bookmark_borderJörg Scheller: Identität im Zwielicht — Perspektiven für eine offene Gesellschaft

Der Begriff der Identität hat die wissenschaftlichen Sphären der Psychologie und der Philosophie längst überschritten und eine gesellschaftspolitische Aufladung erfahren, die sich in so vielen, so häufig mit großer Emotionalität und Vehemenz geführten Debatten in der breitgefächerten medialen Öffentlichkeit äußert, dass man in der eigenen Wahrnehmung der Welt unweigerlich von diesem wie auch immer inhaltlich gefüllten Wort gelenkt zu werden scheint.

Diesen Eindruck erweckt auch der persönliche Einstieg, den der Autor Jörg Scheller für seinen Essay gewählt hat. In einer psychologischen Selbsthinterfragung schildert er, wie er, etwa beim Schauen von Musikvideos, in seiner Wahrnehmung mittlerweile geprägt ist von Diversitätssignalen, von der automatischen Erfassung der repräsentierten — oder eben nicht repräsentierten — Identitäten. Gleichzeitig stellt er an sich fest, dass er seine journalistischen Texte unbewusst gern mit eigenen fragmentarischen Identitätszuordnungen („Ich als Mann von soundsoviel Jahren / als Kunsthistoriker“ u.ä.) zu legitimieren strebt. In solchen auf die Identität bezogenen Reflexen dürften sich wohl viele wiedererkennen. Den sozialen Wert der so und viel genannten Vielfalt durchaus schätzend, ja sie „als“ Kunstwissenschaftler, Journalist, Erforscher der Popkultur, Musiker (u.a. in einer Heavy-Metal-Band), um nur ein paar der öffentlich bekannten Identitätsmerkmale des Autors aufzuzählen, intellektuell und ästhetisch praktizierend, stößt ihm doch die teilweise opportunistische Instrumentalisierung von „diversity“ und „identity“ sowie die polarisierende Reduktion und Vulgarisierung von Identitätszuschreibungen ungut auf.

Sein Essay, in dessen freie Argumentationslinie er neben persönlichen Beobachtungen viele aussagekräftige Stimmen aus der Philosophie, Soziologie, politischen Theorie, auch aus der Literatur und den (sozialen) Medien einbaut, von John Rawls, Hannah Arendt über Eva Illouz und Mohomodou Houssouba bis zum Rapper Ice-T, ist trotz der subjektiven Färbung das Gegenteil einer aktivistischen Streitschrift; es ist vielmehr der engagierte Versuch einer sachlicheren Betrachtung der seit einiger Zeit hitzig geführten Diskussionen um den in vielfältigen Schattierungen schillernden und von zahlreichen Kollektiven in ihrem eigenen Sinne eingesetzten Begriff der Identität. Auf seinem inspirierenden und informierenden Gedankengang, der ihn in wenigen Kapiteln von der Theorie zur Praxis der Identitätspolitik führt und auch kontextualisierende Einblicke etwa in die Entstehungsgeschichte der Intersektionalitätstheorie (d.h. der Theorie von der Überschneidung verschiedener Diskriminierungen) gibt, folgt der Autor dem Weg der Mäßigung und Differenzierung als in seinen Augen einzig möglichen, dem Extremismus, Fundamentalismus und Populismus, der sich auf diesem Gebiet breitzumachen versucht, entgegenzutreten.

So kann der Einsatz für eine Gruppenidentität den drastischen oder auch schleichenden Übergang zu einer Abwertung anderer Gruppenidentitäten, die nicht die eigene sind, in sich bergen. Ein solches Identitätsverständnis wird schnell ideologisch und extremistisch und führt mit „hermetische[n] Weltbilder[n] und eiserne[n] Identitäten“ (S. 35) zu Entdifferenzierung und moralischer Radikalisierung:

Die Soll-Identität der Welt wird mit der eigenen Gruppenidentität identifiziert — aus der unausweichlichen Enttäuschungserfahrung resultiert Gewalt. Natürlich ist dieses Prinzip nicht auf rechtsextreme Ideologien beschränkt. Es ist Kennzeichen aller Extremismen.

Jörg Scheller, Identität im Zwielicht, S. 35

Aus diesem Grund misstraut Scheller, der für Offenheit, Pluralismus und einen Liberalismus der Chancengleichheit nach John Rawls eintritt, allen Kollektiven mit exklusiv verstandener Identität, Kollektiven, die für sich beanspruchen, eine Kultur zu repräsentieren. Hier, im Zwielicht der Identitätspolitik, lauert die identitäre Politik:

Das Problem sind somit nicht Identitäten an und für sich, insofern diese meist flexible, wabernde, an den Rändern offene Gebilde sind. Das Problem ist ihre Kodifizierung, ihre dogmatische Verengung […] und ihre Repräsentation durch machthungrige Narzissten, die Menschen nicht in ihrer lebendigen Einzigartigkeit begreifen, sondern als Figuren auf dem Schachbrett der Macht. Sie sehen in Menschen stets nur Repräsentanten und Repräsentationen einer Kultur, einer Identität, einer Religion, einer „Rasse“, einer Partei, einer Ideologie, und immer so weiter. […] Dabei eliminieren sie nicht nur die faktische Vielfalt, die jeden einzelnen Menschen […] kennzeichnet […]. Sie reduzieren auch Sympathie und Solidarität auf die Zustimmung zu nur einem oder einigen wenigen Aspekten einer Identität.

Jörg Scheller, Identität im Zwielicht, S. 43

Vor der Einordnung der Umwelt in Kategorien ist niemand gefeit; Gesellschaften brauchen Zuweisungen sogar, funktionieren sie doch nach gewissen Kriterien der psychologischen und sozialen Erwartbarkeit. Identitätskategorien sind somit wichtige Orientierungshilfen für uns. Doch das Spannungsfeld der Identitätszuschreibungen, in dem wir uns bewegen, ist groß und wir sollten aufmerksam und selbstkritisch jedes reflexhafte Einordnen unserer Mitmenschen in Gruppen hinterfragen. Denn:

Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob ich beschreibend feststelle: Viele ältere weiße Männer wählen die AFD. Oder ob ich insinuiere: Sie sind ein alter weißer Mann und neigen deshalb vermutlich der AFD zu.

Jörg Scheller, Identität im Zwielicht, S. 40

Scheller unterscheidet daher zwischen einer gesellschaftspolitisch absolut sinnvollen deskriptiven Identitätsanalyse als Maßstab auch unseres politischen Handelns, und einer gefährlichen präskriptiven und moralisch vereinnahmenden Identitätszuschreibung.

Uneinigkeit und Verwirrung besteht heute auch im Verhältnis der Identitätspolitik zum überzeitlichen Universalismus Kants sowie zur Theorie der Postmoderne. Während sich letztere zeitgebunden versteht und ein Denken in Relationen praktiziert, worin eine Schnittstelle mit aktuellen Identitätstheorien liegt, unterscheidet sie sich von diesen jedoch radikal in Bezug auf den für die postmoderne Dekonstruktion jeglicher fester Identitäten geradezu unmöglichen Begriff der „Authentizität“ konkreter Identitäten, der in gegenwärtigen identitätspolitischen Diskursen eine wichtige, wenngleich nicht unumstrittene Rolle spielt.

Eine weitere im Zwielicht der Identitätspolitik lauernde Gefahr sieht der Essayist in der nicht nur, aber auch im Zuge des Authentizitätsdiskurses oft folgenden Klassifizierung und Absolutsetzung einzelner Identitätsmerkmale, die einen mythologisierenden Rückfall ins Klischee zur Folge hat. Wie sich verschiedene identitätstheoretische Ansätze in ihrer praktischen Umsetzung ineinander verstricken können, illustriert übrigens die auch von Scheller mehrfach zitierte Autorin und Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal in ihrem Roman Identitti großartig, mit viel Scharfsinn und Humor, indem sie die Komplexität von Identitäten und das Zwielicht, das Scheller essayistisch auslotet, literarisch bis in die kleinsten Schattenwürfe ausleuchtet.

Auch dem changierenden Spannungsverhältnis von Autonomie und Macht, welches das Mit- und Gegeneinander der Identitäten bestimmt, geht der Essayist auf den Grund. Identitätspolitik ist auch ein Kampf um die Autonomie der (Selbst)Bezeichnungen, der Prozess des Identifizierens impliziert den uralten, magischen Machtgestus der Benennung. Daher verwundert es nicht, dass sich so viele Debatten um scheinbar banale Ausdrücke und Bezeichnungen drehen. Den identitätspolitischen Selbstbezeichnungen voraus gehen oft bereits existierende abwertende Identitätskonstrukte und Gruppenbezeichnungen von außen, sei es in Form von diskriminierenden Gesetzen oder Situationen im alltäglichen gesellschaftlichen Umgang. Autonom, also für sich selbst zu sprechen und zu handeln, ist in diesem Sinne ein klar liberaler identitätspolitischer Ansatz. Wenn sich eine so verstandene Identitätspolitik jedoch nicht auf Individuen, sondern auf Gruppen bezieht und diese über den Einzelnen stellt, entfernt sie sich vom liberalen Denken und wird anfällig für die Kettenreaktion der Macht:

Die einen bilden Gruppen, um Macht zu erlangen, die anderen bilden Gruppen, um Macht zu bewahren; beide nutzen dieselben Methoden mit unterschiedlichen Zielen; beider Handeln führt dazu, dass Partikulares die Debatte prägt.

Jörg Scheller, Identität im Zwielicht, S. 72

Die Isolierung einzelner Identitätsaspekte und ihre moralische Essentialisierung und Überhöhung hat sich längst auch der sehr erfolgreich im Zwielicht der Identitätspolitik agierende Markt zunutze gemacht. All die fragmentierten Identitätskategorien lassen sich wunderbar zur Ware machen, mit der freilich profitorientierten Zielgruppenorientierung ist das „Targeting“ zur angesagten Kulturtechnik geworden.

Es gilt also aufzupassen, dass aus einem strategischen Essentialismus, der als Durchgangsstadium der Identitätspolitik durchaus angebracht sein kann, nicht schleichend ein habitueller wird, dass man weder die Lebenspraxis aus dem Blick verliert noch das analytische Denken, das einem vor dem Abgleiten ins Partikularistische-Ideologische bewahrt, dass man skeptisch bleibt angesichts institutionalisierender und bürokratisierender Tendenzen, die schnell mit einer reduktionistischen Vereinfachung einhergehen können, und angesichts einer Vereinnahmung durch sich mit Hingabe weiß waschende Unternehmen oder Plattformen, die oft geradezu plakativ mit ihrer Diversität werben, um hinter diesem Deckmäntelchen so manche Ungleichheit besser vertuschen zu können.

Um den Opportunismus der Identitätsökonomie ebenso wie auch die vereinnahmenden Tendenzen verschiedener Identitätspolitiken zu durchschauen und zu konterkarieren, wirft man daher mit dem Autor, der in der Form des Essays elegant die Sphären der Politik und der Kunst zueinanderbringen kann, am besten einen ästhetischen Blick auf all die nebeneinander existierenden und miteinander rivalisierenden Identitäten. Scheller plädiert für eine spielerische, imaginationsreiche Offenheit, die er durch eine Gegenüberstellung der klaren Konturen im Klassizismus Jacques-Louis Davids mit den verschwommenen, fluiden Ansichten William Turners veranschaulicht, in dessen Werk er der schillernden Komplexität der wandelbaren Wahrnehmung mehr Rechnung getragen sieht. In diesem Sinne erscheinen auch Prozesse einer so genannten kulturellen Aneignung, zumal der Begriff des Eigentums für den Bereich der Kultur mehr als fragwürdig ist, keineswegs als Anmaßung, sondern durchweg als positives, konstruktives Handeln, ist ein künstlerischer Rollenwechsel doch untrennbar mit Einfühlung und Empathie verbunden und damit der beste Nährboden für einen respektvollen und wertschätzenden Umgang mit dem anderen.

Jörg Scheller gelingt in seinem mit Zitaten aus einschlägigen und differenzierten Lektüren argumentativ fundierten Essay, kurzweilig und stringent sein Anliegen einer Auslotung der Motive und Schattenbereiche der heutigen Identitätspolitik unaufgeregt und zugleich engagiert zu erfüllen. Erhellend weist er seine Leser auf die Fallstricke hin, die hinter den oft berechtigten Anliegen lauern, wenn die Forderung nach Autonomie und Chancengleichheit umkippt in eine Konkurrenzsituation verschiedener Gruppen oder Opferkategorien oder wenn Fluides behördlich oder geschäftstüchtig festgenagelt werden soll. Und immer bleibt sein Blick auf das Zusammenleben der Menschen in der Gesellschaft gerichtet, einer Gesellschaft, die sich letztlich aus so vielen Identitäten zusammensetzt, wie es Menschen gibt.

Bibliographische Angaben
Jörg Scheller: Identität im Zwielicht — Perspektiven für eine offene Gesellschaft, Claudius Verlag (2021)
ISBN: 9783532628607

Bildquelle
Jörg Scheller, Identität im Zwielicht
 © 2021 Claudius Verlag im Evangelischen Presseverband für Bayern e. V., München

bookmark_borderJemma Wayne: Der silberne Elefant

Die britische Journalistin und Autorin Jemma Wayne erzählt in ihrem beeindruckenden ersten Roman gleich drei weibliche Lebensgeschichten, die sie zu einem stimmigen Gesamtwerk verknüpft. Sie schreibt mit einem feinen Gespür für das psychologische Detail und die verschlungenen und alles andere als eindeutigen Pfade der menschlichen Emotionen, mit einem entlarvenden Blick auf ihre Figuren, der kritisch ist und doch zugleich von großer Empathie getragen wird.

Denn das, wonach sich die drei so unterschiedlichen Frauen — die schwerkranke Witwe Lynn, die mit Lynns Sohn verlobte junge Vera und die aus Ruanda geflohene Emilienne –, die abwechselnd und in verschiedenen Konstellationen im Zentrum der Erzählung stehen, alle sehnen, was sie aufreibt und woran sie zu scheitern drohen, gründet letztlich bei jeder in den fundamentalen menschlichen Bedürfnissen von Freiheit und Geborgenheit. Jede Einzelne von ihnen sucht auf ihre Weise einen Platz in einer Welt, die genug Widerstände, Schmerz und Leid bereithält, dass man an ihnen zugrunde gehen könnte. Dass Waynes Protagonistinnen das nicht tun, liegt auch daran, dass sie letztlich trotz allen Bewusstseins einer Abhängigkeit von äußeren Umständen und trotz Phasen tiefster Verzweiflung und zermürbender Selbstkritik doch unermüdlich daran arbeiten, ihre eigene Geschichte mitzugestalten. Dabei ist der „room for one’s own“, den sich eine jede auf ihre Weise schafft, jedoch nur eine Etappe auf dem Weg zu einer hier ganz weit gefassten Form von Emanzipation. Denn ganz auf sich selbst zurückgeworfen gerät man schnell in einen Teufelskreis aus zerstörerischen Grübeleien, ist man den erlebten Verletzungen, Traumata und auch den eigenen Fehlern schonungslos ausgesetzt. Alle drei sind Einzelkämpferinnen, denen das Risiko der eigenen Verwundbarkeit näher ist als ihre Nächsten und die in einem mehr als holprigen Miteinander erst allmählich begreifen, dass ein Gegenüber, dem man vertrauen kann, unverzichtbar ist. So besteht die große Herausforderung darin, erst wieder neu zu lernen, sich einem anderen zu öffnen und zu vertrauen. Die Autorin zeigt diesen für alle überaus schwierigen Prozess auf eine glaubhafte und ganz wunderbare Weise, die einen auch immer wieder schmunzeln lässt.

Doch wer sind die drei Frauen, die sich hinter den Namen Vera, Lynn und Emilienne bzw. Emily verbergen? Ohne zu viel von der Geschichte vorwegzunehmen, kann man Vera als eine schöne, aber innerlich zerrissene, von ihrem Gewissen zerriebene und um ihr fragiles frisches Liebesglück bangende junge Frau beschreiben, die seit kurzem mit dem sehr gläubigen, streng christlich lebenden Luke liiert ist — eine aus moderner, aufgeklärter Sicht etwas ungewöhnliche Beziehung, die Vera jedoch geradezu als himmlische Rettung aus einer Vergangenheit betrachtet, in der sie einen folgenschweren Fehler begangen hat. Ihr Charakter ist ein bisschen nach dem biblischen Vorbild einer Maria Magdalena angelegt, die nach einer ausschweifenden Jugend nun eine moralische Kehrtwende unternimmt und sich mit aufrichtigem, aber immer wieder auch von Rückschlägen geplagten Einsatz zum Glauben hinzuwenden versucht. Zu dieser Kehrtwende gehört auch das Bemühen um eine gute Beziehung zu ihrer künftigen Schwiegermutter Lynn, was sich als ziemlich aussichtsloses Unterfangen herausstellt.

Lynn, die reiche, gebildete und inzwischen schwer erkrankte Witwe und Mutter zweier erwachsener Söhne kämpft — wie im Grunde schon ihr Leben lang — um ihre Autonomie und wehrt sich vehement dagegen, irgendeine Schwäche einzugestehen, weder gegenüber ihren Mitmenschen noch gegenüber sich selbst. Deshalb will sie auch auf keinen Fall, dass sich irgendwer um sie kümmert, schon gar nicht ihre so blutjung und kraftvoll mit allen Möglichkeiten im Leben stehende Schwiegertochter. Mehr pro forma protestiert sie anfangs auch gegen die ruandische Krankenpflegerin Emily, die sie erst einmal nur als Putzhilfe akzeptiert. Nach und nach begreift man beim Lesen die tiefere Ursache für die harsche Ablehnung ihrer Mitmenschen und die unter der Oberfläche deutlich knirschenden Beziehungen in ihrer Familie, nämlich ihr Hadern mit dem eigenen Lebensentwurf, der nie mit ihrem als junge Frau angestrebten Idealbild in Einklang zu bringen war. Um mit dieser Enttäuschung umzugehen, schafft sie sich ihren eigenen Raum der Kunst und entwirft an einem Ort, zu dem sie niemand anderem Zugang gewährt, expressive Gemälde. Ein weiterer Raum eröffnet sich ihr mit Emily, die sich in Bezug auf ihre eigene Geschichte noch verschlossener zeigt als Lynn. Doch genau darin liegt wohl der Schlüssel zu ihrer sich ganz behutsam anbahnenden Beziehung; wie zwei scheue Wildtiere zähmen die beiden sich gewissermaßen gegenseitig, mit äußerster Vorsicht und im Notfall jederzeit die Krallen ausfahrend oder die Flucht ergreifend.

Emilienne schließlich, die sich in England Emily nennt, hat es als einzige ihrer Familie, ja ihres Dorfes geschafft, dem brutalen Völkermord an den Tutsi zu entkommen: lebend, aber alles andere als unversehrt, körperlich und vor allem seelisch tief verwundet, versucht sie, an einem anderen Ort, weit entfernt von ihrer Heimat, die ihr keine mehr ist, ein neues Leben aufzubauen. Doch natürlich holt sie die Vergangenheit immer wieder ein, gegen die tiefen Traumata können ihre Verdrängungsstrategien nichts ausrichten. Denn wie soll sie sich eine Zukunft gestalten und neue Beziehungen zu Menschen knüpfen, wenn kein Vertrauen mehr übriggeblieben ist? Trotzdem versucht Emilienne in einem bewundernswerten Kraftakt, auf eigenen Füßen zu stehen und von niemandem abhängig zu sein. Für ihr kleines Londoner Zimmerchen arbeitet sie sich klaglos als Putzkraft auf und erwirbt sich nebenbei noch eine Qualifikation zur Krankenpflegerin. Dieser Weg führt sie dann auch zu Lynn, deren anfängliche Schroffheit ihr, die schon alles Menschen(un)mögliche erlebt und ausgehalten hat, nichts mehr anhaben kann, ja ihrem eigenen emotionalen Schutzwall sogar entgegenkommt:

Statt einer Antwort gab Lynn ein ungeduldiges Schnauben von sich und wedelte herablassend mit der Hand. „Angenehm mild heute“, bemerkte sie dann und spähte flüchtig aus dem Fenster, als wäre das Wetter und nicht ihr Gesundheitszustand der Grund dafür, dass sie hier saßen und miteinander Tee tranken, ungeachtet der Kluft zwischen ihnen — eine Kluft der Generationen, der Ethnien und der persönlichen Geschichten, die sie einander noch nicht offenbart hatten.

Wayne, Der silberne Elefant, S. 164

Jede Szene ist mit Bedacht konstruiert und genau beobachtet; psychologisch spannend und lebendig wird erzählt, wie es zwischen den Figuren immer wieder zu leichten Misstönen kommt und wie sich daraus größere Missverständnisse entwickeln. Tragikomisch wirken auch die stolpernden Versuche, den anderen zu verstehen oder sich dem anderen verständlich zu machen, die durch Vor-Urteile oder regelrechte Abwehr des anderen verkompliziert werden. Und doch zeichnen sich mehr und mehr gewisse Gemeinsamkeiten ab, die über die scheinbar unüberwindlichen sozialen, kulturellen und generationellen Unterschiede hinaus eine zwischenmenschliche Verständigung möglich machen. So erwacht eine leise Neugier am Gegenüber, der andere wird als Mensch mit einer eigenen Geschichte beachtet und geachtet:

Emily erfasste schlagartig, dass sie hier eine Frau vor sich hatte, die in zwei getrennten Welten lebte: eine, die man mit den Augen sehen konnte, und eine, zu der nur ihre Gedanken Zutritt hatten, in etwa so, wie Emily es von sich selbst kannte.

Wayne, Der silberne Elefant, S. 159

Aus der hier anklingenden Diskrepanz zwischen Selbstbild und Fremdbild, das im Grunde den ganzen Roman beherrscht, bezieht die Autorin das Konfliktpotential und die Dynamik ihrer Erzählkonstruktion. So lehnt etwa Lynn ihre künftige Schwiegertochter Vera gerade deshalb ab, weil sie in ihr die Verkörperung des Ideals sieht, an dem sie in ihrem Leben gescheitert ist, scheint Vera doch wie selbstverständlich weibliche Schönheit und Attraktivität mit Selbständigkeit, Berufstätigkeit und Freiheit vereinbaren zu können. Im zusätzlichen Bewusstwerden ihres mit der Krankheit zunehmenden Autonomieverlusts bricht eine alte und nie verheilte Wunde in ihr auf: Sie, die einst emanzipierte Studentin, die Historikerin werden wollte, hatte stattdessen die Rolle der liebenden Ehefrau und Mutter übernommen. Lynns Schmerz und ihre Wut, die sich eigentlich gegen sie selbst richtet, rührt darin, dass sie sich entgegen ihrem jugendlichen Optimismus irgendwann doch zwischen zwei unvereinbaren Welten entscheiden musste. In ihrem eifersüchtigen Zorn übersieht sie dabei — und das ist der erzählerische Kniff, den Wayne mehrfach anwendet –, dass auch Vera alles andere als glücklich und frei ist, dass sie sich vielleicht sogar weitaus ähnlicher sind, als Lynn sich das vorstellen kann.

Durch den wechselnden Fokus auf die verschiedenen Figuren, das subtile Nebeneinander von Innenschau und Dialogen, von inwendig Gefühltem und nach außen Getragenem, gelingt es der Autorin, sowohl die individuellen Gefühle und Perspektiven erlebbar zu machen, als auch eine ästhetische Distanz zu wahren, die den Leser über das identifikatorische Mitgefühl mit den Figuren hinaus Zusammenhänge begreifbar macht, problematische Denk- oder Verhaltensweisen entlarvt, tieferliegende Ursachen erkennen lässt und auf diese Weise genau vor den vorschnellen Urteilen bewahrt, denen die Protagonisten immer wieder in die Falle gehen.

Wichtig erscheint es mir noch, auf die erzähltechnische Funktion des Genozids in Ruanda hinzuweisen, der über die Geschichte Emiliennes, die in einzelnen schockierenden und aufwühlenden, sehr intensiven Rückblicken in die Romanhandlung eingebunden ist. Emiliennes Schicksal, die Grausamkeiten, die sie erlebt hat, ihre Traumata, sind objektiv keinesfalls vergleichbar mit der Lebensgeschichte der gutsituiert in England aufgewachsenen Lynn. Doch da die Autorin den Frauenschicksalen auf einer subjektiven Ebene nachspürt, fügen sich die drei gänzlich unterschiedlichen Biographien eben doch zueinander und erlauben den Blick auf eine gemeinsame Herausforderung, der sich drei Individuen auf ganz unterschiedliche Weise und mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen stellen: Sie teilen die Gewissheit ihrer Verwundbarkeit, ihre Angst und zugleich Sehnsucht, Vorsicht und Misstrauen in Vertrauen umzuwandeln und sich einem anderen zu öffnen. Der silberne Elefant ist kein Roman, der den Konflikt in Ruanda historisch-kritisch aufarbeitet. Er enthält aber doch ein empathisches Sich-Annähern auf literarischer Ebene, mit den Mitteln der Fiktion, die dem Ausmaß der Gewalterfahrung vielleicht nur ansatzweise einen realistisch überprüfbaren Ausdruck verleihen kann, es dafür aber in eine individuelle Geschichte transformiert, die ihrer Heldin eine Stimme gibt und sie zu so viel mehr macht als einem Opfer.

Sie wusste nicht, woher dieser plötzliche Eifer kam; möglicherweise aus dem Antrieb heraus, etwas zu konstruieren oder zu rekonstruieren: ein Leben, eine Geschichte. Ein winziger silberner Elefant erinnerte sie flüchtig an ihre eigene Geschichte, an einen Park, den sie besucht hatte. Sie ließ ihn kurzerhand in ihrer Hosentasche verschwinden.

Wayne, Der silberne Elefant, S. 162

Genau das steht auch im Zentrum des ganzen Romans: in mehreren Varianten ein Leben, eine Geschichte zu konstruieren oder rekonstruieren, die uns Leser auf intelligente und erkenntnisreiche Weise unterhält und zugleich immer wieder innehalten und uns über den eigenen Lebensentwurf nachdenken lässt: darüber, wo er im Verhältnis zu den vielfältigen anderen möglichen Lebensentwürfen steht, welcher Grad an Autonomie, welche Grenzen der Freiheit unser Leben bestimmen und auf welche Weise wir unsere beruflichen und familiären Vorstellungen und Wünsche verwirklichen oder miteinander auszubalancieren verstehen.

Bibliographische Angaben
Jemma Wayne: Der silberne Elefant, Eisele Verlag (2021)
Aus dem Englischen übersetzt von Ursula C. Sturm
ISBN: 9783961611058

Bildquelle
Jemma Wayne, Der silberne Elefant
© 2021 Eisele Verlag in der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin

bookmark_borderEva Illouz: Warum Liebe endet — Eine Soziologie negativer Beziehungen

Eigentlich wollte ich ja unbedingt den gerade auch im deutschen Buchhandel erschienenen Roman Faux départ (dt. Fehlstart) der jungen französischen Autorin Marion Messina lesen, um die als neuer, weiblicher Houellebecq viel Wirbel gemacht wird. Doch dann kam mir die Soziologin Eva Illouz dazwischen, deren spannende Thesen seit einiger Zeit immer wieder auftauchen — und ich bin neugierig geworden. Vor allem, weil ihre genauen Beobachtungen über die verwandelten sexuellen und romantischen Beziehungsmuster in unserer vernetzten Gesellschaft ein ziemlich gutes Hintergrundpanorama für eine Lektüre von Faux départ darstellen könnten.

Eva Illouz, die schon in einigen richtungsweisenden Publikationen die Veränderung der romantischen Beziehungen im Kontext von Kapitalismus, Massenmedien und Konsumgesellschaft analysiert hat, setzt sich in Warum Liebe endet mit der Kehrseite der sexuellen Freiheit auseinander, untersucht das als marktlogische Konsequenz der gestiegenen Wahlfreiheit entstandene Spannungsverhältnis von Autonomie und Bindung und deckt mit scharfem Blick tradierte und neue Machtstrukturen auf, die die allseits postulierte Autonomie des modernen Menschen unterlaufen und eine tiefe emotionale Unsicherheit hervorrufen.

Die Argumentation des Textes ist dabei explizit soziologisch: Die Autorin, Professorin für Soziologie in Jerusalem und Paris, betont diesen auf die Gesamtgesellschaft gerichteten Blickwinkel und hält ihn für eine notwendige Ergänzung der psychologischen Disziplin, zumal sie deren therapeutische Herangehensweise an das emotional verunsicherte Selbst in der Moderne als dem vom Kapitalismus nicht zu trennenden Autonomiestreben inhärente und damit systemimmanente Methodik betrachtet; und schon gar nicht will sie das Feld den Optimierungs- und Lifestyle-Ratgebern überlassen, selbst Ausdruck einer technisierten Konsumlogik, die diese eher verschleiern als aufarbeiten. Eine soziologisch motivierte Analyse der Liebesbeziehungen kann im Gegensatz dazu und über Einzelfälle hinaus Aufschluss geben über das Wesen sozialer Interaktion in unserer heutigen Gesellschaft.

Aus dieser Perspektive beschreibt Eva Illouz auf absolut überzeugende, nachvollziehbare, kritische, aber keinesfalls moralisierende Weise, wie die zunehmende Sexualisierung und Technologisierung die Struktur der Beziehungen und Nicht-Beziehungen (also der scheiternden oder vermiedenen oder einseitigen oder unklaren „Beziehungen“) tiefgreifend verändern, wie die Kategorie der sozialen Klasse durch den allgemeinen und vor allem auf visuellem Feld ausgetragenen kapitalistischen Wettbewerb ersetzt worden ist („skopischer Kapitalismus“), wie die Inszenierung von „Sexyness“ Liebende in Konsumenten verwandelt, wie Wahlfreiheit und Überangebot zu unterschwelliger Machtausübung und Unverbindlichkeit führen und wie dadurch letztlich eine ontologische Ungewissheit entsteht (das Ich fühlt sich in seiner Autonomie bedroht und ist sich selbst der eigenen Gefühle und Wünsche nicht mehr sicher), die ihrerseits instabile Beziehungen begünstigt.

Für ihre wahrlich komplexe Analyse, die sich jeder Simplifizierung und voreiliger Schlüsse enthält und dennoch erstaunlich flüssig zu lesen ist, zieht die Autorin soziologische, psychologische, philosophische, aber auch wirtschaftliche Forschungsliteratur ebenso heran wie Filme, Werke der Literaturgeschichte von Trollope bis Houellebecq und technologische Anwendungen und Phänomene (Tinder, Sexting). Ein plastisches, realitätsbezogenes, differenziertes Bild heutiger (Nicht-)Beziehungen entsteht auch durch die Integration zahlreicher aufschlussreicher und vielfältiger Interviews mit Männern und Frauen verschiedenen Alters und unterschiedlicher sexueller Ausrichtung über ihre Erfahrungen und Einstellungen sexueller und emotionaler Art. Diese Kombination von konkreten, aus dem Leben gegriffenen Beispielen und der Herausarbeitung überindividueller Strukturen gesellschaftlicher Interaktion sorgt für einen großen Erkenntnisgewinn. So gelingt es der Autorin, Widersprüchliches in unseren Gefühlen und Beziehungen aufzudecken, unsichtbare Kräfte und verdeckte Asymmetrien (insbesondere in Bezug auf die Geschlechterrollen) in unserer scheinbar emanzipierten Gesellschaft zu entlarven.

Ein absolut lesenswertes Buch, das in klarer Sprache formuliert, was man so oder so ähnlich vielleicht unbewusst auch schon empfunden, aber selten so umfassend, hellsichtig und nuanciert gelesen hat.

Eva Illouz: Warum Liebe endet — Eine Soziologie negativer Beziehungen, Suhrkamp (2018)
Aus dem Englischen von Michael Adrian
ISBN: 9783518587232