bookmark_borderLana Bastašić: Fang den Hasen

Dürers Hase ist so etwas wie das versteckte Symbol dieses aufwühlenden Romans, der die konfliktreiche Geschichte zweier Kindheitsfreundinnen aus Banja Luka ebenso leidenschaftlich wie bildgewaltig erzählt und ihre später so divergierenden Lebenswege in Beziehung zu den Nachwirkungen der Gewalt und der ethnischen Konflikte im früheren Jugoslawien setzt. Ein tückisches Symbol allerdings, eines, in das sich der Zweifel an der scheinbar so realitätsgetreuen Abbildung eingeschlichen hat, und mit ihm die von der Autorin immer wieder mit einem fiktionsironischen Augenzwinkern aufgeworfene Frage nach dem Einfluss der Emotionen, der subjektiven Bilder des eigenen Innenlebens auf die Erzählung und ihre Verwobenheit mit dem immer nur bruchstückhaft funktionierenden Prozess der Erinnerung.

Dürers Hasen erwähnt, so erinnert sich die Ich-Erzählerin Sara, ihre Freundin Lejla das erste Mal, als die beiden Lejlas weißen Hasen, strenggenommen ein Kaninchen, beerdigen. Ihr Bruder Armin habe als kleiner Junge fasziniert das berühmte Kunstwerk angefasst und so im Museum den Alarm ausgelöst. Zu dem Zeitpunkt, als Lejla das erzählt, ist Armin bereits einige Jahre verschwunden, Schmerz und fehlende Worte haben die Beziehung der beiden heranwachsenden Freundinnen aus dem ohnehin nie vollkommenen kindlichen Gleichgewicht gebracht. Diese Szene ist eine der vielen eingeschobenen Erinnerungen Saras an ihre gemeinsame Vergangenheit mit Lejla, die sie in diesen Einschüben stets in der Du-Form anredet, was der Lektüre eine große Intensität und Eindringlichkeit verleiht und durch die fingierte Dialogizität auch das enge, wenngleich sehr strapazierte Band zwischen den beiden Freundinnen spürbar macht.

Eigentlicher Ausgangspunkt der Erzählung ist ein Anruf Lejlas bei Sara, nachdem sie zwölf Jahre nichts mehr voneinander gehört hatten. Sara ist während des Studiums nach Dublin gezogen und dort geblieben, sie lebt mit einem Iren zusammen und arbeitet als Schriftstellerin und Übersetzerin, zu ihrer Familie sowie zu ihrem Heimatland Bosnien besteht so gut wie keine Verbindung mehr. Heimat ist für sie ein englisches Wort geworden:

Home war nicht Bosnien. Bosnien war etwas anderes. Ein verrosteter Anker in irgendeinem verpissten Meer. Man schürfte sich auf und bekam Tetanus, auch nach so vielen Jahren.

Lana Bastašić, Fang den Hasen

Auch zwischen ihr und ihrer ehemals besten Freundin Lejla muss in der Vergangenheit etwas vorgefallen sein, so sehr wirft Sara dieser Anruf aus der Bahn. Doch obwohl sie gerne abweisend reagieren und Lejla mitsamt der ganzen bosnischen Vergangenheit vergessen würde, lässt sie sich von ihr zurück in das Land ihrer Herkunft dirigieren: Sara soll Lejla in Mostar abholen und mit dem Auto nach Wien fahren — wo Lejlas Bruder Armin nach all den Jahren wieder aufgetaucht sein soll. Der abwesende Armin, das wird im Verlauf der Erzählung deutlich, ist noch immer latentes Bindeglied und wunder Kristallisationspunkt so vieler unausgesprochener Ängste und unverarbeiteter Erinnerungen im Leben der beiden jungen Frauen; er ist ein gegenseitiges unausgesprochenes Versprechen, das gebrochen wurde, und das nun viele Jahre später vielleicht wieder erneuert werden kann?

Wir wussten, dass Armin am Leben war. Dieses Wissen verband und mehr als die gemeinsame Schulbank. Jetzt war es unsere Pflicht, bis ans Ende zusammenzubleiben, so lange, bis dein Bruder wieder auftauchte. Wenn wir uns zerstritten, wenn wir uns trennten, würde sich mit uns auch dieses fragile Wissen auftrennen. Als wäre im Stoff unserer Freundschaft sein ganzes Leben eingewebt. Es gab ihn nur noch dort.

Lana Bastašić, Fang den Hasen

Die Reise von Lejla und Sara ist eine Reise in die gemeinsame Vergangenheit und in die Vergangenheit ihres Landes. Die Ich-Erzählerin formuliert es einmal so:

Durch Bosnien zu fahren verlangte eine andere Dimension: die eines verkehrten Wurmlochs, das nicht zu einem äußeren, wirklichen Bestimmungsort führt, sondern in die düsteren, kaum begehbaren Tiefen des eigenen Wesens.

Lana Bastašić, Fang den Hasen

Die Wiederannäherung der beiden Frauen gestaltet sich dabei genauso schmerzhaft, verletzend und widerborstig wie Saras Wiederannäherung an das von ihr zurückgelassene Heimatland, auf das sie auch körperlich geradezu mit Abwehr reagiert und das doch mit aller Macht wieder von ihr Besitz ergreift. Sie stellt sich vor, wie Lejla ihr neues Dubliner Leben abschätzig begutachtet, und in diesem imaginierten Blick liest sie ihren eigenen schonungslosen Blick auf sich selbst, den sie in Bosnien, in Lejlas Anwesenheit nicht mehr unterdrücken kann:

Sie [Lejla] würde nicht mal etwas sagen, nur mit den Augen würde sie mir Europa ausziehen wie einer Neureichen den Pelzmantel und die Narben des Balkans schamlos an die Öffentlichkeit zerren.

Lana Bastašić, Fang den Hasen

Die individuelle Geschichte der einander in Hassliebe verbundenen Freundinnen erinnert nicht nur wegen der vielschichtigen Gefühlsebenen, sondern auch wegen der selbstreflexiven Elemente des Textes an Elena Ferrantes neapolitanische Protagonistinnen; in beiden Texten ergibt sich eine wesentliche erzählerische Spannung daraus, dass die eine der Freundinnen, die schriftstellernde, das immer wieder sich entziehende und so faszinierende Wesen der anderen, daheim und arm gebliebenen, einzufangen versucht. Das ist bereits für sich literarisch und emotional überzeugend erzählt. Doch in diesen individuellen Lebens- und Gefühlswegen der Figuren spiegelt sich, ohne dass diese Überlagerung überstrapaziert würde, die Geschichte des von einem schrecklichen Krieg noch immer versehrten Landes sowie die Geschichte einer ganzen Generation, die das Erbe dieser Gewalt auf ihren Schultern trägt und sich zwangsläufig zu diesem irgendwie verhalten muss.

Die politischen und religiösen Konflikte sind in Bastašićs Text auf unterschwellige Weise omnipräsent; sie kommen nicht in der direkten Darstellung kriegerischer oder verbrecherischer Handlungen, sondern eher andeutungsweise und sekundär, oft auch in den psychischen und gleichwohl ganz realen Auswirkungen auf die Menschen zum Vorschein. So ist die Gewalt latent vorhanden, wenn Lejlas Bruder verschwindet, während ein gleichfalls muslimischer Freund von ihm später tot aus dem Fluss gefischt wird. Oder wenn Lejlas Familie ihren Namen ändert, das Muslimische daraus tilgt, so dass aus Lejla Begić auf einmal Lela Berić wird. Der gewaltsame Mechanismus von Inklusion und Exklusion wird auch von Sara unbewusst imitiert, als sie sich, anders als ihre Freundin Lejla, der stärkeren Schülergruppe anschließt und ein aus dem Nest gefallenes Vögelchen tötet, was in ihr ein Scham- und Schuldgefühl gegenüber Lejla hervorruft, das sie lange nicht recht einordnen kann. Doch vor dem Hintergrund einer anderen Szene im Elternhaus von Sara, an die sie sich gleichfalls später wieder erinnert, bekommt dieses brutale Kinderspiel noch eine ganz andere Dimension: Etwa zur gleichen Zeit nämlich, als Lejla zu Lela wird, feiert man bei Sara zuhause zum ersten Mal Slava, das traditionelle orthodoxe Fest zu Ehren des Familienheiligen, doch in der eigentlich nicht sehr gläubigen serbischen Familie, die auf diese Weise ihre Zugehörigkeit zur staatstragenden Mehrheit nach außen zur Schau tragen will, wirken die festlichen Handlungen unbeholfen, aufgesetzt. Die Polarisierung und Politisierung des Glaubens deutet sich in solchen Szenen und Bildern immer wieder an, ohne explizit als solche benannt zu werden.

Aus all diesen Szenen, die vor dem inneren Auge der sich erinnernden Erzählerin wieder aufleben, setzt sich die Geschichte der beiden jungen Frauen erst andeutungsweise und dann in immer größerer Dichte zu einem komplexen und spannungsreichen Erinnerungsbild zusammen. Dabei wird das Prozesshafte des Erzählvorgangs immer wieder herausgestellt, es ist ein Erzählen, das seine Subjektivität hervorkehrt, das zweifelnd, suchend, verwerfend, fragend, tastend vorgeht. Sara ist sich der Subjektivität und Lückenhaftigkeit ihrer Erinnerung bewusst:

Vielleicht ist das Erinnern für mich wie ein zugefrorener See — trüb und glatt –, an dessen Oberfläche sich von Zeit zu Zeit ein Riss auftut, durch den ich meine Hand stecken und ein Detail, eine Erinnerung im kalten Wasser fassen kann. Doch zugefrorene Seen sind heimtückisch. Mal erwischt man einen Fisch, ein anderes Mal bricht man ein und ertrinkt. Aus Erfahrung weiß ich, dass fast alle Erinnerungen an die die Tendenz zu Letzterem haben. Deshalb hatte ich mich auch zwölf Jahre lang bemüht, mich nicht zu erinnern.

Lana Bastašić, Fang den Hasen

Und ebenso bewusst ist ihr die Schmerzhaftigkeit, die in der Erinnerung mit eingeschlossen oder, um im Bilde zu bleiben, eingefroren ist und die mit Wucht über einen hereinbricht, wenn der zugefrorene See des Vergessens Risse zeigt.

Eine weitere Protagonistin des Romans ist somit die metaphernreiche Sprache, mit der die Autorin die vielschichtigen Gefühle und Gedanken ihrer Figuren zugleich intensiv und doch mehrdeutig zum Ausdruck zu bringen versteht. Lana Bastašić neigt ein wenig dazu, sich von ihren schillernden Sprachbildern hinreißen zu lassen, doch sind diese stets auch durchdacht, tauchen an anderen Stellen leicht verändert wieder auf und machen den Text zu einer fortwährenden Metamorphose, die auch einen großen Lesesog erzeugt und einen davor bewahrt, in einem vorgefertigten Urteil über die Figuren und ihre Geschichten zu verharren. Trotzdem sucht die Ich-Erzählerin, für die Sprache Beruf und Berufung ist, natürlich nach der Wahrheit in den Erinnerungen an die gemeinsame Vergangenheit. Und war die Literatur nicht früher auch eine Art sinnstiftender Code der Freundschaft der beiden Mädchen? Über Jahre hinweg spielten sie immer wieder das Spiel, anhand eines Zitats den Buchtitel zu erraten, aus dem dieses entnommen war. Dieses Spiel war auch ein Code des gegenseitigen Verstehens, eine Art uneigentliches Sprechen, wie es ja auch die Sprache der Literatur kennzeichnet. Doch gerade von Lejla kommt der Vorwurf, Sara konstruiere eine Geschichte, die so nur in ihrer Fantasie stattgefunden habe; und tatsächlich streut die Autorin bzw. die Ich-Erzählerin selbst, indem sie punktuell auch Lejlas Gegenerzählungen wiedergibt, immer wieder Unsicherheitsstellen in den Text ein. Liegt die Wahrheit wirklich in den Worten? Und liegt das wahre Wesen Lejlas wirklich in ihrem alten Namen, mit dem nur Sara sie noch anredet, ihn symbolisch aufladend, ja fast magisch überhöhend?

Letztlich verhandelt der Roman nichts weniger als die Frage nach dem Verhältnis von Kunstwerk und Wahrheit, und folgerichtig stehen die beiden Frauen am Ende ihrer gemeinsamen Reise, die eigentlich kein konkretes erreichbares Ziel haben kann, sondern therapeutischer und metaphorischer Art ist, in Wien vor Dürers Hasen. Wird Sara hier den verschollenen Armin wiedersehen? Oder ist auch er zu einem Bild in ihrer Erinnerung geworden, das sich längst von der Wirklichkeit entfernt hat? So sehr sie die Wiederbegegnung mit diesem früher so faszinierenden Jungen herbeisehnt, der im gewaltsamen Chaos der ethnischen Auseinandersetzungen verschwunden ist, so sehr fürchtet sie sich auch vor der Konfrontation mit ihrer Vergangenheit in einer Familie, in einem Land, in einer Zeit, die unübersehbare Narben hinterlassen hat, die auch nicht verschwinden, wenn man wie Sara Bosnien den Rücken gekehrt hat.

Sie [Lejla] erinnerte mich daran, dass der natürliche Zustand dieser Welt Unordnung war und dass unsere Leben, die um die Anstrengung herum organisiert waren, Ordnung in all dieses Chaos zu bringen, eigentlich nichts anderes waren als ein Spiegelbild endloser Arroganz.

Lana Bastašić, Fang den Hasen

Sicher geht man nicht zu weit, wenn man die Autorin selbst ein bisschen in ihrer Ich-Erzählerin wiederzufinden meint; auch die in Bosnien aufgewachsene Lana Bastašić ist ausgewandert, hat in Irland gelebt, dann in Spanien, und auch sie verwandelt ihre Erfahrungen in Kunst, transponiert das Chaos der Welt in die alles andere als arrogante, vielmehr komplexe und ambivalente Sprache der Literatur.

Bibliographische Angaben
Lana Bastašić: Fang den Hasen, S. Fischer (2021)
Aus dem Bosnischen von Rebekka Zeinzinger
ISBN: 9783103970326

Bildquelle
Lana Bastašić, Fang den Hasen
© 2021 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

bookmark_borderOlga Grjasnowa: Der verlorene Sohn

Der verlorene Sohn ist ein eher schmales Buch, das aber in einer wie von selbst dahinfließenden Sprache wahrhaft ein ganzes Menschenleben hervorzaubert: ein Leben, hin und her katapultiert zwischen zwei Welten, die mehr vielleicht als durch Tradition, Kultur und Glauben durch die Gewalt des Krieges gänzlich unvereinbar scheinen, ein Leben, das allen Fremdbestimmungen zum Trotz mit Mut und Hoffnung gestaltet wird, ein Leben, das dann auch wirklich die aufregendsten Wendungen nimmt und doch so unendlich traurig endet…

Jamalludin ist der Sohn des Imams Schamil, der in der Mitte des 19. Jahrhunderts im Nordkaukasus sein kleines Reich gegen die Übermacht der Russen verteidigt. Als sein muslimisches Volk der Belagerung angesichts des Hungers und der vielen Toten in diesem ungleichen Kampf gegen die russische Armee nicht mehr länger standhalten kann, sieht Schamil sich gezwungen, für Waffenstillstandsverhandlungen seinen ältesten und doch noch so jungen Sohn Jamalludin den Russen als Pfand anzuvertrauen. Doch anders als versprochen wird Jamalludin nach den dreitägigen Verhandlungen nicht wieder freigelassen, sondern nach Sankt Petersburg zum Zaren gebracht, der fortan über den weiteren Lebensweg des potentiellen Nachfolgers an der Spitze dieses kleinen kaukasischen Volkes entscheidet.

Die Ängste und Herausforderungen, die seit seinem Abschied von der geliebten und vertrauten Familie über den Jungen hereinbrechen, der — und das durchzieht wie eine leitmotivische Grundspannung die ganze Handlung — so völlig der Willkür der anderen ausgeliefert ist, am Anfang nicht einmal die Sprache versteht, geschweige denn die Umgangsformen der höheren russischen Gesellschaft kennt, in die er nun Schritt für Schritt eingeführt wird, schildert Olga Grjasnowa auf sehr einfühlsame und zugleich reflektierte Weise. Nie klingt ihr Stil lamentierend oder gefühlsduselig, und doch führt sie den Leser ganz nah an die Gefühle, das Innenleben des Protagonisten heran, an seinen Schmerz über die Trennung von der Familie, seine Sehnsucht nach Zugehörigkeit, seine Einsamkeit inmitten der geselligen Kameraden.

In eindrücklichen Szenen, die mitunter an die großen russischen und französischen Gesellschaftsromane des 19. Jahrhunderts erinnern, deren Lektüre auch für den Protagonisten prägend ist, erzählt die Autorin von den Begegnungen, Beobachtungen und Erfahrungen, die Jamalludin mit der ihn umgebenden Außenwelt macht, von seinen unermüdlichen Anstrengungen, sich immer wieder in eine neue Umgebung einzufügen, ohne dabei seine Herkunft zu verleugnen, sich als Heranwachsender eine eigene Persönlichkeit zu formen, sich zu bilden, ein Leben zu leben, und ja, ganz behutsam auch eine Liebe, zu einer Frau, die ihrerseits gegen ganz andere gesellschaftliche Vorurteile kämpft.

Dieser kulturelle und existentielle Spagat erweist sich jedoch als eine schier übermenschliche Aufgabe, hat Jamalludin doch in Russland, protegiert vom Zaren, dessen strategische Absichten ihm nie offen gelegt werden, keinerlei Kontakt mehr zu seiner Familie. Die Briefe, die er an den Vater schreibt, bleiben jahrelang unbeantwortet, die Sprachen, die er nun fließend spricht, sind andere als die immer mehr ins Vergessen rückende Muttersprache des Awarischen. Er reift zum jungen, gebildeten Mann heran, bewegt sich in adligen Kreisen und blickt schließlich als russischer Offizier einer möglichen Konfrontation mit den Kriegern seines Vaters entgegen, der sich weiterhin gegen die Russen zur Wehr setzt. Doch bevor es soweit kommt, ändert sich wieder einmal der Lauf der Geschichte, und der verlorene Sohn muss erneut von heute auf morgen das Leben, das er sich aufgebaut hat, im Stich lassen und kehrt, wiederum als Tauschobjekt im nicht enden wollenden Krieg, zurück zu seinem Vater, zurück in seine Heimat, in der er misstrauisch beäugt wird und sich nach all den Jahren in der Ferne von Neuem als Fremder fühlt…

Der verlorene Sohn, der vor dem Hintergrund des Krimkriegs und der kriegerischen Auseinandersetzungen Russlands mit den Völkern im Kaukasus angesiedelt ist, den Tscherkessen, Georgiern, Tschetschenen, ist ein historischer Roman in dem Sinne, dass hier ein menschliches Schicksal nicht etwa vor einer bloß historisierenden Kostümkulisse, sondern wirklich im direkten Zusammenhang mit der geschichtlichen Realität des 19. Jahrhunderts erzählt wird. Und diese historische Wirklichkeit erscheint in einem ganz klar literarisierten Gewande, in der Form eines poetischen Realismus, der, ausgehend von einer anschaulich und mitreißend geschilderten fiktiven Lebensgeschichte, ein zeitenthobenes menschliches Schicksal entwirft: das Schicksal eines Menschen, der seine Individualität unablässig gegen die Macht der Geschichte aushandeln muss und dessen verzweifelte Suche nach Autonomie, nach Identität und Zugehörigkeit in dieser Welt nie an ihr Ende gelangt.

Ein schönes, ein melancholisches und ein tieftrauriges Buch, das eine Versöhnung, eine Verständigung zwischen den Kulturen als durchaus menschenmögliche Utopie in den Raum stellt.

Bibliographische Angaben
Olga Grjasnowa: Der verlorene Sohn, Aufbau Verlag (2020)
ISBN: 9783351037833

Bildquelle
Olga Grjasnow, Der verlorene Sohn
© 2020 Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

bookmark_borderAyad Akhtar: Homeland Elegien

Auch literarische Gattungsbezeichnungen dienen natürlich dazu, dem Leser Orientierung zu geben und ihm eine Wiederkehr an einen vertrauten Ort zu versprechen. Ganz besonders ist das bei der gegenwärtig wohl beliebtesten Gattung „Roman“ der Fall, zu welcher auch Ayad Akhtars neues Buch gehören soll. Doch die Literatur als Kunstform entzieht sich nicht selten einer solch eindeutigen Zuordnung, ja kann vielmehr gerade durch einen stilistisch gewandten individuellen, ästhetisch freien Umgang mit Sprache und Struktur an literarischer Bedeutung gewinnen.

Der Autor der Homeland Elegien erweist sich nun gerade in diesem Buch als ein Schriftsteller, der sich Einordnungen aller Art immer wieder entzieht, ein natürliches Misstrauen gegenüber einfachen Zuschreibungen hegt und mit Genuss die Widersprüche und die mal staunenswerte, mal irritierende Vielfalt, die sich dahinter verbergen, zu Tage treten lässt. So wäre, obwohl Akhtar seinem Ich-Erzähler seinen eigenen Namen gegeben hat, auch die Bezeichnung „Autobiographie“ zu kurz gegriffen, da eine Herzensangelegenheit des Autors gerade darin besteht, Fiktion und Realität, Autor und Werk, nicht vorschnell in eins zu setzen, wie das bei seinen Theaterstücken in der Vergangenheit bereits passiert ist. Nicht zuletzt ist der Text auch eine künstlerisch freie Stellungnahme zu all den in der geschwätzigen (sozialen) Medienwelt kursierenden Spekulationen über den Autor preisgekrönter und zugleich umstrittener Dramen (v.a. Disgraced aus dem Jahr 2012 über muslimische Einwanderer in Amerika). Man könnte nun eine ganze Weile weitersuchen und Begriffe wie Autofiktion, literarischer Essay, anekdotenhafte Memoiren, humoristisch-philosophisches Tagebuch gegeneinander abwägen, um sich der Besonderheit seines Textes zu nähern. Vielleicht aber kommt man diesem intellektuell erfrischenden Buch, das einen immer wieder zum Lachen bringt und charmant provokant und hellsichtig auch den empörendsten Verhaltensweisen auf den Grund geht, eher mit den folgenden Zeilen aus dem Text selbst auf die Spur. Das autofiktionale Ich beschreibt hier, welcher Art die Notizen sind, die es sich — vielleicht ähnlich wie der Autor — immer wieder über die Erlebnisse und Eindrücke des Tages macht:

Die Technik, die ich für diese Aufzeichnungen anwendete, verdankte viel dem Traumtagebuch, das ich jahrelang geführt hatte. Ich kümmerte mich nicht um die Chronologie und legte großen Wert auf Details. Je lebendiger ein Fragment, ein Geräusch, ein Bild war — und je gründlicher ich es sprachlich verarbeitete –, desto ergiebiger war das Assoziationsfeld, das es erzeugte. Der Prozess war nicht intuitiv; es war, als würde ich die ursprünglichen Sedimentschichten auf einem zutage geförderten Erzklumpen identifizieren. Der Geist erinnerte sich an das Wesentliche und vergaß die Schlacke, doch gerade die enthielt so viel Leben.

Ayad Akhtar, Homeland Elegien

Eben diese chronologische Freiheit und diese tief unter der scheinbar glatten Oberfläche grabende Detailversessenheit sind charakteristisch für den Stil des ganzen Buches, das in großen thematischen Kapiteln einzelne Episoden aus der Vergangenheit des Ich-Erzählers, seiner Freunde und insbesondere seiner eigenen Familie enthält, in denen das Dialogische stark in den Vordergrund tritt und den intelligenten, alles hinterfragenden und sehr oft (selbst)ironischen Reflexionen des Erzählers eine bestechende Anschaulichkeit verleiht. In dieser komplexen und unorthodoxen Form gelingt dem Autor ein tiefer, subtiler und einfach hochinteressanter Einblick in die latenten psychologischen und gesellschaftlichen Antriebe und Widersprüche, Bedürfnisse und Ängste der amerikanischen Bevölkerung der Gegenwart. Ob es um Verwerfungen im Bereich des Gesundheitssystems, des Finanzsektors oder um die himmelschreiende Ungleichheit zwischen ländlichen und städtischen Regionen geht, immer wieder dringt er am ganz individuellen menschlichen Beispiel auch zu ökonomischen Strukturen vor, die das Denken, die (Vor-)Urteile und Verhaltensweisen der Menschen nachhaltig beeinflussen.

Bei all seinen Beobachtungen, die in einem Ton verfasst sind, in dem frech und ernsthaft, Anteil nehmend und kritisch entlarvend, involviert und analysierend, schmerzhaft und ironisch-witzig keinen Widerspruch bilden, stehen die einzelnen Menschen und ihre individuellen Geschichten im Vordergrund. Letztlich werden auch die abstrahierenden Schlüsse, die der sich gleichfalls immer wieder selbst in seinen Motiven und Urteilen erforschende Ich-Erzähler daraus zieht, nicht als endgültige Wahrheiten präsentiert. Allen porträtierten Verhaltensweisen liegen Biographien zugrunde, die zwar einiges erklären, doch sowohl in sich Brüche und Widersprüche aufweisen, so dass ein gebildeter muslimischer Kardiologe wie sein Vater eine Zeitlang Donald Trump verfallen ist, als auch untereinander kaum pauschal miteinander verglichen werden können. Es steht dem Autor fern, sich von einer bestimmten Gruppe oder einem Kollektiv vereinnahmen zu lassen. Gleichwohl er durchaus intensiv ergründet, inwiefern auch seine eigene Herkunft ihn in seinem Denken und Fühlen beeinflusst und gleichwohl er zahlreiche scheinbar alltägliche Situationen eines schmerzhaft am eigenen Leibe erfahrenen Rassismus schildert, erhebt er das Thema „race“ nicht zur identitätsstiftenden Maxime. Der Blick bleibt konsequent auf den einzelnen Menschen gerichtet und erreicht doch gerade dadurch eine umso ausgeprägtere Differenziertheit und Diversität, die der Autor schon in den so divergierenden Ansichten in seiner eigenen Familie erlebt.

Wenn ich überhaupt etwas in der albernen Schwärmerei meines Vaters für Trump sah, dann ein menschliches Element — schwach und irrational –, und das passte nicht in das klare Bild, das Mike vom Geist Amerikas zeichnete. Als Künstler vertraute ich eher dem Durcheinander.

Ayad Akhtar, Homeland Elegien

Gerade diese widerspenstige Detailversessenheit aber macht das Buch so sympathisch und so bereichernd! Und vor allem auch zu einem großen literarischen Kunstwerk, das — so die selbstverständlich auch keineswegs unhinterfragte These der Literaturprofessorin des Ich-Erzählers — die Welt vielleicht nicht gleich besser macht, aber doch bestimmt ein wenig die Augen zu öffnen vermag und so die beste Illustration dieser in die Kunst vertrauenden These darstellt.

Bibliographische Angaben
Ayad Akhtar: Homeland Elegien, Claassen (2020)
Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren
ISBN: 9783546100144

Bildquelle
Ayad Akhtar, Homeland Elegien
© 2020 Claassen in der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin

bookmark_borderDante Medema: Diese eine Lüge

Wer bin ich und was bleibt von mir, wenn meine Herkunft auf einer Lüge aufbaut? Diese auf einmal existentielle Form annehmende Frage drängt sich der Ich-Erzählerin Delia auf, als sie bei einem Projekt für die Schule ihre DNA testen lässt. Es stellt sich heraus: Ihr Vater ist nicht ihr biologischer Vater. Ist also alles eine einzige Lüge, ihre Familie, ihre Herkunft, ihr ganzes Leben?

Die nordamerikanische Autorin Dante Medema hat einen Jugendroman geschrieben, der mitten hineintrifft in die Fragen, Sehnsüchte und Ängste, die eigentlich jeden Teenager irgendwann in der einen oder anderen Weise ereilen, durcheinanderbringen und den moralischen und emotionalen Kompass verrückt spielen lassen: einen Roman über Familie, Prägung und Identität, über die erste Liebe, über Freundschaft, Schule und die Gestaltung des künftigen Lebenswegs; einen Roman aber auch, der feste Vorstellungen und Verhaltensweisen hinterfragt und der seinen jungen Lesern über die literarische Begegnung mit vertrauten Konflikten, Unsicherheiten oder Ängsten hinaus vielleicht auch den ein oder anderen neuen Impuls geben kann.

Dieses Erfrischende, Neue, Kreative des Romans, mit dem er sich von anderen Coming-of-Age-Geschichten abhebt, liegt vor allem in der Form, die sich die Autorin für ihr Thema gewählt hat. Der Text wechselt nämlich ab zwischen der Teenagern heute vertrauten Kommunikationsform verschiedenster elektronischer Nachrichten einerseits und der auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinenden lyrischen Form in freien Versen andererseits, in der die Hauptfigur und Erzählerin bzw. Dichterin Delia ihren Gefühlen und Gedanken wunderbar Ausdruck verleihen kann. Die subjektive lyrische Form entspricht der emotionalen und zugleich reflexiven Art Delias, sich mit den Konflikten und Herausforderungen, die sie erlebt, auseinanderzusetzen. Durch die Wahl der freien Versform, die oft auch ein wenig an balladenhafte Songtexte erinnert, lässt sich zugleich auch die Handlung in die lyrischen Zeilen integrieren, und zwar auf eine sehr flüssig lesbare Weise: Man findet schnell in den Rhythmus hinein und gerät bald in einen richtigen Sog, der einen bis zur letzten Seite in Atem hält.

Das Besondere ist, dass das Gedichtemachen selbst Teil der Handlung ist. Denn das Abschlussprojekt, das sich Delia gewählt hat, besteht gerade darin, dass sie in Form von Gedichten ihre Identitätssuche abbildet, in lyrischer Form also ihrer Herkunft auf die Spur kommen möchte. Mehr und mehr zeigt sich jedoch, dass diese Form ihr vor allem auch dabei hilft, sie überwältigende Gefühle zu verarbeiten. Und zum Ärger ihrer Eltern und besten Freundin auch dabei, ihrer großen Liebe Kodiak Jones, der in der Vergangenheit ein wenig auf Abwege geraten ist, wieder näher zu kommen…

So werden die feinen Zwischentöne der Lyrik zu einem Element, das über alle Turbulenzen, Irrungen und Wirrungen, und auch über die genetische Verwandtschaft hinaus, Identität, Nähe und Verbindung schafft.

Altersempfehlung
Ab 13 Jahren

Bibliographische Angaben
Dante Medema: Diese eine Lüge, Thienemann-Esslinger 2020
ISBN: 9783522202718

Bildquelle
Dante Medema, Diese eine Lüge
© 2020 Thienemann-Esslinger Verlag GmbH

bookmark_borderMarco Balzano: Ich bleibe hier

Graun, so heißt das kleine Vinschgauer Dorf am Reschensee, das 1950 gegen den Willen und Widerstand seiner Bewohner komplett geflutet wurde, ein Zufall der geographischen Benennung und doch im Nachhinein mit fast schicksalhaftem, mythisches Unheil prophezeiendem Beiklang…

Zum Glück entgeht der italienische Autor Marco Balzano in seinem neuen Roman der Verführung durch das Mythische. Schlicht und unaufgeregt, und gerade dadurch berührend und glaubhaft, erzählt er in seinem neuen Roman von einigen einschneidenden Kapiteln der Geschichte Südtirols und seiner von ihr gebeutelten Bewohner.

Der schnörkellose, geradlinige, jedes Pathos vermeidende, fast elementare Stil, der sich ganz nah an der ländlich geprägten Lebenswelt der Protagonisten bewegt, die von den historischen Ereignissen mehrfach wie von einer Lawine gewaltsam überrollt werden, passt wunderbar zu der Erzählerin, die sich Balzano für sein durchaus ambitioniertes Vorhaben, die komplexe Geschichte Südtirols im 20. Jahrhundert literarisch einzufangen, erdacht hat. Sie heißt Trina und erzählt ihre Geschichte, die ihrer Familie und die ihres — erst von den italienischen Faschisten, dann von den Nazis, durch Krieg, durch wirtschaftliche Interessen, durch nationalistische Ausgrenzung und Polarisierung — vielfach bedrohten und schließlich komplett vernichteten Dorfes in Form von Briefen an ihre verschwundene Tochter.

Um Bindung und Verlust geht es auf vielen Ebenen in dem Roman, und zugleich um Loyalität und Familie, um existenzielle Ängste, Herkunft und Sprache, Flucht und Vertreibung, um die Notwendigkeit und den Preis politischen oder gesellschaftlichen Engagements. So unterrichtet Trina, die als erste in ihrer Familie studiert hat und Grundschullehrerin geworden ist, die Südtiroler Dorfkinder in ihrer deutschen Muttersprache zeitweise unter großer Gefahr im Untergrund, als die italienischen Faschisten die deutsche Sprache und Kultur und mit ihnen am liebsten auch alle Südtiroler zum Schweigen bringen wollen. Und ihr Mann kämpft sein Leben lang und bis zur völligen Erschöpfung dafür, mit seiner Familie in seinem Heimatdorf Graun leben oder überhaupt überleben zu können, während seine Kinder die Frage nach der Heimat zu seinem großen Schmerz anders beantworten…

Dem scheinbar unbedeutenden individuellen Schicksal wird auf diese Weise die große Geschichte eingeschrieben, die gerade im bescheidenen mikroskopischen Blick auf den Einzelnen ihre erschütternde allgemeinmenschliche Dimension offenbart. Immer wieder gelingen dem Autor poetisch eindringliche Szenen, in denen sich die existenzielle Bedeutung der Geschichte in einzelnen Momentaufnahmen verdichtet. So verbirgt sich hinter der durchaus auch sehr unterhaltsam gestalteten, eher episodischen als epischen Oberfläche ein tiefsinniger Text, in dem die großen Fragen des Daseins und Menschseins anklingen.

Bibliographische Angaben
Marco Balzano: Ich bleibe hier, Diogenes (2020)
ISBN: 9783257071214

bookmark_borderMieko Kawakami: Brüste und Eier

Für mich ist Brüste und Eier die literarische Überraschungssensation aus Japan! Mit jeder Seite hat mich das Buch, bei dem natürlich zuerst der auffällig-amüsante Titel ins Auge sticht, thematisch und stilistisch mehr fasziniert.

Der Roman bebildert eine ganze Palette tradierter und neuer, provozierender und miteinander kollidierender weiblicher Rollenbilder, die Mieko Kawakami, die Autorin, im Laufe der Handlung in ihrem ganz eigenen Stil aus den verschiedenen sehr lebensecht gezeichneten Figuren herausarbeitet. Auf diese Weise entsteht ein differenziertes Gesellschaftsportät, das alle so unterschiedlich gearteten Lebensentwürfe und die Individuen, die dahinter stehen, zugleich ernst nimmt und doch immer wieder auch mit einem humoristischen, entlarvenden Blick bedenkt. Es geht — und hier kann man sich ganz wunderbar mit den Figuren identifizieren — um die tastende, experimentierende, sich vergleichende Suche nach einem Ort für das (v.a. weibliche) Ich in der Gesellschaft.

Dabei ist der Roman alles andere als ein Selbstfindungsratgeber oder ein so genannter „Frauenroman“, er gerät auch nicht in die Nähe eines feministischen Manifests oder eines Thesenromans, sondern er bleibt auf jeder Seite richtig gute fiktionale Literatur, ein polyvalenter Text, der relevante soziale und allgemeinmenschliche Fragen aufwirft und sie in eine spannende Geschichte einbettet.

Los geht diese mit dem titelgebenden ersten Teil, der auf einer Novelle basiert, für die Kawakami 2008 bereits den wichtigsten japanischen Literaturpreis bekam. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Natsuko, einer 30-jährigen Schriftstellerin aus armen Verhältnissen, die noch nichts veröffentlicht hat und sich mit verschiedenen Jobs in der Großstadt Tokyo über Wasser hält. Im Sommer, in dem die Geschichte beginnt, bekommt sie Besuch aus ihrer Heimat Osaka: von ihrer älteren Schwester Makiko, die mit ihrem alternden Körper hadert und von der Idee besessen ist, sich in Tokyo die Brüste vergrößern zu lassen, und deren junger Tochter Midoriko, die den Beginn ihrer Pubertät wie einen Schock durchlebt und seit kurzem aufgehört hat, mit ihrer Mutter zu sprechen. Stattdessen kommuniziert sie, soweit nötig, über ein Notizbuch. In ein weiteres Buch schreibt sie ihre Tagebucheinträge, die im Text mit abgedruckt werden. Sie verraten die Empörung und Verunsicherung, ja die Verzweiflung, mit der Midoriko ihre hormonelle Veränderung vom Kind zur Frau und die damit verbundenen genderspezifischen Zuschreibungen beobachtet. Beim Wiedersehen eines Spielzeugroboters, in den kleine Kinder zum Spaß hineinschlüpfen können, gewinnt ihre Erinnerung an ein solches Erlebnis in ihrer eigenen Kindheit plötzlich eine ganz neue, erschreckende Dimension:

Die Hand bewegt sich. Die Beine bewegen sich auch. Komisch, wenn man, ohne zu wissen, wie es geht, einzelne Teile bewegen kann. Ich bin plötzlich in meinem Körper, und der Körper verändert sich, ständig und ohne mein Zutun. Warum kann mir das nicht einfach egal sein? Der Körper verändert sich weiter. Das ist düster. Diese Düsternis füllt meine Augen, am liebsten würde ich sie zumachen. Aber ich habe Angst, dass ich sie dann nicht mehr aufmachen kann. Meine Augen quälen mich.

Kawakami: Brüste und Eier, Teil I, Eintrag Midoriko

Das Verhältnis Midorikos zu ihrer Mutter ist nicht nur dadurch gestört, dass sie entsetzt über die geplante Schönheitsoperation ihrer Mutter ist, die sie als einen verheerenden Eingriff in die ohnehin beunruhigende weibliche Körperlichkeit empfindet, sondern auch durch ein sozial bedingtes Gefühl der Ohnmacht, hilflos zusehen zu müssen, wie ihre Mutter sich als billige Arbeitskraft in einem Nachtclub ausbeuten lässt, um sich und ihrer Tochter gerade so ein bescheidenes Leben zu ermöglichen.

Natsuko beobachtet die sich zuspitzende und schließlich kathartisch entladende Anspannung zwischen Mutter und Tochter, und macht sich — und hier deutet sich bereits die Schriftstellerin an, die sie im Begriff ist zu werden — ihre eigenen Gedanken über die tieferen Ursachen der Krise:

Oje, dachte ich, den beiden fehlen die Worte. Mir fehlten in dem Moment natürlich auch die Worte. Worte, Worte, wiederholte ich im Geist, aber sagen konnte ich nichts.

Kawakami: Brüste und Eier, Teil I

Die Suche nach Worten, ihre kontextuelle Einordnung und Gewichtung sowie ihre folgenreiche, sich mitunter verselbständigende Wirkung setzt sich auch im zweiten Teil des Romans fort, der etwa ein Jahrzehnt später spielt. Natsuko hat inzwischen recht erfolgreich einen Roman veröffentlicht und arbeitet an einem zweiten, mit dem sie jedoch nicht wirklich gut vorankommt. Die Berufswelt drängt sich nun in den Vordergrund, während im ersten Teil Familie und Herkunft im Zentrum standen. Natsuko trifft sich mit ihrer Agentin, mit Kolleginnen, geht leicht befremdet zu Autorenlesungen, schreibt Essays und denkt eher lustlos über die Weiterentwicklung ihres Romankonzepts nach. Doch unversehens ergreift ein neues Thema Besitz von ihr, schiebt sich mit einem immer nachdrücklicheren Kinderwunsch das Thema der familiären Gestaltung des eigenen Lebens nach vorne, und auch das Thema der eigenen Herkunft lässt sich in diesem Zusammenhang nurmehr schwer verdrängen.

So besucht die inzwischen Ende 30-jährige, allein lebende Natsuko Vorträge und Diskussionsrunden zum Thema Samenspende, wo sie den gleichaltrigen Jun Aizawa kennenlernt, der sich als Betroffener engagiert: Mit einer Samenspende gezeugt, ist er seit langem vergeblich auf der Suche nach seinem leiblichen Vater. Es entwickelt sich zunächst etwas holprig und dann doch ganz behutsam eine Freundschaft zwischen den beiden; Jun und Natsuko kommen sich emotional näher, doch Natsukos Asexualität und Juns als traumatisch empfundene Vaterlosigkeit stellen so einige Hürden bereit, in denen sich persönliche Ängste und gesellschaftliche Tabus zu scheinbarer Unüberwindlichkeit auftürmen.

Die beiden Romanteile erscheinen auf den ersten Blick fast wie zwei eigenständige Geschichten, die sich aber dann sehr stimmig zu einem romanesken Gesamtwerk fügen, verbunden durch die Stimme der Ich-Erzählerin, für die die junge japanische Autorin einen sehr überzeugenden, eigenwilligen und zugleich sympathischen Stil gefunden hat. Denn Natsuko stellt sich permanent infrage, sie lebt ihr Leben reflektiert, beobachtet und sinniert, wie sie sich und ihre Bedürfnisse im Verhältnis zur Gesellschaft, zur Familie, zu den Kollegen und Freunden positionieren soll. Sie macht schmerzhafte Erfahrungen, leidet unter großen Unsicherheiten und Zweifeln, erlebt aber auch intensiv die schönen Momente und durchlebt sehr bewusst die immer wieder an die Oberfläche drängenden Erinnerungen an ihre früh verstorbene Mutter und ihre Großmutter.

Da sich die Handlung an den so vielfältigen Fragen der Weiblichkeit entzündet, steht die Frage nach dem Selbstverständnis der Frau, ihrer Unterdrückung und den in Japan noch immer einflussreichen starren Rollenbildern im Spannungsfeld mit den immer größeren Möglichkeiten der Technik sowie mit generellen Erwartungen und Ansprüchen wie körperlicher Schönheit und Mutterschaft. Ohnehin ein komplexes Gefilde wird es, so zeigt die Autorin anschaulich, umso komplizierter, wenn man in irgendeiner Form aus der Rolle fällt, wie die asexuelle Erzählerin Natsuko, die auch ohne eheliche, sexuelle Bindung ein Kind großziehen möchte.

Über die Form des Dialogs, den Kawakami meisterlich beherrscht, lernt man auf fast beiläufige, aber zugleich sehr direkte und intensive Weise eine Vielzahl verschiedener hauptsächlich weiblicher Biographien kennen. Die Charaktere, die in den Gesprächen, aber auch durch die feinen Beobachtungen der Ich-Erzählerin ganz rund und plastisch hervortreten, haben alle ihre ganz eigene Geschichte, ihre eigene Haltung, und verfolgen, auch wenn das Schicksal mit voller Wucht zugeschlagen hat, doch mehr oder weniger hartnäckig ihren eigenen Weg, der jedoch für jede ein ganz anderer ist.

In Beziehungsfragen genauso wie bei der Frage, ob man sich dafür oder dagegen entscheidet, ein Kind zu bekommen, gibt es keine allgemeine Richtlinie. Und man kann so viele rationale Abwägungen vornehmen, wie man will, letztlich ist es eine Entscheidung, die jede Frau, jeder Mensch immer von neuem für sich treffen muss und die immer auch ein Sprung ins Ungewisse ist, wie es gegenwärtig etwa auch die amerikanische Philosophin L.A. Paul in ihrer Forschung zu Rationalität und Mutterschaft skizziert (vgl. Dies.: Was können wir wissen, bevor wir uns entscheiden? Von Kinderwünschen und Vernunftgründen, Reclam 2020). Und das erahnt nach vielen Gesprächen, Enttäuschungen und Ermutigungen auch die Romanfigur Natsuko immer deutlicher und trifft deshalb am Ende des Romans tatsächlich eine Entscheidung — eine Entscheidung, die ihre eigene ist, und zugleich das Spiel des Lebens, des Zufalls, der Begegnung zulässt…

So vielstimmig hier ein komplexes Thema behandelt wird, so faszinierend ist die écriture, der stilistische Ton der Autorin, der von einem tiefen, anschaulichen und sehr flüssig lesbaren Realismus geprägt ist, sich jedoch manchmal leicht satirisch zuspitzt und mitunter ins Surreale, ins Traumhaft-Psychologische gleitet, poetisch ins Innenleben der Erzählerin eintaucht und insgesamt eine unvergleichlich fesselnde Erzählung hervorbringt, die lang und intensiv in einem nachklingt, ob man nun aus Japan kommt oder aus einem anderen Land, ob man sich über einen Kinderwunsch den Kopf zerbricht oder unsicher in seinem Körper fühlt. Die Entscheidung, den Roman zu lesen, ist in jedem Fall ein Wagnis, das ich unbedingt empfehle einzugehen!

Bibliographische Angaben
Mieko Kawakami: Brüste und Eier, DuMont (2020)
Aus dem Japanischen übersetzt von Katja Busson
ISBN: 9783832170431

Bildquelle
Mieko Kawakami, Brüste und Eier
© 2020 DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG, Köln

bookmark_borderJackie Thomae: Brüder

Jackie Thomae hat einfach einen wunderbaren Stil, sie erzählt so lebendig und so wirklichkeitsnah, dass auch komplexere Themen, die persönlichen und gesellschaftlichen Konflikte, mit denen sie ihre Figuren konfrontiert, ganz leicht und natürlich in der Handlung aufgehen und zugleich nichts an Differenziertheit einbüßen. Man hat Spaß beim Lesen, ist gefesselt und amüsiert, und gerät zugleich, animiert von der intelligent komponierten Vielstimmigkeit des Textes, in einen Modus der Nachdenklichkeit, des Weiterdenkens, des gedanklichen Weiterspinnens auch der tollen Dialoge, in denen die Autorin verschiedene Ansichten, Einstellungen, Werturteile in ihrer Subjektivität entlarvend und doch einfühlsam aufeinandertreffen lässt.

Ein großes Thema des Romans ist ja gerade auch die Hinterfragung von Vorurteilen, ob sie nun auf Misstrauen und Feindseligkeit aufbauen oder auf vorschnellen oder gar gut gemeinten, doch letztlich auch wieder vereinnahmenden und diskriminierenden Annahmen. Denn mit solchen müssen sich die beiden titelgebenden „Brüder“, die eigentlich Halbbrüder sind und die nicht gleichzeitig, sondern nacheinander im Zentrum der Handlung stehen, immer wieder auseinandersetzen, und meistens nervt sie das ganz gewaltig. Zugleich treibt sie die Frage nach ihrer Herkunft, ihrer Identität, ihrem Platz in der Welt natürlich auch selbst um. Sie heißen Mick und Gabriel, beide haben sie einen – wie sich für den Leser recht schnell herausstellt, auch denselben – schwarzen Vater, der in den 1970er Jahren in der DDR, dann in Westberlin Medizin studierte, mindestens zwei ostdeutsche Frauen liebte, nach seinem Studium aber wieder zurück in die afrikanische Heimat ging und aus dem Leben seiner zwei Söhne und ihrer Mütter verschwand, beide sind sie in Ostdeutschland aufgewachsen – und beide könnten sie doch sonst nicht unterschiedlicher sein:

Mick, von dem im ersten Teil erzählt wird, ist ein eher unzuverlässiger, unbeständiger und doch irgendwie auf seine Weise aufrichtiger und grundsympathischer Draufgänger, der in den 1990er Jahren des wiedervereinigten Berlin hauptsächlich nachts eine wilde Zeit verbringt, seine Lehre abbricht, sich zeitweise und mit peinlichem Ausgang in dubiose Drogengeschäfte verwickeln lässt und dann eine Weile als Mitbetreiber eines Clubs Arbeit und Spaß unter einen Hut zu bringen scheint. Doch das Leben hält immer wieder Unvorhergesehenes bereit, der Millenniumswechsel wird für Mick zur Rundumkatastrophe, alles bricht zusammen, er verliert seine Freundin Delia und zeitweise sein Gehör, und sein bisheriger Lebenswandel erweist sich als fragiles Konstrukt.

Nach einem kurzen zweiten Teil, in dem quasi als verbindendes Element der Vater Idris auftritt, seiner Person und seiner Lebenswelt Raum gegeben werden, beginnt der dritte Teil über den anderen Bruder Gabriel seinerseits mit einem Zusammenbruch, allerdings fast zwei Jahrzehnte nach Micks Millenniumsdebakel. Dabei hatte sich Gabriel konsequent ein erfolgreiches Leben aufgebaut, mit dem er absolut zufrieden schien. Er lebt schon lange in London, hat Familie und ist ein international angesehener, gut verdienender Architekt. Wie kommt er dazu, sich durch eine Banalität derart provozieren zu lassen, dass er einer — noch dazu jungen weiblichen und dunkelhäutigen — Passantin gegenüber völlig ausrastet und handgreiflich wird? Seine Frau Fleur spricht von Burn-Out, was er nicht hören will, genauso wenig von angeblich verdrängten Komplexen wegen seiner Herkunft. Im Laufe der weiter in die Vergangenheit zurückreichenden Erzählung werden jedenfalls so einige Konfliktlinien und Unsicherheiten sichtbar, die sein Leben und auch das seiner Frau durchziehen. Und dann gibt es auch noch den gemeinsamen Sohn, der ein nicht so leicht zu bändigender Teenager geworden ist und mit dem die Frage nach Identität und Zugehörigkeit wieder eine Generation weitergetragen wird.

Ob und wie die Fäden der einzelnen Lebensgeschichten letztlich zusammengeführt werden, sei hier nicht verraten. Was aber unbedingt hervorgehoben werden muss, ist die grandiose Zeichnung der Figuren, die allesamt wie unmittelbar aus dem Leben gegriffen sind und deren vielschichtige Persönlichkeiten die Autorin mit dem Gang der Geschichte kontinuierlich weiterentwickelt und in immer neuen Aspekten einzufangen versteht.

Neben den Hauptfiguren Mick und Gabriel bekommen viele weitere Figuren ihre eigene Stimme, sind ihrerseits gebrochene, schillernde Charaktere, allen voran die beiden Frauen Delia und Fleur und Gabriels Sohn Albert, aber zum Beispiel auch Micks Mutter Monika oder ein alter, inzwischen sozial abgerutschter Schulkamerad von Mick, der ihn Jahre später rassistisch beleidigt und in eine Prügelei verwickelt. So wird ein ganzer bunt gemusterter Teppich an Lebenswegen und -modellen gewoben, die miteinander konkurrieren, sich beeinflussen und in einer unaufhörlichen Wechselwirkung stehen.

Identität gibt es bei Thomae somit nur im Plural. Im Sinne von Kwame Appiah, der in seinem Sachbuch mit dem Titel Identitäten essentielle Kategorien der Zuschreibung von Identität wie Rasse oder Religion dekonstruiert, sind in Thomaes Roman die Figuren so viel mehr als ihre Herkunft, die im Übrigen allein ohnehin schon zu komplex wäre, um sie eindeutig zu definieren: In der alten BRD ist Gabriel der Ossi, in London der mit dem deutschen Akzent, und wo passt dann da noch die afrikanische Herkunft mit hinein oder der Shitstorm, in dem er absurderweise plötzlich den alten weißen Mann verkörpert? Die „Brüder“ sind Individuen, mit ihren ganz eigenen Stärken und Schwächen, eigenwillig, stur und liebenswert, und die sich natürlich trotzdem wie wir alle zugleich als gesellschaftliche Wesen in gewissen Rollen wiederfinden und positionieren müssen. Der Roman zeigt sehr überzeugend dieses nie enden wollende Ringen zwischen einer tiefen Sehnsucht nach Zugehörigkeit, Heimat, Herkunft einerseits, und dem ebenso starken Wunsch, sich allen festen und eben auch einengenden Zuschreibungen zu entziehen.

Psychologische und soziologische Beobachtungsgabe verbinden sich hier auf so grandiose Weise mit Erzähltalent und einer weltoffenen, intelligenten, humorvollen und empathischen Haltung, dass man den Roman Brüder, der auch auf der Shortlist des deutschen Buchpreises stand, durchaus ein modernes Gesellschaftsepos nennen darf, dessen Lektüre unbedingt ans Herz zu legen ist!

Bibliographische Angaben
Jackie Thomae: Brüder, Hanser (2019)
ISBN: 9783446264151

Bildquelle

Jackie Thomae, Brüder
© 2019 Hanser Berlin in der Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, München