bookmark_borderJo Nesbø: Ihr Königreich

Es waren einmal zwei Brüder, der eine etwas älter, in sich gekehrter, der andere offener, draufgängerischer und doch schutzbedürftiger, die verbrachten ihre Kindheit in einem abgelegenen norwegischen Bergdorf, bis nach dem tragischen Unfalltod der Eltern der jüngere der beiden das Dorf verließ, nach Amerika ging — und nun, viele Jahre später, mit einer schönen Frau und hochtrabenden Zukunftsplänen wieder an den Ort der gemeinsamen Vergangenheit zurückkehrt und dadurch ungewollt eine Dynamik in Gang setzt, die seine Familie und schließlich das ganze Dorf in einem Strudel aus Scham, Schuld und Gewalt zu verschlingen droht.

Der neue Krimi Jo Nesbøs hat ein geradezu mythisches Antlitz: Es geht um Liebe in all ihren Extremen, um familiäre Bindung, um Begehren, das immer wieder in Gewalt ausschlägt, um Rivalität und Loyalität, um die Macht des Verdrängten und die Möglichkeit von Vergebung. Ja, das ist nahe am Pathos der griechischen Tragödie, der in einem in der Gegenwart spielenden Spannungsroman schnell fehl am Platz wirken könnte; ja, der Autor schreibt sich hier wirklich ganz nah an die ungezähmten Ursprünge des Menschen heran, ohne seinen Roman jedoch mythisch zu überfrachten. Denn Ihr Königreich ist nicht nur ein düsteres Familiendrama, sondern auch eine epische Milieustudie und ein fein konstruierter psychologischer Krimi, der menschliches Verhalten in Bedrängnis erforscht und seelischen Nöten, widerstreitenden Gefühlen und ethisch-moralischen Konflikten auf den Grund geht. Es ist ein dichtes und beklemmendes Handlungs- und Seelengewebe, das der Autor da entspinnt. Tief und sehr überzeugend durchdringt er die Gefühle und Gedanken seines Ich-Erzählers Roy, des älteren der Brüder, aus dessen Perspektive der Kreislauf der Scham, Schuld und Gewalt Seite für Seite mehr Gestalt annimmt. Es ergreifen einen Mitgefühl und Entsetzen, das Jammern und Schaudern der Tragödie, doch da zugleich immer wieder eine Ebene der Reflexion eingeschoben wird, weist die Geschichte über sich hinaus und geht der Frage nach, was Begriffe wie Loyalität, Familie oder Liebe eigentlich bedeuten, und in welchen seelischen Tiefen man die Wurzeln der Gewalt suchen muss, um vielleicht irgendwann doch einen Ausweg aus der verhängnisvollen Spirale, die sie entfaltet, zu finden:

Manche Geschehnisse — ein kleiner Diebstahl, eine eigentlich vollkommen unwichtige Abfuhr — lassen einen nie mehr los. Sie stecken wie Kugeln im Körper, die sich eingekapselt haben, an kalten Tagen aber schmerzen oder nachts auf seltsame Weise in Bewegung geraten. Man kann hundert Jahre alt sein und spürt trotzdem noch, wie einem die Schamesröte in die Wangen steigt.

Jo Nesbø, Ihr Königreich

Auffällig häufig greift Nesbø hier auch auf Metaphern aus dem Tierreich zurück, vielleicht, um die oft nur schmale Grenze auszuloten, die den vernunftbegabten Menschen von der instinktgetriebenen Animalität unterscheidet — oder eben gerade nicht. So manche biologische Verhaltenslehre gibt anschaulich, wenngleich nicht allzu überraschend, Aufschluss über verschiedene Dynamiken in sozialen Gefügen, über Schwarmverhalten und Herdentrieb, aber auch über Solitäre, über Einzelgänger, die auf Abstand zur Gruppe gehen. Eher ungewöhnlich ist jedoch der Vergleich mit dem exotisch anmutenden Komodowaran, der sich mit seinem schleichend wirkenden Gift der Abgeschlossenheit seiner Umwelt angepasst hat, mit der im Kontext der Romanhandlung natürlich die Unzugänglichkeit des abgeschotteten Bergdorfes gemeint ist:

Giftige Tiere, die an eng begrenzten Orten leben, von denen ihre Beutetiere aus praktischen oder anderen Gründen nicht fliehen können, brauchen kein besonderes, schnell wirkendes Gift. Sie können auf diese schrecklich langsame Art vorgehen.

Jo Nesbø, Ihr Königreich

Das Animalische, Elementare tritt also auch in der Geographie zu Tage: im zerklüfteten, dem Wetter und den Naturgewalten besonders ausgesetzten Schauplatz der norwegischen Berglandschaft, an deren extremstem Punkt das Familiengut der Brüder liegt. Von dort tun sich Abgründe auf: Dort ist das Auto der Eltern abgestürzt, nicht weit entfernt befindet sich auch der See, in dessen Abgrund ein ehemaliger Dorfpolizist versunken ist, und dann gibt es natürlich all die seelischen Abgründe, die Abgründe der Liebe, der Scham, der Gewalt, die gleichfalls dort ihren Ursprung haben.

Zur Freude des spannungshungrigen Krimilesers nimmt die Handlung immer wieder überraschende Wendungen. Im ersten Teil des Romans wird man auf die eine oder andere falsche Fährte gelockt und hegt manch furchtbaren Verdacht; doch sind es wirklich falsche Fährten oder nicht potentielle Abgründe, die in allen Menschen lauern? Auf jeden Fall gelingt Nesbø hier ein vielschichtiges und komplexes Handlungsgefüge, in dem er vergangenes und gegenwärtiges Geschehen spannungsreich miteinander verknüpft, analytisches (die Vergangenheit aufdeckendes) und synthetisches (einem noch offenen Ausgang zusteuerndes) Drama in einem.

Zur mythischen Struktur, die seiner Erzählung zugrunde liegt, gehört auch das so genannte „mimetische Begehren“, das der berühmten Theorie des Literaturwissenschaftlers und Anthropologen René Girard zufolge der zentrale und durch Religion, Kultur, Gesellschaftsinstitutionen zu bändigende Auslöser gewaltsamer Konflikte im menschlichen Zusammenleben ist. Es hätte der expliziten Nennung Girards in der Krimihandlung gar nicht bedurft, illustriert doch das oft ambivalente Verhalten der Protagonisten hier besser als jede vereinfachte Erläuterung der komplexen Theorie dieses zwiespältige Movens menschlichen Verhaltens, von dem so viele alte Mythen erzählen. Wie in vielen dieser Geschichten (Kain und Abel, Romulus und Remus, Polyneikes und Eteokles) baut auch Ihr Königreich auf einer Grundkonstellation auf, in der zwei Brüder einander zugleich in inniger Liebe und unterschwelliger Rivalität verbunden sind. Bei Nesbø liest sich die Kurzfassung der Theorie mimetischen Begehrens übrigens so:

Wenn dein Held sich in eine Frau verliebt, wird es dein unbewusstes Ziel, dieselbe Frau für dich zu gewinnen.
— Hm. Und in wen ist man dann wirklich verliebt? In den Held oder die Frau?

Jo Nesbø, Ihr Königreich

Der mimetische und in Gewalt abgleitende Konflikt, der sich horizontal auf der Ebene der Brüder und der Dorfgemeinschaft manifestiert, ist allerdings schon in vertikaler Linie angelegt. Denn da gibt es auch den übermächtigen, und zugleich gegenüber seinen eigenen Trieben so ohnmächtigen, schwachen Vater, der die eigene Schuld den Söhnen vererbt, die nach seinem Tod erst recht in dessen Bann zu geraten scheinen. Jo Nesbø hat für seinen Krimi wohl auch Freuds psychoanalytische Kulturtheorie vom Vatermord studiert. All dem liegt ein mythisch-zyklisches Weltbild zugrunde, das, so begreifen die Brüder nach und nach, den Kreislauf der Gewalt auf fatale Weise immer weiter nährt:

Wir alle drehen uns im Kreis. Der einzige Ort, an den es uns wirklich zieht, ist der, an dem alles losgegangen ist.

Jo Nesbø, Ihr Königreich

Im Laufe des Romans wird das Thema des mimetischen Begehrens und seines gefährlichen Gewaltpotentials in vielen Variationen ausgelotet: nicht nur bei den beiden Brüdern, sondern auch in den Biographien der anderen Figuren, auf deren Charakterisierung der Autor im Übrigen viel Sorgfalt verwendet.

Jo Nesbø ist, man muss es einfach zugeben, ein begnadeter Krimischreiber, mit einem ganz besonderen Talent für psychologisch dichte, spannende, mitreißende Handlungsgewebe, für Charaktere, die einem beim Lesen ganz lebendig vor Augen treten und deren literarische Überzeugungskraft vielleicht gerade darin liegt, dass sie aufs Ganze gehen, ohne Helden zu sein, dass sie vielmehr eine Verletzlichkeit an sich haben, die zugleich ihre Stärke ist, obwohl ihr auch ein selbstzerstörerisches Moment innewohnt: wie verwundete Tiere, die sich verzweifelt aufbäumen mit aller ihnen noch verbliebenen Kraft.

Bibliographische Angaben
Jo Nesbø: Ihr Königreich, Ullstein (2020)
Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob
ISBN: 9783550050749

Bildquelle
Jo Nesbø, Ihr Königreich
© 2020 Ullstein Buchverlage GmbH

bookmark_borderMonika Helfer: Die Bagage

Mich hat Monika Helfers Roman Die Bagage von der ersten Seite an gefangengenommen, was ganz klar an ihrem so besonderen, eindringlichen Erzählton liegt, mit dem sie, fast wie eine Märchenerzählerin, ganz natürlich, ganz schnörkellos und zugleich so kunstvoll und zauberhaft ihre Figuren zum Leben erweckt, als seien sie einem Gemälde entstiegen. Und in dem sie liebevoll und zugleich gnadenlos von dem alles andere als unbeschwerten Leben einer Familie im frühen 20. Jahrhundert erzählt, deren Hof sich abgelegen am äußersten Rand eines österreichischen Bergdorfes befindet.

Am entfernten Rand befindet sich diese Familie nicht nur geographisch, sondern auch in gesellschaftlicher Hinsicht. Man nennt sie abfällig „die Bagage“, eine Bezeichnung, die wie ein Stigma an ihnen haftet. Der Begriff, der im Französischen „Gepäck“ heißt, stammt noch von den Vorfahren der Familie, die so genannte Träger waren:

das waren die, die niemandem gehörten, die kein festes Dach über dem Kopf hatten, die von einem Hof zum anderen zogen und um Arbeit fragten und im Sommer übermannshohe Heuballen in die Scheunen der Bauern trugen, das war der unterste aller Berufe, unter dem des Knechtes.

Helfer, Die Bagage

Und auch wenn die Familie inzwischen längst sesshaft ist und den Beruf nicht mehr ausübt, tragen sie die Last des Namens noch immer.

Die Autorin schöpft für ihren Roman aus der Geschichte ihrer eigenen Vorfahren, was natürlich gut passt, da es ja gerade um Herkunft und eine Familiengeschichte geht, doch muss man das eigentlich gar nicht wissen, die Erzählung entfaltet ihren Zauber auch ohne diesen autobiographischen Hintergrund. Und allein schon durch die biblischen (und natürlich auch sehr österreichischen) Namen der Großeltern Josef und Maria Moosbrugger taucht sie die Geschichte, die ja auch schon lange vor ihrer Geburt begann und nur in der Nachdichtung erzählt werden kann, in eine romaneske, fiktionalisierte Welt.

Auch wenn die Autorin den Bogen bis heute spannt, steht im Zentrum doch ein kurzer und stark verdichteter Zeitraum vor und während des Ersten Weltkriegs. Josef, ein stattlicher, schöner, im Privaten auch auf seine Weise zärtlicher Mann, der aber keine großen Worte macht, und mit seiner Frau Maria bisher drei Kinder hat, wird bei Ausbruch des Krieges zusammen mit drei anderen Männern aus dem Dorf eingezogen. Er wird der einzige von ihnen sein, der aus dem Krieg zurückkehrt. Die Beziehung zwischen Josef und Maria ist innig, doch auf fast elementare und in der Tradition verankerte Weise:

Josef liebte seine Frau. Er selber hat dieses Wort nie gesagt. Es gab dieses Wort in der Mundart nicht. (…) Deshalb hatte er dieses Wort auch nie gedacht. Maria gehörte ihm. Und er wollte, dass sie zu ihm gehörte, Ersteres meinte das Bett, Letzteres die Familie.

Helfer, Die Bagage

Als er seine Frau, den Hof und das Dorf verlassen muss, um für einen Kaiser und ein Vaterland ins Feld zu ziehen, zu denen er keinerlei Bezug oder Bindung hat, hält er den Bürgermeister an, auf Maria, die eine ungewöhnliche Schönheit ist, „aufzupassen“. Maria ist von da an auf die Hilfe der im Dorf Gebliebenen angewiesen und ansonsten ganz auf sich allein gestellt, um die Kinder, den Hof und sich selbst irgendwie durch die im Krieg sich noch verschärfende Armut zu bringen und sich gegen männliche Avancen zur Wehr zu setzen. Doch die Familie hält auch ohne Vater zusammen, sei es auch um den Preis, dass die Kinder in dieser schroffen Umwelt vorschnell die Rolle von Erwachsenen einzunehmen versuchen. Und mitten in dieser entbehrungsreichen Zeit taucht auf einmal ein blonder junger Mann aus Deutschland aus und mit ihm ein Gefühl, das Maria ganz neu und ganz stark überfällt. Sie begegnen sich nur zweimal, doch als Maria dann während des Krieges schwanger wird — ihr Mann kommt auch auf Heimaturlaub –, werden böse Zungen im Dorf laut und sie sieht sich geächtet, ja sogar der Pfarrer schließt die Familie vom göttlichen Segen aus. Es bleibt in der Erzählung unklar, von wem das Kind, das Grete heißen und die Mutter der Erzählerin werden wird, wirklich ist. Doch die Gerüchte erreichen auch ihren heimkehrenden Mann Josef und der straft nicht seine Frau, sondern das neugeborene Mädchen, das er nie als seine Tochter anerkennen wird. Eindringlich und schmerzhaft wird geschildert, wie Grete unter der Ablehnung ihres Vaters leidet, die, so spitzt es die Autorin in ihrer umso schockierender wirkenden lakonischen Erzählweise zu, gerade in der verweigerten Gewalt in ihrer Radikalität zum Ausdruck kommt:

Er hatte keinen Zorn auf sie, keine Wut; er verabscheute sie, er ekelte sich vor ihr, als würde sie nach dem Zudringling riechen ihr Leben lang. Sie schlug er nie. Die anderen Kinder manchmal. Die Grete nie. Er wollte sie nicht einmal im Schlagen berühren. Er tat, als gäbe es sie nicht. Er habe bis zu seinem Tod nicht mit ihr gesprochen.

Helfer, Die Bagage

Hier verwendet die Autorin die indirekte Rede; denn die Erzählungen anderer, vor allem ihrer Tante, zitierend, rekonstruiert sie die Geschichte, deren Offenheit und Konstruiertheit sie mehrfach betont. Indem sie Ereignisse wiederholt erzählt und das Erzählen an sich thematisiert — übrigens ohne den Erzählfluss dadurch zu stören –, schafft sie ein reflexives Ineinander von Vergangenheit und Gegenwart und markiert die Geschichte als eine erzählte, die von ihr gewählte Ordnung als eine subjektive:

Eine Ordnung in die Erinnerung zu bringen — wäre das nicht eine Lüge? Eine Lüge insofern, weil ich vorspielen würde, so eine Ordnung existiere.

Helfer, Die Bagage

Monika Helfer gibt ihrem Roman durchaus eine Ordnung, bricht diese aber immer wieder auf, so dass das Geschehen durch verschiedene Blickwinkel erhellt wird, die ihr zugleich intensive Momentaufnahmen und schattierte Charakterzeichnungen ermöglichen.

Besonders konturiert gezeichnet werden die Moosbruggerkinder, die man sowohl als kleine Kinder während dem Krieg kennenlernt als auch als Erwachsene, jung Verstorbene oder Gealterte. Durch die Beleuchtung verschiedener zeitlicher Ebenen bekommt die insgesamt eher kurze Erzählung so auch eine epische Dimension. Ebenso wohnt ihr eine gewisse Tragik inne, die durch die gerade durch das zyklische Moment der Wiederholung betonte Unausweichlichkeit hervorgerufen wird. Am Beispiel der schlaglichtartig erhellten Lebenswege der Kinder zeigt sich die Schwierigkeit, der eigenen Herkunft zu entkommen. Gerührt und zugleich mit einem Gefühl banger Ohnmacht liest man, wie Lorenz, der zweitälteste Sohn von Josef und Maria, der dem Vater so ähnlich ist und doch gerade nicht in seine Fußstapfen will, während dem Krieg wie selbstverständlich die Rolle des abwesenden Vaters übernimmt — so gut es ihm eben gelingt, denn er ist doch immer auch noch ein Kind. Von diesem Lorenz heißt es einmal, und die Stelle verrät die ganze Kraft der Bindung und der Herkunft:

Ein Bauer wollte er nicht werden. Allein, dass er sich überlegte, was aus ihm einmal werden könnte, unterschied ihn von allen anderen Buben im Dorf.

Helfer, Die Bagage

Im gleichen Atemzug Bindung und Offenheit zur Sprache zu bringen, ist vielleicht der Kern dieses auf magische Weise anrührenden Romans.

Bibliographische Angaben
Monika Helfer: Die Bagage, Hanser 2020
ISBN: 9783446265622

Bildquelle
Monika Helfer, Die Bagage
© 2020 Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, München