bookmark_borderAnne Gröger: Hey, ich bin der kleine Tod… aber du kannst auch Frida zu mir sagen

Auf den Tod ist der elfjährige Samuel, der an einer gefährlichen Autoimmunkrankheit leidet, überhaupt nicht gut zu sprechen. Er ist ihm schon mehrmals nur knapp von der Schippe gesprungen. Was für eine Zumutung also, dass pünktlich zu seiner Entlassung aus dem Krankenhaus und seiner Reintegration ins „normale“ Leben eine kleine Gestalt in schwarzer Kutte und mit einer Sense in der Hand bei ihm auftaucht! Unter der Kutte verbirgt sich tatsächlich der Tod, genauer gesagt, der kleine Tod, der sich als quirliges und zu Samuels Leidwesen äußerst zudringliches Mädchen entpuppt, das sich Frida nennt und sein Leben von nun an ziemlich auf den Kopf stellt.

Betrachte ich das Chaos in meinem Zimmer, kann ich an ihrer Echtheit eigentlich nicht mehr zweifeln. Ich begreife zwar noch immer nicht genau, woher sie kommt, was sie hier macht und vor allem, wie ich sie wieder loswerde, aber dass sie da ist, sehe ich mehr als deutlich. Auch, dass sie vom Menschsein keine Ahnung hat, ist offensichtlich. Dann wüsste sie nämlich, dass es Regeln gibt. Zum Beispiel, dass man Sachen wieder einräumt. Oder dass man Dinge, die anderen gehören, nicht einfach durch die Gegend schmeißt. Ich versuche es ihr zu erklären. Aber Frida ist Regeln gegenüber nicht besonders aufgeschlossen. „Revolution!“, schreit sie und erklärt mir, dass sie weiß, dass Menschen das machen, wenn ihnen Regeln nicht passen. Der große Tod hat immer besonders viel zu tun, wenn Menschen revolutionieren.

Anne Gröger, Hey, ich bin der kleine Tod

Erzählt wird die Geschichte einfühlsam und mit viel Humor zum Großteil von Samuel selbst, dessen Perspektive immer wieder mit kürzeren eingeschobenen Gedanken von Frida ergänzt wird. Als Auszubildende des großen Todes verrät sie in diesen Einschüben, welche geheimen Pläne sie verfolgt, dass Samuel nämlich quasi ihre Reifeprüfung darstellt; sie teilt in diesen Passagen aber auch ihre wegen kleiner Missverständnisse und Fehlinterpretationen häufig sehr amüsanten Beobachtungen über die Menschenwelt mit den Lesern, sowie ihre anfangs recht zähen Lernprozesse im Verständnis dieser Welt, die ihr ebenso fremd ist wie uns Menschen das Reich des Todes.

An dieses hat Samuel auch seinen besten Freund im Krankenhaus verloren; nur ein Karabinerhaken ist ihm geblieben, als schmerzliches Andenken und zugleich als Ansporn, die gemeinsam erträumte Bergtour eines Tages in Erinnerung an den Freund selbständig in die Tat umzusetzen. Was nun, da eine Stammzelltherapie gut angeschlagen hat, auf einmal in greifbare Nähe rückt. Zumindest theoretisch. In der Praxis hat Samuel noch viel zu große Angst vor allem, was sich draußen befindet: außerhalb des Krankenhauses, außerhalb seines perfekt desinfizierten Kinderzimmers und sogar außerhalb seines Schutzanzuges, den er auch nach der erfolgreichen Therapie nicht ausziehen mag und der seinen Körper vor all den sichtbaren und unsichtbaren Gefahren der Welt beschützen soll.

Während seine Eltern — und Frida, diese jedoch mit ihren ganz eigenen Absichten — versuchen, ihm das Leben draußen wieder schmackhaft zu machen, während sie sich nichts sehnlicher für ihn wünschen, als dass er wieder unbeschwert den Schulalltag und das Spielen mit anderen Kindern genießen kann, löst die lebhafte Vorstellung all der Gefahren, die ein solcher Alltag für ihn bereitzuhalten droht, in Samuel erst einmal ganz und gar keine Euphorie, sondern einen großen Schrecken aus. Verzweifelt muss er sich nicht nur gegen die gutgemeinten Ideen seiner Eltern, sondern auch noch gegen das Drängeln einer nicht locker lassenden Frida wehren, die Samuel unbedingt aus seiner Schutzzone herauskatapultieren möchte. So sehr hat er sich an sein Leben im Ausnahmezustand, in dem schon eine Erkältung lebensgefährlich für ihn sein konnte, angepasst und gewöhnt, so belesen und gut informiert über seine Krankheit und die Herausforderungen des Daseins, ja so vernünftig und erwachsen ist er bereits für sein Alter geworden, dass es einen riesengroßen Schritt für ihn bedeutet, das Kindsein und mit ihm die früh verlorene Unbeschwertheit wieder zu erlernen. So steckt er in einer tragikomisch geschilderten Notlage, weil er seinen Eltern die große Gefahr, in die ihn Frida zu bringen scheint, nicht begreiflich machen kann; den kleinen Tod in seiner schwarzen Kutte und mit seiner scharfen kleinen Sense sieht nur er allein, für alle anderen ist Frida nur sichtbar, wenn sie als freches kleines Mädchen auftritt, und, noch schlimmer, als selbsternannte neue Freundin von Samuel!

Gerade aus dem Antagonismus der beiden Hauptfiguren, die beide auf ganz unterschiedliche Weise alles daransetzen, den anderen loszuwerden, die sich immer wieder angiften bzw. aus rein taktischen Gründen einander Wohlwollen oder Hilfsbereitschaft vorspielen, erwächst ein zugleich sehr schwarzer und sehr liebevoller Humor. Und natürlich entsteht trotz allen Misstrauens schließlich ganz allmählich doch ein Band der Freundschaft zwischen den beiden, das sich im entscheidenden Moment als fest und entwickelt genug herausstellen wird.

Es ist bewundernswert und ein großer Genuss, nicht nur für die zehnjährigen Leser, mit wieviel Witz und Tiefgang die Autorin über ein so schwieriges Thema wie den Tod zu schreiben versteht. Anne Gröger wahrt in ihrem Ton hier genau die richtige Balance für ein Kinderbuch, sie nimmt Samuels Sorgen ernst und bringt ihre Leser trotzdem immer wieder zum Lachen und Schmunzeln, wenn er es dann doch mitunter ein bisschen übertreibt mit dem Desinfizieren und der Aufzählung all der potentiellen Risiken und lauernden Abgründe des Alltags. So gelingt es ihr, lebensphilosophische Fragen ganz federleicht und wie nebenbei zu thematisieren, etwa die Frage danach, was ein Leben eigentlich ausmacht, welche Ängste und Einschränkungen eine schwere Krankheit mit sich bringt und welche verschiedenen Wege es gibt, damit umzugehen. Auch der Tod bekommt mehr Facetten und Erscheinungsformen: er verkörpert, als großer, sich entziehender Unbekannter, nicht nur das Lebensende; vielmehr gerät man ihm zum Beispiel auch dann bedrohlich nahe, wenn man sich alle Freuden und Genüsse versagt und nur von seiner Angst leiten lässt. Umgekehrt wird in der Geschichte aber auch deutlich, wie leicht sich das natürlich als Außenstehender sagen lässt, solange man nicht selbst in der Haut des anderen, des Kranken, des Geängstigten steckt, und wie wichtig und lebensnotwendig es ist, selbst für sich herauszufinden, wie man gerne leben möchte. Das Buch hat somit eine handlungsreich gestaltete Metaebene, die ganz spielerisch aus der Geschichte erwächst: Wenn Samuel lernt, mit Frida, dem kleinen Tod, zu leben, so erleben wir in einer mitreißend erzählten Geschichte, wie es ist, mit der eigenen Sterblichkeit zu leben, und setzen uns so fast unwillkürlich mit einer großen Seinsfrage auseinander, die uns auch über den konkreten Fall von Samuels Krankheit hinausdenken lässt.

Samuels Geschichte endet, so viel sei verraten, nicht mit dem großen Tod, der nach allen Abenteuern aber auch nicht mehr als das unheimliche Böse schlechthin erscheint. Samuel darf sein neues Leben nach all der Aufregung jetzt erst einmal genießen, und auch Frida, die längst nicht in alle Pläne des großen Todes eingeweiht war, ist bei Samuel um so manche menschliche Erfahrung reicher geworden.

Bibliographische Angaben
Anne Gröger: Hey, ich bin der kleine Tod… aber du kannst auch Frieda zu mir sagen, dtv (2021)
ISBN: ISBN 9783423763479

Ab 10 Jahren

Bildquelle

Anne Gröger, Hey, ich bin der kleine Tod
© 2021 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

bookmark_borderStefan Slupetzky: Im Netz des Lemming

Der Antiheld ist im Kriminalroman heute längst etabliert, ja, letzterer fußt im Spannungsaufbau oft sogar ganz wesentlich auf den aus den Schwächen und Versuchungen der ermittelnden Haupt- und Identifikationsfigur rührenden Konflikten. Doch während etwa im skandinavischen Krimi der Antiheld oft als gebrochene, vom Schicksal gezeichnete Figur auftritt, kommen die Antihelden im österreichischen Krimi — oder vielleicht noch spezifischer in seiner Wienerischen Ausprägung (Heinrich Steinfest, Wolf Haas!) — auf den ersten Blick deutlich unspektakulärer daher. Mit weniger Tragik, dafür mit viel abseitigem Humor. Diese Antihelden sind skurril, schrullig, eigen — aber sie schauen genau hin und decken Abgründe auf, die die anderen nicht sehen, oder nicht sehen wollen.

Leopold Wallisch alias „der Lemming“ ist so einer. Wie so manche seiner internationalen Krimikollegen ist er dem Alkohol durchaus nicht abgeneigt, versucht aber gar nicht erst, diesem in einem kräftezehrenden, von Gewissensqualen begleiteten Wechsel von Askese und Rückfall abzuschwören. Sich das Leben unnötig schwer zu machen und auf ein traditionelles und bewährtes Trost- und Genussmittel zu verzichten, ist des Lemming Sache nicht. Auch wenn er infolge einer solchen alkoholischen Eskapade einst aus der Kriminalpolizei geworfen wurde. Aber das ist eine andere Geschichte, die lange Jahre zurückliegt und 2004 im ersten Band der Lemming-Reihe erzählt wurde — der übrigens keine Voraussetzung für das Verständnis des aktuellen sechsten Bandes Im Netz des Lemming darstellt. Als Wachmann im Wiener Tierpark, der ohne Kripoausweis, dafür zeitweise mit peinlichem falschen Bart und Pornobrille ermittelt, wird er hier ganz antiheroisch in einen Kriminalfall hineingezogen, der zu einem wesentlichen Teil im Netz ausgetragen wird und ihn mit den Dynamiken der sozialen Medien konfrontiert, deren Existenz er bisher, ganz altmodisch, erfolgreich verdrängt hat. Aber er ist ja auch Familienvater, Vater eines Sohnes, Ben, der gerade dem Kindesalter zu entwachsen beginnt, aber bereits deutlich mehr Ahnung vom Internet und seinen Gefahren hat als sein Vater. Und Ben drückt sich seit neuestem nicht nur im ätzend-komisch wirkenden pubertären Kurznachrichten- und Hashtagsprech aus, sondern er hat sich vor kurzem auch, ganz uncool, mit Mario angefreundet, der nicht nur das Stigma einer Hasenscharte trägt, sondern auch das einer in den Medien hochgekochten Familientragödie.

Als Mario bei der gemeinsamen Heimfahrt in der Tram mit dem Lemming, die geprägt ist von stockenden Dialogen, aus Verlegenheit angebotenen Bonbons (österr. „Zuckerl“) und plingend eintreffenden Handynachrichten, auf einmal Hals über Kopf aus der Tram springt und sich von der Brücke in den Tod hinabstürzt, kann der Lemming nichts mehr tun, um ihn zu retten. Auf den Schock folgt allerdings bald ein weiterer, nämlich als der Lemming am eigenen Leib die Hetze der Onlinemedien zu spüren bekommt: als vermeintlich pädophiler Psychopath, der sein Opfer mit Zuckerln angelockt und in den Tod gestoßen habe. Dass der Tod des Jungen mit der fatalen Dynamik der sozialen Medien, mit dem Steigerungspotential des Internets zusammenhängt, dass Hatern und Mobbern eine große Öffentlichkeitswirkung gewährt, ist — zumindest dem Lemming und den Lesern — rasch klar, doch der „Scheißsturm“ (O-Ton Lemming), typisch für die Konfusion und sündenbockgierige Schnellschussartigkeit der medialen Erregtheit, prasselt erst einmal ausgerechnet über dem Lemming nieder und verhindert so, dass die Polizei nach den eigentlichen Drahtziehern sucht. Also ermittelt der Lemming, zusammen mit seinem alten Siez- und beinahe Duz-Freund, und in jedem Falle unbedingt Trinkfreund, dem in Folge des Shitstorms ebenfalls beurlaubten Wiener Bezirksinspektor Polivka — übrigens auch außerhalb der Lemming-Reihe Titelfigur eines Krimis von Slupetzky, Polivka hat einen Traum (2014) — auf eigene Faust und gegen das bald nicht mehr nur metaphorische Feuer der medialen Empörung.

Denn es schwelen nicht nur alle möglichen Spreng- und Brandsätze, deren Explosivität allzu oft die ganz reale Folge virtueller Hetzreden ist, etwa wenn gesellschaftliche Themen wie die Flüchtlingspolitik emotionsgeladen und manipulativ aufgegriffen und polarisierend zugespitzt werden, sondern auch so manche politisch-mediale Intrige, ihrem Wesen nach heute eng verbunden mit der Inszenierung im Netz. Augenzwinkernd wird hier am Rande auch die Ibiza-Affäre angedeutet, was natürlich wie die Faust auf österreichische rechte, aber nicht nur rechte, Auge passt, da in dieser Intrige, wie sich im Nachhinein herauskristallisiert, mediale Inszenierung, Manipulation, Macht und Erpressung perfide kriminell zusammengespielt haben. Es gibt also nicht nur diejenigen, die unter dem Schutz der Anonymität des Netzes boshafte Kommentare posten und sich so ihren Frust und ihre Vorurteile wohl vergeblich vom Leib zu schreiben versuchen, sondern — auf gefährliche Weise kaum von diesen zu trennen — auch die Manipulatoren, den bewusst geschürten Hass, die künstlich gesteigerte Polarisierung:

So viel Schmerz, denkt er [der Lemming]. Kann es ein Spiel geben, das nur Verlierer kennt? Wohl kaum. Sogar das schlimmste Spiel — der Krieg — hat seine Profiteure. Nicht die Menschen, die ihn ausfechten, noch nicht einmal die Staaten, die ihn führen, sondern die Leute, die man niemals zu Gesicht bekommt, die Männer hinter schallgeschützten Türen und dunklen Fensterscheiben, die den Hass schüren, ohne selbst zu hassen […] Für sie gibt es kein Miteinander, sondern nur das goldene Kalb des so genannten Wettbewerbs, in dem sie alle mühelos besiegen, weil sie mit gezinkten Würfeln spielen. […] Mehr gelten, mehr erreichen, mehr besitzen zu wollen als die anderen: ein bizarres Hobby. Leider eines, das die Menschheit in den Abgrund stürzt.

Slupetzky, Im Netz des Lemming, S. 178 (Hervorhebung im Original)

In der Krimihandlung realisiert sich dieses metaphorische Bild des Abgrunds ganz wörtlich, vergegenständlicht sich auf tragische Weise in den Menschen, die sich hier tatsächlich in den Abgrund stürzen, die sozusagen zu selbstmörderischen Lemmingen werden, um den inzwischen falsifizierten Mythos aus der Welt der Tiere aufzugreifen. Sprachlich wird diese dem Kern der Krimihandlung innewohnende Tragik freilich immer wieder durch entlarvende und amüsante Wortspiele, die in der Wiener Tradition der ironisch-bösen Selbstkritik und wortgewandten Satire stehen, konterkariert. Was nicht heißt, dass in der Geschichte nicht auch Empathie und aufrichtige Empörung mitschwingen. Doch wird diese, nicht zuletzt dank des Humors, skeptisch reflektiert und bleibt frei von jeder missionarischen Hybris oder Naivität. Slupetzky setzt sprachliche Direktheit und manchmal recht plakativen Wortwitz bewusst als Stilmittel ein; Schmutziges wird nicht sprachlich beschönigt, durch keine anglisierte Form veredelt, sondern als solches benannt; und ein Shitstorm ist nun einmal nichts anderes als ein Scheißsturm. Das lässt einen schmunzeln, aber oft trifft es auch genau ins eben nicht mehr hell verklärte Schwarze hinein:

„[…] Was glauben mir die Leute? Wo bewirke ich das Gegenteil? Wo zaubere ich etwas herbei, wo rücke ich etwas zurecht, wo kehre ich etwas unter den Tisch? Nicht jeder ist ein guter Influencer…“

„Influenza“, unterbricht der Lemming abfällig, „ist eine Krankheit.“

„In gewisser Weise stimmt das. Man ist ein Erreger, man versucht, den Mob zu infizieren. Man steht vor einem ungeheuren Sprengstofflager, das nur darauf wartet, in die Luft zu gehen, und man hat nur ein Streichholz, um die Kettenreaktion in Gang zu setzen.“

Slupetzky, Im Netz des Lemming, S. 155

Welch fatale Kettenreaktion eine solch medienwirksam inszenierte Erregung auslösen kann, zeigt sich im Verlauf der humorvoll, intelligent und dazu noch äußerst spannend geschriebenen Krimihandlung von Im Netz des Lemming.

Bibliographische Angaben
Stefan Slupetzky: Im Netz des Lemming, Haymon (2020)
ISBN:9783709934975

bookmark_borderKlüpfel/Kobr: Funkenmord

Juhu, ein neuer „Kluftinger“ zum Mitfiebern und Mitkichern! Ich gestehe — obwohl es sich strenggenommen um einen so genannten Regionalkrimi handelt — dass ich dem schrullig-sympathischen Allgäuer Kommissar und vor allem auch dem Humor seiner beiden Erfinder schon seit langem hoffnungslos verfallen bin.

Dem Allgäuer Autorenduo ist hier aber auch wirklich eine köstliche Fortsetzung des letzten Kluftinger-Falls gelungen, in dem ja noch einiges ungelöst und offen war. Wer hat den Kommissar im Wald bedroht und seine Waffe gestohlen? Und wer hat damals, vor vielen vielen Jahren, als Kluftinger ganz frisch im Polizeidienst war, die junge, attraktive Lehrerin am so genannten Funkensonntag tatsächlich getötet und im Funkenfeuer verbrannt, wenn es der, dem der junge Kluftinger übereifrig ein Geständnis entrang, nun doch nicht gewesen sein kann?

Im neuesten Teil der Kluftinger-Reihe wird ein alter Fall wieder aufgerollt, ein „cold case“, und das ist nicht der einzige neumodische Begriff, über den der Kommissar in diesem Roman stolpert, in dem wie erhofft viele weitere Fettnäpfchen auf ihn warten. Doch wie erhofft werden auch nicht alle Probleme und Krisen einfach so weggelacht. Seit Kluftinger im Zuge des letzten Falls unmittelbar bedroht und der allseits geschätzte Kollege Strobl getötet wurde, liegen die Nerven nicht nur bei Kluftingers zuhause blank, sondern auch bei seinem Team, das den Schock noch nicht richtig verarbeitet hat.

Es gibt aber auch frischen Wind in Kluftingers Abteilung, und zwar in Gestalt einer neuen, jungen Kollegin, die zum anfänglichen Entsetzen des dezimierten männlichen Teams alles andere als damenhaft und unterwürfig auftritt und mit ihrer Aufrichtigkeit und Kompetenz den Kollegen so manches Vorurteil auszutreiben versteht. So entstehen natürlich einige äußerst komische Szenen, mit denen die Autoren einen humorvollen und intelligenten Blick auf das gerade viel diskutierte Thema von Gender- und Gleichstellungsfragen werfen. In diesem Kontext lässt sich auch der Fall verorten, in dem Kluftinger und seine Kollegen ermitteln und in dem es, diesmal durchaus ernsthaft, um von Vorurteilen geprägte Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit geht.

Genau das mag ich auch so gerne an dieser Krimireihe, die sich von den meisten anderen „Regionalkrimis“ im Niveau deutlich abhebt: die gute Balance zwischen charmant-witziger Unterhaltung und gesellschaftlich und psychologisch überzeugend recherchiertem Fall, sowie zwischen komischer Distanzierung und Empathie erzeugender Einfühlung in die Charaktere.

So darf man sich auch diesmal wieder auf ein spannendes Krimierlebnis freuen, wobei die Spannung sowohl durch den stimmigen Krimiplot als ganz besonders auch durch die von den beiden Autoren geschickt angewendete Methode einer retardierenden Komik erzeugt wird, also einer Komik, die mit der auf Andeutungen und erst später ausgefüllten Leerstellen basierenden Technik des „suspense“ arbeitet.

Bei mir ist jedenfalls auch diesmal der Funke sofort übergesprungen, und wer Krimis vorzieht, die man abends lesen kann, ohne danach in panische Alpträume zu verfallen, der kann sich mit Klüpfels und Kobrs Funkenmord bestens unterhalten lassen.

Bibliographische Angaben
Volker Klüpfel und Michael Kobr: Funkenmord (= Band 11 der Kluftinger-Reihe), Ullstein 2020
ISBN: 9783550081804

Bildquelle
Volker Klüpfel und Michael Kobr, Funkenmord
© 2020 Ullstein Buchverlage GmbH