bookmark_borderAlena Schröder: Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid

Der poetische Titel verweist auf ein fiktives Gemälde von Jan Vermeer, das in Alena Schröders Debütroman, in dem Kunst- und Familiengeschichte aufeinander treffen, eine zentrale Rolle spielt. Tatsächlich kann man sich vor seinem inneren Auge gut ausmalen, wie ein solches Gemälde des holländischen Künstlers aussehen könnte, der im 17. Jahrhundert lebte und vor allem für seine Genreszenen bekannt ist. Nicht selten sind darauf Frauenfiguren zu sehen, die in der Nähe eines Fensters stehen und blaue Kleidungsstücke tragen. Das berühmteste ist wahrscheinlich das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge, dessen in kräftigem Blau gemaltes Stirnband vielleicht noch mehr im visuellen Gedächtnis präsent ist als der kleine Perlenohrring. Vermeers heute authentifizierter Werkumfang ist mit knapp 40 Bildern eher beschaulich, es sind jedoch in der Vergangenheit immer wieder Werke auf dem Kunstmarkt aufgetaucht, die ihm — meist fälschlicherweise — zugeschrieben wurden.

Ebenso wie der suggestive Titel ist auch die ziemlich fesselnde Geschichte, die die Autorin um dieses Bild herum aufbaut, also Fiktion mit einem plausiblen (kunst)historischen Möglichkeitshintergrund. Ausgangspunkt der Handlung ist unsere Gegenwart, in der wir der Perspektive der jungen und etwas verlorenen Doktorandin Hannah folgen, die am frühen Tod ihrer Hippie-Mutter, zu der sie keine einfache Beziehung hatte, wohl schwerer zu tragen hat, als sie sich das eingesteht. Eine zwar auch nicht reibungslose, aber doch sehr enge Beziehung hat Hannah zu ihrer Großmutter Evelyn, einer selbstbewussten Frau, die mit ihrem Umzug ins Pflegeheim nicht wirklich im Reinen ist. Als ein Brief auftaucht, über den Evelyn sich zunächst weigert, zu sprechen, ist Hannahs Neugier geweckt. Denn der Brief weist ihre Großmutter als einzige Erbin eines verschollenen jüdischen Kunstvermögens aus, das den rechtmäßigen Besitzern im Zweiten Weltkrieg entwendet wurde. Hannah, die davon ebenso wie von einem jüdischen Familienzweig nichts wusste, holt diese aufwühlende und zunächst mysteriös erscheinende Nachricht aus ihrer halb verzweifelten, halb lethargischen Haltlosigkeit heraus und motiviert sie zu einer historischen Spurensuche, die sie auch mit ihrer eigenen bisher verschwiegenen komplizierten Familiengeschichte konfrontiert.

Alena Schröder verbindet in ihrem Roman am Beispiel einer individuellen Familiengeschichte Kunst- und Provenienzgeschichte mit der Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, insbesondere mit der düsteren Zeit des Nationalsozialismus und den Verbrechen an den Juden, hier in Gestalt des Schicksals des Berliner Kunstsammlers Itzig Goldmann und seiner Familie. Und sie schlägt den Bogen bis heute, in unsere Gegenwartsgesellschaft und unsere Erinnerungskultur mit ihrer teils aufrichtigen, teils aber auch heuchlerischen oder kontraproduktiven Art der Aufarbeitung.

Die fiktive weibliche Titelfigur des fingierten Vermeer-Porträts steht aber auch für ein Motiv, das der Roman am Beispiel mehrerer Figuren aus der Vergangenheit und Gegenwart durchspielt, nämlich für das Motiv des Frauseins oder der Weiblichkeit, wie sie sich im reibungsvollen Kontext von Geschichte und Gesellschaft herausbildet. Der Konflikt zwischen Beruf(ung) und Bindung, Selbstverwirklichung und Familie, Freiheit und Sinnsuche in oder jenseits von Mutterschaft besteht in unterschiedlicher Ausformung bis heute, das machen die so verschiedenen Persönlichkeiten in Schröders Roman deutlich. Besondere Empathie verspürt man im Laufe der Erzählung mit Senta, der leiblichen Urgroßmutter Hannahs, die sich jung in einen Piloten aus dem Ersten Weltkrieg verliebt, sich in ihrer Rolle als Ehe- und Hausfrau jedoch bald eingeengt fühlt und in Berlin als Journalistin ein neues Leben beginnt, das mit dem alten schwer zu vereinbaren ist. Und deren Konflikte mit der Exschwägerin nicht nur in der Rivalität um das Kind, sondern auch in unterschiedlichen Werten und einer konträren Einstellung zur nationalsozialistischen Politik gründen, ehe die geschichtlichen Ereignisse sie schließlich beide überrollen. Hervorzuheben ist dabei, dass die Hitler anhängende Schwägerin ihrerseits in vielen moralischen Schattierungen gezeigt wird, ebenso wie auch Senta, die ihrerseits keinesfalls nur ethisch einwandfreie Entscheidungen trifft.

Mit hat das leicht und mitreißend geschriebene Buch einiges an Leseglücksmomenten beschert, das Pendeln zwischen einer Hauptfigur unserer Gegenwart, mit der man sich gerade aufgrund ihrer manchmal geradezu verbohrten, lethargischen und dann doch auch wieder engagierten Anwandlungen identifizieren kann, und den Rückblicken in die für uns weit entfernte und doch noch immer schmerzhaft nachwirkende Vergangenheit wird glaubhaft und sehr menschlich erzählt; die Autorin führt uns sehr einfühlsam an die von ihren verschiedenen, bisweilen gegensätzlichen Beweggründen getriebenen Charaktere heran. Was mich trotzdem an manchen Stellen gestört hat, ist der unpassend flapsige Stil vor allem im Gegenwartsteil; der missglückte Versuch, mit der Formulierung, dass ihre Mutter an Krebs „verreckt“ sei, Hannahs Empörung gegen das Schicksal sprachlich einzufangen, ist hier nur ein Beispiel von mehreren. Seinen durchaus immer wieder durchscheinenden kritischen Humor gewinnt der Roman viel überzeugender auf andere Weise, nämlich durch die Entlarvung der Widersprüche im Verhalten der Figuren, das ihre Krisen, ihre charakterlichen Eigenarten oder Verdrängungsstrategien aus dem erzählerischen Kontext heraus viel subtiler offenbart. Besonders laut knirscht es da zwischen Hannah und dem ihr erst gegen ihren Willen an die Seite gestellten jungen Historiker, was immer wieder zu absurd-witzigen Situationen führt und nicht nur über beide Figuren psychologisch Aufschluss gibt, sondern darüber hinaus auch auf satirische Weise auf die gesellschaftliche Herausforderung aufmerksam macht, die der Aufarbeitung der (nationalsozialistischen) Vergangenheit noch immer innewohnt. So engagiert und idealistisch sich Hannahs aufdringlicher Kommilitone mit dem Spezialgebiet Holocaust etwa gegen die Geschichtsvergessenheit seiner Umwelt einzusetzen scheint, so besteht der von ihm begründete Club zum Gedenken an den Holocaust aus einem doch etwas wunderlichen Sammelsurium von allesamt nicht-jüdischen Charakteren mit teils etwas fragwürdigen Motiven und Ansichten, die unter dem Deckmantel eines antisemitischen Aktionismus einer gefährlichen Fremdenfeindlichkeit anderer Art Vorschub leisten.

In der erzählerisch unterhaltsam gestalteten differenzierten Auseinandersetzung mit der Aufarbeitung der Vergangenheit liegt für mich die große Stärke des Buches, das literarisch zwar einem Vergleich etwa mit Rebecca Makkais jüngst erschienenem Roman Die Optimisten, in dem es gleichfalls im Kontext von Kunst und Provenienzforschung um die Aufarbeitung eines anderen Kapitels der Geschichte geht (vgl. Rezension vom 13.8.2020), nicht standhalten kann, aber dennoch eine berührende und spannende Reise in die Vergangenheit unseres Landes darstellt.

Bibliographische Angaben
Alena Schröder: Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlich, blaues Kleid, dtv (2021)
ISBN: 9783423282734

Bildquelle
Alena Schröder, Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid
© 2021 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

bookmark_borderOmri Boehm: Israel — eine Utopie

Kaum eine internationale politische Situation scheint so verfahren wie die Lage von Israel und Palästina. Und jetzt fuhrwerkt auch noch der amerikanische Präsident in der ohnehin schon fragilen Konstellation herum und stiftet die israelische Regierung geradezu an, die vom Rest der Welt seit Jahrzehnten mühsam verfolgte Möglichkeit einer Zweistaatenlösung beiseite zu fegen und in Form offensiver Siedlungspolitik einen weiteren gewaltsamen Schritt in Richtung eines vergrößerten israelischen Staates zu gehen.

Omri Boehm, israelischer Jude, deutscher Staatsangehöriger und in den USA lehrender Philosoph, der über Kant promovierte, sieht in diesem scheinbar radikalen Bruch mit der bisher verfolgten Strategie zur israelisch-palästinensischen Konfliktlösung nicht nur die sich zuspitzende Gefahr der Eskalation, sondern im Gegenteil auch eine Chance des Denkens, das sich mit der längst nurmehr pro forma, aber als alternativlos proklamierten Zweistaatenlösung in seinen Augen in einer Sackgasse verirrt hatte, die längst keine realistische Option mehr versprach.

Für die Sache brennend und scharf analysierend, zugleich differenziert und ohne Überheblichkeit, entwirft Boehm auf der philosophischen Grundlage eines universalistischen und humanistischen Denkens seine kühnen Gedanken zu einem möglichen Ausweg aus dem Konflikt, zu einer Utopie, die aber seiner Ansicht nach ein deutlich realistischeres Potential hat als die gegenwärtige Politik, und die zudem nicht aus dem Nichts kommt, sondern an politische Ansätze des frühen Zionismus anknüpft, die heute in Vergessenheit geraten sind.

Sein schmales Buch ist eine radikale Analyse des israelischen Selbstverständnisses, das Boehm wahrlich auf Herz und Nieren prüft und das bei vielen Empörung auslösen dürfte, hinterfragt er doch sehr deutlich scheinbar fundamentale Selbstverständlichkeiten des sich in erster Linie als jüdisch verstehenden israelischen Staates. Schon im Vorwort warnt der Autor — und richtet sich dabei explizit auch an seine deutschen Leser — vor den Fallstricken, in denen man sich verfängt, wenn man Israels Politik aufgrund der Vergangenheit des Holocaust mit anderem Maße misst und seiner Meinung nach durchaus berechtigte Kritik vermeidet:

Er [Kant] und andere Aufklärer neigten dazu, couragiert für einen aufklärerischen Universalismus einzutreten, dann aber die Juden als ein diesem Universalismus fremdes Element und damit als das „Andere“ der Aufklärung zu denken. Das ist die Falle, von der ich spreche, und man sollte nicht ein zweites Mal hineintappen, indem man eine allgemeingültige Ethik formuliert, und dann die Juden als Ausnahme behandelt.

Omri Boehm, Israel — eine Utopie

Boehm plädiert für eine Rückkehr zu Kant — und macht das auch zum Ausgangspunkt seiner überzeugenden Argumentation; nicht zu Kant als Privatperson, der nicht frei war von antisemitischen Vorstellungen, sondern zu Kants Philosophie. Diese Rückkehr zur Vernunft steht im Übrigen nicht im Gegensatz zur religiösen Tradition, ist vielmehr auch eine Rückkehr zur hinterfragenden Kritik der frühen jüdischen Rabbiner, wie er betont. Mit Foucault spricht er hier auch von „parrhesia“, dem Mut zur Wahrheit, so dass sich der Kreis zum Aufklärer Kant wieder schließt.

Seine Forderungen erscheinen dennoch auf den ersten Blick fast skandalös: Anstelle der vom israelischen Staat praktizierten jüdischen Erinnerungspolitik verlangt er eine Politik des Vergessens — aber eben als Bedingung der Möglichkeit eines neuen, gemeinsamen Erinnerns aller in Israel lebenden Menschen, von Juden, Christen und Arabern. Denn das auf einem, wie er schreibt, sakralisierten Holocaust basierende ethnisch-jüdische Souveränitätsverständnis stehe einem Staat, in dem Juden und Palästinenser als israelische Staatsbürger friedlich zusammenleben könnten, im Weg. Und sei außerdem auch weder liberal noch demokratisch, führe vielmehr zu einem Ausschlussdenken, das die ohnehin explosive Lage in der Region weiter befeuert. Der Gewaltspirale zwischen Arabern und Juden, den Racheaktionen und Ressentiments ist schwer zu entkommen, aber mit einer gespaltenen Identitätspolitik, in der jeder nur seine eigene Erinnerung zulässt, geradezu unmöglich. Deshalb, so sein Plädoyer, sollte man die Erinnerung an den Holocaust entnationalisieren, und gemeinsam mit den Palästinensern auch der so genannten Nakba gedenken, der gewaltsamen Zwangsumsiedlung und Vertreibung unzähliger Araber im Zuge der Staatsgründung 1948.

Die Nakba ist für Boehm auch ein wesentliches Argument gegen eine Zweistaatenlösung, lässt sich doch kaum verhandeln, wo überhaupt die Grenze zwischen den zwei Staaten verlaufen sollte, wenn schon das Israel in den Grenzen von 1948 teilweise auf zerstörten arabischen Siedlungen errichtet ist. Boehm denkt daher lieber verschiedene binationale Ansätze weiter, die bei den frühen Zionisten durchaus zu finden waren. So beruft er sich mit der seiner Ansicht nach dringend notwendigen Unterscheidung zwischen Souveränität und Selbstbestimmung nicht nur auf die kritische Philosophin Hannah Arendt, sondern auch auf Politiker, die als einwandfreie Zionisten gelten, und arbeitet heraus, dass das israelische Selbstverständnis ein historisch gewachsenes ist, dass es sich gewandelt hat und daher auch weiter wandeln kann und muss.

Sie [die Gründerväter des Zionismus] glaubten, dass die Juden das Recht auf politische Selbstbestimmung, die autonome Verwaltung ihres eigenen Lebens und die Wiederbelebung der jüdischen Kultur und Bildung hatten. Sie glaubten aber nicht, dass dies in einem souveränen jüdischen Staat erfolgen solle.

Omri Boehm, Israel — eine Utopie

So kommt einem seine Forderung gar nicht mehr so radikal, seine Utopie gar nicht mehr ganz so utopisch vor, wenn er die israelische Staatsbürgerschaft für Araber, Christen und Juden verlangt, einen gemeinsamen israelischen Staat mit autonomen Regionen, für ihn eine absolut denkbare „Alternative zur Zweistaatenpolitik aus liberalzionistischer Perspektive“:

Als wahre israelische Patrioten müssen wir heute die bekannten zionistischen Tabus auf den Prüfstand stellen und den Mut haben, uns einen Umbau des Landes vorzustellen: vom jüdischen Staat in eine föderale, binationale Republik.

Omri Boehm, Israel — eine Utopie

Die Erde dreht sich immer weiter. Und es wird — neben denen, die sich in scheinbar unumkehrbaren Denkrichtungen verloren haben oder ihren Opportunismus auf Kosten der Gesellschaft durchdrücken — auch immer Menschen geben, die es wagen, auf humane Weise ihren Verstand zu gebrauchen. So manche Idee, die einem heute kühn und fast aussichtslos erscheint, ist ein paar Jahre später völlig selbstverständlich, man denke nur — auch wenn das ein ganz anderes Beispiel ist — an den Atomausstieg in Deutschland. Es wäre Omri Boehms Utopie von Herzen zu wünschen, dass sie sich in nicht allzu langer Zeit in einen politisch und gesellschaftlich verhandelbaren Weg aus dem israelisch-palästinensischen Konflikt verwandelt, in einen Ausweg aus der Spirale von Feindschaft und Gewalt, so dass ein friedliches Zusammenleben für alle Menschen in dieser Region einer künftigen Generation zum gemeinsam erinnerten Selbstverständnis und zur Selbstverständlichkeit werden kann… Eine Utopie vielleicht, aber eine, die schon jetzt und heute zum Umdenken inspiriert, dazu, ein neues Denken zu wagen, wenn das bisherige an seine Grenzen gestoßen ist!

Bibliographische Angaben
Omri Boehm: Israel — eine Utopie, Propyläen (2020)
Aus dem Englischen übersetzt von Michael Adrian
ISBN: 9783549100073

Bildquelle
Omri Boehm, Israel — eine Utopie
© 2020 Ullstein Buchverlage GmbH