bookmark_borderJackie Thomae: Brüder

Jackie Thomae hat einfach einen wunderbaren Stil, sie erzählt so lebendig und so wirklichkeitsnah, dass auch komplexere Themen, die persönlichen und gesellschaftlichen Konflikte, mit denen sie ihre Figuren konfrontiert, ganz leicht und natürlich in der Handlung aufgehen und zugleich nichts an Differenziertheit einbüßen. Man hat Spaß beim Lesen, ist gefesselt und amüsiert, und gerät zugleich, animiert von der intelligent komponierten Vielstimmigkeit des Textes, in einen Modus der Nachdenklichkeit, des Weiterdenkens, des gedanklichen Weiterspinnens auch der tollen Dialoge, in denen die Autorin verschiedene Ansichten, Einstellungen, Werturteile in ihrer Subjektivität entlarvend und doch einfühlsam aufeinandertreffen lässt.

Ein großes Thema des Romans ist ja gerade auch die Hinterfragung von Vorurteilen, ob sie nun auf Misstrauen und Feindseligkeit aufbauen oder auf vorschnellen oder gar gut gemeinten, doch letztlich auch wieder vereinnahmenden und diskriminierenden Annahmen. Denn mit solchen müssen sich die beiden titelgebenden „Brüder“, die eigentlich Halbbrüder sind und die nicht gleichzeitig, sondern nacheinander im Zentrum der Handlung stehen, immer wieder auseinandersetzen, und meistens nervt sie das ganz gewaltig. Zugleich treibt sie die Frage nach ihrer Herkunft, ihrer Identität, ihrem Platz in der Welt natürlich auch selbst um. Sie heißen Mick und Gabriel, beide haben sie einen – wie sich für den Leser recht schnell herausstellt, auch denselben – schwarzen Vater, der in den 1970er Jahren in der DDR, dann in Westberlin Medizin studierte, mindestens zwei ostdeutsche Frauen liebte, nach seinem Studium aber wieder zurück in die afrikanische Heimat ging und aus dem Leben seiner zwei Söhne und ihrer Mütter verschwand, beide sind sie in Ostdeutschland aufgewachsen – und beide könnten sie doch sonst nicht unterschiedlicher sein:

Mick, von dem im ersten Teil erzählt wird, ist ein eher unzuverlässiger, unbeständiger und doch irgendwie auf seine Weise aufrichtiger und grundsympathischer Draufgänger, der in den 1990er Jahren des wiedervereinigten Berlin hauptsächlich nachts eine wilde Zeit verbringt, seine Lehre abbricht, sich zeitweise und mit peinlichem Ausgang in dubiose Drogengeschäfte verwickeln lässt und dann eine Weile als Mitbetreiber eines Clubs Arbeit und Spaß unter einen Hut zu bringen scheint. Doch das Leben hält immer wieder Unvorhergesehenes bereit, der Millenniumswechsel wird für Mick zur Rundumkatastrophe, alles bricht zusammen, er verliert seine Freundin Delia und zeitweise sein Gehör, und sein bisheriger Lebenswandel erweist sich als fragiles Konstrukt.

Nach einem kurzen zweiten Teil, in dem quasi als verbindendes Element der Vater Idris auftritt, seiner Person und seiner Lebenswelt Raum gegeben werden, beginnt der dritte Teil über den anderen Bruder Gabriel seinerseits mit einem Zusammenbruch, allerdings fast zwei Jahrzehnte nach Micks Millenniumsdebakel. Dabei hatte sich Gabriel konsequent ein erfolgreiches Leben aufgebaut, mit dem er absolut zufrieden schien. Er lebt schon lange in London, hat Familie und ist ein international angesehener, gut verdienender Architekt. Wie kommt er dazu, sich durch eine Banalität derart provozieren zu lassen, dass er einer — noch dazu jungen weiblichen und dunkelhäutigen — Passantin gegenüber völlig ausrastet und handgreiflich wird? Seine Frau Fleur spricht von Burn-Out, was er nicht hören will, genauso wenig von angeblich verdrängten Komplexen wegen seiner Herkunft. Im Laufe der weiter in die Vergangenheit zurückreichenden Erzählung werden jedenfalls so einige Konfliktlinien und Unsicherheiten sichtbar, die sein Leben und auch das seiner Frau durchziehen. Und dann gibt es auch noch den gemeinsamen Sohn, der ein nicht so leicht zu bändigender Teenager geworden ist und mit dem die Frage nach Identität und Zugehörigkeit wieder eine Generation weitergetragen wird.

Ob und wie die Fäden der einzelnen Lebensgeschichten letztlich zusammengeführt werden, sei hier nicht verraten. Was aber unbedingt hervorgehoben werden muss, ist die grandiose Zeichnung der Figuren, die allesamt wie unmittelbar aus dem Leben gegriffen sind und deren vielschichtige Persönlichkeiten die Autorin mit dem Gang der Geschichte kontinuierlich weiterentwickelt und in immer neuen Aspekten einzufangen versteht.

Neben den Hauptfiguren Mick und Gabriel bekommen viele weitere Figuren ihre eigene Stimme, sind ihrerseits gebrochene, schillernde Charaktere, allen voran die beiden Frauen Delia und Fleur und Gabriels Sohn Albert, aber zum Beispiel auch Micks Mutter Monika oder ein alter, inzwischen sozial abgerutschter Schulkamerad von Mick, der ihn Jahre später rassistisch beleidigt und in eine Prügelei verwickelt. So wird ein ganzer bunt gemusterter Teppich an Lebenswegen und -modellen gewoben, die miteinander konkurrieren, sich beeinflussen und in einer unaufhörlichen Wechselwirkung stehen.

Identität gibt es bei Thomae somit nur im Plural. Im Sinne von Kwame Appiah, der in seinem Sachbuch mit dem Titel Identitäten essentielle Kategorien der Zuschreibung von Identität wie Rasse oder Religion dekonstruiert, sind in Thomaes Roman die Figuren so viel mehr als ihre Herkunft, die im Übrigen allein ohnehin schon zu komplex wäre, um sie eindeutig zu definieren: In der alten BRD ist Gabriel der Ossi, in London der mit dem deutschen Akzent, und wo passt dann da noch die afrikanische Herkunft mit hinein oder der Shitstorm, in dem er absurderweise plötzlich den alten weißen Mann verkörpert? Die „Brüder“ sind Individuen, mit ihren ganz eigenen Stärken und Schwächen, eigenwillig, stur und liebenswert, und die sich natürlich trotzdem wie wir alle zugleich als gesellschaftliche Wesen in gewissen Rollen wiederfinden und positionieren müssen. Der Roman zeigt sehr überzeugend dieses nie enden wollende Ringen zwischen einer tiefen Sehnsucht nach Zugehörigkeit, Heimat, Herkunft einerseits, und dem ebenso starken Wunsch, sich allen festen und eben auch einengenden Zuschreibungen zu entziehen.

Psychologische und soziologische Beobachtungsgabe verbinden sich hier auf so grandiose Weise mit Erzähltalent und einer weltoffenen, intelligenten, humorvollen und empathischen Haltung, dass man den Roman Brüder, der auch auf der Shortlist des deutschen Buchpreises stand, durchaus ein modernes Gesellschaftsepos nennen darf, dessen Lektüre unbedingt ans Herz zu legen ist!

Jackie Thomae: Brüder, Hanser (2019)
ISBN: 9783446264151

bookmark_borderAndreas Schäfer: Das Gartenzimmer

Dass Architektur und ihre Geschichte politische Symbolkraft entfalten können, war an den Diskussionen über das wiederaufgebaute Berliner Stadtschloss zu beobachten und zeigt sich auch gerade wieder am Beispiel einer angeregt geführten Debatte um das Berliner Olympiagelände, dessen Architektur und skulpturale Gestaltung in die Zeit des Nationalsozialismus zurückreichen. Vor diesem Hintergrund erscheint Schäfers neuer Roman, in dem eine 1909, sozusagen am Wendepunkt der Jahrhunderte gebaute und von der düsteren Geschichte des 20. Jahrhunderts geprägte Villa im Zentrum steht, in ganz aktuellem Licht.

Denn der Autor stellt in seinem Buch, freilich nicht theoretisch, sondern schön eingebunden in ein spannendes narratives Handlungsgefüge, die Frage nach der symbolischen Aufladung eines Gebäudes, nach den historischen Spuren, die sich in die Architektur einschreiben und ihr eine Bedeutung verleihen, die über ihren Entstehungskontext hinauszureichen und in einem bisweilen geradezu mythisch erscheinenden Wechselspiel mit der Biographie ihrer Bewohner zu stehen scheint. Schäfer wendet in seinem Roman die Frage stark ins Biographisch-Persönliche: Kann Architektur Menschenschicksale verändern oder ist ein Gebäude ein für sich genommen neutraler Ort, der von den Menschen aus ihrem jeweiligen Erfahrungshorizont heraus interpretiert und mit Bedeutung versehen wird?

Um diese Fragen zu verhandeln, spannt der Autor einen weiten Bogen über die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts, der von der Jahrhundertwende bis in unsere heutige Zeit reicht. Mit der Geschichte des Hauses, das durch seine teils noch im Jugendstil, teils aber schon in avantgardistischeren Formen ersonnene Form selbst eine Brücke von der Tradition in die Moderne schlägt, verbindet Schäfer mehrere Familiengeschichten. Jedoch ist der Roman alles andere als eine klassische Familiensaga. Vielmehr kreuzen sich über mehrere Jahrzehnte hinweg verschiedene Schicksale und Lebenswege in der so genannten „Taubert-Villa“, die tatsächlich als eigentlicher Protagonist im Zentrum steht. Der Autor zeigt in den geschilderten Episoden, in denen er sehr nah an die Gefühls- und Lebenswelt der Figuren herantritt, die er dennoch nur ausschnittsweise erfasst, wie die Villa auf ganz verschiedene Art und Weise zum Schicksal für die Menschen wird, die sich in ihre Geschichte verwickeln lassen. Zugleich entgeht der Autor der Versuchung des Mythischen, indem er immer wieder die Frage anstößt, wie viel die Menschen von ihrem subjektiven Horizont aus in das Gebäude hineininterpretieren oder auch, wie viel von der Geschichte des Hauses sie verdrängen.

„Legen wir die Bedeutung hinein, weil Taubert später berühmt wurde, oder wirkt das Haus von sich aus? Wissen färbt den Blick, das ist das Problem.“

Andreas Schäfer, Das Gartenzimmer

Diese nachdenkliche und für die Konstruktion des Romans zentrale Frage stellt zu Beginn des 21. Jahrhunderts der Journalist mit den zwei verschiedenfarbigen Augen, der etwas Erschütterndes über die Geschichte des Hauses erfahren hat, sein Wissen jedoch zunächst noch zurückhält, da er glaubt, dass die aktuelle Herrin des Hauses, die mit ihrem idealisierten Bild der Villa einiges in ihrem Privatleben zu kompensieren scheint, damit nur schwer zurechtkommen würde.

Etwa ein Jahrhundert zuvor setzt die Erzählung ein. Der junge und begabte Architekt Max Taubert bekommt die Chance, sein erstes Haus zu entwerfen: Für ein betuchtes, gebildetes Ehepaar, das in ihm ein wenig den eigenen verlorenen Sohn sieht, baut er in einem Berliner Villenviertel ein Haus, in dessen Architektur er all sein Herzblut hineinlegt. Von Anfang an gibt es neben Sympathie und Zutraulichkeit jedoch auch unterschwellige Misstöne in der Beziehung zwischen Architekt und Bauherren, die sich indirekt auch auf das Gebäude zu übertragen scheinen. Aus verschiedenen, auch ästhetischen Gründen — so gilt Taubert bald als Pionier der Moderne, der mit seiner neuen Architektur der Glasfronten und Flachdächer einen anderen Weg einschlägt, als er ihn mit seiner ersten Villa begonnen hatte — distanziert sich der Architekt mehr und mehr von seinem ersten Bau; und auch das Verhältnis zu den ersten Bewohnern der Villa kühlt sich ab: eine notwendige Abkapselung, nachdem er in den Entwurf dieses für ihn so bedeutsamen ersten Hauses zu viel von sich projiziert hatte? Ist ein Jahrhundertwerk überhaupt möglich, wenn Kunst und Seele nicht für einen Moment verschmelzen und den Künstler „wie von Zauberhand“ führen?

Erst nachdem Max gekündigt hatte, erst als er die versponnenen Vorstellungen der Rosens abgeschüttelt und seine Fantasie von allen Fesseln befreit hatte — erst als er sich erlaubte, die eigenen Wünsche im Haus zu verstecken, fanden die Räume, wie von Zauberhand geführt, zu ihrem Platz und ihrer Bestimmung. (…) doch inzwischen hatten die Rosens das Haus in Besitz genommen — ihre täglichen Wege und Gewohnheiten, ihr Gedanken und die Reste ihrer Gespräche hingen als Gespinst in der Luft –, und als Max die Galerie erreichte, war ihm, als beträte er verbotenes Gelände.

Andreas Schäfer, Das Gartenzimmer

Was im Laufe der verschiedenen Erzählstränge des Romans deutlich wird, ist auf jeden Fall, dass jeder eine eigene Sehnsucht mit dem Gebäude verbindet, seine eigenen Imaginationen in es hineinlegt, etwas Verlorenes, Ersehntes in ihm zu suchen scheint, das sich letztlich nicht erfüllen kann. Und umso größer ist dann auch die Enttäuschung, umso heftiger auch die Abneigung gegen die Villa, die Angst vor so etwas wie einem Fluch, der auf ihr zu lasten scheint.

Die Chronologie der Ereignisse ist nachvollziehbar dargestellt, die Kapitelüberschriften geben klar an, in welchem Zeitabschnitt man sich befindet, jedoch spielt der Autor mit dem Wechsel der zeitlichen Ebenen. Die Informationsvergabe hat etwas von einem Puzzle, das sich für den Leser erst nach und nach zusammensetzt und eine große Neugier nicht nur auf den Fortschritt der Handlung, sondern auch auf die Vorgeschichte erzeugt. Hier wird nicht jede Wissbegier befriedigt, stellenweise hätte man gern noch mehr von den Lebenswegen der einzelnen Personen erfahren. Doch die Andeutung ist hier auch ein Stilmittel, die das Spekulative, Mystische der Zuschreibungen, die das Haus erfährt, transponieren. Gerade die Zeit des Nationalsozialismus, in der die Villa ihre dunkelste Stunde hatte, erschließt sich dem Leser nur in vielen Anspielungen, die dann aber ein schockierendes Gesamtbild ergeben. Was sich im titelgebenden Gartenzimmer des Hauses abgespielt hat, soll aber an dieser Stelle nicht verraten werden.

Am Beispiel der Familie, die das Haus in unserer Gegenwart bezieht, illustriert Schäfer anschaulich das Konfliktpotenzial, das ein derart mit Historie aufgeladenes Gebäude in sich tragen kann, zumal sich im Falle der Lekebuschs, so der Name der neuen Bewohner, Öffentliches und Privates auf problematische Weise vermischen. Während Hannah Lekebusch sich in die öffentlichkeitswirksame Präsentation des bedeutsamen Kunstdenkmals hineinsteigert, sieht ihr Mann Frieder seine Privatsphäre gestört. Ihr Sohn Luis hat, wohl auch aus dem Grund, dass er die Spannungen zwischen seinen Eltern spürt, ein skeptisches Verhältnis zu der Villa. Als ihn der Journalist dann über das dunkle Kapitel des Gartenzimmers ins Vertrauen zieht, fühlt er sich bestätigt und reagiert seinerseits mit einer Abwehr, die zur Flucht wird. Und schließlich ist da noch Ana, die Tochter der brasilianischen Putzfrau, in die er sich verliebt.

Was mir an dem Buch ganz besonders gefallen hat, ist die sehr differenzierte und individuelle Ausleuchtung der sozialen Beziehungen und Hierarchien. Der Blick auf die Figuren ist kritisch, aber keinesfalls vernichtend, denn durch den Wechsel der Perspektiven entsteht eine Vielschichtigkeit und Offenheit, die den Figuren respektvoll gewährt wird. Auch das Verhältnis von Ethik und Ästhetik wird von vielen Seiten beleuchtet, und mit ihm die nie pauschal, sondern immer nur im Kontext zu beantwortende Frage nach der Verantwortung gegenüber der Geschichte.

Sully Prudhomme, der französische Dichter, der ebenfalls um die Jahrhundertwende seine wunderbare Lyrik verfasste, hat auch ein Gedicht über den Zauber alter Häuser geschrieben, in denen sich im Unterschied zu Neubauten etwas Seelenhaftes manifestiert, das mit der Geschichte bzw. den Geschichten, die sich darin abgespielt haben, mit der Zeitlichkeit, zu tun hat. So vergleicht er gleich in der ersten Strophe alte Häuser mit Witwen, die sich weinend erinnern, und endet mit dem Bild eines brennenden Hauses, in dem mit dem alten Putz und den Balken zugleich Seelen mit zu verbrennen scheinen… Etwas von dem mystischen Zauber schwebt trotz aller Aufklärungsarbeit auch in Schäfers Gartenzimmer, und das macht den Roman umso schöner zu lesen!

Andreas Schäfer: Das Gartenzimmer, Dumont (2020)
ISBN: 9783832170264

bookmark_borderOlivier Guez: Koskas und die Wirren der Liebe

Wenn man den französischen Journalisten und Schriftsteller Olivier Guez über seinen ersten ins Deutsche übersetzten Roman Das Verschwinden des Josef Mengele kennengelernt hat, erwartet einen mit seinem eigentlichen Debütroman, der unter dem Titel Les révolutions de Jacques Koskas schon 2014 in Frankreich erschienen ist und nun auch in deutscher Übersetzung vorliegt, eine stilistische und auch inhaltliche Überraschung.

War sein Buch über den KZ-Arzt und Massenmörder Josef Mengele, seine Flucht nach Lateinamerika und sein langes, aber elendiges Überleben in wechselnden Verstecken eine auf intensiver historischer Recherche basierende psychologische Studie in literarisierter Form, so sprudelt sein Roman über den so gar nicht dämonischen Möchtegern-Schwerenöter Jacques Koskas geradezu vor satirisch-anarchischem Witz und fantasiereichem Überschwang, der auch dem Protagonisten eigen ist und diesem im Verlauf einer wahrlich turbulenten Handlung nicht selten zum Verhängnis wird.

Olivier Guez wurde wie sein Protagonist Jacques Koskas in Straßburg geboren, das im Roman allerdings unter der ironischen Verschleierung einer Stadt namens S. erwähnt wird, die durch ihre explizite Verortung im Elsass natürlich gar nichts mehr verschleiert, er ist ebenfalls jüdisch und schrieb einige Jahre für die französische Wirtschaftszeitung „La Tribune“, deren Buchstaben im Roman augenzwinkernd zu „La Turbine“ verdreht werden. Doch ist er trotz dieses autobiographischen Spiels natürlich keinesfalls mit seiner Romanfigur gleichzusetzen, wie der Autor im Interview mit dem Deutschlandfunk auf irgendwie schelmische Art betonte, auch wenn der deutsche Klappentext das nahelegen möchte.

Das Schelmische ist denn auch das zentrale Stilmerkmal des Romans und sein Protagonist ein moderner Pícaro, durch dessen Blick sich die ihn umgebenden gesellschaftlichen Milieus satirisch offenbaren, wenngleich Koskas‘ Geldsorgen stets von seiner Familie aufgefangen werden, ehe sie ihn tatsächlich in eine den spanischen Pícaros wohlbekannte prekäre Situation stürzen könnten. Prekär ist sein Leben eher in dem Sinne, dass er sowohl in beruflicher als auch romantischer Hinsicht weder seinem eigenen hedonistischen Ideal noch den Erwartungen seiner Eltern und seiner jüdischen Familie entsprechen kann, sich im Pariser Großstadtleben von spontanem Einfall zu spontaner Eroberung treiben lässt und trotz imaginärer Höhenflüge doch immer wieder zwar nicht allzu hart, aber etwas enttäuscht auf dem Boden der Tatsachen landet.

Fast unablässig dreht sich der Roman eher noch als um das Thema der Liebe, das erst im zweiten Teil an romantischer Spannungskraft gewinnt, als Koskas sich in Berlin zum ersten Mal unsterblich, erst glücklich und dann umso unglücklicher, verliebt, um die Frage der Männlichkeit, die den extrem spät pubertierenden Protagonisten lange — für seine besorgte Familie eine bedenklich lange — Zeit gar nicht, aber nach einem Schlüsselerlebnis, das den zarten, schmächtigen, in unschuldigen Fabeltierfantasien schwebenden Jüngling schließlich doch ereilt, umso heftiger umtreibt. Fast scheint es, als müsste er nun, wie um alles Verpasste nachzuholen, als junger Mann nun alle Frauen auf einmal begehren und verschleißen — oder von ihnen verschlissen werden.

Sein Königreich war das Mögliche, und beim geringsten Hindernis suchte er das Weite, als wäre das Leben nur eine unversiegbare Quelle von Vergnügungen, als lebte er noch immer und für alle Zeiten in der mütterlichen Gebärmutter, er, das Chamäleon, der Wetterhahn in seinem Saab Turbo, auf dessen spätes Auschlüpfen die Menschheit vergeblich wartete.

Guez, Koskas und die Wirren der Liebe

Pikaresk ist nicht nur die Unstetigkeit des Protagonisten, sondern auch die entlarvende Schilderung der modernen Gesellschaft in üppig-barocken, schmutzig-direkten und satirisch-überspitzten Bildern. Die Finanzkrise lässt ebenso grüßen wie die Wohnungsnot, die Fluktuation oberflächlicher Beziehungen und das Streben nach Konsum, Genuss und schnellem Geld. Doch auch die Banalität des geordneten Lebens eines erfolgreichen, aber doch immer vom Gespenst der Arbeitslosigkeit bedrohten Angestellten hält Jacques nicht lange aus:

Trotz seiner Essensmarken, der Ferienschecks und eines Schwimmbad-Abos zum halben Preis war Jacques missgelaunt. Er katzbuckelte und klammerte sich an seinen wurmstichigen Ast, weil er in jenen für die Pariser Presse mageren Zeiten Angst vor der Arbeitslosigkeit hatte. Wie praktisch alle nahm er Beruhigungsmittel und wartete auf den gesellschaftlichen Bing Bang.

Olivier Guez, Koskas und die Wirren der Liebe

Schließlich überschlagen sich die Ereignisse, wozu Jacques seinerseits einiges beisteuert, und er sieht seinen einzigen Ausweg — und vielleicht eine Chance — in einer Flucht nach Berlin, wo die hübsche blonde Barbara ihm den Kopf verdreht…

Guez‘ Roman ist auch eine — allerdings in sich schon wieder ironisch gebrochene — Dekadenz-Erzählung, in der das jüdische Herkunftsmilieu des Protagonisten, die jüdischen Feste und Traditionen immer wieder in einen bunten Kontrast zum hedonistischen Kapitalismus unserer modernen Gesellschaft gesetzt werden.

Europa und das Abendland waren verrottet. Die Geschichte würde sich für ihre Untaten rächen. Der Zorn schwelte, gewaltige Massen strömten heran, um endlich mit dem großen Vergnügen aufzuräumen, ein Fest, das fünf Jahrhunderte gewährt hatte, ging seinem Ende entgegen…

Guez, Koskas und die Wirren der Liebe

Denn uns Lesern wird diese dekadente Welt aus der Perspektive eines moralisch doch einigermaßen unzuverlässigen Erzählers präsentiert, der durchaus gebildet ist und an philosophisch-kritischen Einschätzungen und Kommentaren nicht geizt, die in Folge seiner überquellenden Fantasie jedoch die Vernunft allzu oft provozierend-amüsierend ad absurdum führen und den Erfindungsreichtum der literarischen Fiktion ausreizen.

Meine südamerikanischen Missgeschicke haben mich nicht sonderlich geknickt. Im Gegenteil, sie haben meinen Charakter geformt und mich in meiner Risikoliebe bestärkt. Ich bin ein Abenteurer, so viel steht fest, ein Spieler muss eben auch mal verlieren können. Aber bald gewinne ich, auf zu neuen Horizonten. (…) Übrigens höre ich jetzt mit diesem Tagebuch auf. Das ist mir abends doch zu viel Arbeit, ich hab weiß Gott Besseres zu tun, ich bin lebendig.

Guez, Koskas und die Wirren der Liebe

Der überraschende Wechsel zum Ich-Erzähler des eingeschobenen Tagebuchs, das über einen begrenzten Zeitraum den personalen Erzähler ablöst, ist eher Ausdruck der Launenhaftigkeit des Protagonisten, als dass er von einer stilistischen Notwendigkeit motiviert wäre, und wird ebenso plötzlich und fiktionsironisch wieder abgebrochen.

Dass am Ende der solcherart ausgiebig charakterisierte Antiheld eine religiöse Läuterung durchmacht, scheint eine fast unmögliche Vorstellung. Kann das gut gehen, oder rennt er schon wieder in sein Verderben…?

Das herauszufinden lohnt sich auf alle Fälle, denn Olivier Guez schreibt voll Verve und Witz und lässt seine Leser mit seinem hoffnungslosen Abenteurer bis zum Schluss atemlos mitjammern, mitschmunzeln, mitleiden und mitfiebern.

Olivier Guez: Koskas und die Wirren der Liebe, Aufbau (2020)
Aus dem Französischen übersetzt von Nicola Denis
ISBN: 9783351034801

bookmark_borderCécile Wajsbrot: Zerstörung

Zwei gegensätzliche Gefühle durchfahren einen bei der Lektüre dieses unheimlich eindringlichen bzw. unheimlichen und eindringlichen neuen Romans der Französin Cécile Wajsbrot: der mehr als beunruhigende Schauder, dass diese Dystopie einer jede Erinnerung auslöschenden, Reflexion und Komplexität durch Unterhaltung und banale Eindeutigkeit ersetzenden Diktatur im Paris des 21. Jahrhunderts sich als Folge von Entwicklungen darstellt, die wir Leser selbst in unserer unmittelbaren Gegenwart wahrnehmen können, sowie das ehrfürchtige und hingerissene Staunen angesichts der Poesie und metaphernreichen Vielstimmigkeit der Sprache, die all die Zwischentöne kunstvoll heraufbeschwört, die in der fiktionalen Realität des Romans in Auflösung begriffen, der titelgebenden Zerstörung anheimgefallen sind.

Form und Inhalt greifen in diesem poetischen Meisterwerk ineinander. Das Thema des Romans spiegelt sich in der Erzählsituation, die bis zuletzt von Ambivalenz (bzw. Polyvalenz) durchdrungen ist. Mysterium und Zweifel sind dem allmählichen Verstehensprozess eingeschrieben, Hoffnung und Misstrauen wechseln einander ab. Die Erzählerin, oder besser Sprecherin, ist eine namenlose Frau, Schriftstellerin und Literaturliebhaberin, die allein in einer Pariser Wohnung lebt. Eine mysteriöse Organisation, die ihre Ziele geheimhält, hat sie telefonisch kontaktiert. Sie lässt sich rekrutieren, getrieben vom „aufrichtigen Wunsch, zu widerstehen, de[m] Wunsch, etwas zu teilen…“ (Zerstörung, S. 35) Denn Paris, ja ganz Frankreich, wurde von einer diktatorischen Macht usurpiert, die schleichend die Herrschaft ergriffen hat und nun das öffentliche und private Leben der Menschen immer weiter kontrolliert, überwacht, einschränkt, bereinigt. Persönliche Bilder werden beschlagnahmt, Bücher eingezogen, Namen getilgt, die Erinnerung an alles, was älter als zehn Jahre ist, ausgelöscht, das Stadtbild verändert, Häuser abgerissen, Museen, Theater und Bibliotheken gesperrt. Durch diese Bilder fühlt man sich unweigerlich an die Diktaturen des vergangenen Jahrhunderts erinnert; droht sich hier die überwunden geglaubte Geschichte alptraumhaft zu wiederholen?

Die massive Zerstörung der traditionsreichen Stadt, ihre Verwandlung in eine einzige Baustelle, die ihren Bewohnern den Boden unter den Füßen entzieht, ist eine eindringliche Metapher, die das Bild des porösen, brüchigen, immer mehr Leerstellen und Abwesenheiten schaffenden Untergrunds mit dem fortschreitenden Verlust des kollektiven und individuellen Gedächtnisses zusammenbringt. Die andere Metapher, die das Buch leitmotivisch durchzieht, ist die der Sonnenfinsternis, die auch mit dem Raum der Nacht verschmilzt, aus dem heraus die Erzählerin spricht:

Ich bin in der Nacht — nicht nur in der mich umgebenden, die Sie gerne als einzigen Rahmen meiner Nachrichten sehen möchten (…), sondern auch in jener inneren, die meine sämtlichen Gedanken einhüllt.

Zerstörung, S. 31

Denn akustischen Kontakt zu ihren Auftraggebern hat sie nur des Nachts; der Kern ihres Daseins hat sich in die Dunkelheit verlagert, wenn sie über das Medium eines „Soundblogs“ eine Art Stimmen-Collage quasi ins Nichts hinein entstehen lässt. Dabei vermischt sich ihre eigene Stimme — suchend, fragend, zweifelnd, sich widerspenstig erinnernd — mit den Stimmen anderer namenloser Menschen, deren Gespräche sie aufgenommen und in ihren Text integriert hat. Dieses Sprachmaterial soll roh und unbearbeitet, nicht schriftlich fixiert und literarisiert sein, und bringt doch eine sehr literarische, ästhetisch-philosophische Textform hervor, die uns extrafiktionaler Leserschaft im zum Glück noch nicht verbotenen Medium Buch vorliegt. Allerdings ist man als Leser sehr versucht — und sollte sich unbedingt versuchen lassen –, sich den Text laut auf der Zunge zergehen zu lassen, erinnert die Form doch immer wieder an ein langes Prosagedicht.

Die Erzählerin erlaubt sich immer wieder kleine Akte des Widerstands gegenüber ihren Auftraggebern; so reist sie etwa unangekündigt nach Berlin, in dem noch kein diktatorischer Umsturz stattgefunden hat, vielleicht, weil hier die Erinnerung an die überwundenen Diktaturen der Nationalsozialisten und der DDR noch nicht ausgelöscht wurde? Dennoch kehrt sie in die Unfreiheit ihres eigenen Landes zurück, in banger Erwartung, am Widerstand teilnehmen zu können; und tatsächlich scheint die Widerstandsbewegung allmählich aus der Sonnenfinsternis herauszutreten, als stumme Menge, die ihr einvernehmliches Schweigen als womöglich einzig wirksame Waffe gegen die lärmende Diktatur einsetzt. Doch ist dieser von der ominösen Organisation diktierte Widerstand wirklich ein Widerstand, oder nur ein riesengroßer Fake, mit dem im Gegenteil jeder weitere Widerstand gebrochen wird?

Die große Faszination des Textes, seine poetische Kraft, beruht in der verdichteten Sprache, die niemals eindimensional ist, die Kehrseite eines Wortes immer mitassoziiert und viele weitere Schattierungen mitdenken lässt. Wenn etwa von den körperlosen Stimmen die Rede ist, die in der neuen Welt der Erzählerin bedeutsam sind, wird das mythologische Bild des in die Unterwelt hinabsteigenden Aeneas heraufbeschworen, und mit ihm der Tod, aber auch die Kraft des Gehörten, das frei von der sensationsheischenden Ebene des Visuellen ist; doch ebenso klingt in der Körperlosigkeit immer wieder auch die Entpersönlichung und Entmenschlichung, die Technisierung der Welt an. Ebenso zwiespältig ist die Anweisung der körperlosen Auftraggeber, die sich einen spontanen, ganz auf die Gegenwart gerichteten, vom Ballast der Tradition und der Künstlichkeit des Schriftlichen freien Text von ihr wünschen. Geht es ihnen um Befreiung oder nicht doch um Bereinigung? Entsteht so die Aufrichtigkeit des nackten, ungeschliffenen Gedankens oder eine ephemere, dem sofortigen Vergessen ausgelieferte Mündlichkeit, ein gedächtnisloser Abgrund, in dem wir uns verlieren?

Unbestreitbar ist, dass sich die Erzählerin trotz oder gerade durch den beengten Rahmen, der sie ganz auf sich selbst zurückwirft — „hier, in dieser Nacht, in der ich mit dem Widerhall meiner eigenen, wieder anders klingenden Stimme konfrontiert bin“ (Zerstörung, S. 98) –, auf das Wesentliche konzentriert und einen neuen und unverstellten Blick auf die Dinge freilegen kann. Und dabei spielt die allseits bedrohte und verpönte Erinnerung eine zentrale Rolle:

Die Menschen, die ich befrage (…) sind genauso verloren wie ich. Und in ihrem Verlorensein greifen sie oft auf die Vergangenheit zurück, auf ihre Erinnerungen. (…) um sich zu vergewissern, dass sie wirklich existieren.

Zerstörung, S. 54 f.

Die Stimmen, die sie aufnimmt und in ihre eigenen Gedanken einbaut, sind Stimmungs- und Diskursbilder des frühen 21. Jahrhunderts, und legen somit Zeugnis ab von einer Zeit, die unsere Gegenwart ist:

— Schließen.
— Davon war die Rede.
— Das Wort war allgegenwärtig.
— Die Grenzen.
— Die Türen.
— Sicherheit.
— Vorgeschobene Riegel.
— Schließen.
— Die Sache war allgegenwärtig.
— Aber man nannte sie In-den-Griff-Bekommen, Misstrauen.
— Und man sprach nicht von Intoleranz.
— Man sprach von Achtung.
— Achtung der Gesetze, des Rechts, des Territoriums.
— Nie der Person.

Zerstörung, S. 75

Stets ist diesen Stimm-Collagen eine hinterfragende, kritische Stimme eingeschrieben. Sie zeigen die Suggestions- und Manipulationskraft bestimmter Worte; verkümmerte, sinnentleerte, gewaltsame Parolen werden durch die stilistischen Operationen der Autorin als solche entlarvt und in ein vielschichtiges Klanggebilde eingebettet, das die hinter den vereinfachten Worthülsen und Slogans sich verbergenden Problematiken durchscheinen lässt. Jedoch ist dieses Unterfangen ein Wettlauf gegen die Zeit; die Distanz zwischen der Vergangenheit, welche die Stimmen evozieren, an die sie sich noch erinnern können, und der sich unaufhaltsam verabsolutierenden Gegenwart, die gedächtnislos in eine gewichts- und gesichtslose Zukunft steuert, nimmt immer mehr ab.

Die Erzählerin erkennt in diesen Diskursen, die unserer eigenen Gegenwart so unheimlich ähneln, im Nachhinein Symptome oder Zeichen, die die Zerstörung vorbereitet haben. Es geht um das Ausspielen der Sicherheit gegen die Freiheit, um Polarisierung, Gewalt, um Oberflächlichkeit und den Wunsch nach Vereindeutigung, um Rankings und Akkumulation statt Ästhetik, Reflexion und Komplexität, um steigendes Misstrauen, sinkende Solidarität, Beziehungslosigkeit und Virtualität:


— Man glaubte, mit der ganzen Welt in Kontakt zu sein. (…)
— Während man sich doch immer mehr hinter seinen Bildschirmen isolierte.
Abschirmte.

Zerstörung, S. 156

Im Unterschied zu den Stimm-Kompositionen der Erzählerin ist das Stimmengewirr der virtuellen Netzwerke ein akkumuliertes Chaos, das zwar allerhand Warnungen hervorstieß, die man in dem dabei entstehenden Lärm jedoch nicht mehr wahrnahm. Es gab keine reflexive Distanz mehr, „so dass schließlich der Kommentar unmittelbar auf das Geschehen folgte, quasi gleichzeitig eintrat“. (Zerstörung, S. 188) All das schuf eine Atmosphäre der Zerstörung, die schließlich in der dystopischen Situation mündete, die in der Gegenwart des Romans längst eingetreten ist.

Auch wenn es ihr zunehmend schwerer fällt, schreibt bzw. spricht die Erzählerin gegen das Vergessen an und setzt auf diese Weise einen Verstehensprozess über die Frage in Gang, wie sich die Diktatur etablieren konnte und nach welchen Prinzipien sie funktioniert. Selbstkritisch hinterfragt sie auch ihr eigenes Verhalten und erkennt, dass sie zu leichtfertig war, auch in ihrem früheren Schreiben. Ihr Stil ist jetzt ein anderer, beim Sprechen, aber auch bei ihren neuen Schreibversuchen. Immer wieder schleicht sich auch ein Gefühl der Ohnmacht ein, steht die Frage im Raum, wann die Kräfte des Widerstands aufgebraucht sind, wie lange eine Extremsituation der Bedrohung und Ungewissheit den Einzelnen über sich selbst hinauswachsen lässt und wann sie ihn zerbricht. Mögliche Antworten findet man in dem im Roman omnipräsenten Kontext der Literatur(geschichte), aus der sich erhellende oder ermutigende Vergleiche schöpfen lassen. Solange man sich an die düsteren Zeiten, die bestimmte Literatur verboten, zensierten oder verbrannten, noch erinnert, kann man sich auch Beispiele von Schriftstellern ins Gedächtnis rufen, die trotz dieser Schikanen weiter geschrieben haben, von verfemten Werken, die sich einen festen Platz im Geist ihrer künftigen Leserschaft erobert haben. Zudem ist die Fiktion der Ort, an dem man über die Wirklichkeit hinausgehen kann:

— (…) Warum sollte man sich für Geschichten interessieren, die es nicht gibt, für Ereignisse, die nie passiert sind?
— Weil sie manchmal mehr Existenz haben als die, die passiert sind.

Zerstörung, S. 41

Die Literatur, so lautet vielleicht die zentrale Botschaft des Romans, ist wie die Erinnerung unabkömmlich für den Fortbestand einer Gesellschaft. Gedächtnis, Tod und Imagination sind dabei eng miteinander verwoben:

Auf Friedhöfen ist das Denken freier. (…) wo das Erinnern erlaubt ist, geht der Geist auf Reisen.

Zerstörung, S. 125

Hier ist Cécile Wajsbrot — Tochter polnischer Juden, die während des Nationalsozialismus nach Frankreich geflohen waren, der Vater kam in Auschwitz um — auch geprägt von ihrer eigenen Geschichte. Erinnerungsarbeit und der Umgang mit den Traumata der Geschichte sind Themen, die sie bereits in ihren Vorgängerromanen behandelt hat. In vielem erinnert auch das lyrisch-romaneske Ich ihres neuen Romans an die Autorin, die Komparatistik in Paris studierte, u.a. als Rundfunkredakteurin arbeitete und sich heute als Übersetzerin, Romanautorin und Essayistin dem Lesen und Schreiben widmet.

— Die Ereignisse wiederholen sich nicht.
— Oder vielmehr, ihre Form verändert sich, sodass sie nicht wiederzuerkennen sind.
— Oder vielmehr, man erkennt sie wieder — wenn es zu spät ist.

Zerstörung, S. 3

Der Roman mit seinem offenen, aber beunruhigenden Ende wirft viele Fragen auf, auch die nach der Verantwortung:

Wir dachten, die Dinge stünden schlecht, taten aber, als stünden sie gut, und waren anschließend erstaunt, dass sich nichts änderte.

Zerstörung, S. 85

Unsere Demokratie und unsere Freiheit haben keine Ewigkeitsgarantie, und ihre Unterhöhlung ist ein schleichender Prozess. Umso wichtiger ist es, auf die kleinen Diskrepanzen und Misstöne zu achten, um nicht irgendwann überrumpelt zu werden. Gerade das Feld der Sprache sollte man nicht unterschätzen. Worte können eine performative Kraft entwickeln, im Guten wie im Schlechten, und in der Ausdrucksweise spiegelt sich auch das gesellschaftliche Bewusstsein einer Gesellschaft:

— Endlich äußern wir uns.
— Ohne Filter.
— Also ohne nachzudenken.
— Lassen freien Lauf.
— Dem Hass.
— Dem Groll.
— Dem Offenkundigen.
— Das tut gut.
— Es ist befreiend.
— Wir meiden komplizierte Wörter. (…)

Zerstörung, S. 147

Einer solchen Verarmung und Verrohung der Sprache, die wir als „hate speech“, in Form der enthemmten Beleidigungen und vorschnellen Urteilsbildungen der sozialen Medien längst kennen, setzt die Autorin ebenso wie ihre Erzählerin die reflektierte, vielstimmige Poesie ihrer eigenen Sprache entgegen — eine résistance poétique:

So sprachen sie nicht, sie drückten sich einfacher aus, aber ich will ihre Worte hier nicht wiedergeben, ich lehne es ab, mich von ihrer Sprache anstecken zu lassen. (…) Hinter den besänftigenden Worten kam der Hass zutage, hinter den einvernehmlich gewordenen Ideen tauchte ihr ursprüngliches Ansinnen auf — die Zerstörung. (…) Ich habe angefangen zu schreiben (…), und ich lasse mich mit Genuss in die Windungen der Sprache gleiten, die von den Schriften der Vergangenheit genährt sind.

Zerstörung, S. 66-69

Cécile Wajsbrot: Zerstörung, Wallstein (2020)
Aus dem Französischen von Anne Weber
ISBN: 9783835336100