bookmark_borderBov Bjerg: Serpentinen

In leichten Sätzen hat Bov Bjerg einen sehr ernsten Roman geschrieben, in Sätzen, die sich serpentinenhaft assoziativ hin und her winden, die ziemlich wild — für mein ästhetisches Empfinden etwas zu wild und vor allem zu lose — in der Zeit und im Raum umherkreisen und sich immer wieder auch verhängnisvoll wiederholen.

Denn hinter dem an der Oberfläche leichten Stil, hinter den sich spielerisch zugeworfenen Worten von Vater und Sohn, die gemeinsam die Sommerferien in der alten Heimat des Vaters verbringen, lauert die bedrängte Psyche des Vaters, der zugleich der Erzähler ist, lauert der Schmerz des Kindes, das er einmal war, und v.a. die Angst vor sich selbst und davor, dem eigenen Kind den gleichen Schmerz zuzufügen, den einst sein Vater ihm zugefügt hat.

So kämpft er die ganze Zeit, mit sich selbst, mit seinen Erinnerungen und seinen Gedanken; man ist beim Lesen nicht selten schockiert, wie stark die Depression ihn im Griff hat: trotz besseren Wissens, trotz seines Willens, mit der geradezu mythische Dimension annehmenden väterlichen Tradition zu brechen, ja auch trotz der Liebe zu seinem Sohn. Er kämpft, bis auf dem Höhepunkt der Geschichte etwas Schlimmes passiert, nicht das Schlimmste, wie sich dann herausstellt, und doch wird das Schlimmste hier zumindest für einen Moment Wirklichkeit.

Aber eine Depression lässt sich eher nicht durch einen Schock ein für allemal heilen. Ebenso wenig wie die fortschreitende Demenz der Mutter, die zusätzlich auf dem Erzähler lastet. Eine Depression ist zwar kein unausweichliches mythisches Erbe, doch eine auch genetisch vererbbare Krankheit, die den Betroffenen und genauso auch die ihm Nahestehenden immer wieder von Neuem herausfordert. Eher noch lassen einen daher die kleinen überraschenden Momente, die der Erzähler trotz allem mit seinem kleinen Sohn ganz bewusst erlebt und die anders sind als seine Erfahrungen mit dem eigenen Vater, ein wenig hoffen, dass der selbstmörderische Kreislauf, der seine Familie seit ewigen Zeiten verschlingt, vielleicht doch irgendwann beendet werden kann.

Berührend finde ich vor allem, wie Bjerg den siebenjährigen Sohn darstellt, der nur „der Junge“ genannt wird, wie er ihn in die Geschichte integriert, die ansonsten natürlich stark von der Gedankenwelt des Vaters vereinnahmt wird, und wie er ihn in knappen, aber fein gezeichneten Situationen charakterisiert: als empathischen, aufgeschlossenen, offenherzigen, seinen Vater vorbehaltlos liebenden Jungen, der oft erwachsener wirkt als der Vater und doch zugleich noch ein schutzbedürftiges Kind ist, das einen Vater braucht, der es im entscheidenden Moment auffangen kann.

Serpentinen ist ein insgesamt ziemlich düsterer Text, der zwar ein authentisches Bild der Krankheit auf literarisch durchdachte Weise vermitteln mag, in mir aber einen allzu destruktiven, letztlich doch in der Ausweglosigkeit verharrenden Eindruck hinterlassen hat. Ich musste beim Lesen einige Male an den Roman von David Wagner denken, in dem er das auf andere Weise nicht weniger schmerzliche Thema eines alzheimerkranken Vaters überzeugend darstellt, dabei aber mit einem so feinen Humor erzählt, dass die Lektüre dadurch keineswegs weniger eindringlich, aber doch erträglicher wird und so bei mir auch einen nachhaltigeren Eindruck hinterlassen hat (vgl. Rezension vom 21.1.2020). Aber natürlich ist die Erzählperspektive eine andere: Wagner erzählt aus der des mit-leidenden Angehörigen, Bjerg vertieft sich unmittelbar in die Psyche des Erkrankten.

Bibliographische Angaben
Bov Bjerg: Serpentinen, Claasen 2020
ISBN: 9783546100038

Bildquelle
Bov Bjerg, Serpentinen
© 2020 Ullstein Buchverlage GmbH

bookmark_borderDavid Wagner: Der vergessliche Riese

Bei der Lektüre dieses auf wundersam unaufgeregte Weise so tief berührenden Buches musste ich immer wieder an ein Theaterstück von Eugène Ionesco, dem Meister des Absurden, denken: Wie in Le Roi se meurt (Der König stirbt) wird hier der schleichende und doch unaufhaltsame Prozess des Verschwindens einer ganzen Welt, eines ganzen Reiches auf ähnlich groteske und tragikomische Weise in Szene gesetzt. Hier ist es die Erinnerungswelt des an Alzheimer erkrankten Vaters, die sich mehr und mehr auflöst und eine Umkehrung der Hierarchien und Verantwortungen herbeiführt. Erschien der Vater seinen Kindern früher als Riese, zu dem sie aufschauten und der wie eine Garantie für Vertrauen und Vertrautheit mit der Welt schien, kümmern sich nun die Kinder, fast immer geduldig, sanft und ohne den Humor zu verlieren, um den Vater, dem eben diese Vertrautheit, beschleunigt durch die Krankheit, im Alter mehr und mehr verloren geht.

Seine Stimme ist die von früher, sie hat sich kaum verändert. Sie klingt noch immer so, als sage er nur kluge Sachen. Früher, im seltsamen Früher, wo liegt dieses geheimnisvolle Land, wusste er alles. Er war der Riese, auf den ich klettern konnte, er war der Größte.

Der vergessliche Riese, S. 81

David Wagner schildert in neun Kapiteln, zwischen denen größere zeitliche Abstände liegen, die den Fluss der über mehrere Jahre sich erstreckenden Erzählung jedoch kaum unterbrechen, da die Veränderungen so unmerklich sind, die fortschreitende Demenz seines Vaters, seine Besuche bei ihm, den mit dem Geschwistern heimlich geplanten Umzug ins Pflegeheim, die Ausflüge, die er mit ihm unternimmt, um mit wechselndem Erfolg der sich immer mehr verwirrenden Erinnerung Anknüpfungspunkte zu geben.

Für meinen Vater ist jeder unserer Besuche wie der erste nach langer Zeit. Ich fahre ihn durch seine Vergangenheit. Und durch meine eigene.

Der vergessliche Riese, S. 88

Die Dialogkunst des Autors ist faszinierend, im Grunde ist die ganze Erzählung ein einziger, immer wieder aufgegriffener und unermüdlicher Dialog mit dem Vater. Die Wortwechsel lesen sich unheimlich leicht, lassen einen immer wieder schmunzeln und mitunter stöhnen, und bestechen durch ihren Anschein absoluter Natürlichkeit und Authentizität. Dabei ist jeder Satz genau durchdacht, das ganze Buch auf subtile Weise durchkomponiert. Die fein nuancierten Wiederholungen sind ein Abbild des sich zersetzenden Erinnerungsvermögens des Vaters, der sich ohne es zu merken immer wieder in endlosen Gedankenschleifen verfängt, der in immer kürzeren Abständen die immer gleichen Fragen stellt.

Auch wenn die Beschäftigung mit dem Vater dadurch oft wie die absurde Arbeit des Sisyphus anmutet, der Stein, mühsam nach oben gebracht, sofort wieder den Anhang hinabrollt, fällt umso mehr die Ruhe und Geduld auf, die nicht nur der Erzähler, sondern auch seine Geschwister, auch seine junge Tochter im Umgang mit dem „vergesslichen Riesen“ aufbringen. Man könnte sagen, David Wagners Text, der in diesem Sinne fast existentialistisch zu nennen ist, lebt die Möglichkeit eines praktizierten Lebens mit der in der Figur des Vaters konzentrierten Absurdität des Daseins vor. Was die Angehörigen bei dieser Krankheit auch durchmachen müssen, welche Sorgen und Ängste, welche Gereiztheiten dabei ganz sicher auch an ihren Nerven zerren, scheint nur in ganz kurzen schockartigen Momenten auf, etwa, als der Vater vom Beifahrersitz aus bei voller Fahrt die Handbremse zieht. Eine dramatische Schilderung des Innenlebens sucht man vergebens, die Erzählung gibt Schmerz, Wut, Frust keinen Raum. Einblick in die Gefühlswelt erhält man nur vermittelt über die Dialoge.

Man erfährt in den Gesprächen wie beiläufig auch viel über das Leben des seit kurzem zum zweiten Mal verwitweten Vaters, über seine Familiengeschichte und vor allem über seine Liebe zur Musik, die anders als etwa seine in der Erinnerung verblassende berufliche Vergangenheit die Krankheit zu überdauern vermag. Darüber hinaus erzählt der Autor auch eine ganz persönliche Geschichte der Wiederannäherung von Vater und Sohn, vom fragilen und liebevollen Wiederaufbau einer Vater-Sohn-Beziehung, die durch die zweite Ehe des Vaters abgekühlt und über lange Jahre wenig gepflegt worden war, davon, wie sich in dieser für beide gänzlich neuen Lebenssituation zarte und innige neue Bande knüpfen lassen.

Trotzdem geht die Erzählung, das empfindet man beim Lesen immer wieder, über die individuelle Geschichte hinaus, indem sie einen unaufdringlich zur Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit inspiriert. Sie stellt die Frage in den Raum, was von einem Menschen bleibt, was Menschen über die Erinnerung hinaus miteinander verbindet und vom zutiefst menschlichen Sich-Klammern an die Erinnerung, die auch irgendwann dem Vergessen anheimfallen wird. Gerade in der Unaufgeregtheit der Erzählung kommt die Tragik der Absurdität auf stille Weise zum Vorschein, macht den Leser nachdenklich und weckt Empathie, ohne ihn zum Mitleid zu nötigen.

Bibliographische Angaben
David Wagner: Der vergessliche Riese, Rowohlt (2019)
ISBN 9783498073855

Bildquelle
David Wagner, Der vergessliche Riese
© 2019 Rowohlt Verlag