bookmark_borderStefan Slupetzky: Im Netz des Lemming

Der Antiheld ist im Kriminalroman heute längst etabliert, ja, letzterer fußt im Spannungsaufbau oft sogar ganz wesentlich auf den aus den Schwächen und Versuchungen der ermittelnden Haupt- und Identifikationsfigur rührenden Konflikten. Doch während etwa im skandinavischen Krimi der Antiheld oft als gebrochene, vom Schicksal gezeichnete Figur auftritt, kommen die Antihelden im österreichischen Krimi — oder vielleicht noch spezifischer in seiner Wienerischen Ausprägung (Heinrich Steinfest, Wolf Haas!) — auf den ersten Blick deutlich unspektakulärer daher. Mit weniger Tragik, dafür mit viel abseitigem Humor. Diese Antihelden sind skurril, schrullig, eigen — aber sie schauen genau hin und decken Abgründe auf, die die anderen nicht sehen, oder nicht sehen wollen.

Leopold Wallisch alias „der Lemming“ ist so einer. Wie so manche seiner internationalen Krimikollegen ist er dem Alkohol durchaus nicht abgeneigt, versucht aber gar nicht erst, diesem in einem kräftezehrenden, von Gewissensqualen begleiteten Wechsel von Askese und Rückfall abzuschwören. Sich das Leben unnötig schwer zu machen und auf ein traditionelles und bewährtes Trost- und Genussmittel zu verzichten, ist des Lemming Sache nicht. Auch wenn er infolge einer solchen alkoholischen Eskapade einst aus der Kriminalpolizei geworfen wurde. Aber das ist eine andere Geschichte, die lange Jahre zurückliegt und 2004 im ersten Band der Lemming-Reihe erzählt wurde — der übrigens keine Voraussetzung für das Verständnis des aktuellen sechsten Bandes Im Netz des Lemming darstellt. Als Wachmann im Wiener Tierpark, der ohne Kripoausweis, dafür zeitweise mit peinlichem falschen Bart und Pornobrille ermittelt, wird er hier ganz antiheroisch in einen Kriminalfall hineingezogen, der zu einem wesentlichen Teil im Netz ausgetragen wird und ihn mit den Dynamiken der sozialen Medien konfrontiert, deren Existenz er bisher, ganz altmodisch, erfolgreich verdrängt hat. Aber er ist ja auch Familienvater, Vater eines Sohnes, Ben, der gerade dem Kindesalter zu entwachsen beginnt, aber bereits deutlich mehr Ahnung vom Internet und seinen Gefahren hat als sein Vater. Und Ben drückt sich seit neuestem nicht nur im ätzend-komisch wirkenden pubertären Kurznachrichten- und Hashtagsprech aus, sondern er hat sich vor kurzem auch, ganz uncool, mit Mario angefreundet, der nicht nur das Stigma einer Hasenscharte trägt, sondern auch das einer in den Medien hochgekochten Familientragödie.

Als Mario bei der gemeinsamen Heimfahrt in der Tram mit dem Lemming, die geprägt ist von stockenden Dialogen, aus Verlegenheit angebotenen Bonbons (österr. „Zuckerl“) und plingend eintreffenden Handynachrichten, auf einmal Hals über Kopf aus der Tram springt und sich von der Brücke in den Tod hinabstürzt, kann der Lemming nichts mehr tun, um ihn zu retten. Auf den Schock folgt allerdings bald ein weiterer, nämlich als der Lemming am eigenen Leib die Hetze der Onlinemedien zu spüren bekommt: als vermeintlich pädophiler Psychopath, der sein Opfer mit Zuckerln angelockt und in den Tod gestoßen habe. Dass der Tod des Jungen mit der fatalen Dynamik der sozialen Medien, mit dem Steigerungspotential des Internets zusammenhängt, dass Hatern und Mobbern eine große Öffentlichkeitswirkung gewährt, ist — zumindest dem Lemming und den Lesern — rasch klar, doch der „Scheißsturm“ (O-Ton Lemming), typisch für die Konfusion und sündenbockgierige Schnellschussartigkeit der medialen Erregtheit, prasselt erst einmal ausgerechnet über dem Lemming nieder und verhindert so, dass die Polizei nach den eigentlichen Drahtziehern sucht. Also ermittelt der Lemming, zusammen mit seinem alten Siez- und beinahe Duz-Freund, und in jedem Falle unbedingt Trinkfreund, dem in Folge des Shitstorms ebenfalls beurlaubten Wiener Bezirksinspektor Polivka — übrigens auch außerhalb der Lemming-Reihe Titelfigur eines Krimis von Slupetzky, Polivka hat einen Traum (2014) — auf eigene Faust und gegen das bald nicht mehr nur metaphorische Feuer der medialen Empörung.

Denn es schwelen nicht nur alle möglichen Spreng- und Brandsätze, deren Explosivität allzu oft die ganz reale Folge virtueller Hetzreden ist, etwa wenn gesellschaftliche Themen wie die Flüchtlingspolitik emotionsgeladen und manipulativ aufgegriffen und polarisierend zugespitzt werden, sondern auch so manche politisch-mediale Intrige, ihrem Wesen nach heute eng verbunden mit der Inszenierung im Netz. Augenzwinkernd wird hier am Rande auch die Ibiza-Affäre angedeutet, was natürlich wie die Faust auf österreichische rechte, aber nicht nur rechte, Auge passt, da in dieser Intrige, wie sich im Nachhinein herauskristallisiert, mediale Inszenierung, Manipulation, Macht und Erpressung perfide kriminell zusammengespielt haben. Es gibt also nicht nur diejenigen, die unter dem Schutz der Anonymität des Netzes boshafte Kommentare posten und sich so ihren Frust und ihre Vorurteile wohl vergeblich vom Leib zu schreiben versuchen, sondern — auf gefährliche Weise kaum von diesen zu trennen — auch die Manipulatoren, den bewusst geschürten Hass, die künstlich gesteigerte Polarisierung:

So viel Schmerz, denkt er [der Lemming]. Kann es ein Spiel geben, das nur Verlierer kennt? Wohl kaum. Sogar das schlimmste Spiel — der Krieg — hat seine Profiteure. Nicht die Menschen, die ihn ausfechten, noch nicht einmal die Staaten, die ihn führen, sondern die Leute, die man niemals zu Gesicht bekommt, die Männer hinter schallgeschützten Türen und dunklen Fensterscheiben, die den Hass schüren, ohne selbst zu hassen […] Für sie gibt es kein Miteinander, sondern nur das goldene Kalb des so genannten Wettbewerbs, in dem sie alle mühelos besiegen, weil sie mit gezinkten Würfeln spielen. […] Mehr gelten, mehr erreichen, mehr besitzen zu wollen als die anderen: ein bizarres Hobby. Leider eines, das die Menschheit in den Abgrund stürzt.

Slupetzky, Im Netz des Lemming, S. 178 (Hervorhebung im Original)

In der Krimihandlung realisiert sich dieses metaphorische Bild des Abgrunds ganz wörtlich, vergegenständlicht sich auf tragische Weise in den Menschen, die sich hier tatsächlich in den Abgrund stürzen, die sozusagen zu selbstmörderischen Lemmingen werden, um den inzwischen falsifizierten Mythos aus der Welt der Tiere aufzugreifen. Sprachlich wird diese dem Kern der Krimihandlung innewohnende Tragik freilich immer wieder durch entlarvende und amüsante Wortspiele, die in der Wiener Tradition der ironisch-bösen Selbstkritik und wortgewandten Satire stehen, konterkariert. Was nicht heißt, dass in der Geschichte nicht auch Empathie und aufrichtige Empörung mitschwingen. Doch wird diese, nicht zuletzt dank des Humors, skeptisch reflektiert und bleibt frei von jeder missionarischen Hybris oder Naivität. Slupetzky setzt sprachliche Direktheit und manchmal recht plakativen Wortwitz bewusst als Stilmittel ein; Schmutziges wird nicht sprachlich beschönigt, durch keine anglisierte Form veredelt, sondern als solches benannt; und ein Shitstorm ist nun einmal nichts anderes als ein Scheißsturm. Das lässt einen schmunzeln, aber oft trifft es auch genau ins eben nicht mehr hell verklärte Schwarze hinein:

„[…] Was glauben mir die Leute? Wo bewirke ich das Gegenteil? Wo zaubere ich etwas herbei, wo rücke ich etwas zurecht, wo kehre ich etwas unter den Tisch? Nicht jeder ist ein guter Influencer…“

„Influenza“, unterbricht der Lemming abfällig, „ist eine Krankheit.“

„In gewisser Weise stimmt das. Man ist ein Erreger, man versucht, den Mob zu infizieren. Man steht vor einem ungeheuren Sprengstofflager, das nur darauf wartet, in die Luft zu gehen, und man hat nur ein Streichholz, um die Kettenreaktion in Gang zu setzen.“

Slupetzky, Im Netz des Lemming, S. 155

Welch fatale Kettenreaktion eine solch medienwirksam inszenierte Erregung auslösen kann, zeigt sich im Verlauf der humorvoll, intelligent und dazu noch äußerst spannend geschriebenen Krimihandlung von Im Netz des Lemming.

Bibliographische Angaben
Stefan Slupetzky: Im Netz des Lemming, Haymon (2020)
ISBN:9783709934975

bookmark_borderLeif Randt: Allegro Pastell

Man weiß nicht so recht, was man von Tanja Arnheim und Jerome Daimler, den beiden Anfang 30-jährigen Protagonisten von Allegro Pastell, einem ziemlich konsequenten Porträt der Generation der Millennials, halten soll. Irgendwie habe ich sie im Laufe der Lektürezeit, die erstaunlich kurzweilig war, doch ziemlich lieb gewonnen, aber sie nerven einen auch mit ihrer gar so abgeklärten, wenn auch nicht unsensiblen Art, mit ihrem Leben und dem der anderen umzugehen. Man könnte Leif Randt vorwerfen, zu stark an der Oberfläche zu bleiben und auch sprachlich etwas umständlich zu formulieren — doch genau dieses Sich-Abarbeiten an Oberflächen (des Stils, des Konsums, der Bildschirme, der sozialen Netzwerke, der sexuellen Beziehungen und eben auch der Kommunikation und Meta-Kommunikation) scheint das Leben wenn nicht der ganzen Generation, so doch zumindest der Protagonisten des Romans im Kern auszumachen. Insofern ist der Text in sich absolut stimmig — und vielstimmig auslegbar: ironisch, satirisch oder eben doch — als zwiespältiges Abbild seiner Figuren — der verzweifelte Versuch, Authentizität zu inszenieren.

Tanja und Jerome führen eine halbwegs feste Beziehung, legen aber Wert darauf, sich ihre Freiheiten und Freiräume zu lassen. Jeder hat seinen eigenen Freundeskreis und seine eigene Wohnung, Tanja in Berlin, Jerome im Maintal bei Frankfurt, wo er den Bungalow seiner längst geschiedenen Eltern bewohnt. Als größter Quell der Scham gilt die Verletzlichkeit, die man auf keinen Fall zulassen will. Vielmehr nährt man das eigene Selbstbild mit dem Streben nach einem gelassenen und toleranten Umgang, einer Coolness, die zugleich offen für ein gesteuertes Maß an Empfindsamkeiten ist. Auch der Rausch hat seinen Platz in einem derart abgerundeten Leben, freilich streng dosiert und kontrolliert. Gleichwohl werden im Lauf der Erzählung Risse in den solcherart gestalteten Oberflächen deutlich. So gibt Jerome etwa innerlich zu, alles andere als aufrichtig zu sein, wenn er behauptet, mit allen Exfreundinnen weiterhin in locker freundschaftlichem Kontakt zu sein, wie es vermeintlich von ihm erwartet wird. Und ist Tanja nicht weitaus tiefer getroffen als sie es für möglich gehalten hätte, als sie von Jeromes neuer Beziehung erfährt?

Zwischenmenschliche Beziehungen, Freundschaften ebenso wie romantische oder sexuelle Beziehungen, definieren sich in dieser Welt vor allem über Stil- und Geschmacksfragen, werden durch diese am Leben erhalten oder gehen an ihnen zugrunde — was dann recht lautlos geschieht, dem Abbruch medialer Kommunikation entsprechend, die das körperliche Zusammensein zuvor oft nicht nur ergänzte, sondern diesem gar nicht selten sogar vorgezogen wurde. Alles kreist darum, seinen eigenen Stil zu finden und zu haben, aber auch den der anderen zu tolerieren, auch wenn man ihn insgeheim belächelt, so dass das Leben aus einem quasi dialektischen Pingpongspiel eines steten Austauschs von stilbestätigenden und stilformenden Meinungen besteht.

Vor allem aber möchten Leif Randts Darsteller unserer Gegenwart ihre Freiheit, ihre Fitness, ihre Sexualität, ihren beruflichen Erfolg, ihre Partys genießen, ohne sich durch äußere oder innere Grenzen einschränken zu lassen — kurz gesagt, sie wollen eine „gute Zeit“ haben. In solche Diskurse bettet Leif Randt seine Geschichte derart engmaschig ein, dass es eigentlich unbedingt ironisch gemeint sein muss; fast jeder Satz enthält Anspielungen auf angesagte Lifestyle-Debatten und wiedererkennbare Schlagworte unserer Gesellschaft. Da die Figuren zu allem eine Meinung haben, alles bewerten, einordnen und vergleichen, investiert der Autor entsprechend viele Worte darein zu berichten, was er oder sie zu einer Sache denkt und welche Haltung er oder sie zu etwas einnimmt. Diese stilistische Umständlichkeit äußert sich formal in der Bevorzugung indirekter Rede — wörtliche Rede kommt in Form explizit kursiv hervorgehobener Dialoge deutlich seltener vor, häufiger aber in Form einer anderen Art vermittelter Kommunikation, nämlich als Austausch von Mails oder Textnachrichten über diverse Messengerdienste.

Der vermittelten Art der Kommunikation entspricht auch das neuartige Menschen- und Weltbild, das trotz ständiger Optimierungsversuche sich einer stabilen Form erst recht immer mehr entzieht. Die Persönlichkeiten setzen sich mehr aus ihren fluktuierenden, kurzlebigen Haltungen und Meinungen zusammen als aus ihrem Handeln oder ihrem Charakter. Und so ist auch das Individuum einer permanenten Bewertung ausgesetzt: Ein einzelner Satz, den es geäußert hat, eine bestimmte Reaktion oder ein Kleidungsstück können so auch eine Beziehung von Grund auf verändern.

Der Roman zeigt, dass eine derart offensiv ausgelebte Freiheit, in der Stilfragen zur existenziellen Rückversicherung mutieren, ihre Kehrseite in einem gestiegenen Druck der Selbstoptimierung findet. Denn die Coolness ist gar nicht so leicht aufrechtzuerhalten, wenn man sich zu allem noch so Banalem irgendwie verhalten muss und alles noch so Alltägliche mit dem eigenen Lebensstil in Einklang zu bringen versucht. Die angestrebte Individualität führt sich durch ihre immer perfektere Inszenierung letztlich selbst ad absurdum.

Die Protagonisten von Allegro Pastell, deren liebstes Spielzeug Smartphone und Computer sind, sind ziemlich gut darin, Authentizität zu inszenieren — doch immerhin auch feinnervig genug, eine innere Unruhe darüber zu verspüren, die den Widerspruch darin ahnen lässt.

Bibliographische Angaben
Leif Randt: Allegro Pastell, Kiepenheuer & Witsch (2020)
ISBN: 9783462053586

Bildquelle
Leif Randt, Allegro Pastell
© 2020 Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co KG, Köln