bookmark_borderAnne Gröger: Hey, ich bin der kleine Tod… aber du kannst auch Frida zu mir sagen

Auf den Tod ist der elfjährige Samuel, der an einer gefährlichen Autoimmunkrankheit leidet, überhaupt nicht gut zu sprechen. Er ist ihm schon mehrmals nur knapp von der Schippe gesprungen. Was für eine Zumutung also, dass pünktlich zu seiner Entlassung aus dem Krankenhaus und seiner Reintegration ins „normale“ Leben eine kleine Gestalt in schwarzer Kutte und mit einer Sense in der Hand bei ihm auftaucht! Unter der Kutte verbirgt sich tatsächlich der Tod, genauer gesagt, der kleine Tod, der sich als quirliges und zu Samuels Leidwesen äußerst zudringliches Mädchen entpuppt, das sich Frida nennt und sein Leben von nun an ziemlich auf den Kopf stellt.

Betrachte ich das Chaos in meinem Zimmer, kann ich an ihrer Echtheit eigentlich nicht mehr zweifeln. Ich begreife zwar noch immer nicht genau, woher sie kommt, was sie hier macht und vor allem, wie ich sie wieder loswerde, aber dass sie da ist, sehe ich mehr als deutlich. Auch, dass sie vom Menschsein keine Ahnung hat, ist offensichtlich. Dann wüsste sie nämlich, dass es Regeln gibt. Zum Beispiel, dass man Sachen wieder einräumt. Oder dass man Dinge, die anderen gehören, nicht einfach durch die Gegend schmeißt. Ich versuche es ihr zu erklären. Aber Frida ist Regeln gegenüber nicht besonders aufgeschlossen. „Revolution!“, schreit sie und erklärt mir, dass sie weiß, dass Menschen das machen, wenn ihnen Regeln nicht passen. Der große Tod hat immer besonders viel zu tun, wenn Menschen revolutionieren.

Anne Gröger, Hey, ich bin der kleine Tod

Erzählt wird die Geschichte einfühlsam und mit viel Humor zum Großteil von Samuel selbst, dessen Perspektive immer wieder mit kürzeren eingeschobenen Gedanken von Frida ergänzt wird. Als Auszubildende des großen Todes verrät sie in diesen Einschüben, welche geheimen Pläne sie verfolgt, dass Samuel nämlich quasi ihre Reifeprüfung darstellt; sie teilt in diesen Passagen aber auch ihre wegen kleiner Missverständnisse und Fehlinterpretationen häufig sehr amüsanten Beobachtungen über die Menschenwelt mit den Lesern, sowie ihre anfangs recht zähen Lernprozesse im Verständnis dieser Welt, die ihr ebenso fremd ist wie uns Menschen das Reich des Todes.

An dieses hat Samuel auch seinen besten Freund im Krankenhaus verloren; nur ein Karabinerhaken ist ihm geblieben, als schmerzliches Andenken und zugleich als Ansporn, die gemeinsam erträumte Bergtour eines Tages in Erinnerung an den Freund selbständig in die Tat umzusetzen. Was nun, da eine Stammzelltherapie gut angeschlagen hat, auf einmal in greifbare Nähe rückt. Zumindest theoretisch. In der Praxis hat Samuel noch viel zu große Angst vor allem, was sich draußen befindet: außerhalb des Krankenhauses, außerhalb seines perfekt desinfizierten Kinderzimmers und sogar außerhalb seines Schutzanzuges, den er auch nach der erfolgreichen Therapie nicht ausziehen mag und der seinen Körper vor all den sichtbaren und unsichtbaren Gefahren der Welt beschützen soll.

Während seine Eltern — und Frida, diese jedoch mit ihren ganz eigenen Absichten — versuchen, ihm das Leben draußen wieder schmackhaft zu machen, während sie sich nichts sehnlicher für ihn wünschen, als dass er wieder unbeschwert den Schulalltag und das Spielen mit anderen Kindern genießen kann, löst die lebhafte Vorstellung all der Gefahren, die ein solcher Alltag für ihn bereitzuhalten droht, in Samuel erst einmal ganz und gar keine Euphorie, sondern einen großen Schrecken aus. Verzweifelt muss er sich nicht nur gegen die gutgemeinten Ideen seiner Eltern, sondern auch noch gegen das Drängeln einer nicht locker lassenden Frida wehren, die Samuel unbedingt aus seiner Schutzzone herauskatapultieren möchte. So sehr hat er sich an sein Leben im Ausnahmezustand, in dem schon eine Erkältung lebensgefährlich für ihn sein konnte, angepasst und gewöhnt, so belesen und gut informiert über seine Krankheit und die Herausforderungen des Daseins, ja so vernünftig und erwachsen ist er bereits für sein Alter geworden, dass es einen riesengroßen Schritt für ihn bedeutet, das Kindsein und mit ihm die früh verlorene Unbeschwertheit wieder zu erlernen. So steckt er in einer tragikomisch geschilderten Notlage, weil er seinen Eltern die große Gefahr, in die ihn Frida zu bringen scheint, nicht begreiflich machen kann; den kleinen Tod in seiner schwarzen Kutte und mit seiner scharfen kleinen Sense sieht nur er allein, für alle anderen ist Frida nur sichtbar, wenn sie als freches kleines Mädchen auftritt, und, noch schlimmer, als selbsternannte neue Freundin von Samuel!

Gerade aus dem Antagonismus der beiden Hauptfiguren, die beide auf ganz unterschiedliche Weise alles daransetzen, den anderen loszuwerden, die sich immer wieder angiften bzw. aus rein taktischen Gründen einander Wohlwollen oder Hilfsbereitschaft vorspielen, erwächst ein zugleich sehr schwarzer und sehr liebevoller Humor. Und natürlich entsteht trotz allen Misstrauens schließlich ganz allmählich doch ein Band der Freundschaft zwischen den beiden, das sich im entscheidenden Moment als fest und entwickelt genug herausstellen wird.

Es ist bewundernswert und ein großer Genuss, nicht nur für die zehnjährigen Leser, mit wieviel Witz und Tiefgang die Autorin über ein so schwieriges Thema wie den Tod zu schreiben versteht. Anne Gröger wahrt in ihrem Ton hier genau die richtige Balance für ein Kinderbuch, sie nimmt Samuels Sorgen ernst und bringt ihre Leser trotzdem immer wieder zum Lachen und Schmunzeln, wenn er es dann doch mitunter ein bisschen übertreibt mit dem Desinfizieren und der Aufzählung all der potentiellen Risiken und lauernden Abgründe des Alltags. So gelingt es ihr, lebensphilosophische Fragen ganz federleicht und wie nebenbei zu thematisieren, etwa die Frage danach, was ein Leben eigentlich ausmacht, welche Ängste und Einschränkungen eine schwere Krankheit mit sich bringt und welche verschiedenen Wege es gibt, damit umzugehen. Auch der Tod bekommt mehr Facetten und Erscheinungsformen: er verkörpert, als großer, sich entziehender Unbekannter, nicht nur das Lebensende; vielmehr gerät man ihm zum Beispiel auch dann bedrohlich nahe, wenn man sich alle Freuden und Genüsse versagt und nur von seiner Angst leiten lässt. Umgekehrt wird in der Geschichte aber auch deutlich, wie leicht sich das natürlich als Außenstehender sagen lässt, solange man nicht selbst in der Haut des anderen, des Kranken, des Geängstigten steckt, und wie wichtig und lebensnotwendig es ist, selbst für sich herauszufinden, wie man gerne leben möchte. Das Buch hat somit eine handlungsreich gestaltete Metaebene, die ganz spielerisch aus der Geschichte erwächst: Wenn Samuel lernt, mit Frida, dem kleinen Tod, zu leben, so erleben wir in einer mitreißend erzählten Geschichte, wie es ist, mit der eigenen Sterblichkeit zu leben, und setzen uns so fast unwillkürlich mit einer großen Seinsfrage auseinander, die uns auch über den konkreten Fall von Samuels Krankheit hinausdenken lässt.

Samuels Geschichte endet, so viel sei verraten, nicht mit dem großen Tod, der nach allen Abenteuern aber auch nicht mehr als das unheimliche Böse schlechthin erscheint. Samuel darf sein neues Leben nach all der Aufregung jetzt erst einmal genießen, und auch Frida, die längst nicht in alle Pläne des großen Todes eingeweiht war, ist bei Samuel um so manche menschliche Erfahrung reicher geworden.

Bibliographische Angaben
Anne Gröger: Hey, ich bin der kleine Tod… aber du kannst auch Frieda zu mir sagen, dtv (2021)
ISBN: ISBN 9783423763479

Ab 10 Jahren

Bildquelle

Anne Gröger, Hey, ich bin der kleine Tod
© 2021 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

bookmark_borderBenedict Mirow: Die Chroniken von Mistle End 2 — Die Jagd beginnt

Nachdem ich den ersten Band mit großer kindlicher Freude verschlungen und mit — etwas erwachsenerer — Begeisterung für seine originellen Einfälle in diesem ja nicht gerade konkurrenzlosen Kinderbuchgenre rezensiert hatte (Rezension vom 16.7.2020), war ich gespannt auf die Fortsetzung. Tatsächlich geht es fantasievoll und spannungsreich weiter, mit einer gut konstruierten Handlung, die dieses Mal an einen anderen Schauplatz führt, nämlich nach London, und für die sich der Autor einige neue, teils beunruhigende, teils faszinierende fantastische Gestalten ausgedacht hat. Während die in sich gespaltene Gruppe der in London regierenden Vampire durch familiäre Verflechtung zugleich als Verbündete und als mächtige und schonungslose Gegner der bunten Gemeinschaft von Mistle End auftreten, steht im pulsierenden Zentrum dieses Bandes auf jeden Fall die kleine Gauklertruppe, die sich aus noch ausgefalleneren magischen Gestalten zusammensetzt als die Bevölkerung von Mistle End. Diese Außenseiterfiguren sind es auch, die Cedric und seinen Freunden in der Gefahr tapfer und unkonventionell beiseitestehen, als durch den Raub eines magischen Buches die Sicherheit Mistle Ends in Gefahr gerät. Und umgekehrt setzt sich auch Cedric mit seinen allmählich intuitiveren Druidenkräften und gemeinsam mit seinen Freunden für sie ein, als ihre vor den Vampiren geschützte Existenz in London bedroht wird. Ein von Emilys Gestaltwandlungen total begeisterter Werwolf, ein eher unheimliches Wasserwesen und eine afrikanische Voodoo-Zauberin sind nur ein paar Beispiele für die Vielfalt der herrlich schrillen und warmherzigen Gauklertruppe.

Hingegen stecken die bereits bekannten Hauptfiguren im Vergleich zum ersten Band etwas zurück, es gibt weniger Szenen zum Schmunzeln zwischen den drei Freunden. Trotzdem halten sie natürlich fest zusammen und besonders Emily fasziniert immer wieder mit ihrer intelligent und mutig eingesetzten gestaltwandlerischen Gabe. Schade finde ich jedoch, dass Crutch, der als Widerpart Cedrics im ersten Band noch offen und ambivalent ausgelegt war, nun doch deutlicher ins feindliche Lager geschoben wird, auch wenn Cedric, aber auch nur er, ihn noch nicht ganz aufgegeben zu haben scheint. Mal abwarten, was der Autor im dritten Band mit dieser Figur noch vorhat. Denn eine weitere Fortsetzung wird es ganz bestimmt geben, die Vorausdeutungen auf neues drohendes und gewiss wieder für spannende Abenteuer sorgendes Unheil sind zahlreich in diesem zweiten Band.

Hier geht es zur Rezension des ersten Bandes: Die Chroniken von Mistle End 1 — Der Greif erwacht.

Bibliographische Angaben
Benedict Mirow: Die Chroniken von Mistle End 2 — Die Jagd beginnt, Thienemann-Esslinger (2021)
ISBN: 9783522185721

Bildquelle
Benedict Mirow, Die Chroniken von Mistle End 2
© 2021 Thienemann-Esslinger Verlag GmbH, München

bookmark_borderShida Bazyar: Drei Kameradinnen

Ausgehend von einem „fait divers“, einem Brand in einem Mietshaus, in den ihre Freundin aus Kindheitstagen verwickelt sein soll, entwirft die Autorin mit der Stimme ihrer Ich-Erzählerin Kasih eine ebenso provozierende wie berührende Empörungserzählung über Diskriminierung, rechte Gewalt und das stigmatisierende Bewusstsein einer „anderen“ Herkunft, das nicht nur die so genannten privilegierten Teile der Gesellschaft mit ihren unhinterfragten Vorurteilen verinnerlicht haben, sondern auch diejenigen, die als „andere“ in dieser Gesellschaft aufgewachsen sind. Denn die drei Protagonistinnen, die drei Freundinnen Kasih, Saya und Hani, betrachten sich immer auch in diesem gesellschaftlichen Spiegel, ob sie sich nun dagegen auflehnen, ihn vorausschauend antizipieren oder — und das gelingt der Autorin mit diesem intelligent konstruierten, vielschichtigen Roman — seine Funktionsweise entlarven.

So ist die Freundschaft der drei jungen Frauen, die im gleichen Wohnviertel am sozialen Rand einer größeren deutschen Stadt aufgewachsen sind, deren kulturell-geographische Herkunft uns die Autorin jedoch absichtlich vorenthält, zugleich eine Kameradschaft, der Titel spielt wohl nicht zufällig auf ein Buch von Erich Maria Remarque über drei Freunde und Kameraden aus dem Ersten Weltkrieg an. Bazyars Kameradinnen halten auf keineswegs reibungslose, aber umso intensivere Weise in einer anderen Art von Krieg zueinander, der seine böseste Fratze in den NSU-Morden zeigt, deren Nachwirkung im Roman eine wichtige Rolle spielt.

Dass dieser Roman so gelungen ist, liegt in meinen Augen an seiner ausdrücklichen Subjektivität, die zum einen aus wunderbar lebendigen und eigenwilligen Figuren besteht, die aus „Personen mit Migrationshintergrund“ Menschen mit ganz individuellen Lebensgeschichten, Prägungen und Gefühlen macht, vor denen sich dann so manche geteilte unangenehme Erfahrung umso schockierender abhebt. Zum anderen entsteht auf diese Weise ein literarischer Ton, der Betroffenheit und (Selbst-)Ironie, Empörung und Humor zusammenführt und so das Kunststück vollbringt, gerade im Gewand der provozierenden Beschimpfung des fingierten privilegierten deutschen Lesers ohne Migrationshintergrund einer nur polarisierenden und moralisierenden Vereinfachung zu entgehen. Denn die Erzählung will gar nicht fair sein, die Erzählerin stellt ihre Voreingenommenheit und die ihrer Freundinnen bewusst zur Schau, der Diskriminierungsvorwurf ist schnell zur Hand und wird auch in vielen subtilen kleinen Beispielen quasi empirisch belegt, aber im literarischen Subtext werden einzelne Vorfälle zwar nicht relativiert, aber doch aus einem zu einfachen Polarisierungsmuster befreit, und damit das vorschnelle Urteilen über andere entlarvt. Die Dialoge sind oft hitzig, emotionale Gefechte, und je nach Perspektive und Einfühlung erscheinen die Verhaltensweisen der anderen und selbst die eigenen Gefühle oder Ansichten in einem anderen Licht.

Ich saß dann irgendwann schon wieder auf einer Bank und sah den Tanzenden zu, das hat ja auch was, einfach eine Beobachterin zu sein, auch wenn ich, sobald ich selbst auf der Tanzfläche bin, allen Beobachtern irgendeine Perversion unterstelle.

Shida Bazyar, Drei Kameradinnen

Was Kasih hier an sich beobachtet, die Abhängigkeit von der Perspektive, die man jeweils einnimmt, charakterisiert die Erzählung insgesamt, die auf geschickte uns sehr lesenswerte Weise damit spielt und uns so auch dazu anstößt, den Platz, den wir anderen in der Gesellschaft zuschreiben und auch den, den wir selbst in ihr einnehmen, zu hinterfragen.

Bibliographische Angaben
Shida Bazyar: Drei Kameradinnen, Kiepenheuer&Witsch (2021)
ISBN: 9783462052763

Bildquelle
Shida Bazyar, Drei Kameradinnen
© 2021 Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co KG, Köln

bookmark_borderLana Bastašić: Fang den Hasen

Dürers Hase ist so etwas wie das versteckte Symbol dieses aufwühlenden Romans, der die konfliktreiche Geschichte zweier Kindheitsfreundinnen aus Banja Luka ebenso leidenschaftlich wie bildgewaltig erzählt und ihre später so divergierenden Lebenswege in Beziehung zu den Nachwirkungen der Gewalt und der ethnischen Konflikte im früheren Jugoslawien setzt. Ein tückisches Symbol allerdings, eines, in das sich der Zweifel an der scheinbar so realitätsgetreuen Abbildung eingeschlichen hat, und mit ihm die von der Autorin immer wieder mit einem fiktionsironischen Augenzwinkern aufgeworfene Frage nach dem Einfluss der Emotionen, der subjektiven Bilder des eigenen Innenlebens auf die Erzählung und ihre Verwobenheit mit dem immer nur bruchstückhaft funktionierenden Prozess der Erinnerung.

Dürers Hasen erwähnt, so erinnert sich die Ich-Erzählerin Sara, ihre Freundin Lejla das erste Mal, als die beiden Lejlas weißen Hasen, strenggenommen ein Kaninchen, beerdigen. Ihr Bruder Armin habe als kleiner Junge fasziniert das berühmte Kunstwerk angefasst und so im Museum den Alarm ausgelöst. Zu dem Zeitpunkt, als Lejla das erzählt, ist Armin bereits einige Jahre verschwunden, Schmerz und fehlende Worte haben die Beziehung der beiden heranwachsenden Freundinnen aus dem ohnehin nie vollkommenen kindlichen Gleichgewicht gebracht. Diese Szene ist eine der vielen eingeschobenen Erinnerungen Saras an ihre gemeinsame Vergangenheit mit Lejla, die sie in diesen Einschüben stets in der Du-Form anredet, was der Lektüre eine große Intensität und Eindringlichkeit verleiht und durch die fingierte Dialogizität auch das enge, wenngleich sehr strapazierte Band zwischen den beiden Freundinnen spürbar macht.

Eigentlicher Ausgangspunkt der Erzählung ist ein Anruf Lejlas bei Sara, nachdem sie zwölf Jahre nichts mehr voneinander gehört hatten. Sara ist während des Studiums nach Dublin gezogen und dort geblieben, sie lebt mit einem Iren zusammen und arbeitet als Schriftstellerin und Übersetzerin, zu ihrer Familie sowie zu ihrem Heimatland Bosnien besteht so gut wie keine Verbindung mehr. Heimat ist für sie ein englisches Wort geworden:

Home war nicht Bosnien. Bosnien war etwas anderes. Ein verrosteter Anker in irgendeinem verpissten Meer. Man schürfte sich auf und bekam Tetanus, auch nach so vielen Jahren.

Lana Bastašić, Fang den Hasen

Auch zwischen ihr und ihrer ehemals besten Freundin Lejla muss in der Vergangenheit etwas vorgefallen sein, so sehr wirft Sara dieser Anruf aus der Bahn. Doch obwohl sie gerne abweisend reagieren und Lejla mitsamt der ganzen bosnischen Vergangenheit vergessen würde, lässt sie sich von ihr zurück in das Land ihrer Herkunft dirigieren: Sara soll Lejla in Mostar abholen und mit dem Auto nach Wien fahren — wo Lejlas Bruder Armin nach all den Jahren wieder aufgetaucht sein soll. Der abwesende Armin, das wird im Verlauf der Erzählung deutlich, ist noch immer latentes Bindeglied und wunder Kristallisationspunkt so vieler unausgesprochener Ängste und unverarbeiteter Erinnerungen im Leben der beiden jungen Frauen; er ist ein gegenseitiges unausgesprochenes Versprechen, das gebrochen wurde, und das nun viele Jahre später vielleicht wieder erneuert werden kann?

Wir wussten, dass Armin am Leben war. Dieses Wissen verband und mehr als die gemeinsame Schulbank. Jetzt war es unsere Pflicht, bis ans Ende zusammenzubleiben, so lange, bis dein Bruder wieder auftauchte. Wenn wir uns zerstritten, wenn wir uns trennten, würde sich mit uns auch dieses fragile Wissen auftrennen. Als wäre im Stoff unserer Freundschaft sein ganzes Leben eingewebt. Es gab ihn nur noch dort.

Lana Bastašić, Fang den Hasen

Die Reise von Lejla und Sara ist eine Reise in die gemeinsame Vergangenheit und in die Vergangenheit ihres Landes. Die Ich-Erzählerin formuliert es einmal so:

Durch Bosnien zu fahren verlangte eine andere Dimension: die eines verkehrten Wurmlochs, das nicht zu einem äußeren, wirklichen Bestimmungsort führt, sondern in die düsteren, kaum begehbaren Tiefen des eigenen Wesens.

Lana Bastašić, Fang den Hasen

Die Wiederannäherung der beiden Frauen gestaltet sich dabei genauso schmerzhaft, verletzend und widerborstig wie Saras Wiederannäherung an das von ihr zurückgelassene Heimatland, auf das sie auch körperlich geradezu mit Abwehr reagiert und das doch mit aller Macht wieder von ihr Besitz ergreift. Sie stellt sich vor, wie Lejla ihr neues Dubliner Leben abschätzig begutachtet, und in diesem imaginierten Blick liest sie ihren eigenen schonungslosen Blick auf sich selbst, den sie in Bosnien, in Lejlas Anwesenheit nicht mehr unterdrücken kann:

Sie [Lejla] würde nicht mal etwas sagen, nur mit den Augen würde sie mir Europa ausziehen wie einer Neureichen den Pelzmantel und die Narben des Balkans schamlos an die Öffentlichkeit zerren.

Lana Bastašić, Fang den Hasen

Die individuelle Geschichte der einander in Hassliebe verbundenen Freundinnen erinnert nicht nur wegen der vielschichtigen Gefühlsebenen, sondern auch wegen der selbstreflexiven Elemente des Textes an Elena Ferrantes neapolitanische Protagonistinnen; in beiden Texten ergibt sich eine wesentliche erzählerische Spannung daraus, dass die eine der Freundinnen, die schriftstellernde, das immer wieder sich entziehende und so faszinierende Wesen der anderen, daheim und arm gebliebenen, einzufangen versucht. Das ist bereits für sich literarisch und emotional überzeugend erzählt. Doch in diesen individuellen Lebens- und Gefühlswegen der Figuren spiegelt sich, ohne dass diese Überlagerung überstrapaziert würde, die Geschichte des von einem schrecklichen Krieg noch immer versehrten Landes sowie die Geschichte einer ganzen Generation, die das Erbe dieser Gewalt auf ihren Schultern trägt und sich zwangsläufig zu diesem irgendwie verhalten muss.

Die politischen und religiösen Konflikte sind in Bastašićs Text auf unterschwellige Weise omnipräsent; sie kommen nicht in der direkten Darstellung kriegerischer oder verbrecherischer Handlungen, sondern eher andeutungsweise und sekundär, oft auch in den psychischen und gleichwohl ganz realen Auswirkungen auf die Menschen zum Vorschein. So ist die Gewalt latent vorhanden, wenn Lejlas Bruder verschwindet, während ein gleichfalls muslimischer Freund von ihm später tot aus dem Fluss gefischt wird. Oder wenn Lejlas Familie ihren Namen ändert, das Muslimische daraus tilgt, so dass aus Lejla Begić auf einmal Lela Berić wird. Der gewaltsame Mechanismus von Inklusion und Exklusion wird auch von Sara unbewusst imitiert, als sie sich, anders als ihre Freundin Lejla, der stärkeren Schülergruppe anschließt und ein aus dem Nest gefallenes Vögelchen tötet, was in ihr ein Scham- und Schuldgefühl gegenüber Lejla hervorruft, das sie lange nicht recht einordnen kann. Doch vor dem Hintergrund einer anderen Szene im Elternhaus von Sara, an die sie sich gleichfalls später wieder erinnert, bekommt dieses brutale Kinderspiel noch eine ganz andere Dimension: Etwa zur gleichen Zeit nämlich, als Lejla zu Lela wird, feiert man bei Sara zuhause zum ersten Mal Slava, das traditionelle orthodoxe Fest zu Ehren des Familienheiligen, doch in der eigentlich nicht sehr gläubigen serbischen Familie, die auf diese Weise ihre Zugehörigkeit zur staatstragenden Mehrheit nach außen zur Schau tragen will, wirken die festlichen Handlungen unbeholfen, aufgesetzt. Die Polarisierung und Politisierung des Glaubens deutet sich in solchen Szenen und Bildern immer wieder an, ohne explizit als solche benannt zu werden.

Aus all diesen Szenen, die vor dem inneren Auge der sich erinnernden Erzählerin wieder aufleben, setzt sich die Geschichte der beiden jungen Frauen erst andeutungsweise und dann in immer größerer Dichte zu einem komplexen und spannungsreichen Erinnerungsbild zusammen. Dabei wird das Prozesshafte des Erzählvorgangs immer wieder herausgestellt, es ist ein Erzählen, das seine Subjektivität hervorkehrt, das zweifelnd, suchend, verwerfend, fragend, tastend vorgeht. Sara ist sich der Subjektivität und Lückenhaftigkeit ihrer Erinnerung bewusst:

Vielleicht ist das Erinnern für mich wie ein zugefrorener See — trüb und glatt –, an dessen Oberfläche sich von Zeit zu Zeit ein Riss auftut, durch den ich meine Hand stecken und ein Detail, eine Erinnerung im kalten Wasser fassen kann. Doch zugefrorene Seen sind heimtückisch. Mal erwischt man einen Fisch, ein anderes Mal bricht man ein und ertrinkt. Aus Erfahrung weiß ich, dass fast alle Erinnerungen an die die Tendenz zu Letzterem haben. Deshalb hatte ich mich auch zwölf Jahre lang bemüht, mich nicht zu erinnern.

Lana Bastašić, Fang den Hasen

Und ebenso bewusst ist ihr die Schmerzhaftigkeit, die in der Erinnerung mit eingeschlossen oder, um im Bilde zu bleiben, eingefroren ist und die mit Wucht über einen hereinbricht, wenn der zugefrorene See des Vergessens Risse zeigt.

Eine weitere Protagonistin des Romans ist somit die metaphernreiche Sprache, mit der die Autorin die vielschichtigen Gefühle und Gedanken ihrer Figuren zugleich intensiv und doch mehrdeutig zum Ausdruck zu bringen versteht. Lana Bastašić neigt ein wenig dazu, sich von ihren schillernden Sprachbildern hinreißen zu lassen, doch sind diese stets auch durchdacht, tauchen an anderen Stellen leicht verändert wieder auf und machen den Text zu einer fortwährenden Metamorphose, die auch einen großen Lesesog erzeugt und einen davor bewahrt, in einem vorgefertigten Urteil über die Figuren und ihre Geschichten zu verharren. Trotzdem sucht die Ich-Erzählerin, für die Sprache Beruf und Berufung ist, natürlich nach der Wahrheit in den Erinnerungen an die gemeinsame Vergangenheit. Und war die Literatur nicht früher auch eine Art sinnstiftender Code der Freundschaft der beiden Mädchen? Über Jahre hinweg spielten sie immer wieder das Spiel, anhand eines Zitats den Buchtitel zu erraten, aus dem dieses entnommen war. Dieses Spiel war auch ein Code des gegenseitigen Verstehens, eine Art uneigentliches Sprechen, wie es ja auch die Sprache der Literatur kennzeichnet. Doch gerade von Lejla kommt der Vorwurf, Sara konstruiere eine Geschichte, die so nur in ihrer Fantasie stattgefunden habe; und tatsächlich streut die Autorin bzw. die Ich-Erzählerin selbst, indem sie punktuell auch Lejlas Gegenerzählungen wiedergibt, immer wieder Unsicherheitsstellen in den Text ein. Liegt die Wahrheit wirklich in den Worten? Und liegt das wahre Wesen Lejlas wirklich in ihrem alten Namen, mit dem nur Sara sie noch anredet, ihn symbolisch aufladend, ja fast magisch überhöhend?

Letztlich verhandelt der Roman nichts weniger als die Frage nach dem Verhältnis von Kunstwerk und Wahrheit, und folgerichtig stehen die beiden Frauen am Ende ihrer gemeinsamen Reise, die eigentlich kein konkretes erreichbares Ziel haben kann, sondern therapeutischer und metaphorischer Art ist, in Wien vor Dürers Hasen. Wird Sara hier den verschollenen Armin wiedersehen? Oder ist auch er zu einem Bild in ihrer Erinnerung geworden, das sich längst von der Wirklichkeit entfernt hat? So sehr sie die Wiederbegegnung mit diesem früher so faszinierenden Jungen herbeisehnt, der im gewaltsamen Chaos der ethnischen Auseinandersetzungen verschwunden ist, so sehr fürchtet sie sich auch vor der Konfrontation mit ihrer Vergangenheit in einer Familie, in einem Land, in einer Zeit, die unübersehbare Narben hinterlassen hat, die auch nicht verschwinden, wenn man wie Sara Bosnien den Rücken gekehrt hat.

Sie [Lejla] erinnerte mich daran, dass der natürliche Zustand dieser Welt Unordnung war und dass unsere Leben, die um die Anstrengung herum organisiert waren, Ordnung in all dieses Chaos zu bringen, eigentlich nichts anderes waren als ein Spiegelbild endloser Arroganz.

Lana Bastašić, Fang den Hasen

Sicher geht man nicht zu weit, wenn man die Autorin selbst ein bisschen in ihrer Ich-Erzählerin wiederzufinden meint; auch die in Bosnien aufgewachsene Lana Bastašić ist ausgewandert, hat in Irland gelebt, dann in Spanien, und auch sie verwandelt ihre Erfahrungen in Kunst, transponiert das Chaos der Welt in die alles andere als arrogante, vielmehr komplexe und ambivalente Sprache der Literatur.

Bibliographische Angaben
Lana Bastašić: Fang den Hasen, S. Fischer (2021)
Aus dem Bosnischen von Rebekka Zeinzinger
ISBN: 9783103970326

Bildquelle
Lana Bastašić, Fang den Hasen
© 2021 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

bookmark_borderRichard Russo: Jenseits der Erwartungen

Einst waren sie unzertrennlich: Lincoln, Teddy und Mickey haben während ihres Studiums am Minerva College in Connecticut eine Freundschaft geschlossen, die sie auch heute, fast ein halbes Jahrhundert später, und obwohl sie seitdem ganz unterschiedliche Lebenswege eingeschlagen haben, noch miteinander verbindet. Nach vielen Jahren treffen sie sich nun für ein Wochenende in Martha’s Vineyard, wo sie damals von ihrem Studentendasein Abschied genommen haben, ehe sie weit voneinander entfernt ihr Erwachsenenleben begannen. Doch hält das Wiedersehen trotz aller immer noch empfundenen Vertrautheit weniger ein unbeschwertes Schwelgen in Nostalgie für sie bereit als die sich immer stärker aufdrängende Erkenntnis, dass es da noch immer einige graue Flecken in ihrer Vergangenheit gibt, die danach schreien, aufgearbeitet zu werden — und die das Fundament ihrer als unverbrüchlich betrachteten Freundschaft ins Wanken zu bringen drohen.

Denn — und hier verschmilzt der Autor Richard Russo seinen Roman über eine Männerfreundschaft erzählerisch gekonnt mit der spannungsgeladenen Atmosphäre eines Kriminalplots — bei ihrem letzten gemeinsamen Treffen als Studenten war auch ein Mädchen namens Jacey dabei, in die sie alle drei mehr oder weniger heimlich verliebt waren, deren Verlobung mit einem reichen angehenden Juristen aus ebenso gutem Hause wie sie selbst sie aber alle davor zu bewahren schien, ihre Freundschaft durch rivalisierendes Balzverhalten in Gefahr zu bringen. Unmittelbar nach diesem letzten Treffen aber verschwand Jacey spurlos, um bis heute nicht wieder aufzutauchen. Flucht oder Verbrechen? Geplant oder erzwungen? Einiges an diesem Vorfall ist ungeklärt geblieben, und wirft nun auch Jahrzehnte später seine emotionalen Schatten auf das Wiedersehen der Freunde. Verdrängte Erinnerungen bahnen sich ihren Weg an die Oberfläche, lassen auf einmal einiges in einem anderen Licht erscheinen und konfrontieren die drei Freunde mit dem Verdacht, dass sie nicht nur ihre gemeinsame Freundin Jacey weniger gut kannten, als sie dachten, sondern womöglich auch zueinander nicht immer ganz aufrichtig waren.

Russo erzählt aus den verschiedenen Perspektiven der drei Freunde und wechselt zwischen dem für alle aufwühlenden Wiedersehen in der Gegenwart und den im Zuge dessen aufkommenden Erinnerungen an damals. So entwirft er bewegende persönliche Lebensgeschichten, die er überdies in einen deutlich konturierten gesellschaftlichen Kontext bettet. Denn auch wenn sich ihre Wege am renommierten Minerva College kreuzten, entstammen die Freunde doch jeweils ganz unterschiedlichen Milieus: Lincoln aus einem konservativen Elternhaus, Teddy aus einer akademisch geprägten Familie und Mickey, der Sohn einer italienischen Einwanderergroßfamilie, aus der Arbeiterschicht. Ebenso wie der Vietnamkrieg als gesellschaftlich und politisch mit hoher Symbolkraft aufgeladener historischer Moment Leben und Denken der Figuren entscheidend beeinflusst, spielt auch die soziale Herkunft eine große Rolle für die so unterschiedlichen Lebenswege, die sie nach ihrem Studium einschlagen. Auf diese Weise gelingt es Russo, in narrativem Gewande zugleich ein vielschichtiges Gesellschaftspanorama der Vereinigten Staaten Amerikas der letzten 50 Jahre zu zeichnen, das bisweilen erhellende Einblicke in die tieferliegenden Ursachen von so manchen aktuell aufflackernden Verwerfungen gibt.

Und doch wird der Roman auch getragen von dem aufrichtigen jugendlichen Elan und der innigen Sehnsucht der Freunde, sich von ihrer sozialen Herkunft zu befreien und ein unverfälschteres Leben zu führen als ihre Eltern. Ihr Wiedersehen ist daher auch der Moment, in dem sie ihre einstigen Ideale und Hoffnungen mit dem, was sie geworden sind, vergleichen. So ist Lincoln nun ausgerechnet im Immobiliengeschäft tätig und damit gerade innerhalb des Systems, das er einst kritisierte; Teddy korrigiert Manuskripte anderer Leute und tritt damit in die Fußstapfen seiner Lehrereltern, anstatt es endlich zu wagen, selbst einen Roman zu schreiben. Das ist schmerzhaft und desillusionierend, aber eben nicht nur, da Russo zum Glück einen zwar entlarvenden, aber auch gütigen, wertschätzenden Blick auf die Diskrepanzen in ihren Lebenskonzepten wirft.

So wird der bewegende Freundschaftsroman, der spannende Kriminalroman, der gut beobachtete Gesellschaftsroman stellenweise sogar zu einem philosophischen Roman, der Fragen aufwirft, wie das Ich sich zur Welt und zu sich selbst verhalten soll, kann oder muss, welche Grenzen und welche Möglichkeiten sich bei der Verwirklichung der eigenen Ziele auftun und wie wir mit existentiellen Bedrohungen wie Krieg oder Krankheit umgehen können. Besonderes erzählerisches Feingefühl beweist Russo hier, wenn es darum geht, die Verletzlichkeit der Körper und der Seelen am Beispiel seiner Figuren spürbar zu machen.

Diese Verletzlichkeit spielt auch in eine andere Thematik hinein, die den Roman von Anfang bis Ende durchzieht und auf sehr differenzierte Weise intensiv hinterfragt und ausgelotet wird: der Thematik der Männlichkeit nämlich, die sich vom Motiv der unverbrüchlichen Männerfreundschaft bis hin zur strukturellen Gewalt in den verschiedensten Schattierungen erstreckt. Da stehen auf der einen Seite die Erfahrungen eines Expolizisten, der in seiner Laufbahn unzählige Male Zeuge häuslicher Gewalt wurde, und ebenso unzählige Male erlebte, wie diese Fälle erfolgreich vertuscht wurden. Und auf der anderen Seite die drei Freunde, die mit ihrer unschuldigen Verliebtheit ein überzeugendes Gegenbeispiel männlichen Dominanzstrebens verkörpern. Doch sind nicht auch ihnen gewisse Geschlechterstereotype eingeimpft, hat Lincoln nicht erst spät begriffen, dass die von ihm lange nicht hinterfragte Unterordnung seiner Mutter Teil eines Familienmythos war, den sein Vater zur Aufrechterhaltung seiner Ehre errichtet hatte, da er nicht zulassen konnte, dass seine Frau mehr Vermögen besaß als er? Und beruht nicht Teddys religiös überhöhte Weigerung, Frauen näher an sich heranzulassen, in Wahrheit auf einer zur Gänze verinnerlichten Angst, wegen seiner körperlichen Versehrtheit seine männliche Würde zu verlieren? Zu guter Letzt offenbart Jaceys erst am Ende des Romans enthüllte schockierende Geschichte die ganze Komplexität von sozialen Vorurteilen und sexuellem Machtmissbrauch, von fragiler Körperlichkeit und der Unaufrichtigkeit eines Lebens im materialistisch-gesellschaftlichen Korsett; genauso aber auch die Sehnsucht, sich davon zu befreien, und den unbändigen Drang, diese Sehnsucht zu verwirklichen, bis einen unweigerlich die conditio humana in seine Schranken weist, den einen früher, den anderen später.

Bibliographische Angaben
Richard Russo: Jenseits der Erwartungen, DuMont (2020)
Aus dem Englischen übersetzt von Monika Köpfer
ISBN: 9783832181154

Bildquelle
Richard Russo, Jenseits der Erwartungen
© 2020 DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG, Köln

bookmark_borderHannes Wirlinger: Der Vogelschorsch

Berührend, schmerzlich schön, vertraut und doch so unerhört ist diese Geschichte von einem jungen österreichischen Mädchen und seiner aufwühlenden Freundschaft mit dem „Vogelschorsch“, einem Jungen, der anders ist als die anderen Kinder, der sein junges Leben wie ein schweres Schicksal trägt und doch so unvergleichlich leichte, lichte, verrückte und poetische Momente entstehen lässt.

Seit der ersten Begegnung mit dem merkwürdigen Jungen, der im Nachbarhaus eingezogen ist, schlägt sein trauriges Lächeln die junge Leni, aus deren Perspektive der Roman erzählt wird, in Bann. Die Geschichte von ihr und dem Vogelschorsch spielt in einem österreichischen Dorf nicht weit von Linz und handelt von einer einschneidenden Zeit in ihrem jungen Leben, in der ein ländliches Paradies, das Idyll sorgloser Kindheit, eine schmerzliche Tiefe bekommt, die dem Erwachsenwerden innezuwohnen scheint. Coming of age, ja, aber erzählt in ganz eigener, sehr poetischer Manier. Denn Mystik, Innigkeit und Witz sind erzählerisch so toll ausbalanciert, dass Schönheit und Schwere der geschilderten Ereignisse einen tief treffen, ja verwunden, und doch zugleich ein Gefühl der Leichtigkeit in einem zurücklassen.

Der Vogelschorsch heißt eigentlich Georg. Er ist ein eigenwilliger und schutzbedürftiger Charakter, das spürt Leni ziemlich bald: wegen seines Andersseins, das bei den Kindern im Dorf Spott hervorruft — er kleidet sich anders, redet mit den Vögeln — und auch wegen seiner traumatisierenden Familienverhältnisse, die der Junge selbst übrigens nie zur Sprache bringt, so dass Leni seine traurige Familiengeschichte erst allmählich zu erahnen beginnt. Der Vater ist Alkoholiker, gewalttätig in seinen immer häufigeren Rauschzuständen; seine Mutter hält es irgendwann nicht mehr aus und verschwindet. Eine Zeitlang findet der Vogelschorsch Zuflucht bei seiner über alles geliebten Oma, in ihrem Garten, der etwas Paradiesisches hat; auch im Wald hat er sich einen Rückzugsort geschaffen, einen geradezu magischen Ort, an dem er mit den Vögeln kommuniziert, in denen sich die aus seinem Leben Verschwundenen für ihn reinkarnieren. Das hat aber überhaupt nichts Esoterisches, sondern ist die ungemein berührende Art, wie ein verlorener Junge mit seiner Trauer umgeht, wie er sie zur eigenen Seelenrettung in einem Akt der Fantasie, der Kreativität in etwas Schönes, Tröstliches verwandelt. Und auch bei Leni findet er Zuflucht, und sie bei ihm: Während Leni sich anfangs noch für sein aus der Norm fallendes Auftreten schämt, wird sie ihm bald zur Freundin, zur Vertrauten, die zu ihm hält — so gut sie es eben vermag; denn während der Vogelschorsch eine Demütigung, einen Schicksalsschlag nach dem anderen verarbeiten muss, ist Leni mit ihren vergleichsweise harmlosen, ein heranwachsendes junges Mädchen gleichwohl überfordernden Problemen beschäftigt: mit den ersten verwirrenden, aufregenden und schmerzhaften Liebeserfahrungen und mit der ohnmächtigen Sorge um ihre Eltern, die kurz vor einer Trennung stehen.

Vor dem Hintergrund dieser schmerzlichen Erfahrungen hebt sich umso poetischer die wunderbare Freundschaftsgeschichte der beiden ab: Zart und holprig entsteht das Band zwischen Schorsch und Leni, wird unmerklich fester, schafft eine Verbundenheit zwischen den beiden, die auf einer ganz anderen Ebene wirkt als Lenis ausgelassene und turbulente Freundschaft zu den anderen Nachbarsjungen, dem blonden Mühlbauer Max und dem dunkelhaarigen Lederer Lukas. Während Leni mit den beiden Schulkameraden, mit denen sie Seite an Seite aufgewachsen ist, nun auf einmal die Wirren und Emotionen der ersten Liebe, der ersten Enttäuschung, der ersten Versöhnung erlebt, ist ihre Beziehung zum Vogelschorsch in vieler Hinsicht ungewöhnlich, ist behutsamer, tiefer. Man fühlt sich hier an die poetische Beschreibung der Freundschaft bei Antoine de Saint-Exupéry erinnert, an den Vorgang des „apprivoiser“, des gegenseitigen Zähmens, sich Annäherns, das Zeit braucht, dann aber eine wunderschöne und schmerzliche ewige Verantwortung füreinander schafft.

Dieses poetische, sich zart formende Freundschaftsbild verdankt sich ganz besonders auch der Sprache, in der diese Geschichte erzählt wird. Lenis oft widerstreitende Gefühle werden ganz wunderbar wiedergegeben, ihre impulsive Wut genauso wie ihre Hingabe und Aufrichtigkeit, ihr ehrliches Nachsinnen über die eigenen Fehler genauso wie ihr — nicht immer ganz — gerechter Zorn über die Gemeinheiten der anderen. Es gelingt dem Autor, aus ihrer Perspektive die Tiefe der Empfindungen eines jungen Menschen zu zeigen, der aus der Kindheit gerade herauswächst. Hannes Wirlinger nimmt seine Protagonisten ernst und bedenkt sie dennoch immer wieder mit einem Schmunzeln; er zeigt verletzte Teenagerseelen, die von neuartigen Gefühlen wie Verliebtsein und Eifersucht überwältigt werden. Das alles schildert er seinen Lesern in einer einfach köstlichen, anrührend-komischen Sprache, in der er sich seiner Ich-Erzählerin glaubhaft annähert, ohne in die Falle einer von oben herab erzählten Jugendsprache zu fallen. Seine charmant-freche österreichische Direktheit des Gefühlsausdrucks erinnert ein wenig an Christine Nöstlinger, die sich in ihren Kinder- und Jugendbüchern der Verletzlichkeit, den Nöten und Ängsten, und ebenso der Neugier, Leidenschaft und Begeisterung ihrer jungen Protagonisten ähnlich empathisch annähert. Ziemlich witzig wirkt bei Wirlinger zum Beispiel das im Laufe der Erzählung unzählige Male provokativ wiederholte „epitheton ornans“, das die verärgerte Erzählerin ihrer Konkurrentin und Schulkameradin gibt, der „Feichtinger Simone. So eine blöde Kuh.“ (Variation: „das Miststück“.) Man muss unweigerlich lachen, wenn sich Leni sprachlich so über ihre Rivalin empört, die aus einer wohlhabenderen Familie kommt und sie bei den Jungs mit einem Labrador und einem Swimmingpool im Garten ausstechen will, und kann sich doch zugleich so gut mit ihrer ohnmächtigen Empörung identifizieren.

Unbedingt zur Sprache kommen müssen hier auch noch die absolut bestechenden, sehr atmosphärischen Illustrationen von Ulrike Möltgen, die als schwarz-weiße Kohle- und Tuschezeichnungen, teilweise collagenhaft mit in die Zeichnung integrierten Materialien wie Fäden und Haaren zusammengestellt, die einzelnen Kapitel begleiten und sich wunderbar in den Zauber der Geschichte einfügen. Die in einem märchenhaften (Sur)Realismus gestalteten Bilder fangen großartig die Stimmung ein, unterstreichen das Psychologische und verleihen dem Text eine metaphysische Ebene, auf der die tieferen Ängste und seelischen Nöte, aber auch die geheimen Sehnsüchte der jugendlichen Protagonisten, die diese vielleicht selbst noch nicht klar formulieren können, einen nachwirkenden bildhaften Ausdruck finden.

Ein wunderbares Gesamtkunstwerk, in dem Lachen und Weinen ganz nah beieinander liegen und das nicht nur für Jugendliche wahrhaft zauberhaft zu lesen ist!

Bibliographische Angaben

Hannes Wirlinger: Der Vogelschorsch, Jacoby & Stuart (2019)
Mit Illustrationen von Ulrike Möltgen
ISBN: 9783964280312

Ab 14 Jahren

bookmark_borderDante Medema: Diese eine Lüge

Wer bin ich und was bleibt von mir, wenn meine Herkunft auf einer Lüge aufbaut? Diese auf einmal existentielle Form annehmende Frage drängt sich der Ich-Erzählerin Delia auf, als sie bei einem Projekt für die Schule ihre DNA testen lässt. Es stellt sich heraus: Ihr Vater ist nicht ihr biologischer Vater. Ist also alles eine einzige Lüge, ihre Familie, ihre Herkunft, ihr ganzes Leben?

Die nordamerikanische Autorin Dante Medema hat einen Jugendroman geschrieben, der mitten hineintrifft in die Fragen, Sehnsüchte und Ängste, die eigentlich jeden Teenager irgendwann in der einen oder anderen Weise ereilen, durcheinanderbringen und den moralischen und emotionalen Kompass verrückt spielen lassen: einen Roman über Familie, Prägung und Identität, über die erste Liebe, über Freundschaft, Schule und die Gestaltung des künftigen Lebenswegs; einen Roman aber auch, der feste Vorstellungen und Verhaltensweisen hinterfragt und der seinen jungen Lesern über die literarische Begegnung mit vertrauten Konflikten, Unsicherheiten oder Ängsten hinaus vielleicht auch den ein oder anderen neuen Impuls geben kann.

Dieses Erfrischende, Neue, Kreative des Romans, mit dem er sich von anderen Coming-of-Age-Geschichten abhebt, liegt vor allem in der Form, die sich die Autorin für ihr Thema gewählt hat. Der Text wechselt nämlich ab zwischen der Teenagern heute vertrauten Kommunikationsform verschiedenster elektronischer Nachrichten einerseits und der auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinenden lyrischen Form in freien Versen andererseits, in der die Hauptfigur und Erzählerin bzw. Dichterin Delia ihren Gefühlen und Gedanken wunderbar Ausdruck verleihen kann. Die subjektive lyrische Form entspricht der emotionalen und zugleich reflexiven Art Delias, sich mit den Konflikten und Herausforderungen, die sie erlebt, auseinanderzusetzen. Durch die Wahl der freien Versform, die oft auch ein wenig an balladenhafte Songtexte erinnert, lässt sich zugleich auch die Handlung in die lyrischen Zeilen integrieren, und zwar auf eine sehr flüssig lesbare Weise: Man findet schnell in den Rhythmus hinein und gerät bald in einen richtigen Sog, der einen bis zur letzten Seite in Atem hält.

Das Besondere ist, dass das Gedichtemachen selbst Teil der Handlung ist. Denn das Abschlussprojekt, das sich Delia gewählt hat, besteht gerade darin, dass sie in Form von Gedichten ihre Identitätssuche abbildet, in lyrischer Form also ihrer Herkunft auf die Spur kommen möchte. Mehr und mehr zeigt sich jedoch, dass diese Form ihr vor allem auch dabei hilft, sie überwältigende Gefühle zu verarbeiten. Und zum Ärger ihrer Eltern und besten Freundin auch dabei, ihrer großen Liebe Kodiak Jones, der in der Vergangenheit ein wenig auf Abwege geraten ist, wieder näher zu kommen…

So werden die feinen Zwischentöne der Lyrik zu einem Element, das über alle Turbulenzen, Irrungen und Wirrungen, und auch über die genetische Verwandtschaft hinaus, Identität, Nähe und Verbindung schafft.

Altersempfehlung
Ab 13 Jahren

Bibliographische Angaben
Dante Medema: Diese eine Lüge, Thienemann-Esslinger 2020
ISBN: 9783522202718

Bildquelle
Dante Medema, Diese eine Lüge
© 2020 Thienemann-Esslinger Verlag GmbH

bookmark_borderRebecca Makkai: Die Optimisten

Eine junge Frau mit Kurzhaarschnitt und grünem Schal, einem strengen Zug um die definierten roten Lippen und vor allem mit diesen schräg stehenden grünen Mandelaugen, deren unergründlicher, irgendwie unnahbarer und doch so vielsagender Blick den Betrachter in Bann schlägt, der das Geheimnis, die Geschichte, die Gedanken dahinter so gerne herausfinden möchte…

Das in mehrfacher Hinsicht treffend gewählte Titelbild der deutschen Ausgabe des neuen Romans von Rebecca Makkai wird unter dem Titel „Ritratto di Maria“ dem früh an Tuberkulose verstorbenen italienischen Künstler Amedeo Modigliani (1884-1920) zugeschrieben, ist wohl 1918 entstanden und erinnert in Stil und Ausdruck an andere Porträtmalereien des Künstlers, etwa an die, die er von seiner Verlobten und Künstlerkollegin Jeanne Hébuterne anfertigte. Und doch ist die Echtheit des Bildes umstritten: Kurz bevor der Roman 2018 in Amerika erschien, hatte sich — nicht zum ersten Mal — eine Debatte um die Authentizität mehrerer Werke entzündet, die 2017 in einer Modigliani-Ausstellung in Genua gezeigt wurden, darunter auch das Porträt „Maria“.

Die Kunst, nicht nur Modiglianis, ist eines der großen Themen von Makkais neuem Roman, das die Autorin auf erzählerisch großartige Weise mit weiteren Themenfeldern verknüpft. Indem sie der Frage nach dem Zusammenhang von Kunst und Leben, Kunst und Vergänglichkeit, dem (ideellen, ästhetischen und kommerziellen) Wert von Kunst nachgeht, entwirft sie im gleichen Atemzug eine packende Geschichte über Krankheit und Tod, über die Zeit, in der das tödliche Aids-Virus entdeckt wurde, über Freundschaft, Familie, Schuld und Verantwortung, und ist dabei — so wie Modigliani in seiner Kunst — ihren Figuren, den Menschen, die sie in ihren Ängsten und Freuden, ihrem Leiden und ihrer Hoffnung, zeichnet, stets ganz nah.

Entsprechend intensiv ist das Leseerlebnis, das einen die epischen 600 Seiten, die der Roman umfasst, wie im Fluge lesen lässt. Der Autorin gelingt es, einen überzeugenden historischen Bogen zu konstruieren, der von der Zeit um den Ersten Weltkrieg in der Pariser Künstlerszene über die in der vom Schrecken der neuen unheilbaren Krankheit Aids geprägten 1980er Jahre in Chicago bis ins Jahr 2015 reicht, in der die Überlebenden und Nachgeborenen ihre eigenen inneren und äußeren Kämpfe austragen und die noch losen Enden zwar zum Glück nicht zu einem kitschig-rosigen Happy End, aber immerhin doch zu einer Art poetischer Gerechtigkeit zusammengeführt werden.

Die Kapitel wechseln zwischen der Perspektive von Yale Tishman, einem jungen Galeristen, und seinem zum Großteil schwulen Freundeskreis in den Jahren 1985/86 in Chicago, und derjenigen Fiona Lerners im Jahr 2015, als sie sich auf den Weg nach Paris macht, um ihre Tochter Claire zu suchen und das schwierige Mutter-Tochter-Verhältnis aufzuarbeiten. Die Reise nach Paris wird aber auch eine Reise in Fionas eigene unzureichend verarbeitete Vergangenheit und in die ihrer Familie. Als das HIV-Virus ab der Mitte der 1980er Jahre nämlich ihren geliebten großen Bruder Nico und dann der Reihe nach ihren gemeinsamen Bekanntenkreis dahinsiechen ließ, war Fiona ein junges Mädchen, das von der auch emotionalen Verantwortung, die sie damals übernahm, noch 30 Jahre später gezeichnet ist. Fiona, in deren Gedanken- und Gefühlswelt man tief eintaucht, da sie mit dem Mittel interner Fokalisierung geschildert wird, ist neben Yale die zweite Hauptfigur und Stimme des Romans und als Überlebende auch das Bindeglied zwischen den Zeiten, zwischen Paris und Chicago, zwischen Yales Geschichte und derjenigen ihrer Großtante Nora. Nach dem Aidstod ihres Bruders wird der ebenfalls schwule Yale für Fiona zum engen Freund und zu einer umso wichtigeren Bezugsperson, als sie sich mit ihren Eltern überworfen hat, weil diese Nicos Homosexualität nicht akzeptierten.

Auch die Verbindung von Yale und Nora, die bis in die 1920er Jahre die Pariser Künstlerszene frequentierte und einige private und demzufolge nicht autorisierte Skizzen und Gemälde namhafter Künstler aus dieser Zeit besitzt, kommt über Fiona zustande. Für Nora, die vor ihrem Tod die Veröffentlichung ihrer vollständigen Sammlung in die Wege leiten möchte, haben diese Kunstwerke nicht nur eine materielle und ästhetische, sondern auch eine biographische Bedeutung. Sie war als junge Frau von Amerika nach Paris gegangen, um Kunst zu studieren, wurde dann aber eher als Modell gesehen und geduldet und kam mit einigen später berühmten Künstlern wie Modigliani oder Foujita in Kontakt. In einen von ihnen, dem vielleicht das Schicksal des kurzen Lebens einen berühmten Namen vorenthielt, verliebte sie sich — um ihn kurz darauf infolge des Ersten Weltkriegs schon wieder zu verlieren: Ranko Novak, dessen Bilder auch zu ihrem Kunstschatz gehören und die Yale gemeinsam mit denen der berühmten Künstler in seiner Galerie unterbringen soll. Doch das Projekt gestaltet sich als immer größere Herausforderung, da Yale sich mit den divergierenden Ansichten verschiedener Interessensgruppen auseinandersetzen muss, mit der Familie, die sich um ihr Erbe betrogen fühlt, ebenso wie mit den ökonomischen Prinzipien, die den Kunstmarkt bestimmen. Und nicht zuletzt steht er privat vor einem Scherbenhaufen, nachdem Eifersucht, Betrug und schließlich auch noch das tödliche Virus sein Beziehungsleben erschüttert haben. Trotzdem setzt er alles daran, das Vertrauen, das die alte Nora in ihn gesetzt hat, nicht zu enttäuschen…

„Wartet man nicht eigentlich permanent darauf, dass die Welt aus den Fugen gerät?“, sagte Richard. „Wenn die Verhältnisse stabil sind, dann immer nur vorübergehend.“

Makkai, Die Optimisten, S. 472

Die ideelle Architektur des Romans, der auf vielen verschiedenen Ebenen arbeitet, die allesamt fein miteinander verwoben sind, gründet auf dem meisterhaft inszenierten Wechselspiel von (Welt-) Geschichte und privaten Familien- und Beziehungsgeschichten, ein Prinzip des Gesellschaftsromans, wie es sich in der Literaturgeschichte v.a. des 19. Jahrhunderts herausbildete — die New York Times vergleicht Makkais Roman in dieser Hinsicht sogar mit Krieg und Frieden. Die Welt der „Optimisten“ gerät fast permanent aus den Fugen, um das Zitat einer Figur aus Makkais Roman aufzugreifen: Im Kleinen, wenn familiäre oder Paarbeziehungen auseinanderbrechen, wenn Krankheit und Tod Biographien erschüttern, im Großen durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs, durch die Aids-Pandemie, die ab den 1980er Jahren große Teile der Gesellschaft bedroht und stigmatisiert, durch die terroristischen Anschläge im 21. Jahrhundert. Doch da das Schicksal der Individuen unmöglich von den gesellschaftlichen Ereignissen isoliert betrachtet werden kann, verflicht Makkai die historisch-gesellschaftliche Ebene untrennbar mit den privaten Biographien ihrer Figuren. So entsteht vor dem historischen Hintergrund von Aids etwa eine gesteigerte Komplexität der Schuldgefühle, da Untreue auf einmal über die emotionale Verletzung hinaus auch zum körperlichen Todesurteil werden kann. Die private Verantwortung des Einzelnen bekommt eine gesellschaftliche Dimension, die wiederum Einfluss auf die Gestaltung der individuellen Beziehungen hat.

Diesem inhaltlich differenzierten und komplexen Ineinander von Individuum und Geschichte, von privater und gesellschaftlicher Verantwortung wird die Autorin auch in Form und Ausdruck gerecht, und die gelungene Übersetzung von Bettina Abarbanell transportiert den authentischen Stil des Originals auch wunderbar ins Deutsche. Denn Makkai verzichtet auf Pathos, aber nicht auf Emotion, sie reflektiert die moralischen Verstrickungen ihrer Figuren, ohne zu moralisieren, sie gibt tiefen Einblick in deren bewegte, auch widersprüchliche Gedankenwelt, die Erzählung ist spannend, nach vorne drängend und zugleich nachdenklich und reflektierend. Und nicht nur die Hauptfiguren Yale und Fiona, die einem im Laufe des Romans ans Herz wachsen, werden mit viel Feingefühl porträtiert, sondern auch die vielen Weggefährten, die dank der lebendigen Dialoge Individualität und Kontur bekommen: Die schwule Community etwa, in der es neben Solidarität, Warmherzigkeit und Anziehung natürlich wie überall auch Spannungen, Streit und Zerwürfnisse gibt, wird in der individuellen Vielfalt ihrer Charaktere gezeigt, die zugleich ein größeres gemeinsames Schicksal teilen.

Die Optimisten ist der dritte Roman von Rebecca Makkai, und in den USA hat er bereits große Begeisterung entfacht: Um herauszufinden warum, fängt man am besten einfach an zu lesen — nach wenigen Seiten wird einen die Geschichte in ihren Bann geschlagen haben! Und am Ende ist man vielleicht erschüttert, aber nicht zerstört. Denn die Botschaft, die dieser komplexe und doch so flüssig lesbare Gesellschafts-, Kunst- und Aids-Roman vermittelt, ist die einer im Zeichen der Desillusion stehenden, der Realität ins Auge blickenden, aber dennoch das Leben bejahenden, mit Verantwortung verbundenen Hoffnung:

„Das ist der Unterschied zwischen Optimismus und Naivität. Keiner hier im Raum ist naiv. Naive Menschen haben noch keine echte Prüfung hinter sich, deshalb meinen sie, ihnen könne nichts passieren. Optimisten wie wir haben schon etwas durchgemacht und stehen trotzdem jeden Tag auf, weil wir glauben, wir könnten verhindern, dass es noch einmal passiert. Oder wir tricksen uns einfach aus, um das zu glauben.“

Makkai, Die Optimisten, S. 511

Rebecca Makkai: Die Optimisten, Eisele (2020)
Aus dem amerikanischen Englisch von Bettina Abarbanell
ISBN: 9783961610778

bookmark_borderOliver Scherz: Ein Freund wie kein anderer — Im Tal der Wölfe

Die einfühlsam und in so gar nicht kindlicher, aber trotzdem für Kinder verständlicher und sehr schöner Prosa erzählte Geschichte der außergewöhnlichen Freundschaft von Erdhörnchen Habbi und Wolf Yaruk findet ihre Fortsetzung im „Tal der Wölfe“.

Nach dem Winterschlaf hofft Habbi, seinen Wolfsfreund wieder zu sehen. Tatsächlich wartet Yaruk schon auf ihn, doch irgendwie hat er sich verändert. Ein erwachsener Ernst hat sich in sein spielerisches Wesen geschlichen, und Habbi, der doch am liebsten möchte, dass alles ist wie früher, erfährt nach und nach, was in der Zeit seines Winterschlafs im Wolfsrudel alles passiert ist und dass sein Freund auf einmal eine Verantwortung innehat, die mit ihrer Freundschaft schwer vereinbar ist.

Zuerst aber verbringen die beiden einen ausgelassenen Tag des Wiedersehens, bis das plötzlich steigende Wasser im reißenden Bach, der Habbis Erdhörnchendorf vom Tal der Wölfe trennt, Habbi den Rückweg versperrt. Yaruk nimmt ihn kurzerhand mit zu seinem Rudel, und ein nicht ganz ungefährliches Abenteuer beginnt.

Die beiden Freunde machen die Erfahrung, dass Liebe, Freundschaft, Fürsorge, Familie, Verantwortung und Gewissen starke Kräfte sind, die aber bisweilen miteinander in Konflikt geraten können. Dann gilt es, eine Entscheidung zu treffen, und das ist alles andere als einfach! Doch wenn zwei sich gern haben, können sie vielleicht auch Grenzen überwinden…

Ein wunderschönes und auch spannendes Vorlesebuch, das natürlich ein gutes Ende hat und einen außerdem nicht zuletzt dank des angenehm unaufdringlichen, aufs Wesentliche reduzierten und zugleich sehr liebevollen Pinselstrichs der Illustratorin Barbara Scholz in eine bezaubernde Welt der Tiere und der Natur entführt.

Altersempfehlung
Ab 6 Jahren

Bibliographische Angaben

Oliver Scherz: Ein Freund wie kein anderer — Im Tal der Wölfe, Thienemann-Esslinger (2020)
ISBN: 9783522185288

Bildquelle
Oliver Scherz, Im Tal der Wölfe
© 2020 Thienemann-Esslinger Verlag

bookmark_borderHolly-Jane Rahlens: Das Rätsel von Ainsley Castle

Elizabeth, für ihre Freunde Lizzy, zieht mit ihrem Vater zu dessen Freundin — die zu Lizzys Leidwesen bald seine Frau sein wird — an die schottische Küste. Anstatt sich an der idyllischen Gegend zu erfreuen und das neue Familienleben zu genießen, fühlt sich Lizzy in der neuen Umgebung unwohl, ihrer Stiefmutter in spe begegnet sie mit Misstrauen, merkwürdige Schwindelanfälle setzen ihr zu. Aber dann lernt sie den hübschen Mack kennen und kurz darauf auch Betty, die ihr bis aufs Haar gleicht und eine weniger aufmüpfige, weniger aufgeweckte, weniger belesene, wenngleich sehr sympathische und scheinbar perfektere Version ihrer selbst ist. Unversehens sieht sich Lizzy in ein rätselhaftes und ziemlich gefährliches Abenteuer katapultiert. Sie erhält seltsame, bedrohliche Emails von einem unbekannten Absender, der in ihre geheimsten Gedanken und Gefühle hineinblicken kann, ihr Vater schwebt in Lebensgefahr und Lizzy ist sich nicht sicher, welchem Erwachsenen sie noch trauen kann. Zum Glück stehen ihr mit Mack und Betty zwei treue und mutige Freunde zur Seite, und die drei machen sich auf den Weg durch den Wald zur sagenumwobenen Burgruine, um die drohende Gefahr noch irgendwie abzuwenden…

Die Autorin erzählt ihre etwas andere Abenteuergeschichte lebendig und spannend und aus der erfrischenden Perspektive eines verunsicherten und zugleich mutigen, störrischen und zugleich sensiblen Teenagers. Das Besondere ist, dass der Familien-, Liebes- und Abenteuerroman bald fiktionsironisch gebrochen wird, als sich die drei Figuren wie ein Zitat von Pirandello auf die Suche nach ihrer Autorin machen und eine kleine Deutschstunde in Sachen allwissender und personaler Erzähler in den Roman eingebaut wird, die vielleicht etwas didaktisch daherkommt, aber immerhin wesentlich zur Rettung aus der Gefahr beiträgt. Schließlich bleibt Das Rätsel von Ainsley Castle trotz der nicht ganz überzeugenden Auflösung des Konflikts ein sehr unterhaltsamer Freundschafts- und Abenteuerroman.

Altersempfehlung
Ab 11 Jahren

Bibliographische Angaben
Holly-Jane Rahlens: Das Rätsel von Ainsley Castle, Rowohlt (2020)
ISBN: 9783499217470

Bildquelle
Holly-Jane Rahlens, Das Rätsel von Ainsley Castle
© 2020 Rowohlt Verlag