das ihm frühes Lob von Größen wie Dvořák und Brahms eintrug. Und so ließ er sich nicht beirren, verkaufte als junger Mann sogar seine Geige und brach mit finanziellem Risiko Verträge, um jede Chance zu nutzen, als Komponist hervorzutreten. Es war ein langer Weg, bis er sich in der anspruchsvollen Wiener Gesellschaft, anfangs mit seinen bezaubernden Walzern, einen Namen machte, und ein noch längerer zur tatsächlichen künstlerischen Autonomie. Viele kleine Schritte, Rückschläge und vor allem Begegnungen kennzeichneten diesen Weg.

Eine dieser wegweisenden Begegnungen war die mit dem jüdischen Librettisten und Regisseur Victor Léon, mit dem er seinen ersten Operettenerfolg feiern sollte. Léon teilte mit Lehár die Sehnsucht nach einer neuen, modernen Art der Operette, in der sie „eigentlich eine Form der Oper, ein Stück mit Musik (…), mit Menschen in menschlichen Konflikten“ (Léon, zit. nach Frey, Franz Lehár, S. 51) sahen. Als sie 1902 gemeinsam den Rastelbinder aufführten, stand der bereits für etwas Neues, in dem sich Tagesaktuelles, Humorvolles und Melancholisches ebenso verbanden wie Jüdisches, Slawisches und Wienerisches. Lehár feierte den Erfolg mit seinem ersten Sommeraufenthalt in Bad Ischl, wo er Sophie Meth kennenlernte, mit der er lange Jahre in wilder Ehe zusammenlebte, ehe sie irgendwann doch noch heirateten, und wo er sich 1912, auf dem Höhepunkt seines Ruhms, eine Villa kaufte, in der er Gäste empfing und viele Sommertage und vor allem -nächte an seinen Werken arbeitete.

Seinen internationalen Durchbruch verdankte Lehár der noch heute unvergessenen Lustigen Witwe, ihren ergreifenden Melodien und Liedern, aber auch ihrem modernen, auf der Operettenbühne geradezu revolutionären Thema: Im Zentrum steht mit der reichen Witwe Hanna Glawari nämlich eine selbstbestimmte Frau, die die Initiative ergreift und den „erotisch aufgeladenen Geschlechterkrieg“ (S. 78) auch souverän gewinnt. Auch musikdramaturgisch stellte die Operette ein gewagtes, aber erfolgreich vollzogenes Experiment dar, indem sie nämlich große Oper und eingängige Schlager, Gefühl und Parodie, kombinierte und mit einem subtil kommentierenden musikalischen Subtext arbeitete, der etwa die im Liedtext verkündete Selbstaussage der „anständigen Frau“ ironisch hinterfragte. Neu war auch das getanzte Duett der schweigenden Lippen, durch das der Sprache des Unbewussten Ausdruck verliehen wurde, die in Lehárs späterem Werk noch öfter von tragender Bedeutung sein sollte. 1905 war die Uraufführung in Wien, der bald Premieren in anderen Ländern nachfolgen sollten: 1907 wurde sie vom Theatermanager George Edwardes, der auf der Suche nach einem neuen Erfolgsmodell war, in England aufgeführt und von dort in alle Welt, insbesondere auch in die USA, exportiert.

Der Welterfolg der Lustigen Witwe markierte in mehrfacher Hinsicht einen kulturellen und gesellschaftlichen Wandel: Mit ihr brach die Operette in den urbanen Alltag der Menschen ein. Am Beispiel des „battle of hats“, der bei einer Vorstellung in Amerika ausgelöst wurde, auf der der zum modischen Accessoire avancierte wagenradgroße „Merry Widow-Hut“ — in zu kleiner Anzahl und entsprechend großem Gerangel — verschenkt wurde, zeigt Stefan Frey das neu entstandene Wechselspiel von Kommerz, Mode und Musiktheater.

Entzauberte Offenbachs Operette ihre Götter und Helden, indem sie sie in Zeitgenossen verwandelte, verwandelt Lehárs Operette Zeitgenossen in Götter einer säkularisierten Lebenswelt.

Frey, Franz Lehár, S. 126

Der unbändige Erfolg des Unterhaltungstheaters, zu dem die Operette gezählt wurde, machte außerdem deutlich, dass die moderne ernste Musik mit ihren immer radikaleren Formexperimenten, die nur noch einer kleinen Elite zugänglich waren, sich immer weiter von der unterhaltsamen Musik entfernte, die ihrerseits ein Massenpublikum anlockte.

Nachdem Lehárs Status als Operettenkomponist nun unangefochten war, konnte er noch freier von äußeren Zwängen in der Auswahl der Libretti seinem persönlichen Geschmack folgen und noch entschiedener den künstlerischen Weg einschlagen, von dem er überzeugt war. Mit dem Fürstenkind tat er einen weiteren Schritt in Richtung einer auch musikalisch vermittelten Psychologisierung und Verinnerlichung. Gleichwohl Lehár sie lange für seine beste Operette hielt, war ihr jedoch nicht ein derart einschneidender Erfolg beschieden wie der Lustigen Witwe. Die Zeit schien noch nicht reif für dieses musikalische Projekt… Anlass zur Klage bestand freilich keineswegs: Als 1909 der Graf von Luxemburg uraufgeführt wurde, seine erste Salonoperette, in der, wie Frey schreibt, „von schmissigen Tanznummern bis zu großen lyrischen Szenen alle Aspekte seiner Musik enthalten sind“ (S. 143), stand auf allen drei Wiener Operettenbühnen gleichzeitig Lehár auf dem Programm!

Modern waren Lehárs Operetten auch in der Hinsicht, dass sich in ihnen das Aufkommen neuer Medien wie Kino und Rundfunk spiegelte. So wurde die Berliner Premiere von Frasquita etwa als erste vollständige Operette live im Radio übertragen; und in Endlich allein wollte er schon vor dem Ersten Weltkrieg den Aufstieg des Liebespaares auf den Gipfel kinematographisch darstellen, scheiterte dann aber — wiederum seiner Zeit voraus — an der technischen Umsetzung.

Nach dem Ersten Weltkrieg wandte er sich dann immer zielstrebiger der lyrischen Operette zu, mit der er endgültig die Gattungsgrenzen überschritt und einen neuen Operettentypus schuf. Paganini bildete hier 1925 den Auftakt. Und diese Operette war es auch, die die inspirierende Zusammenarbeit mit dem eigentlich aus dem Opernfach kommenden Tenor Richard Tauber einläutete. In Lehárs Ischler Villa erarbeiteten der Komponist und der Sänger für Paganini mit „Gern hab ich die Frau’n geküsst“ gemeinsam das erste „Tauberlied“:

Es war der Beginn einer für das 20. Jahrhundert ungewöhnlich intensiven Kooperation von Komponist und Sänger. Lehár hatte den Interpreten gefunden, der ihm immer als Ideal vorgeschwebt haben mochte, Tauber den Komponisten, der seine besonderen Qualitäten zum Klingen brachte — vor allem im so genannten ‚Tauberlied‘, jenem Tenorschlager in Rondoform, der fortan im zweiten Akt jeder Lehár-Operette zu finden war.

Frey, Franz Lehár, S. 244

Es war auch der Beginn der letzten hochproduktiven Phase im Leben des Komponisten: Es folgten Der Zarewitsch, die Spieloper Friederike, mit der Lehár an der strikten Grenze zwischen Hoch- und Trivialkultur rüttelte, Das Land des Lächelns, die beeindruckende Neufassung der einst wenig erfolgreichen Gelben Jacke durch die Friederike-Librettisten Herzer und Löhner-Beda, und schließlich 1934 Giuditta, mit deren Uraufführung an der Wiener Staatsoper Lehár das erreichte, was er so sehnsüchtig angestrebt hatte: die Auflösung der Grenzen von Oper und Operette.

Als wäre damit sein Lebenswerk vollendet, entstand in den noch folgenden vierzehn Jahren kein neues Werk mehr, nur noch Umarbeitungen oder Adaptionen seiner bereits existierenden Werke. Dies steht sicher auch im Zusammenhang mit der Zeitgeschichte, mit dem Aufstieg des der freien Kunst abträglichen Nationalsozialismus und Hitlers, so sehr dieser auch ein Bewunderer von Lehárs Operetten war. Frey sieht hier auch das „Ende der Operette als privates Geschäftstheater und (…) (den) Anfang der Operette als staatlich gesteuerte Unterhaltung“ (S. 293) und widmet dieser unter einem düsteren Stern stehenden letzten Phase im Leben Lehárs, in der befreundete jüdische Künstler vertrieben oder ermordet wurden, wie der Librettist Löhner-Beda, der im KZ brutal zu Tode geprügelt wurde oder Richard Tauber, der ins Exil in Großbritannien floh, ein ausführliches Kapitel:

Die Folgen der nationalsozialistischen Kulturpolitik waren daher in kaum einem Bereich so einschneidend wie bei der Operette. Weit mehr als die Hälfte des Repertoires fiel dem Rassenwahn zum Opfer.

Frey, Franz Lehár, S. 297

Franz Lehárs abwehrendes Verhältnis zur Politik, aus der er sich wohl am liebsten ganz herausgehalten hätte, um sich ungestört seiner Musik zu widmen, konnte nicht verhindern, dass er gegen seinen Willen mehr oder weniger indirekt dennoch in sie verstrickt wurde. Stefan Frey wirft die letztlich nicht eindeutig zu beantwortende Frage auf, inwiefern die Anpassung des Komponisten an das politische System Anbiederung oder Taktik war.

Dass Lehár der nationalsozialistischen Ideologie ferne stand, ist vielfach belegt. Dass er sich für sie vereinnahmen ließ, ist aber genauso offensichtlich.

Frey, Franz Lehár, S. 343

So hatte Lehár selbst eine jüdische Frau, die trotz aller Vorsicht, die sie walten ließen, und trotz seiner privilegierten Stellung als gefeierter Künstler, einmal fast von der Gestapo abgeholt wurde; und er erlebte hautnah mit, wie etliche Freunde und Kollegen bedroht wurden, für die er sich zwar bemühte, aber die er nicht immer retten konnte.

Freys Lehár-Biographie ist in jeder Hinsicht eine ausgesprochen differenzierte und lesenswerte Biographie, die dem Leser Leben und Werk des Komponisten und überhaupt die ganze an Umbrüchen reiche Entstehungszeit seiner Operetten wunderbar lebendig vor Augen führt. Dazu tragen im Übrigen auch die vielen schönen Illustrationen bei, die Fotografien von Lehár und seinen Weggefährten und zeitgenössische Titelbilder seiner Operetten enthalten.

Stefan Frey: Franz Lehár — Der letzte Operettenkönig, Böhlau (2020)
ISBN: 9783205210054

bookmark_borderKate Kirkpatrick: Simone de Beauvoir — Ein modernes Leben

Eine in ihrem Detailreichtum und ihrem differenzierten, genauen Blick zugleich ungemein fesselnde und bereichernde Biographie!

Ich war überrascht, auf welche Vorurteile und Klischees diese intelligente und empathische, aber — zum Glück — eben auch eigenwillige Frau selbst am Ende ihres Lebens noch stieß, nach all den überzeugenden Beweisen ihres philosophischen und literarischen Talents, wenn sie in der Presse als „eifersüchtige Geliebte“ oder bloße „Jüngerin von…“ geschmäht wurde.

Natürlich war sie, waren ihr Denken und Werk, aufs engste mit Sartre verbunden, die beiden unterstützten und beflügelten sich gegenseitig in ihrer so ungewöhnlichen, so viel Erstaunen und auch Häme erntenden intellektuellen Freundschaft, die ein Leben lang hielt. Doch Kate Kirkpatrick, selbst Philosophin, macht eindrucksvoll deutlich, dass die junge Simone ihre Philosophie schon vor ihrer Begegnung mit Sartre zu entwerfen begonnen hatte und auch später ihre eigenen Wege ging, sowohl gedanklich als auch was ihre Beziehungen betraf, unter denen Sartre zwar einen besonderen, aber längst nicht den einzigen Platz einnahm.

Die Autorin wertet mit großem Erkenntniswert die erst in den Jahren nach Beauvoirs Tod veröffentlichten und vorerst nur in französischer Sprache vorliegenden Korrespondenzen aus, die einiges in einem neuen Licht erscheinen lassen und manches auf erhellende Weise zum Vorschein bringen, was Beauvoir selbst in ihren literarisierten Memoiren unter den Tisch hat fallen lassen. Vor allem zeigt sich, dass Beauvoir, die sich eher als Literatin sah, als Philosophin einen absolut eigenständigen Platz neben dem von seiner wohlhabenden Herkunft und seinem Geschlecht begünstigteren und in der Nachwirkung berühmteren Freund Sartre einnimmt. So beschränkt sich ihr Verdienst nicht nur auf ihr freilich einschneidendes, den Feminismus prägendes Werk Das andere Geschlecht, das v.a. in den angelsächsischen Ländern bis vor kurzem nur in einer stark gekürzten Fassung vorlag und lange Zeit — da in die Alltagsforschung hineinreichend — nicht als den wissenschaftlichen Kriterien entsprechend anerkannt war, sondern besteht auch in der wichtigen Leistung, den Existenzialismus und seinen Freiheitsgedanken in der sozialen Erfahrungswelt der Menschen verankert zu haben. In dieser Hinsicht war wohl auch sie es, die auf Sartres Philosophie einwirkte, der seine Texte im Übrigen nie ohne Beauvoirs Gegenlesen veröffentlichte. Und eben da rührte wohl auch Beauvoirs Vorliebe zum Literarischen her: in bester Kierkegaard’scher Tradition die Philosophie in die Lebenswelt der Menschen zu tragen.

Man ist ganz fasziniert und voll Bewunderung, wenn man Kirkpatricks Schilderungen von Beauvoirs Leben folgt, obwohl oder gerade weil sie die Philosophin nicht als unfehlbar und entrückt, sondern in ihren mal mehr, mal weniger sympathischen Eigenheiten beschreibt.

Ein absolut lesenswertes, sehr lebendiges (Zeit-)Zeugnis des Lebens einer ganz besonderen Frau im 20. Jahrhundert!

Kate Kirkpatrick: Simone de Beauvoir — Ein modernes Leben, Piper (2020)
Übersetzt von Erica Fischer und Christine Richter-Nilsson
ISBN: 9783492070331

bookmark_borderDelphine Horvilleur: Réflexions sur la question antisémite

Die französische Rabbinerin und Journalistin Delphine Horvilleur leistet mit ihren „Überlegungen zur Frage des Antisemitismus“ (so der Titel der deutschen Ausgabe im Hanser Verlag) einen äußerst intelligenten und erhellenden Beitrag zum besseren Verständnis des ebenso irrationalen wie merkwürdig persistenten Phänomens des vorurteilsbehafteten Ressentiments oder gar offenen Hasses gegenüber Menschen jüdischen Glaubens.

Ihr Essay ist ein schmales Bändchen, erkenntnisreich und spannend auf hohem reflexivem Niveau und liest sich überdies ungemein flüssig, da die Autorin ihre Leser charmant an die Hand nimmt, sie elegant durch ihre lebendige Argumentation lenkt und immer wieder von Bekanntem ausgehend die Dinge aus einer erfrischend neuen Perspektive beleuchtet. So wirft sie etwa immer wieder Fragen auf, die sie auch konkret formuliert und denen sie dann differenziert und anschaulich und mit reichlich literarischem und soziologischem Beispielmaterial nachgeht.

Im Zentrum steht natürlich die brandaktuelle Frage, warum auch heute der Antisemitismus nicht überwunden ist, warum er im Gegenteil gerade jetzt auf einen gefährlichen Nährboden zu fallen scheint. Zugleich führt eben diese Frage zurück in die Geschichte, in der sich seit Jahrhunderten in den verschiedensten Gesellschaften und Systemen der Judenhass immer wieder mit denselben Stereotypen manifestiert. Horvilleurs zentrale Argumentationslinie ist daher als philosophisch — geschichts- und religionsphilosophisch — und, vor allem in Bezug auf die antisemitischen Akteure, als psychologisch zu bezeichnen. In diese Linie integriert sie mit großem Illustrations- und Erkenntniswert einiges an literarisch-religiösem Material, vor allem rabbinische Texte kommen zur Sprache. Darin spürt sie frühen antisemitischen Feindbildern nach, die schier endlos zurückzureichen scheinen, aber in der rabbinischen Darstellung doch auffällig offen und oft auch humorvoll in Frage gestellt werden. Schon früh wird hier nach einer Alternative zum fatalistischen und unitaristischen Denken gesucht, das dem Antisemitismus oft zugrunde zu liegen scheint.

Bevor Horvilleur in fünf Kapiteln verschiedenen persistenten Merkmalen und Affinitäten des Antisemitismus nachgeht, definiert sie zuerst dessen Eigentümlichkeit, die ihn etwa vom verwandten Phänomen des Rassismus unterscheidet:

Le Juif au contraire est souvent haï, non pour ce qu’il N’A PAS, mais pour ce qu’il A. On ne l’accuse pas d’avoir moins que soi mais au contraire de posséder ce qui devrait nous revenir et qu’il a sans doute usurpé.

Hingegen wird der Jude oft nicht dafür gehasst, was er NICHT HAT, sondern dafür, was er HAT. Man beschuldigt ihn nicht, weniger als man selbst zu haben, sondern im Gegenteil etwas zu besitzen, was eigentlich uns zustehen sollte und was er vermutlich widerrechtlich an sich gerissen hat.

Horvilleur, Réflexions, S. 14

Das erste Kapitel geht den alttestamentarischen Darstellungen der Judenfeindschaft und ihrer Ergänzungen und Relativierungen in der rabbinischen Auslegung der Thora auf den Grund. Facettenreich wird so etwa der merkwürdige Hass Hamans auf den Juden Mordechai im Buch Esther analysiert, der Generationen zurück bis zur Zwillingsfeindschaft von Jakob und Esau reicht. Zwar verwendet Horvilleur nicht den von René Girard auch in Bezug auf die alttestamentarischen Mythen geprägten Begriff des mimetischen Begehrens, doch was sie als familiäre Rivalität herausarbeitet, erinnert sehr an seine Erklärung mythisch begründeter Gewaltdynamiken. Im zweiten Kapitel wird die psychologische Perspektive auf eine politische Ebene gehoben: Die nach der Zerstörung des Tempels 70 n. Chr. ihres Kultortes beraubte und sich entsprechend neu auf das Wort und die Erwartung ausrichtende und somit an verschiedenste Systeme anpassungsfähige jüdische Gemeinschaft stellte, so Horvilleurs Interpretation, allein durch ihre dezentralisierte Existenz einen Stein des Anstoßes für ein auf Einheit und Integrität bedachtes römisches Reich dar. In diesem Kontext entsteht das stereotype Bild des Juden…

… comme source de contamination pour l’organisme qui l’accueille, et dont il menace l’intégrité par sa présence. Je lui en veux à mort de trouer ma complétude.

… als Quelle der Ansteckung für den Organismus, der ihn aufnimmt und dessen Unversehrtheit er durch seine Präsenz bedroht. Ich hasse ihn dafür, dass er meine Vollständigkeit durchlöchert.

Horvilleur, Réflexions, S. 68

In den folgenden Kapiteln zeigt die Autorin die schon von Freud konstatierte Affinität des Antisemitismus zu Misogynie und Sexismus auf, nimmt das Klischee des „erwählten Volkes“ auseinander und wendet sich schließlich dem Verhältnis von Antisemitismus und Antizionismus zu, die sie zwar keinesfalls gleichsetzen will, doch deren Denkmuster sich zum Teil gefährlich überschneiden.

Ein religionsphilosophischer Gedanke kehrt dabei immer wieder, der letztlich darauf hinausläuft, dass seit Abrahams Fortgang aus Ur die jüdische Glaubensgemeinschaft sich nie durch ihre Herkunft definiert, sondern durch ihre gerade nicht proselytische Anpassungsfähigkeit und zwangsläufig imperfekte Ausrichtung auf die Zukunft, und ihrer Umgebung daher immer wieder die eigene beängstigende Unvollständigkeit und Heterogenität ins Gedächtnis ruft. Vor diesem Hintergrund ließe sich auch erklären, wieso der Antisemitismus mit so gänzlich verschiedenen Denkmustern kompatibel ist, dass er sich im rechtsradikalen ebenso wie im linksradikalen Denken wiederfindet und teilweise sogar im Postkolonialismus anzutreffen ist, man denke nur an die gegenwärtige Debatte um Achille Mbembe und die Boykottmaßnahmen des BDS.

Schließlich bringt Horvilleur in ihrem Essay auch das in ihren Augen höchst gefährliche Potential des identitären, kommunitaristischen Denkens, das gegenwärtig Konjunktur hat, zur Sprache und setzt es in einen aufschlussreichen Zusammenhang mit erstarkenden antisemitischen Tendenzen. Die sich zu einem regelrechten Wettbewerb entwickelnden Opferdiskurse betrachtet sie mit Sorge, ebenso wie eine ausschließlich über die Gruppe sich vollziehende Selbstdefinition des Menschen, welche ihrer Ansicht nach die Vielschichtigkeit des Individuums, das immer mehr ist als seine Religion, seine Hautfarbe oder sein Geschlecht, beeinträchtigt und zu geradezu absurd anmutenden neuen Konflikten führen kann. In einem entsprechend einseitig geführten Opferdiskurs erscheint dann paradoxerweise sogar der Schmerz, den die Juden im Dritten Reich erlitten, fast wie ein Privileg, das Neid auslöst und antisemitischem Denken Vorschub leistet:

Son passé de victime ou de discriminé, qui devrait opérer comme une soustraction, un ‚moins que moi‘, agit paradoxalement comme un ‚en plus‘ ou un avantage qu’on vient à lui jalouser.

Seine Vergangenheit als Opfer oder als Diskriminierter, die als eine Entbehrung, ein „Weniger als ich“ funktionieren müsste, wirkt paradoxerweise als ein „Zuviel“ oder ein Vorteil, um den man sie beneidet.

Horvilleur, Réflexions, S. 15

Hier findet Horvilleurs Essay auch Anschluss an aktuelle Diskurse zur Identität, zur kulturellen Aneignung u.ä., wie sie zum Beispiel in Kwame Appiahs entlarvender Analyse der „Identitäten“ oder in Francis Fukuyamas neuem Buch Identität aufgerollt werden.

Allen, die sich die Frage nach dem Zusammenhalt in unserer Gesellschaft stellen, lege ich den äußerst lesenswerten Text der französischen Rabbinerin unbedingt ans Herz, denn ihr gelingt es tatsächlich, dass man die rein rational so unverständlich erscheinenden und doch so hartnäckigen Mechanismen antisemitischen Denkens ein bisschen besser durchschaut, und dass man auch deutlicher sieht, wo man ansetzen muss, um bestimmten gefährlichen Stereotypen entgegenzuwirken und ein sich von Ressentiment und Hass nährendes judenfeindliches Denken zu überwinden.

Delphine Horvilleur: Réflexions sur la question antisémite, LGF/Livre de poche (2020)
ISBN: 9782253820345

bookmark_borderMichael Martens: Im Brand der Welten

Ivo  Andrić — Ein Europäisches Leben

Selten habe ich eine solch spannende, auf ausnahmslos jeder Seite fesselnde Biographie gelesen, die noch dazu in ihrer historischen Fundierung und quellenkritischen Differenziertheit absolut beeindruckend ist!

Dieses Buch soll weder ein Denkmal errichten noch ein Denkmal stürzen. Es ist der Versuch, sich einem Menschen und seiner Zeit zu nähern.

Michael Martens: Im Brand der Welten, S. 465

So definiert der Autor Michael Martens, der als politischer Korrespondent selbst viele Jahre im (süd)osteuropäischen Ausland verbracht hat, sein rundum erreichtes biographisches Anliegen im Nachwort seines Buches, dessen erzählerische und wissensvermittelnde Leistung auf knapp 500 Seiten nie nachlässt. Dass dem Niederschreiben intensive Recherchen vorausgegangen sind — u.a. diplomatische Akten, Zeitzeugenberichte, Andrićs Notizbücher und natürlich sein umfangreiches literarisches Werk –, macht sich in der Qualität des Textes bemerkbar, der zugleich nie überfrachtet wirkt.

Natürlich sind das Leben und das zur Weltliteratur gehörende Werk des 1892 im heutigen Bosnien als katholischer Kroate — und formal sogar noch als osmanischer Staatsbürger — im Habsburgerreich geborenen Ivo Andrić, der 1961 den Literaturnobelpreis bekam und als jugoslawischer Spitzendiplomat Karriere machte, für sich schon ein schillernder Stoff. Doch Im Brand der Welten ist nicht nur die Biographie einer ohne jeden Zweifel spannenden intellektuellen Persönlichkeit, sondern ebenso die historische Biographie eines ganzen Jahrhunderts, des 20., und eines ganzen Kontinents, Europas.

In der Zeitspanne von 1892 bis 1975, in der Andrić gelebt hat, wurde Europa mehrfach grundlegend erschüttert, und Andrić, der im Laufe seines Lebens so unterschiedlichen historischen Figuren wie den Attentätern von Sarajevo, Hitler oder Picasso persönlich begegnete, stand als Zeit- und Augenzeuge oft mitten im turbulenten Weltgeschehen. Seine Biographie belegt anschaulich, dass die scheinbar randständige Region, aus der er stammte, in Wahrheit zum Kerngebiet der historischen Wendepunkte Europas im 20. Jahrhundert gehörte.

Kurz vor Andrićs Geburt war seine Heimat dem Habsburgerreich einverleibt worden, ohne jedoch die Spuren der jahrhundertelangen osmanischen Herrschaft auszulöschen, die die Region weiterhin prägten. Der Vater verschwindet früh, seine alleinerziehende Mutter vertraut das Kleinkind Onkel und Tante in Višegrad an, der Stadt, in der die berühmte Brücke über die Drina führt, um in einer der unter österreichisch-ungarischer Verwaltung neu entstandenen Fabriken das wenige Geld zum Leben zu erwirtschaften. Der Strukturwandel geht indes nur schleppend voran, das Kompetenzgerangel zwischen den konkurrierenden Monarchen blockiert viele Projekte wie den Eisenbahnbau, natürlich stets auf Kosten der Randregionen. Der junge Andrić, der fürs Gymnasium nach Sarajevo geht und später in Zagreb, Wien und Krakau studiert, empfindet eine tiefe Abneigung gegen die Herrschaft der Doppelmonarchie und engagiert sich — freilich mehr intellektuell — für ein von den Habsburgern unabhängiges vereintes Jugoslawien. Dafür tritt er auch der Bewegung „Mlada Bosna“ („Junges Bosnien“) bei, aus deren revolutionärsten Mitgliedern die späteren Attentäter des österreichischen Kronprinzen hervorgehen. Mit dem Attentat, das den Ersten Weltkrieg auslöst, hat Andrić selbst zwar nichts zu tun, trotzdem muss er — vielleicht verdächtig wegen eines frühen politischen Gedichts oder wegen seiner Jugendfreundschaft mit einem der Attentäter — für ein knappes Jahr ins Gefängnis.

Nach dem Krieg tritt Andrić in den Dienst des neuen Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen ein. In Belgrad bekommt er einen Posten im Außenministerium und wird bald darauf als Diplomat nach Rom gesandt. Dort verfolgt er Mussolinis Aufstieg aus nächster Nähe und verfasst, natürlich zunächst unter Pseudonym, einige faschismuskritische Essays, die zu den wenigen deutlich geäußerten politischen Stellungnahmen Andrićs gehören. Es folgen Stationen in Bukarest, Triest, Graz, wo er die für den diplomatischen Dienst verlangte Dissertation nachholt, Marseille und Madrid, wo er begeistert die Kunst und das Leben Goyas studiert und im kunstpoetischen Gespräch mit Goya niederschreibt. Nach Aufenthalten in Brüssel und Genf kehrt er nach Belgrad zurück, wo sich die großserbische Monarchie inzwischen in eine Diktatur verwandelt hat und sich von oppositionellen Unabhängigkeitskämpfern bedroht sieht. Tatsächlich wird König Aleksandar 1934 in Marseille ermordet. Andrićs Karriere ist davon nicht betroffen, vielmehr steigt er im Außenministerium weiter auf, bis er 1939 als außerordentlicher Gesandter in Hitlers Berlin kommt.

In Berlin muss Andrić aber mit vielen Menschen Umgang pflegen, die er verachtet — und dabei auch eine moralische Gratwanderung vollziehen. (…) Es überrascht nicht, dass der Schriftsteller Andrić in Berlin fast gänzlich hinter dem Diplomaten verschwindet.

Michael Martens: Im Brand der Welten, S. 222

Doch alle diplomatischen Winkelzüge, von denen Andrić selbst im Übrigen mehr und mehr aufgrund der sich auch in Jugoslawien zuspitzenden Lage — es wird um Saloniki geschachert, serbische Offiziere putschen gegen Prinzregent Paul — ausgeschlossen wird, was ihm nach dem Krieg zugute kommen wird, können nicht verhindern, dass Hitler 1941 dem jugoslawischen Königreich den Krieg erklärt. Von 1941 bis 1944 hält sich Andrić zum Großteil im besetzten Belgrad auf. Hier entstehen nun in einem unermüdlichen Schaffensprozess seine großen Romane, die ihn später weltberühmt machen: Wesire und Konsuln, Die Brücke über die Drina und Das Fräulein. An Weltruhm denkt er beim Schreiben jedoch sicherlich nicht:

Die Arbeitswut ist eine Überlebensstrategie. (…) Andrić klammert sich an das Schreiben, um nicht zu verzweifeln. Sein Schreiben ist existenziell. Er schreibt ins Nichts hinein. Er weiß nicht, ob seine Manuskripte am nächsten Tag bei einem Bombenangriff verbrennen oder bei einer Razzia beschlagnahmt werden. Er ahnt nicht, ob nicht schon in der Nacht die Gestapo an seine Tür klopfen und ihn mitnehmen wird. Er weiß nicht einmal, ob es je wieder einen Staat geben wird, in dem er veröffentlichen kann. (…) Der Krieg ist zugleich die entscheidende Voraussetzung dafür, dass Andrić seine großen Werke überhaupt schreiben kann.

Michael Martens: Im Brand der Welten, S. 268

Trotz eingehender Schilderungen all der weltbewegenden historischen Ereignisse kommt der Schriftsteller Andrić in der Biogaphie nicht zu kurz; vielmehr geht Martens auch intensiv auf die charakteristischen Merkmale seiner Literatur ein, die u.a. von Essays über große epische Romane bis hin zur kürzeren Form der Erzählung reichen. Martens nennt Andrić einen „genaue(n) psychologische(n) Beobachter, der trotz der konservativen Form seiner Texte ein moderner Erzähler ist“ (S. 155), seine psychologischen Skizzen „meisterliche Portraits von Menschentypen, die jeder kennt“ (S. 277). Die unermüdliche Fleißarbeit des Schriftstellers, der Stunden, Tage, Wochen in Archiven verbringt, um Material zu sammeln, das er teilweise erst Jahrzehnte später literarisch verwendet, wird ebenso hervorgehoben wie sein Talent, das Gesammelte poetisch zu verdichten. Außerdem tauche bei Andrić, lange bevor daraus ein europäisches Konfliktthema wurde, die Frage auf, „ob Orient und Okzident, ob Europa und der Islam miteinander existieren können oder nicht“ (S. 279). Zugleich sei jedoch „Andrićs Bosnien eine literarische Privatlandschaft, ein mythisch überhöhter Kontinent“ (S. 280), weswegen weder die spätere Instrumentalisierung noch die Verdammung seines Werks der vielschichtigen und sich einseitigen Zuschreibungen entziehenden Literatur des Schriftstellers gerecht werde. Andrić habe unabhängig von religiösen Zugehörigkeiten „schlicht kein sonderlich positives Bild, wie Menschen, die Macht haben, mit jenen Menschen umgehen, die keine haben“. (S. 281) Im Übrigen hat Andrić selbst immer wieder betont, dass seine Texte, auch wenn sie in der Vergangenheit spielten, keine historischen Romane seien:

Die Vergangenheit zu beschreiben heißt nicht, vor der Gegenwart zu fliehen, sondern nur, einen bestimmten Blickwinkel der großen menschlichen Wirklichkeit zu beschreiben, welche die Vergangenheit und die Gegenwart und die Zukunft umfasst und alles, was in ihnen ist — menschliche Leben und Taten und ihre Träume und Gedanken.

Ivo Andrić, zit. nach Michael Martens: Im Brand der Welten, S. 411

Der Zweite Weltkrieg ist verheerend, ganz besonders auch für Jugoslawien, wo die deutschen Besatzer sogenannte Sühnelager einrichten, in denen sie für jeden Getöteten aus ihren Reihen blutige Rache an ihren jugoslawischen Geiseln nehmen, wo die Shoa 60000 von 75000 Juden das Leben kostet und wo schließlich auch noch ein schrecklicher Bürgerkrieg ausbricht, in dem sich kroatische Ustaše („Aufständische“), serbische Tschetniks und kommunistische Partisanen gewaltsam bekämpfen:

(In Bosnien) ist die Hölle auf Erden entstanden, in der jeder jeden bekämpft. Das ist Teil der Strategie der Besatzer. (…) Im Schatten der von den Besatzern verübten Verbrechen bricht in Jugoslawien ein Bürgerkrieg aus, dem mehr als eine halbe Million Menschen zum Opfer fallen.

Michael Martens: Im Brand der Welten, S. 239

Nach der deutschen Niederlage übernehmen die Partisanen unter Tito die Macht in Jugoslawien, Massenmorde finden statt und auch Andrić bangt um Leben und Freiheit, wird aber verschont und von nun an als literarisches Aushängeschild des kommunistischen Jugoslawiens in das neue Regime integriert. Andrić akzeptiert den Kommunismus, so wie er zuvor die serbische monarchische Diktatur akzeptiert hat, als „notwendiges Übel, das dem Jugoslawismus das Überleben sichert“ (S. 310). Er passt sich an, arrangiert sich und es vollzieht sich die verblüffende „Metamorphose des einstigen königlichen Gesandten Andrić zu Genosse Ivo“ (S. 311). 1961 erhält er den Nobelpreis, zu einem Zeitpunkt, als das gemäßigt auftretende kommunistische Jugoslawien international Anerkennung findet, zieht sich jedoch mit dem Alter mehr und mehr von seinen gesellschaftlichen Verpflichtungen zurück. Mit seiner Frau Milica Babić, die er erst spät geheiratet hat, verbringt er bis zu ihrem Tod viel Zeit an der Küste in Herceg Novi, schreibt Erzählungen und stürzt sich, als sie stirbt, ein letztes Mal in die schriftstellerische Arbeit an zwei monumentalen Projekten, den „von lauter Migranten, Flüchtlingen, Entwurzelten“ (S. 402) bevölkerten Roman Omer Pascha Latas, über dessen historisches Vorbild der Biograph Martens übrigens einen vortrefflichen geschichtlichen Abriss gibt, sowie sein stilistisch modernstes Werk mit dem Titel Wegzeichen, „Anti-Tagebuch“ und „poetische Summe eines Lebens“ (S. 426).

Im Brand der Welten ist eine ungemein bereichernde und lebendig erzählte Geschichtsstunde, die einen das Europa des 20. Jahrhunderts aus einer weniger vertrauten Perspektive, nämlich der Südosteuropas, betrachten lässt. Historische Ereignisse, Zusammenhänge, Konflikte, die einem durchaus bekannt sind, werden hier noch einmal aus einem unbekannten und überaus erkenntnisreichen Blickwinkel heraus erzählt.

Ebenso faszinierend ist, wie behutsam sich Martens der immer wieder sich entziehenden Persönlichkeit Andrićs annähert, die man als Leser von Seite zu Seite besser kennenlernt, obwohl der Biograph sich jeder vorschnellen Einschätzung enthält und alle Gerüchte, Meinungen und Urteile über den Autor prüft, gegeneinander abwägt, revidiert, verfeinert. Es entsteht das Bild eines schwer greifbaren, da eher zurückgezogenen Charakters, der nach außen hin ein durchaus gefälliges, weltgewandtes Auftre hatte und entsprechend große Anerkennung in seiner Funktion als Diplomat fand, die ihm allerdings auch als willkommene Fassade zu dienen schien, hinter der er seine persönlichen, intimen Gedanken und Gefühle verborgen halten konnte. Das schlug sich auch in seinem literarischen Werk nieder, aus dem er seine eigene Person genauso wie konkrete Anspielungen auf seine Gegenwart heraushalten wollte, was nicht zuletzt dazu beitrug, dass es bis heute zeitlose Gültigkeit besitzt und gut lesbar ist. So schreibt Martens über sein vielleicht persönlichstes, da auf lebenslangen Tagebucheinträgen beruhendes Werk Wegzeichen:

Die Genese der literarischen Miniaturen soll nicht erkennbar sein, Rückschlüsse auf ihre Entstehung, auf die Beziehungen zwischen seinen Gedanken und einzelnen Lebensetappen will Andrić nicht zulassen. Er will sich im Text auflösen.

Michael Martens: Im Brand der Welten, S. 426

Dieses extreme Streben nach Privatheit, nach einer Trennung von persönlicher Meinung und öffentlicher Anpassung, was freilich auch Andrićs Doppelrolle als Diplomat bzw. politischer Vertreter und Schriftsteller geschuldet war, deren Kombination ihm einen großen Spagat abverlangt haben musste, hatte zur Folge, dass Außen und Innen gerade in Bezug auf die politischen Regime, mit denen er sich immer wieder arrangierte, oftmals ziemlich weit auseinanderklafften. Martens schreibt von einem Zerfallen in einen „Nacht-Andrić und einen Tag-Andrić“ (S. 232). So ist es nicht erstaunlich, dass hier auch der Vorwurf des Opportunismus im Raum stehen bleibt, wenngleich Martens betont, dass Andrić konsequent das Schreiben über die Politik gestellt habe und seinem einzigen politischen Ideal, dem vereinten Jugoslawien, ein Leben lang treu blieb, auch wenn das bedeutete, so unterschiedliche Regime wie Monarchie und Kommunismus zu unterstützen.

Ein weiterer Vorwurf, den Martens diskutiert und entkräftet, ist der von Andrićs angeblicher Islamfeindlichkeit, der einer einseitigen Auslegung von seiner sich der Tagespolitik stets entziehenden Literatur entspringt, jedoch zu großen Missverständnissen und zu einer fatalen Instrumentalisierung im Jugoslawienkrieg der 1990er Jahre führte.

Martens Biographie ist eine Bereicherung für jeden (literatur)geschichtlich interessierten Leser und eine inspirierende Motivation, in ein vielfältiges und geradezu klassisches literarisches Werk einzutauchen, das gemeinhin weit weniger bekannt ist als etwa die qualitativ vergleichbaren Texte französisch- oder englischsprachiger Autoren. Ich jedenfalls habe mir sofort die Erzählung Der verdammte Hof besorgt, in der Andrić mit mehrfach verschachtelten Erzählebenen spielt und einmal mehr den in die Vergangenheit zurückreichenden bosnischen und osmanischen Schauplatz nicht als folkloristische Kulisse, sondern als Ort zeitloser menschlicher Fragen und Konflikte verwendet, die sich in diesem Fall — die Erzählung wurde 1954 veröffentlicht — wohl auch, aber eben nicht ausschließlich, als versteckte Kritik am kommunistischen Regime lesen lassen. Und wessen Interesse für den „Nacht-Andrić“ nach der Lektüre geweckt wurde, der kann sich auf eine deutsche Textausgabe mit Auszügen aus den in schlaflosen Nächten gefüllten Notizbüchern freuen, die im Herbst unter dem Titel Insomnia — Nachtgedanken in der Übersetzung des Biographen erscheinen. Ich bin schon überaus gespannt!

Michael Martens: Im Brand der Welten — Ivo Andrić — Ein Europäisches Leben, Zsolnay (2019)
ISBN: 9783552059603

bookmark_borderElizabeth Anderson: Private Regierung

Ich finde, auch in Deutschland reden wir zu wenig und zu undurchsichtig über unsere Arbeit, weshalb willkürliche Ungleichheiten der Entlohnung ebenso wie eine unverhältnismäßige Ungleichheit der sozialen Hierarchien am Arbeitsplatz, in Form belastender oder gar entwürdigender Einschränkungen von Respekt, Status und Autonomie der Arbeitnehmer zur Steigerung des unternehmerischen Profits, oft unhinterfragt hingenommen werden. Die amerikanische Philosophin Elizabeth Anderson bricht in ihren 2014-15 in Princeton gehaltenen Tanner Lectures, die inzwischen in deutscher Übersetzung bei Suhrkamp erschienen sind, ein unausgesprochenes Tabu: Sie entlarvt die in Persönlichkeitsrechte hineinreichende private, d.h. nicht öffentlich diskutierte, sondern rechenschaftsfreie Herrschaft der Arbeitgeber über ihre Arbeitnehmer in privaten Unternehmen als anstößig und vielfach ungerechtfertigt und unterzieht die allseits akzeptierte Legitimierung solcher quasi diktatorisch agierenden „privaten Regierungen“ inmitten demokratischer Staaten durch die mit der modernen Lebens- und Arbeitswelt nicht mehr in Einklang zu bringende liberalistische Idee des freien Marktes einer grundlegenden Ideologiekritik.

Zentrales Anliegen der Philosophin ist es denn auch, die heute aus dem Blick geratene Frage nach Formen privater Herrschaft und Unterdrückung am Arbeitsplatz wieder zum Thema der politischen Theorie zu machen und einen öffentlichen Diskurs darüber anzustoßen, wie auf Kosten zahlloser Lohnarbeiter — und ganz besonders der Arbeitnehmer aus dem Niedriglohnsektor — eine kleine Schar privater Geschäftsmänner von einem „symbiotische[n] Verhältnis zwischen Libertarismus und Autoritarismus“ profitieren, „das unsere politischen Diskurse […] wie Mehltau überzieht“ (Anderson, S. 11) und mit der ursprünglichen Idee des Liberalismus nichts mehr zu tun hat.

Denn das Ideal einer freien Marktwirtschaft, so stellt Anderson es in einem historischen Rückblick heraus, war zu Beginn ein Anliegen der Linken und untrennbar mit egalitären sozialen Zielen verbunden. So ging es den frühen Fürsprechern des Liberalismus im 17. Jahrhundert, den Levellers, um die Befreiung der Menschen aus patriarchalen Formen der Unterwerfung und um den Abbau von Monopolen in allen Lebensbereichen der Gesellschaft zugunsten der sozialen und wirtschaftlichen Unabhängigkeit der Individuen. Adam Smith knüpfte mit seiner ökonomischen Vision an diese Ideen an und hatte ebenfalls vor allem Kleinbauern und Kleinunternehmer im Blick, in deren durch den Liberalismus garantierten wirtschaftlichen Unabhängigkeit er die beste Voraussetzung für eine human und freiheitlich gestaltete zukünftige Gesellschaft sah. Doch die Vordenker des Liberalismus konnten nicht ahnen, dass sich die Markt- und Arbeitsverhältnisse mit der Industriellen Revolution grundlegend verändern würden. Anderson hebt hervor, welch radikaler Einschnitt mit der Ausbreitung der großen Fabrik- und Industriebetriebe für die sozialen Hierarchien zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern verbunden war. Die große Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung bestand von nun an aus abhängigen Lohnarbeitern und war weit entfernt vom Ideal der wirtschaftlichen Selbständigkeit eines Handwerkers oder Kleinbauern. In einer solchen Situation bedeutet ein von staatlichen Eingriffen freier Markt jedoch nicht mehr Gleichheit und Freiheit, sondern im Gegenteil Konzentration einer mit Macht verbundenen unternehmerischen Autonomie in den Händen einzelner einflussreicher Großbetriebe und damit die Etablierung eines nicht öffentlichen Raums privat regierter Arbeitsplätze:

Wenn der Großteil der Bevölkerung selbständig ist, ist ein Plädoyer gegen staatliche Einmischung eine völlig andere Aussage, als sie es heute wäre.

Anderson: Private Regierung, S. 66

Während Anderson ihren Blick hauptsächlich auf die große Zahl der Angestellten und Lohnarbeiter richtet, erstrecken sich die Formen privater Herrschaft meines Erachtens in vielen Fällen auch auf scheinbar unabhängige Soloselbständige oder Kleinunternehmen, die — gerade zur Aufrechterhaltung ihrer wirtschaftlichen Selbständigkeit — bisweilen gezwungen sind, hierarchische Ungleichheiten und Autonomieverluste in Kauf zu nehmen, etwa wenn sie Aufträge auch um den Preis einer diktatorischen Behandlung durch die auftraggebenden Konzerne annehmen müssen. Dies liegt nicht zuletzt an der Entstehung neuer Monopole — große Finanzhäuser oder Konzerne wie Google, Amazon oder Netflix –, die nicht etwa unter staatlicher Herrschaft stehen, sondern in einem zu wenig regulierten ökonomischen Freiraum gedeihen können und den freien und gleichen Wettbewerb verzerren. In einem Artikel in der ZEIT vom 26.3.2020 spricht genau in diesem Sinn der Finanzexperte und ehemalige Abgeordnete der Grünen, Gerhard Schick, von einer Transformation der sozialen Marktwirtschaft in eine „Machtwirtschaft“, in der nicht das beste Produkt gewinnt, sondern eine kleine wirtschaftliche Machtelite, die dem Staat die Regeln diktiert und über die einflussreichsten Lobbys und größten Geldakkumulationen verfügt. Wirklich frei und selbständig wirtschaften können heute nur die wenigsten, allen gleich ist nur die Marktwertabhängigkeit, die neue Privilegien schafft. Denn wie Anderson schreibt, liegt ein Denkfehler des mit der Industriellen Revolution einhergehenden neuen Liberalismus darin, dass auch die Arbeitskraft selbst, also der Mensch, als Ware betrachtet wird anstatt als autonomes Subjekt. So kommt letztlich nur eine kleine Schar Privilegierter in den Genuss der Vorteile des freien Marktes, die einst für die große Mehrheit angedacht waren:

Während Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen an der Spitze der Unternehmenshierarchie eine solche Freiheit ebenso besitzen wie eine Handvoll Topathleten, Mediengrößen und Starakademiker, [wird in der vielfach geäußerten Verteidigung privater Regierung die Tatsache ignoriert], dass die große Mehrheit der Arbeitnehmer, die nicht durch Gewerkschaften vertreten wird, die Bedingungen für die Autorität des Arbeitgebers überhaupt nicht aushandelt.

Anderson: Private Regierung, S. 106

Anderson zufolge ist der reine Arbeitsvertrag, der den freien Ein- und Austritt aus dem Arbeitsverhältnis garantiert, alles andere als ausreichend, um die Möglichkeit des Machtmissbrauchs in der privaten Regierung des Arbeitgebers zu minimieren. Auch der Zeitraum dazwischen muss mit einer rechtlichen Infrastruktur versehen werden. Anderson ist grundsätzlich dafür, hier die Rolle des Staates zum Schutz der Arbeitnehmer zu stärken, hält darüber hinaus aufgrund der vielfältigen, ganz unterschiedlich strukturierten Arbeitsplätze aber auch interne Regelungen, etwa in Form von Mitspracherechten der Arbeitnehmer, für unverzichtbar.

In einiger Hinsicht sind die europäischen Länder hier weiter als Amerika, dessen Arbeitsverhältnisse den Ausgangspunkt von Andersons Kritik darstellen. Doch auch wenn die Autorin sogar gewisse in Deutschland praktizierte Formen der Mitsprache in Betrieben als Vorbild anführt, lassen sich auch hier Strukturen der Ungleichheit am Arbeitsplatz ausmachen, die unnötig Stress und Unzufriedenheit hervorrufen. Viele Arbeitnehmer leiden unter willkürlichen Arbeitszeiten, kurzfristigen und familieninkompatiblen Einsatzplänen, unter der unterschwelligen Stigmatisierung von kurzen Wortwechseln mit Kollegen oder Toilettengängen als „Zeitdiebstahl“, unter mangelnder Anerkennung, Leistungsdruck auf Kosten der (psychischen) Gesundheit oder unter einer Überstrapazierung der vertraglich oft bewusst unbestimmt gehaltenen Arbeitsbereiche, die es dem Arbeitgeber ermöglicht, sein Personal in nicht weiter zu rechtfertigenden „ökonomischen Notlagen“ willkürlich zu Aufgaben zu zwingen, die nichts mit der Qualifikation des Arbeitnehmers zu tun haben. Gerade in nicht hochqualifizierten Berufen wie Einzelhandel oder Pflege ist ein Verschleiß von menschlichen Arbeitskräften alles andere als unüblich. Öffentlicher Redebedarf ist also auf jeden Fall angebracht, in Deutschland ebenso wie in Amerika.

Ich lege keine Blaupause für eine bessere Verfassung der Regierung am Arbeitsplatz vor. Vielmehr schlage ich einen Rahmen für das Reden über den Arbeitsplatz vor, in dem wir artikulieren können, wie die Arbeitnehmerinteressen von der Macht beeinträchtigt werden, die Arbeitgeber über die Beschäftigten ausüben, und wie alternative Verfassungen für die Regierung am Arbeitsplatz angelegt sein könnten, um den Interessen der Beschäftigten aufgeschlossener und ihrer Würde und Autonomie respektvoller zu begegnen.

Anderson: Private Regierung, S. 30

Private Regierung ist ein wichtiges Buch. Denn das Bedürfnis nach mehr Mitsprache und Autonomie am Arbeitsplatz ist unumstritten vorhanden; dass es bisher zu wenig firmeninternen Diskurs darüber gibt, liegt sicher auch an der das Schlaglicht auf die ungleichen sozialen Beziehungen am Arbeitsplatz werfenden Angst vor Entlassung. Und gerade deshalb ist ein öffentlicher Diskurs, den die einflussreiche Philosophin Elizabeth Anderson mit ihren Vorlesungen in Amerika angestoßen hat, so wichtig und sollte unbedingt auch hier Gehör finden.

Elizabeth Anderson: Private Regierung — Wie Arbeitgeber über unser Leben herrschen (und warum wir nicht darüber reden), Suhrkamp (2019)
ISBN: 9783518587270

–> Zur Neuauflage 2020 in der Reihe Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft

bookmark_borderDein ist mein ganzes Herz — Ein Franz-Lehár-Lesebuch

Bald ist es wieder soweit, und die Apfelblüten leuchten in der silbernen Frühlingssonne, ein orphisch-chinesischer Jüngling, dessen Liebe die Saiten in der erwartungsvollen Dämmerung zum Klingen bringt, hat ein paar dieser rosaweißen Frühlingsjuwelen gepflückt und legt in zartem Tenor einen Kranz daraus seiner Liebsten vors Fenster, und eine melancholische Weise erklingt… Am 30. April werde ich mein ganz persönliches Lieblingslied von Franz Lehár auflegen und mit seiner unvergleichlich schönen Musik lächelnd seines Geburtstags gedenken!

Auch der Böhlau Verlag feiert Franz Lehár. Zum 150. Geburtstag des Komponisten ist dort ein Sammelband mit dem Titel „Dein ist mein ganzes Herz“ erschienen, herausgegeben von Heide Stockinger und Kai-Uwe Garrels. Der Untertitel – „Ein Franz-Lehár-Lesebuch“ – legt nahe, welche Zielgruppe die Herausgeber mit dem etwa 200seitigen, mit historischen Fotografien und Karikaturen illustrierten und mit einer umfangreichen biographischen Übersicht ausgestatteten Buch im Blick haben: Es richtet sich nicht an Musikwissenschaftler und Spezialisten, sondern an eine musik- und vielleicht noch besser musiktheaterinteressierte Leserschaft, die in den „bezaubernden Kosmos“ (Geleitwort), den Lehár mit seiner Musik geschaffen hat, eintauchen will, die sich für den Mythos begeistern, der den Schöpfer des Welthits der „Lustigen Witwe“ immer noch umgibt, und die neugierig ist auf historische Hintergründe und biographische Anekdoten. Entsprechend dem Anliegen des Verlags, der sich als Wissenschaftsverlag bezeichnet, aber darüber hinaus auch einem breiteren Publikum Sachthemen näherbringen möchte, ergibt sich aus dieser neuesten populärwissenschaftlichen Publikation zu Franz Lehár insgesamt ein facettenreiches Bild des Komponisten, seines Schaffens und seiner Zeit. Jedoch werden sich völlig „lehárferne“ Leser ohne Kenntnis seiner Musik und seines geradezu mythischen Stellenwerts in der „Silbernen Ära“ der Operette wohl eher schwerer tun, dem weniger der Chronologie denn persönlichen Vorlieben folgenden Enthusiasmus der Artikelschreiber zu folgen. Also doch eher ein Buch für Fans, die sich in dieses Lesebuch in ebensolcher Muße vertiefen können, wie sie auch einer Lehár-Aufnahme an der heimischen Stereoanlage lauschen würden… und die es bei der Lektüre dann über kurz oder lang in den Füßen juckt, zu Lehárs berühmter Villa in Ischl zu pilgern oder zu einem Konzert im Garten seines barocken Schlössls in Wien, das übrigens einstmals im Besitz von Emanuel Schikaneder war.

Geschrieben wurden die Aufsätze dieses Lesebuchs von einer Hand voll Kulturschaffender aus Österreich, die alle einen beruflichen oder persönlichen Bezug zu Franz Lehár oder zur Operette haben; fast scheinen die Fäden des Sammelbandes alle im Lehár Festival Bad Ischl zusammenzulaufen, und so macht Michael Lakner, der die Festspiele dort viele Jahre lang prägte, durchaus auch mal nicht ganz uneitel Werbung in eigener Sache. Was dem ehemaligen Intendanten von Ischl besonders am Herzen liegt, nämlich die Aufführung auch unbekannterer Werke des Komponisten, ist auch eines der Anliegen des vorliegenden Sammelbandes, der zum Beispiel eine Begegnung mit Lehárs „italienischer Operette“, „La danza delle libellule“, enthält; hier erinnert sich Eduard Barth mit sehr persönlichen Eindrücken an eine Aufführung in Triest 1982, um anschließend dem Leser informatives Hintergrundwissen darüber an die Hand zu geben, wie aus Lehárs eher unpopulärem „Sterngucker“ im neuen Arrangement des umtriebigen Impresarios Carlo Lombardo ein Überraschungserfolg als italienischer „Libellentanz“ beschieden wurde.

Dabei war Lehár, so erfährt man in diesem Lesebuch an mehreren Stellen, Änderungen an seinen Stücken, sofern er sie nicht selbst vornahm, eher abgeneigt. Vor diesem Hintergrund gibt auch die sich endlos hinziehende (und letztlich Stückwerk gebliebene) „Arisierung“ seiner frühen, „jüdischen“ Operette „Der Rastelbinder“ — aus der Feder des jüdischen Librettisten Vicor Léon, mit der jüdischen Hauptfigur Pfefferkorn, der in der Uraufführung auch vom jüdischen Tenor Louis Treumann gesungen wurde –Aufschluss über das berufliche und persönliche Dilemma, in dem sich der Komponist, dessen Ehefrau Sophie selbst Jüdin war, seit Beginn der Naziherrschaft befand. Wolfgang Dosch verteidigt Lehár in seinem Aufsatz gegen den mitunter erhobenen und angesichts der Begeisterung Hitlers für die „Lustige Witwe“ und der Ohnmacht des Komponisten gegenüber dem Schicksal seines Librettisten Fritz Löhner-Beda, der im KZ zu Tode geprügelt wurde, nicht völlig abwegigen Vorwurf, ein Mitläufer oder Sympathisant der Nazis gewesen zu sein. Doch zahlreiche jüdische Stimmen sprechen für den Komponisten, ebenso wie die langjährige Zusammenarbeit Lehárs mit dem Kabarettisten Rudolf Weys, der mit der Neufassung des „Rastelbinder“ betraut wurde, ebenfalls eine jüdische Frau hatte und gerade dank dieser Zusammenarbeit mit dem berühmten Komponisten einigen Schikanen der Nazis entkam.

Schön ist es, dass den zum Großteil jüdischen Librettisten in diesem Lehár-Lesebuch auch eine gebührende Würdigung zuteil wird. So erfährt man etwa von dem damals viel gebuchten Duo Leo Stein und Béla Jenbach, die „eine regelrechte ‚Operettenlibrettofirma‘ betrieben“ (Michael Lakner) und schon einmal in einen an heutige Arbeitsverhältnisse erinnernden Abgabestress gerieten, etwa als sie 1920 gleichzeitig an der „Blauen Mazur“ für Lehár und dem „Hollandweibchen“ für seinen Konkurrenten Emmerich Kálmán arbeiteten. Und dabei war Meister Lehár es doch gewohnt, das fertige Libretto vor sich liegen zu haben, bevor er sich an die Vertonung machte! Auch der große Einsatz der Librettisten Fritz Löhner-Beda und Ludwig Herzer für das ihnen besonders am Herzen liegende Stück „Friederike“ kommt in Heide Stockingers spannendem und in die Tiefe gehendem Aufsatz zur Sprache, in dem sie schildert, wie die beiden Librettisten auf die für eine Operette durchaus ungewöhnliche Idee des Goethe-Stoffes kamen, wie intensiv sie sich mit Goethes „Dichtung und Wahrheit“ und seinen „Sesenheimer Liedern“ auseinandersetzten und wie sie den anfangs skeptischen Lehár mit ihrer Begeisterung für den Stoff anstecken konnten. Für die Transformation des biographischen Materials, das der große Goethe seinerseits ja in seinen Erinnerungen bereits literarisiert hatte, in eine bühnenwirksame musiktheatralische Fassung nahmen sich die Librettisten natürlich auch die Freiheit heraus, die „Wahrheit“ ein wenig anzupassen:

Weder hat Friederike auf ihren Goethe verzichtet, um ihm nicht seine Karriere zu verbauen (…) – die Berufung nach Weimar, im Singspiel Anlass für Friederikes „Opfer“, kam ja erst Jahre später. Noch hat Goethe, wie im Singspiel ausgeführt, bei der Tanzveranstaltung in Straßburg Ringe für sich und Friederike bereit. Unterwerfung der Protagonistinnen unter männliche Lebensentwürfe wie in der „Friederike“ und zum Beispiel auch in Lehárs Operetten „Paganini“ und „Zarewitsch“ müssen als Dokument der Zeit begriffen werden, was weiblichen Operettenfreunden heutzutage mitunter schwerfällt…“

Heide Stockinger im Franz-Lehár-Lesebuch

Ungeachtet manch beißender Kritik, die sich an der Verwandlung Goethes in eine Operettenfigur entzündete, war das Publikum damals tief beeindruckt von den wunderschönen Melodien, die Lehár zu den von Löhner-Beda behutsam-poetisch in Liedtexte umgearbeiteten Goethe-Gedichten schrieb. Das innige Duett „All mein Fühlen, all mein Sehnen“ lehnt sich an Goethes „Willkommen und Abschied“ an, so mancher, der die 6. Strophe von Goethes „Mailied“ liest, hört sie innerlich in der berühmt gewordenen Interpretation des Lehár-Goethes Richard Tauber („Oh Mädchen, Mädchen, / Wie lieb‘ ich dich“) und Lehárs „Röslein auf der Heiden“ kann, so das Urteil einer hingerissenen Heide Stockinger, sogar mit der bekannten Schubert-Melodie mithalten.

Überhaupt wird die enge Zusammenarbeit und Freundschaft des Komponisten mit dem Tenor Richard Tauber, dem Lehár ab seinem „Paganini“ die Musik sozusagen auf den Leib schrieb, in dem Sammelband ausführlich hervorgehoben. Als „Tauber-Lieder“ haben viele der wunderschönen Operettenarien Lehárs einen geradezu mythischen Zauber entwickelt, der die Beliebtheit des Komponisten und des Interpreten gleichermaßen steigerte.

Inwieweit der mit Lehár im Bad Ischler Sommer 1928 die „Tauber-Lieder“ komponierende Richard Tauber auch seinen Anteil an der musikalischen Gestaltung der Sesenheimer Liebesgeschichte und der Innigkeit der „Goethe-Lieder“ hat, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren. Nicht nur das Mitkomponieren von Liedern für Lehár, auch seine Bühnenpräsenz, schauspielerische Begabung, seine wie für die Operette geschaffene Stimme (die aber auch für lyrische Gesangspartien in Opern „wie geschaffen war“) und nicht zuletzt seine umgänglich humorvolle Wesensart beförderten Lehárs Kreativität während der Spätblüte der Silbernen Operettenära in einem kaum groß genug einzuschätzenden Maß. Was wäre aus dem „Meister“, der die Lebensmitte bereits überschritten hatte, geworden, hätte es „den Tauber“ nicht gegeben?

Heide Stockinger im Franz-Lehár-Lesebuch

Lassen wir zum Abschluss noch Richard Tauber selbst zu Worte kommen, von dessen Erinnerungen aus dem Londoner Exil an die künstlerische Hoch-Zeit mit Lehár in diesem Lesebuch einige ausführliche und überaus lesenswerte Auszüge abgedruckt sind:

Viele hunderte Male habe ich von der Bühne herab, wenn „Franzl“ am Dirigierpult saß, ihm seine mir gewidmeten „Lieder“ zugesungen, und er wird wissen, dass ich immer mit meinem ganzen Herzen dabei war. Wie oft sah ich um seine Lippen einen ironisch lachenden Zug, wenn ich oben auf der Bühne meinem musikalischen Übermut freien Lauf ließ, wenn das Publikum die Wiederholung seiner Schlager mit den Füßen zu erkämpfen anfing und ich vom Falsett zum Fortissimo und wieder Piano überging und einige musikalische Husarenstückchen einschob, bis ich wieder Anschluss an Lehár fand. In solchen Augenblicken bestand jedoch zwischen uns beiden immer innerer Kontakt. Ich wusste, dass der feine Musiker da unten am Pult wissen wird, wie ich es meine.

Richard Tauber in seinen Londoner Erinnerungen, abgedruckt im Franz-Lehár-Lesebuch

Dein ist mein ganzes Herz — Ein Franz-Lehár-Lesebuch, herausgegeben von Heide Stockinger und Kai-Uwe-Garrels, Böhlau 2020
ISBN: 9783205209638

bookmark_borderStefan Weidner: 1001 Buch — Die Literaturen des Orients

Den Nahen Osten assoziiert man ebenso wie den Islam gegenwärtig fast nur noch mit Konflikt, Gewalt und Fundamentalismus. Die Medien sind voller Bilder, die uns den „Orient“, einst ein mythisch aufgeladener Begriff, in dem Märchenhaftes, Poetisches schwang, mehr denn je als anders und bedrohlich zeigen. Dabei hat der sogenannte Orient eine unendlich reiche und vielfältige Literaturtradition, die der Islamwissenschaftler und Übersetzer Stefan Weidner in seinem neuen Buch mit ansteckender Begeisterung in einem zwangsläufig selektiven, aber fundierten Überblick für uns westliche Leser zur Anschauung bringt.

Trotz Edward Saids Entlarvung des „Orients“ als westliche Projektion verwendet Weidner den Begriff für seine Literaturgeschichte; er geht aber von einem weiten, kulturell-ideellen Orientbegriff aus, der sich seiner kolonialistischen Geschichte bewusst ist. Für Weidner ist der Orient ein „polykultureller Imaginationsraum von beträchtlichem utopischen Potential“. Zu den Literaturen des Orients zählt er die islamisch geprägte Literatur — wohl wissend, dass ein über die Jahrhunderte hinweg immer wieder aufscheinendes Merkmal eben dieser Literatur ihre religionskritische Haltung war –, die sich gerade durch ihre Hybridität auszeichnet. Denn diese orientalische Literatur kennt nicht nur den Koran und Tausendundeine Nacht — bezeichnenderweise ist selbst dieser Text, der Inbgriff des Orientklischees, eine hybride, interkulturelle Erscheinung par excellence, mit indischen Wurzeln und in seiner gängigsten Version auf eine in den Orient rückübersetzte, stark erweiterte Form seines ersten westlichen Übersetzers Antoine Galland zurückgehend –, sondern trägt ebenso mystische Traditionen, zoroastrische, spätantike und hebräisch-jüdische Einflüsse in sich, umfasst das Persische, Arabische, Osmanische und viele weitere Sprachen bis hin zur teilweise in europäischen Sprachen geschriebenen Exilliteratur der Gegenwart. Der Austausch zwischen Orient und Okzident, ihre gegenseitige Prägung und die Kulturtransfers in beide Richtungen sind aus der Literaturgeschichte des Orients nicht wegzudenken.

Da es dem Autor vor allem darum geht, Leselust und Neugier auf ein hierzulande wenig bekanntes literarisches Terrain zu wecken, ist seine Literaturauswahl trotz des gleichzeitigen Anspruchs, einen repräsentativen Überblick zu schaffen, deutlich von seiner subjektiven Leseerfahrung geprägt — er legt uns besonders die Texte ans Herz, die uns als potentielle neue Leser orientalischer Literatur begeistern könnten –, sowie nicht zuletzt von dem, was überhaupt in deutscher Übersetzung verfügbar ist, und das ist nur ein Bruchteil des riesigen literarischen Schatzes, den der Orient bereithält. Doch horizonterweiternd ist die Lektüre von Weidners Buch allemal; wenn man es zuende gelesen hat, muss man sich zum einen fast zurückhalten, nicht gleich einen überdimensionalen Stapel spannender Orientlektüre in der Bibliothek zu bestellen, den man in der vorgesehenen Leihfrist niemals bewältigen könnte, und zum anderen wird einem auf sehr anschauliche, mit konkreten Beispielen unterfütterte Weise bewusst, dass sich Weltliteratur zu keiner Zeit auf den westlichen Kanon beschränken lässt.

Indem wir den verschiedenen Stimmen und Gegenstimmen lauschen, die aus den literarischen Texten des Orients zu ihren Lesern sprechen, sensibilisieren wir unser Verständnis auch für die Konflikte, die diese Region geprägt haben und prägen, für die Risse, die durch die Gesellschaften des Nahen Ostens gehen. Natürlich ist ein Eintauchen in diese Texte nicht immer ohne Hürden möglich und manche, gerade sprachliche, Dimensionen bleiben einem in der Übersetzung oft verschlossen; so ist das Hocharabisch des 7. Jahrhunderts noch heute der geltende Standard für literarische Texte, wenn sich die Autoren nicht bewusst für regionale Dialekte entscheiden, deren Klang in den Ohren arabischer Leser dann freilich eine ganz andere Sprengkraft hat. Doch Weidner liefert dankbarerweise jedesmal ausreichend Hintergrundwissen zu den beschriebenen Büchern mit und schildert literarische, aber auch historisch-gesellschaftliche und kulturelle Traditionslinien und Brüche, die sich in der Literatur widerspiegeln.

Vorgestellt werden die religiösen Texte, insbesondere der Koran und die Hadithe, die Aussprüche und Taten des Propheten Mohammed, und ihre inhaltlichen und stilistischen Besonderheiten, etwa die Abfassung in Reimprosa, die schriftlicher Fixierung widerstrebende Mündlichkeit und die kaum übersetzbare Vieldeutigkeit der heiligen Texte.

Den weitaus größeren Raum nimmt die vom frühen Mittelalter bis in die Neuzeit verfasste fiktionale Literatur ein, die erst im fortgeschrittenen 20. Jahrhundert Fahrt aufnehmende Moderne sowie die jüngsten, die arabischen Revolutionen der 2010er Jahre vorausahnenden oder sie verarbeitenden literarischen Texte. Die vorherrschende Erzählliteratur ist lange Zeit die sogenannte Adab-Literatur, gehobene Unterhaltungsprosa. Demgegenüber galten die bei uns so berühmten orientalischen Märchen aufgrund ihrer mündlichen, vorislamischen Ursprünge als weniger anspruchsvoll. Einen großen Einfluss hatten — und haben ihn bis heute — mystische Dichter wie Ibn Arabi, der in seinem Werk Übersetzer der Sehnsüchte mit der Mehrdeutigkeit des Wortes „Islam“ (dt. „Hingabe“) spielt und eine pantheistisch geprägte Verschmelzung von Erotik und Gottesliebe zum Ausdruck bringt; in Abgrenzung zu seinem dem Sufismus nahe stehenden und überaus beliebten und viel rezipierten Werk hat sich früh die fundamentalistische Strömung des Salafismus herausgebildet. In der Literatur des Mittelalters findet sich aber zum Beispiel auch ein Dichter wie al-Ma’arri, ein Skeptiker des mittelalterlichen Islams und womöglich Vorbild von Dante Alighieri, der 300 Jahre vor dem italienischen Dichter eine sehr humorvolle Jenseitsreise, Paradies und Hölle, verfasste. Das islamische Mittelalter brachte jedenfalls eine große Vielfalt an literarischen Texten hervor, von denen uns viele heute überraschend frech, freizügig und religionskritisch erscheinen. Hervorzuheben ist auch die im Vergleich zur europäischen Literaturgeschichte des Mittelalters bedeutende Zahl an Autorinnen. Eine spezielle Situation herrschte damals außerdem im islamischen Teil Andalusiens, wo hebräisch-jüdische, romanisch-christliche und arabisch-islamische Texte einander begegneten.

In der Neuzeit deutlich mehr rezipiert und übersetzt als die arabische wurde die persische Dichtung, von der Hafis‘ Diwan aus dem 14. Jahrhundert nur ein, wenngleich wohl das dank Goethe bei uns prominenteste Beispiel ist. Die Gedichte wurden zu Beginn des 19. Jahrhunderts von dem österreichischen Orientalisten Hammer-Purgstall recht frei, aber in poetischer Begeisterung übersetzt, von der sich viele Europäer, und nicht zuletzt Goethe, der in der Folge seinen eigenen West-östlichen Divan schrieb, anstecken ließen. Tatsächlich zeigt sich in der persischen Diwan-Dichtung, wie Stefan Weidner schreibt, ein universalisierbarer Islam, der auf einem inneren Gottesverständnis beruht und sein vielgestaltiges Erbe nicht leugnet, sondern stolz ist auf die hybriden Quellen, aus denen er schöpft — und der somit gerade heute ein wertvolles Gegenbild zur Intoleranz fundamentalistischer Religionsausübung ins Gedächtnis rufen kann:

Anders als Gotteskrieger, koranschwingende Demagogen und Selbstmordattentäter ist dieser geistige Islam in den Massenmedien natürlich nicht sichtbar. Wir brauchen dafür die Literatur und das Buch.

Stefan Weidner, 1001 Buch, S. 121

Die orientalische Moderne integrierte schließlich auch die Form des Prosaromans nach westlichem Vorbild in ihre Literaturen, es fanden Umbrüche in der Lyrik statt, die bezeichnenderweise v.a. im heute so zersplitterten Irak wichtige Vorreiter hatten, neue weibliche Stimmen kristallisierten sich heraus, die schreibend ihren Platz zwischen individueller Freiheit und kollektiven Traditionen auszuloten suchen. Überhaupt charakterisiert sich die Literatur des Orients bis heute durch eine literarische Verarbeitung von Gesellschaftskonflikten und bringt das Konkurrieren von Religion, Tradition und Moderne sehr vielschichtig und allzu oft mit — der düsteren Realität geschuldetem — gewaltsamem Ausgang zur Darstellung.

So gelingt Stefan Weidner in Form eines Sachbuches das, was der französische Schriftsteller und Orientalist Mathias Enard mit seinem grandiosen Roman Kompass in der Fiktion unternommen hat: uns den Orient als vielgestaltigen, komplexen, faszinierenden geistigen Raum näherzubringen, Klischees, wie etwa die „Blumigkeit“ oder „Unaufgeklärtheit“ der orientalischen Literatur, als solche zu entlarven und im Gegenteil ihre Vielfalt und unauflösbare Verwebung mit den kulturellen Räumen des Okzidents aufzuzeigen.

Stefan Weidner: 1001 Buch — Die Literaturen des Orients, Edition Converso (2019)
ISBN: 9783981976335

bookmark_borderGilles Kepel: Chaos — Die Krisen in Nordafrika und im Nahen Osten verstehen

Seit Jahrzehnten ist der Nahe Osten als Konfliktherd in den Nachrichten, kein Land in dieser Region ist unversehrt von Gewalt, Bürgerkrieg, Militärschlägen, Attentaten, im Gegenteil, mit der Schreckensherrschaft des so genannten „Islamischen Staates“ zwischen 2014 und 2017 und dem immer noch auf unabsehbare Zeit andauernden und so viele verschiedene Akteure und wechselnde Koalitionen bindenden Syrienkrieg scheint die Lage verfahrener denn je. Und umso unübersichtlicher — wer verfolgt in diesem Krieg welche Interessen, wer rächt welche vergangenen Taten, ist die Türkei nun gegen den Diktator Assad oder bekämpft sie aus Angst vor dem kurdischen Separatismus die Rebellen? Und welche Rolle spielt eigentlich der Iran? Warum trauen sich Salafisten und Muslimbrüder nicht über den Weg, obwohl sie doch beide als sunnitisch-islamistische Bewegungen gelten, und was ist der Unterschied zwischen den dschihadistischen Zielen Al-Qaidas und dem verbrecherischen Konstrukt des „Islamischen Staats“?

Gilles Kepel, französischer Arabist und Politikwissenschaftler, versucht in seinem neuen Buch Chaos — Die Krisen in Nordafrika und im Nahen Osten verstehen Ordnung in diese wirklich äußerst komplexe Lage zu bringen, und das gelingt ihm ganz schön gut. Ich habe bei der Lektüre seiner über 400 Seiten starken Analyse jedenfalls ziemlich oft innerlich „Aha!“ gerufen und das Buch mit dem — angesichts der sehr beunruhigenden gesellschaftspolitischen Situation freilich getrübten — Gefühl intellektueller Befriedigung geschlossen, einige für das Verständnis des Nahen Ostens unabdingliche Erkenntnisse gewonnen zu haben.

Dass der Autor die Komplexität dieser Konflikte so gut durchdringen kann, liegt nicht zuletzt daran, dass er seit langem in intensivem Kontakt mit der Region steht. Gilles Kepel lernte den Nahen Osten in den 1970er Jahren kennen, u.a. als Stipendiat am Institut Français in Damaskus, und schloss weitere Forschungsaufenthalte an, die bis heute andauern. Seine Doktorarbeit, in der er lokale islamistische Bewegungen untersuchte, schrieb er in Ägypten. Seitdem hat er zahlreiche Reisen in den Nahen Osten und nach Nordafrika unternommen und führte viele Gespräche vor Ort, die auch in das aktuelle Buch mit einfließen. Er ist somit zugleich Augenzeuge und Wissenschaftler, und diese doppelte Perspektive wirkt sich sehr positiv auf die Tiefe und detailreiche Anschaulichkeit seiner Analyse aus. Sein fundiertes Wissen und die akribische Recherche stellt Kepel seinen Lesern in einem darüber hinaus auch sehr gut lesbaren Text zur Verfügung, indem er nämlich kulturelle, gesellschaftliche und historische Hintergründe in seine Argumentation integriert und wichtige Fakten oder Zusammenhänge auch auf die Gefahr der Wiederholung hin mehrfach in Erinnerung ruft, was meines Erachtens für jeden Leser, der kein absoluter Kenner des Nahen Ostens ist, sehr angebracht ist.

Dennoch erfordert die Lektüre Konzentration, was bei der Fülle der Akteure, der Länder und Regionen, der religiösen und politischen Strömungen, ihrer unterschiedlichen und konkurrierenden Antriebe und Ziele, nicht Wunder nimmt. Trotz der guten Gliederung des Stoffes, die es einem erleichtert, sich Zusammenhänge zu erschließen und einen Überblick zu erhalten, ist Chaos auf keinen Fall ein Buch, das man einfach so nebenbei konsumieren kann. Der Autor nimmt dem Leser das Denken — zum Glück — nicht ab, aber er erleichtert es einem, er bahnt uns gewissermaßen einen freilich steilen Weg in eine Region, in der wir sonst verloren wären.

Kepels Text ist eine ausgewogene Kombination aus detailreichem Nachzeichnen der zahlreichen einzelnen Konflikte und dem Aufzeigen großer Linien und Tendenzen. So leuchtet er die gesamte Region aus, die den Nahen Osten und Nordafrika umschließt, beschreibt den jeweiligen historischen und gesellschaftlichen Hintergrund jedes einzelnen Landes und die Art und Weise, wie es in den großen Konflikt involviert ist. Dabei analysiert er aufs genaueste die verschiedenen religiösen Strömungen, porträtiert die einflussreichsten dschihadistischen Wortführer und ihre Ideologien ebenso wie politische Führungsfiguren, Parteien oder Bewegungen. Dieses horizontal-regional aufbereitete Material ergänzt er durch eine vertikal-chronologische Achse, auf der er einen Überblick über die zentralen Etappen und Entwicklungslinien in einem Zeitraum von fast einem halben Jahrhundert herstellt. So verfolgt er insbesondere die wachsende Islamisierung der Politik im Nahen Osten und hebt die Bedeutung der iranischen Revolution hervor: 1979, der Beginn der Islamischen Republik, ist für ihn ein Schlüsseljahr, da von nun an der Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten die regionalen Konflikte antreibt und verschärft; der religiös stigmatisierte Feind ist nicht mehr (nur) Israel, sondern auch die Anhänger der Schia (und umgekehrt), bevor auch der Westen zum ideologisch-religiös aufgeladenen Feindbild wird. Sehr anschaulich und nachvollziehbar beschreibt Kepel vor diesem Hintergrund auch die drei Phasen des Dschihadismus, der in der ersten Phase, als Spielfigur im Kalten Krieg, von den USA instrumentalisiert und angeheizt wurde, in der zweiten Phase mit Al-Qaida eine hierarchische Terrorstruktur errichten konnte, mit welcher der Konflikt sichtbar und spürbar auch in den Westen übertragen wurde, und in der dritten Phase schließlich, die im so genannten „Islamischen Staat“ kulminierte, die hierarchischen Strukturen durch ein System internationaler und virtueller Vernetzung ersetzte, das mittels ungebundener, lokaler Einzeltäter überall auf der Welt und längst auch in Europa den islamistischen Terror explodieren lässt.

Einen großen Raum in Kepels Text nimmt weiterhin seine Analyse der unterschiedlichen Ausprägungen und der gravierenden Folgen des „Arabischen Frühlings“ ein, den er als Euphemismus bezeichnet, da sich außer in Tunesien die Hoffnung auf eine Demokratisierung der Region nicht erfüllt hat. Schließlich richtet der Autor einen besonderen Fokus auf den noch andauernden Krieg in Syrien, für ihn ein Kernkonflikt, an dessen Ausgang sich die Weichen für die Zukunft der Region stellen werden.

Kepel macht keinen Hehl aus seinem Misstrauen in den politischen Islam, den er für das zentrale Problem der Dauerkonflikte im Nahen Osten hält. Deshalb legt er in seinem Text immer wieder den Finger in die Wunde und hebt die religiös motivierten Zwiste und Aufspaltungen sowie die gefährliche Konstruktion religiöser Feindbilder hervor, die auch alle politischen und gesellschaftlichen Konflikte ideologisch aufladen und in Verbindung mit geopolitischen Machtkämpfen ein besonders explosives Potential haben. Gleichwohl durchdringt der Autor ebenso die eine eigene Dynamik auslösende Verwicklung weltpolitischer Akteure in den Konflikt sowie die strukturellen und historischen Ursachen. Der zweite Unruhestifter neben der Religion ist für Kepel das Öl, mit dem sich nicht nur autoritäre Regime und lokale Eliten auf Kosten einer verarmenden, unter hoher Jugendarbeitslosigkeit leidenden Bevölkerung bereichert haben, sondern das im Laufe der Geschichte auch oftmals zu wirtschaftlich motivierten internationalen Eingriffen oder eben Nicht-Eingriffen geführt hat. Dass der Nahostkonflikt durch die sich überkreuzenden Interessen der internationalen Akteure stark beeinflusst wird, ist Gilles Kepel absolut bewusst. Immer wieder verfolgen diese ihre eigenen (sicherheitspolitischen oder wirtschaftlichen) Interessen in der Region, wie es der von russischer und amerikanischer Seite angetriebene Kampf um Afghanistan im Kalten Krieg ebenso veranschaulicht wie die Anti-Terror-Ideologie der hart intervenierenden amerikanischen Neokonservativen nach dem 11. September. Auch im gegenwärtigen Syrienkonflikt treten die Rivalitäten verschiedenster Akteure zutage, die zum Teil egoistisch, zum Teil zögerlich und ungeschickt taktieren, was die Unübersichtlichkeit der Situation weiter verschärft.

Aus dem Text geht auch hervor, wie verhängnisvoll schlechte Diplomatie sein kann und wie essentiell das Durchschauen der unterschiedlichen Motive für eine Beruhigung des Chaos sein wird. Kepel sieht die Region als eine große Herausforderung für Europa und macht mehr als deutlich, dass wir in diesen Konflikt — durch die Terroranschläge, die massenhafte Flucht, die wirtschaftlichen Vernetzungen — längst zu sehr verwickelt sind, um keine Verantwortung zu übernehmen.

Gilles Kepel: Chaos — Die Krisen in Nordafrika und im Nahen Osten verstehen, Kunstmann (2019)
Aus dem Französischen von Enrico Heinemann und Jörn Pinnow , Originaltitel: Sortir du chaos — Les crises en Méditerranée et au Moyen-Orient, Gallimard (2018)
ISBN: 9783956143205