bookmark_borderHelena Janeczek: Das Mädchen mit der Leica

Absolut zu Recht hat dieses stilistisch und emotional überzeugende Buch über die jüdische Fotografin Gerda Taro 2018 den wichtigsten italienischen Literaturpreis, den Premio Strega, bekommen! Und dabei ist das Thema kein spezifisch italienisches, sondern ein gesamteuropäisches, es ist eine Geschichte von Exil und Widerstand, von Berufung und Leidenschaft, von Eifersucht und Freundschaft, die in Berlin und Leipzig spielt, in Budapest, Rom, Paris, Madrid und die bis über den Ozean nach Nord- und Südamerika reicht.

Die Autorin Helena Janeczek, Tochter polnischer Juden, deren traumatische Geschichte sie in ihrem autobiographischen Roman „Lezioni di tenebra“ bereits literarisch verarbeitet hat, ging zum Studium von Deutschland nach Italien, wo sie heute immer noch lebt und arbeitet, und schreibt auch ihre Bücher nicht auf Deutsch, in der Sprache ihrer Kindheit, und ebensowenig in der Sprache ihrer Eltern, die sie zu wenig beherrscht, sondern auf Italienisch. Auch in ihrem neuen Roman, der jetzt in deutscher Übersetzung erschienen ist, geht es um den Einfluss der Geschichte auf das Leben der Protagonisten, um Menschen, die auf ihre persönliche Weise Widerstand leisten und den Wirrnissen der Geschichte mit Überzeugung und Courage, mit unbekümmertem Freiheitsdrang, mit Solidarität und Freundschaft entgegentreten.

Im Zentrum der in drei aufeinanderfolgenden Teilen aus verschiedenen Perspektiven erzählten Handlung steht das „Mädchen mit der Leica“, Gerda Pohorylle, die sich als Fotografin Gerda Taro nannte und für ihren ungarischen Freund und Kollegen André Friedmann das mondäne Pseudonym Robert Capa erfand und die in der künstlerisch beflügelnden Atmosphäre des Paris der Zwischenkriegszeit mit (späteren) Berühmtheiten wie Cartier-Bresson oder Fred und Lilo Stein zusammenarbeitete. Ihr früher gewaltsamer Tod an der Front im spanischen Bürgerkrieg, den sie fotografisch dokumentierte, machte sie für ihre Zeitgenossen, und vor allem für ihre Freunde und Kollegen, die sich im Roman an die Zeit mit ihr erinnern, zu einem fast mythischen Geschöpf, dessen eigensinnige Lebensfreude und selbstbewusste Zielstrebigkeit Männer wie Frauen faszinierte und mitunter vor den Kopf stieß.

Dass die Autorin auf eine Innenschau Gerdas verzichtet und sich der einst schillernden Persönlichkeit der in Vergessenheit geratenen Fotografin, deren Werk lange Zeit ihrem Freund Capa zugeschrieben wurde, über die Reflexionen und szenischen Erinnerungen ihrer Freunde annähert, macht den auf biographischem und historischem Material basierenden Roman authentisch, glaubhaft und lebensnah. Tatsächlich fängt sie Charakterzüge, Stimmungen und Milieus über die im Rückblick erinnerten und reflektierten Szenen literarisch ein wie fotografische Schnappschüsse, in denen sich ein bestimmtes Wesensmerkmal, eine Beziehung oder ein biographischer Wendepunkt kristallisieren, die ein Schlaglicht auf die Ereignisse und die in ihnen handelnden Figuren werfen, ohne sie zu determinieren und als einzig gültige Wahrheit zu deklarieren. Die bleibt letztlich offen, und doch ist man nicht nur Gerda, sondern auch ihren Freunden und Zeitgenossen für die Zeit der Lektüre so nah gekommen, wie es eben literarisch geht.

Bibliographische Angaben
Helena Janeczek: Das Mädchen mit der Leica, Berlin Verlag (2020)
Aus dem Italienischen von Verena von Koskull
ISBN: 9783827013989

Bildquelle

Helena Janeczek, Das Mädchen mit der Leica
© 2020 Berlin Verlag in der Piper Verlag Gmbh, München

bookmark_borderJanna Steenfatt: Die Überflüssigkeit der Dinge

Romane, die aus der Perspektive junger Menschen die Frage nach der Art und der Möglichkeit von individuellen, die Freiheit nicht einschränkenden und dennoch Halt gebenden Beziehungen ausloten, haben gerade Konjunktur; Leif Randt ist mit Allegro Pastell für den Leipziger Buchpreis nominiert (vgl. Rezension vom 13.5.2020), Fehlstart, der Erstling der Französin Marion Messina, erhält — zu Recht — ebenfalls große Aufmerksamkeit (vgl. Rezension vom 6.4.2020). Trotz aller inhaltlichen und stilistischen Unterschiede drücken sie alle doch ein ganz ähnliches Lebensgefühl aus, das auch die 1982 geborene Janna Steenfatt in ihrem Roman Die Überflüssigkeit der Dinge auf überzeugende, sehr reflektierte und berührende Weise zur Sprache bringt: Es lässt sich umschreiben mit den Begriffen der Vorläufigkeit, Unschlüssigkeit, der Halt- und Bindungslosigkeit, Rast- und Ratlosigkeit, der Angst vor und zugleich dem innigen Wunsch nach einer Stabilität, deren genauen Inhalt man aber nicht zu definieren weiß:

Wir wollten uns nicht festlegen, aber wir waren gespannt, wie lange wir so leben würden, in vorläufigen Wohnsituationen, mit vorläufigen Jobs und vorläufigen Lieben. Ich hatte immer geglaubt, es würde sich im Laufe der Jahre herauskristallisieren, wohin das alles führen sollte, allein, es kristallisierte nicht, und für manche Dinge war es jetzt schon zu spät.

Jana Steenfatt: Die Überflüssigkeit der Dinge

Ina Mayer, die Hauptfigur und Erzählerin in Steenfatts Roman, erzählt mit Humor und Selbstironie, aber auch mit großem Feingefühl von ihrem Leben, in dem sich der passende Job, der passende Partner, der passende Lebensstil noch nicht „herauskristallisiert“ haben:

Ich hatte eine schwammige Idealvorstellung von einem Beruf ohne Kollegen, ein Beruf, der es mir erlaubte, meine eigene Toilette zu benutzen, und den ich theoretisch nackt ausüben konnte.

Janna Steenfatt: Die Überflüssigkeit der Dinge

Ihr geisteswissenschaftliches Studium hat sie direkt in die Arbeitslosigkeit geführt, sie wohnt in einer WG zusammen mit Falk, der nach anfänglichen Ambitionen, die Fotografie als Kunst zu betreiben, eine feste Stelle als Leichenfotograf hat, Ina gerne fotografiert und irgendwie mehr ist als ihr Mitbewohner — ihr bester Freund, fast ein Bruder, oder doch ein potentieller Ehemann? — und gerade eben hat sie ihre Mutter verloren, eine ehemalige Theaterschauspielerin, die mit dem Auto verunglückt ist — oder war es Selbstmord?

In Inas Leben sind viele Dinge unklar, viele Dinge, die darauf warten, aufgearbeitet zu werden, allen voran die Beziehung zu ihrer Mutter, mit deren Nachlass sich der Tod und die Überflüssigkeit materieller Dinge in Inas Bewusstsein drängen, doch ebenso auch viele Erinnerungen und der beängstigende, aber nicht zu vertreibende Gedanke, endlich den Kontakt zu ihrem Vater, einem Regisseur, aufzunehmen, der bereits vor Inas Geburt aus dem Leben ihrer Mutter verschwunden ist. Als sie hört, dass er bald in Hamburg, in der Stadt, in der sie wohnt, den Sommernachtstraum von Shakespeare inszenieren wird, fängt sie einen Job in der Kantine des Theaters an, um in seine Nähe zu kommen. Wie sie dann weiter vorgehen wird, weiß sie noch nicht: „Ich war extrem schlecht darin, Dinge zu Ende zu denken“, sagt die Erzählerin von sich selbst. Sie hat keinen durchdachten Plan, weder dafür, wie sie dem Regisseur eröffnen soll, dass sie seine Tochter ist, noch für irgendetwas anderes in ihrem Leben. Dahinter stehen Unentschlossenheit und Angst: davor, sich festzulegen oder auch zurückgewiesen zu werden; auf der anderen Seite ahnt sie mit wachsender Besorgnis, dass sie sich nicht ewig weiter so treiben lassen kann, oder vielmehr, dass sie das sehr wohl könnte, aber dass in ihrem Leben dann vielleicht auch nichts mehr passieren wird, das von Bedeutung ist:

Die letzten Jahre waren in einer Art Lähmung verstrichen, einer Mischung aus Furcht und Ungeduld, und das Warten auf das richtige Leben machte bereits der unguten Ahnung Platz, dass es das hier tatsächlich schon sein sollte.

Janna Steenfatt: Die Überflüssigkeit der Dinge

Ihr halbherziges Handeln illustriert die Gleichzeitigkeit des Ungenügens mit ihrer Situation und einer angstbehafteten Ratlosigkeit darüber, wie und in welche Richtung sie diese verändern könnte. Gleiches gilt auch für ihre von großer Unklarheit geprägten Beziehungen, die keinesfalls kalt oder lieblos sind, doch aufgrund ihrer Uneindeutigkeit immer wieder Anlass zu Missverständnissen und Verletzung geben. Die Liebe, die Falk ihr schenken würde, sowie sie darauf eingehen würde, versucht sie zu ignorieren, es stört sie nicht, dass alle anderen, allen voran ihre Mutter, denken, dass sie ein Paar sind, und doch ist es ihr lieber, eine sehr intime, aber eben zu nichts verpflichtende Freundschaft zu führen. So stößt sie, ohne es zu beabsichtigen, Falk immer wieder vor den Kopf, während es ihr mit der androgynen Schauspielerin, in die sie sich verliebt, genau andersherum ergeht, da diesmal sie selbst auf Abstand gehalten wird. Die Unverbindlichkeit verunsichert sie und erfüllt sie nicht, doch sie schweigt darüber, da sie — man fühlt sich an zahlreiche Interview-Beispiele aus Eva Illouz‘ Buch über „negative Beziehungen“ erinnert (vgl. Rezension zu Warum Liebe endet) — Angst davor hat, mit ihrem Wunsch nach Bindung die instabile offene Beziehung zu zerstören:

Sie auf solche Dinge anzusprechen konnte alles beenden, und diese Angst war meine größte: dass alles enden könnte, ehe es richtig angefangen hatte.

Janna Steenfatt: Die Überflüssigkeit der Dinge

Der Satz charakterisiert im Grunde die Struktur des ganzen Romans und ist auf die widersprüchliche Beziehung Inas zu den anderen Figuren übertragbar, insbesondere zu Falk und ihrem Vater.

Besonders hervorheben möchte ich auch die schöne und ehrliche Sprache, die — ausgehend von einem sich selbstironisch gegen Pathos und Selbstmitleid wappnenden, nur scheinbar abgeklärten trockenen Humor — immer wieder in die Tiefe der Dinge führt und die eine sehr reflektierte Erzählerin mit Gespür für das Unterschwellige und Subtile hervorbringt, die im Laufe ihrer feinnervigen Beobachtungen und Gedankengänge mehr und mehr begreift, was ihr jenseits der Überflüssigkeit der Dinge wichtig ist.

Andere Menschen passierten einander, aber ich passierte niemandem, und niemand passierte mir. Bis Paula mir passiert war. Ich hatte das Gefühl, sie gefunden zu haben, aber sie fand mich nicht, und diese Erkenntnis machte mich fassungslos und unbeherrscht (…).

Janna Steenfatt: Die Überflüssigkeit der Dinge

Trotz der Rückschläge, die Ina einstecken muss, gibt sich der Roman nicht mit der Desillusionierung der Leser zufrieden; die Protagonistin durchläuft aller Zögerlichkeit zum Trotz einen Prozess, der sie dazu führt, eine andere Gewichtung der Dinge vorzunehmen bzw. sich der Gewichtung der Dinge in ihrem Leben trotz aller Vorbehalte überhaupt zu stellen. Nicht zufällig hat die Autorin die Metapher des freien Falls in ihre Geschichte integriert, über den Ina gegen Ende des Romans reflektiert, indem sie ihn halb im Scherz als ihre persönlich bevorzugte Methode des Selbstmordes bezeichnet. Die abstrakte Sehnsucht, sich einfach fallen zu lassen, wird eingetrübt durch die Tatsache, dass die Schwerkraft binnen Sekunden zum schmerzhaften Aufprall führt. Inas Leben in der Schwebe ist ein provisorisches Konstrukt, das in der Realität auf Widerstand stößt und mit ihren eigenen Wünschen kollidiert. Doch es fällt ihr schwer, sich fallen zu lassen und das Risiko einzugehen, damit auch eine gewisse Schwere und Ernsthaftigkeit in ihr Leben zu lassen:

Ich hatte noch nie zu jemandem Ich liebe dich gesagt. Es hatte sich nie ergeben. Ich dachte, dass es Dinge gab, die größer und schwerer wurden, wenn man sie aussprach, sie in die Welt ließ, in der sie nichts zu suchen hatten.

Janna Steenfatt: Die Überflüssigkeit der Dinge

Falk, meine heimliche Lieblingsfigur, ist in dieser Hinsicht Inas Gegenpol. Er gewichtet die Dinge anders als Ina und wirkt bisweilen auf anrührende Weise altmodisch. Für ihn haben Rituale und Symbole noch eine Bedeutung, weshalb er es ist, der auf der Seebestattung von Inas Mutter besteht, der auch ihre Katze in die gemeinsame WG holt und das überlebensgroße Theaterposter der Mutter in die Wohnung hängt, bevor es Ina, die Angst vor jedem Ballast hat und sich von den Dingen befreien möchte, erbost wieder herunterreißt. Falk ist es auch, der für Ina kocht, mit ihr betrunken ist, mit ihr intime Gespräche führt und sie auch ohne Worte durchschaut, aber nie zu einer Einsicht zwingt. Ina beobachtet an ihm eine etwas unzeitgemäße, aber irgendwie sympathische

Ernsthaftigkeit (…), mit der er so oft Dinge tat, die ich höchstens unter dem Deckmantel der Ironie zu tun imstande war; ein Wesenszug, um den ich ihn im Grunde beneidete.

Janna Steenfatt: Die Überflüssigkeit der Dinge

Zum Abschluss noch ein Beispiel für das subtile Erzählen der Autorin: Es gibt eine Schublade in der WG, in der Ina einmal einen Stapel Selbstporträts von Falk entdeckt hat, von denen sie vermutet, dass er sie womöglich absichtlich dort platziert hat, die sie trotzdem mit einer gewissen Scheu erfüllen — er weint auf diesen Bildern — und so sehr beeindruckt haben, dass sie von Zeit zu Zeit heimlich die Schublade öffnet und die Fotografien betrachtet. In eben dieser Schublade findet sie nach dem Tod ihrer Mutter auch einen Zettel, auf der sie und Falk die Nummern ihrer Eltern aufgeschrieben haben: „Falls mal was ist“:

Ich stand vor der Kommode, den Zettel in der Hand, unschlüssig, was zu tun war, mit all diesen Dingen, die mit einem Mal überflüssig geworden waren.

Janna Steenfatt: Die Überflüssigkeit der Dinge

Doch ganz so überflüssig scheint ihr der Zettel — ebenso wie die Fotografien von Falk — doch nicht zu sein, so lässt es das Bild der zögernden Ina erahnen: Handelt es sich wirklich nur ein wertloses Stück Papier oder nicht auch um eine Erinnerung, um ein Zeichen für ihr gegenseitiges Vertrauen? Letztlich kann niemand Ina die Entscheidung abnehmen, welches Gewicht sie ihrem Leben, ihren Beziehungen geben kann oder mag. In diesem Dilemma von Autonomie- und Bindungsbedürfnis, das ein Wesensmerkmal unserer Gesellschaft geworden zu sein scheint, dürften sich viele Leser in ihr wiederfinden…

Bibliographische Angaben
Janna Steenfatt: Die Überflüssigkeit der Dinge, Hoffmann und Campe 2020
ISBN: 9783455008319

Bildquelle
Janna Steenfatt, Die Überflüssigkeit der Dinge
© 2020 Hoffmann und Campe Verlag GmbH, Hamburg

bookmark_borderJérôme Ferrari: À son image

Mit seiner unvergleichlichen Sprache hat mich Jérôme Ferrari, den man in Deutschland vor allem durch seine Korsika-Trilogie kennt, auch in sein neues Buch tief, fast zu tief hineingezogen, man entkommt seiner Geschichte nicht unberührt, so wie die Figuren seines Romans der Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht unverletzt entkommen. Fasziniert und betroffen habe ich das Leben der jung verunglückten (Kriegs-)Fotografin Antonia im Rhythmus der Perspektiven und Zeiten zu einem virtuosen literarischen Gesamtkunstwerk fügenden Erzählerstimme miterlebt und mitreflektiert. Wäre der geschriebene Text eine Predigt, an den Lippen eines Priesters abzulesen, man würde an ihnen hängen bis zum letzten Wort, bis die Messe vorüber ist. Mit diesem Bild befindet man sich auch schon beinahe in dem poetisch-metaphysischen Raum, den Ferrari für seinen Roman geschaffen hat.

Antonia, die im Zentrum des Romans stehende junge Frau, verunglückt 2003 auf der Heimfahrt von Calvi, wo sie eine Hochzeit fotografiert hat, tödlich. Der Zufall oder das Schicksal hat sie kurz zuvor noch mit dem Kriegsveteranen Dragan zusammengeführt, den sie das letzte Mal vor zehn Jahren gesehen hatte, als sie ihn für eine Reportage über den Jugoslawienkrieg fotografiert und begleitet hatte. Ihr Leichnam wird in ihrem Heimatdorf aufgebahrt, die zwölf Kapitel des Romans entsprechen Abschnitten aus der katholischen Totenmesse, die von ihrem Patenonkel gehalten wird, der zugleich die Rolle des Priesters, des liebenden und trauernden Verwandten sowie in großen Teilen auch die eines personalen Erzählers einnimmt, aus dessen Innenschau wir das meiste über Antonias Leben erfahren.

Die Lebensgeschichte Antonias verknüpft Ferrari aufs Engste mit einer Geschichte der Fotografie, indem er tiefgründige Reflexionen über das Wesen dieses Mediums und seine Funktion für die Geschichte des 20. Jahrhunderts in die Erzählung integriert. Das intime Band zwischen Fotografie und Tod zieht sich durch den gesamten Roman, so dass man immer wieder an Roland Barthes‘ berühmten Essay über die Fotografie, La Chambre claire (Die helle Kammer), erinnert wird, an seine Beschreibung von Bildern zum Tode Verurteilter und auch an seine Definition des geheimnisvollen „punctum“, des Zufälligen der Fotografie, das emotional, unbewusst und eben auch gewaltsam auf den Betrachter wirkt und ihn verwundet. Von daher ist es nur konsequent, wenn Ferrari in seinem Roman auch der Affinität der Fotografie zur Gewalt auf den Grund zu gehen versucht, ihre Funktion im Krieg, ihre Neigung zur Obszönität oder zur symbolischen Überfrachtung erforscht sowie ihrer oft nur dem Zufall zu verdankenden Bedeutung oder eben auch Bedeutungslosigkeit nachgeht.

Jedem Kapitel ist eine Bildunterschrift vorangestellt, jedoch ohne den Abdruck der zugehörigen Fotografien, die sich meist aus der Imagination des Autors speisen, der diese fiktiven Bilder mit großer Suggestionskraft aus der Erzählung der Geschichte hervorgehen lässt. Zum Teil handelt es sich auch um real existierende Fotografien, die Ferrari — so liest man im Nachwort — zu seiner Geschichte inspiriert haben, ebenso wie auch die fiktionalisierten historischen Figuren, deren Fotografen-Biographien er in die Erzählung einbaut. Auf diese Weise ist dem Roman eine Meta-Ebene eingeschrieben, die aber an keiner Stelle den Lesefluss oder die poetische Bildersprache unterbricht, vielmehr der Geschichte noch mehr Dichte und Tiefe verleiht. Denn so wie die korsische Biographie Antonias und ihrer Familie und Freunde, darunter viele Separatisten, auf der Makroebene die Geschichte des 20. Jahrhunderts, seiner Gewalt und seiner Kriege, widerspiegelt, wird die fotografische (Sinn-)Suche der jungen Frau auch in eine universelle Beziehung gesetzt zu den über das visuelle Medium aufgeworfenen Fragen nach dem Verhältnis von Ästhetik und Verantwortung, Idolatrie und Wahrhaftigkeit, Oberflächlichkeit und Obszönität.

Spannend ist in dieser Hinsicht auch die religiöse oder eher metaphysische Dimension, in der sich der Text bewegt, was schon durch den liturgischen Rahmen der Erzählsituation deutlich wird, und die sich immer wieder in den assoziativ sich hin und herbewegenden Gedanken und Erinnerungen des Priesters manifestiert. Der Priester selbst hat bezeichnenderweise als einzige der tragenden Figuren keinen Namen, er ist der Patenonkel Antonias, die er geliebt und gefördert hat und für deren Tod er kaum Trost finden kann. Immer wieder hadert er, muss um seinen Glauben kämpfen, der alles andere als selbstverständlich in sein Leben trat. In seiner Person sind deutliche Anklänge an Georges Bernanos auszumachen, fast scheint er eine Verkörperung von dessen Tagebuch schreibendem Landpfarrer zu sein. Die Schilderung seiner plötzlichen Berufung zum Priestertum hingegen erinnert an die zentrale Passage in Bernanos‘ Sous le Soleil de Satan (Die Sonne Satans), er fühlt sich, allein des Nachts auf dem kilometerlangen Heimweg ins Dorf, verfolgt von einer unheimlichen Gestalt, die aber unsichtbar bleibt:

Il a l’impression que quelqu’un le suit. Il se retourne de temps en temps pour scruter les ténèbres. Son cœur s’affole.

Es kommt ihm vor, als würde ihm jemand folgen. Er dreht sich von Zeit zu Zeit um und versucht, die Dunkelheit zu durchdringen. Sein Herz ist wahnsinnig vor Angst.

A son image, S. 101 (Kap. 6)

Tatsächlich ist seine Berufung untrennbar mit dem Tod verknüpft: In ebenjener Nacht, in der Antonias Onkel angst- und ahnungsvoll am Pfarramt vorüberläuft, stirbt der alte Priester. Und die Nachfolge ist mit Schmerz verbunden, der Berufene verlässt seine Freundin und deren Sohn —

il les abandonne tous les deux pour répondre à l’appel d’une voix qui a retenti dans la nuit

er lässt sie alle beide zurück, um dem Ruf einer Stimme zu folgen, die in der Nacht erklungen ist

A son image, S. 103 (Kap. 6)

— und er verlässt später auch seine Heimatgemeinde, um aufs französische Festland zu gehen, nachdem mehrere junge Männer in der Gewaltspirale des korsischen Separatismus zu Tode gekommen sind, obwohl sie sich in der Zwischenzeit vom militanten Kampf abgewendet hatten. Sie zu beerdigen übersteigt seine Kraft.

Die innerliche Zerrissenheit, mit der er sich unablässig auseinandersetzt, macht den Priester zu einer sehr sympathischen, aber zugleich auch tragischen Figur mit einer fast übergroßen Verantwortung, die er in seiner Totenmesse für Antonia anzunehmen versucht. Denn er war es, der Antonia einst die Kamera geschenkt, der sie zu ihrer Berufung hingeführt hatte, an der sie sich ein Leben lang verzweifelt abarbeiten würde. Ihre Suche nach Wahrheit, nach Wahrhaftigkeit ließ sie sich mitten hinein begeben in die Gewalt der Natur, der Menschen, des Krieges — bis sie durch ihre Erfahrung im Jugoslawienkrieg den Glauben nicht nur an Gott, sondern auch an die Fotografie verlor. Ihre Kriegsreportage, die ihr anfangs als langersehnte Erfüllung ihrer mühevollen, oft frustrierenden Fotografen- und Journalistenkarriere erschien, würde sie nie veröffentlichen:

Elle commence à penser qu’elle a vu quelque chose qu’il aurait été infiniment préférable pour elle de ne pas voir parce que maintenant, elle ne peut plus en détourner le regard.

Sie begreift allmählich, dass es für sie unendlich viel besser gewesen wäre, wenn sie das, was sie gesehen hat, nie gesehen hätte, denn jetzt kann sie den Blick davon nie mehr abwenden.

A son image, S. 178 (Kap. 10)

Sie zieht sich aus dem Journalismus zurück und macht von nun an nur noch harmlose Hochzeitsfotos. Ihr Scheitern ist verbunden mit der resignierten Feststellung, dass es nur zwei Arten von Bildern gibt: Entweder sie sind belanglos oder obszön, entweder haben sie zu wenig oder zu viel Bedeutung, entweder sind sie oberflächlich und für die Nachwelt nicht relevant oder aber sie treffen so mitten hinein, dass es pietätlos und grausam wäre, sie zu veröffentlichen.

Eine dritte Möglichkeit des Bildes deutet der Autor mehrmals an, wenngleich die Frage offen bleibt, ob sie letztlich ein unmögliches Unterfangen, eine Utopie darstellt: wenn es dem Bild nämlich gelingt, die Ebene des Todes durch die Ebene der Transzendenz zu durchbrechen, zu sublimieren, so wie im verwundeten Christus das Wunder der Auferstehung durchzuscheinen vermag. Übertragen auf die Fotografie wäre das perfekte Bild dann eines, das eine Offenheit in sich trägt auf etwas, das man nicht sehen und schon gar nicht fassen, sondern nur erahnen kann. Ein solches Bild ist dann aber eigentlich keine Kunst, da es nicht planbar, sondern dem Zufall der Geschichte ausgeliefert ist. Der besondere Moment der Geschichte und der auslösende Moment der Kamera müssen zusammenfallen. Es ist die Geschichte, die dem Bild ihre Bedeutung verleiht. Oder aber man betrachtet die Fotografie ganz einfach als Spur der Geschichte, als Spur eines Lebens:

leur enfance disparue avait pourtant déposé sur la pellicule une trace de sa réalité aussi tangible et immédiate que l’empreinte d’un pas dans un sol d’argile (…) comme si tous les instants du passé subsistaient simultanément, non dans l’éternité, mais dans une inconcevable permanence du présent

ihre verschwundene Kindheit hatte auf dem Film dennoch eine Spur ihrer Wirklichkeit hinterlassen, die ebenso berührbar und unmittelbar war wie der Abdruck eines Schrittes auf einem lehmigen Boden (…) als würden alle Augenblicke der Vergangenheit gleichzeitig fortbestehen, nicht in der Ewigkeit, sondern in einer unvorstellbaren Fortdauer der Gegenwart

A son image, S. 21 (Kap. 2)

Genau das hat schon die kleine Antonia so an den alten Familienfotografien fasziniert, und genau das macht in seiner Bescheidenheit und technischen Imperfektion auch den Reiz ihrer letzten Fotografie aus, auf der sie den Söldner Dragan am Strand von Calvi ablichtet.

Schließlich ist Antonias Geschichte auch als Versuch zu lesen, aus der beengenden und gewaltsamen korsischen Dorfgemeinschaft mit ihrem patriarchalischen Frauenbild auszubrechen. Antonias Leben scheint schon früh vorherbestimmt, lange Jahre ist sie reduziert auf ihre Rolle als „Frau von Pascal B.“, der als Anführer militanter korsischer Separatisten immer wieder im Gefängnis landet, bis sie sich schließlich von ihm löst, um frei zu sein. Sie führt von nun an ein bei weitem selbständigeres Leben als ihre Freundinnen, doch letztlich entkommt auch sie ihrer Herkunft nicht.

Was mir neben der wunderschönen Sprache und der unheimlich anregenden Auseinandersetzung mit dem Wesen des Bildes ganz besonders an diesem Roman gefällt, ist die feinfühlige Art, wie der Autor seine Figuren zeichnet. Er zeigt ihre Schwächen, ihre Ambivalenz und beschönigt nichts, doch verurteilt er sie auch nicht, sondern wagt einen Blick auf sie, der vom Anspruch getragen wird, den innerhalb des Textes die Figur des Priester für sich annimmt: den Nächsten zu lieben, auch wenn es schwer ist:

Si l’amour du prochain était chose aisée, il le sait bien, le Christ n’aurait certes pas pris la peine d’en faire le premier des devoirs.

Wenn die Liebe zum Nächsten eine leichte Aufgabe wäre, das weiß er wohl, hätte sich Christus sicher nicht die Mühe gemacht, sie zur ersten aller Pflichten zu machen.

A son image, S. 105 (Kap. 6)

Ferrari gelingt ein kritisches, aber mitfühlendes „Verstehen“ der Figuren und er zeigt, wie sie geprägt werden durch die Zeit, die Gesellschaft, das System, in dem sie leben. Er zeigt auch, wie manche versuchen auszubrechen und wie schwierig, wenn nicht gar unmöglich das ist, besonders, wenn man sich einmal der Gewalt verschrieben hat, deren Absurdität und schier unaufhaltsame Dynamik ein wiederkehrendes Thema des Autors ist.

Jérôme Ferrari: À son image, Actes Sud 2018
ISBN: 9782330109448