bookmark_borderNeil Gaiman: The Ocean at the End of the Lane

Ein wunderschönes und trauriges Märchen zugleich, ein fesselndes Abenteuer und ein erschütternder Einblick in die sensible Psyche eines Kindes — Neil Gaimans Roman „Der Ozean am Ende der Straße“, in dem ein kleiner Teich zum Ozean wird, der die uralten Geheimnisse des Daseins in sich trägt, ist genau das auch für seine Leser: ein schmales Büchlein, das durch seine imaginative Kraft ein ganzes Weltenmeer heraufbeschwört, in dem ein kleiner Junge, konfrontiert mit den zerstörerischen Kräften der Erwachsenenwelt, mit der magischen Hilfe einer mutigen Freundin dagegen kämpft unterzugehen.

Der heute eher auf Romane im Stil von Der Herr der Ringe oder Harry Potter verweisende Begriff Fantasy würde der Geschichte, die stellenweise an Lewis Carolls Alice in Wonderland erinnert, aus der im Text auch zitiert wird, nicht gerecht; eher trifft es das englische „fairy tale“, auf das in seiner komisch-musiktheatralischen Version, wie sie bei Gilbert und Sullivan zu finden ist, ebenfalls angespielt wird: Der kleine Junge liebt die Musik des britischen Erfolgsduos des späten 19. Jahrhunderts und rettet sich mit ihrer Hilfe sogar vor der manipulativen Einschüchterungstaktik böser Schattengeister.

Ein für das fantastische Genre charakteristischer Systemsprung findet aber durchaus statt, sogar in zweifacher Hinsicht: zuerst von der die Rahmenhandlung konstituierenden Realität des sich erinnernden Erwachsenen in die erinnerte Realität des Kindes, und dann in der Binnenhandlung erneut vom alltäglichen und plötzlich bedrohten Familienleben in die surreale, fantastische Welt, in die der Siebenjährige durch die ein paar Jahre ältere Lettie Hampstock eingeführt wird, die zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter auf dem Nachbargrundstück „am Ende der Straße“ lebt. Von da an überlagern und überkreuzen sich die beiden Ebenen, die realistische und die fantastische, auf eine Weise, die eine eindeutige Unterscheidung unmöglich macht.

Der namenlos bleibende Erzähler kehrt anlässlich einer Beerdigung in die Heimat seiner Kindheit zurück, entfernt sich aber bald von der Trauergemeinde und sucht die fast vergessenen Orte seiner Vergangenheit auf: das Haus, in dem er mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester wohnte, als er sieben Jahre alt war, und vor allem den Teich am Ende der Straße, an dem er sich niederlässt und wenig später einer älteren Frau begegnet — Letties Mutter oder ihre Großmutter? –, ehe ein ganzer Strom längst vergessener Erinnerungen an ein einschneidendes Erlebnis seiner Kindheit in sein Bewusstsein dringt.

Von nun an folgen wir der Perspektive des damals siebenjährigen Erzählers und erleben ganz nah und in all ihrer Dramatik und Unmittelbarkeit seine kindlichen Fantasien, Ängste und Freuden. Nur manchmal schaltet sich leise und unaufdringlich die Stimme des sich erinnernden Erwachsenen ein, der gewisse Dinge — wie etwa die sexuelle Anziehungskraft des neuen Kindermädchens auf den Vater des Jungen, der in ebenjener Frau ein bedrohliches Monster erkennt, das die Grenzen seiner Märchenwelt überschritten und in die geborgene Welt der Familie eingebrochen ist — aus der Sicht des zurückblickenden Erwachsenen anders interpretiert, anders versteht als der kleine Junge, der er damals war. Doch keiner der beiden Perspektiven wird als einzig wahr und richtig der Vorrang gegeben, vielmehr wird auf diese Weise der fantastische Zweifel gesät, der den Leser bis zuletzt in der Schwebe lässt, ob er es mit der durch ein traumatisches Erlebnis überdrehten Fantasie eines Kindes oder mit einer gelebten surrealen Erfahrung zu tun hat.

Insofern bewegt sich Neil Gaiman mit seiner Erzählung im Bereich der Fantastik, wie sie das 19. Jahrhundert in Reaktion auf den Realismus hervorgebracht hat und steht in der literarischen Tradition eines E. A. Poe, Maupassant oder E.T.A. Hoffmann, in deren immer auch auf die Psyche der Fantastisches erlebenden Protagonisten verweisenden Texten die Faktizität des Wunderbaren im Ungewissen bleibt und eine psychische Täuschung nie ganz ausgeschlossen ist. Der Literaturwissenschaftler und Semiotiker Tvetan Todorov hat in seiner berühmten Definition des Fantastischen dafür das Kriterium der Unschlüssigkeit angeführt.

Einem so verstandenen fantastischen Stil treu gelingt Gaiman mit seiner sehr berührenden Geschichte über das Abenteuer des Kindseins, das wunderbar ist, weil es einen Vorstellungsreichtum hat und Kräfte kennt, an die kein Erwachsener mehr zu glauben versteht, und zugleich schrecklich, wenn es in seinen Grundfesten erschüttert wird. Konkret, lebendig und ungemein fesselnd erzählt er davon, wie das kleine Kätzchen des Jungen überfahren wird, wie er anschließend den Überbringer der Todesbotschaft selbst tot im Wagen seines Vaters findet, wie dieser Selbstmord ein natürliches Gleichgewicht durcheinanderbringt, so dass auf einmal an allen unmöglichen Stellen Geld auftaucht, das für Unmut sorgt, und dann auch noch ein neues Kindermädchen, das sich in seinem früheren Zimmer einnistet und bald in seiner ganzen Familie, die das wahre Gesicht der sich Ursula Monkton nennenden Frau einfach nicht sehen will. Der Junge hingegen ist der einzige, der die Bedrohung erkennt und dem es nach zahlreichen schmerzlichen Rückschlägen unter Aufwendung all seines kindlichen Mutes gelingt, zu seiner neuen Freundin Lettie Hampstock zu flüchten, der er vertraut und die in uralte Geheimnisse eingeweiht zu sein scheint, die allein das Monster bannen können. Doch auch Lettie ist nicht unverletzlich und ihr gemeinsamer Kampf ruft noch so einige Geister hervor, die ihnen das Äußerste abverlangen…

Ein zartes und grausames und einfach märchenhaftes Buch, das ich allen, die gerne in schöne Geschichten eintauchen, wärmstens empfehle, auch und gerade Lesern, die mit fantastischer Literatur sonst eher weniger anfangen können. Und wer sein Englisch auffrischen möchte, wird die sinnliche, klare Sprache der Erzählung genießen.

Neil Gaiman: The ocean at the end of the lane, William Morrow (2013)
ISBN: 9780062272348

bookmark_borderEdna O’Brien: Das Mädchen

Die irische Schriftstellerin Edna O’Brien, die in ihren mit Preisen ausgezeichneten Romanen immer wieder Mädchen und jungen Frauen eine Stimme gibt, fühlt sich in ihrem neuesten Roman in das tragisch-mythische und zugleich auf schrecklichen realen Begebenheiten beruhende Schicksal eines fiktiven nigerianischen Schulmädchens ein, das von der islamistischen Sekte Boko Haram entführt wird.

Verschleppt ins Lager der Milizionäre, das tief im Urwald verborgen liegt, wird das junge Mädchen, aus dessen Perspektive der Roman erzählt wird, zum Opfer brutalster männlicher Gewalt und macht schier Unerträgliches durch. Sie wird versklavt, erniedrigt, vergewaltigt, und bringt dennoch fast übermenschliche Kräfte auf, als sich die Gelegenheit ergibt, mit ihrer kleinen Tochter aus der Gefangenschaft zu fliehen.

In der Flucht durch den Wald setzt sich der Überlebenskampf des Mädchens fort, das den symbolisch aufgeladenen Namen der Muttergottes, Maryam, trägt. Die gemeinsam mit ihr und dem Baby geflüchtete Freundin stirbt an einem Schlangenbiss. Trauma, Schock, Hunger, Fieber führen die mit der Mutterrolle überforderte Maryam ins Delirium. Sie wird von muslimischen Nomadenfrauen gefunden und liebevoll umsorgt, doch als der Gemeinschaft deswegen Gewalt angedroht wird, müssen Maryam und ihr Baby weiterziehen. Doch auch als sie endlich die Großstadt erreicht, medizinisch versorgt wird und ihre Mutter wiedersieht, ist der Kampf noch lang nicht zuende. Als „Dschihadi-Ehefrau“ und „Buschfrau“ ebenso geschmäht wie bemitleidet trägt sie das Stigma des Gewaltopfers. Während sich die Regierung mit ihrer „Rettung“ schmückt, wird ihr das Baby weggenommen, und bei ihrer Mutter findet sie ebensowenig Trost wie in ihrem von Angst und Tod erschütterten Dorf. Erst als Maryam wirklich jede Hoffnung verloren hat, deutet sich ein Rettungsschimmer an…

Die Autorin, die für ihre Geschichte intensiv vor Ort recherchiert hat und auf sehr lebendige Weise viele weitere Lebens- und Leidensgeschichten, aber auch nigerianische Mythen, Feste und Rituale, in ihren Text integriert, führt ihre Ich-Erzählerin und damit auch ihre Leser immer wieder an die Grenze des Erträglichen. Doch steht im Zentrum der Geschichte trotz allem nicht die Gewalt, sondern der Widerstand gegen sie und die Menschlichkeit. So wird die blutjunge Marienfigur Maryam, in der sich die tatsächlichen Gewalterfahrungen vieler nigerianischer Mädchen symbolisch verdichten, im Raum der Fiktion zu einer Legende, mit der sich ihre Opferrolle überwinden lässt.

Ein aufwühlendes und sehr authentisches Buch, das uns im weit entfernten Europa ein von Gewalt und Konflikten erschüttertes, aber auch an Traditionen und Geschichten reiches Land ein Stück näherbringt.

Edna O’Brien: Das Mädchen, Hoffmann und Campe (2020)
Aus dem Englischen von Kathrin Razum
ISBN: 9783455008265

bookmark_borderC. J. Cooke: Verderben. Einer stirbt. Wer lügt?

Ein aufwühlender Spannungsroman, der zugleich das psychologisch fein beobachtete Drama einer Familie erzählt. Man sollte sich nicht von dem etwas reißerischen deutschen Titel abschrecken lassen, sondern sich lieber vom Buchcover in die Hochgebirgsatmosphäre einstimmen lassen, vor deren Hintergrund die verhängnisvolle Handlung ihren Lauf nimmt…

Von den Gipfeln steigen Nebelschwaden auf und sinken wieder herab, als würden die Berge atmen. Für mich steht längst fest, dass es sich bei ihnen um lebende Wesen handelt und nicht einfach um Felsen. Und was uns vier angeht — wir sehen nicht mehr aus wie menschliche Wesen, sondern wie Aliens, die Gesichter hinter Sonnenbrillen und Tüchern und Helmgurten verschanzt. Das Ganze hat etwas Surreales.

Verderben, S. 254 (Kap. 39)

Helen und Michael sind ein durch und durch sympathisches und eigentlich wunderbar harmonierendes Paar. Ihre zwei Kinder, die siebenjährige Saskia und ihren älteren Bruder Reuben, mit dessen Autismus sie liebevoll und verantwortungsbewusst umgehen, lieben sie über alles. Doch ein unbewältigtes Trauma aus ihrer Jugend ruft immer noch Schuldgefühle und Verfolgungsängste hervor, die im Laufe der Erzählung fast schleichend ihre Schattenseiten zum Vorschein kommen lassen. Nach und nach erfährt man, was damals in den Bergen passiert ist, als Helen und Michael sich das erste Mal begegnet sind und Helens damaliger Freund Luke zu Tode kam.

Gleichzeitig hält einen die gegenwärtige Handlung in Atem, ein Familienurlaub endet abrupt mit einem schrecklichen Unfall, die kleine Saskia liegt im Koma und Michael verschwindet spurlos aus dem Krankenhaus.

Erzählt wird abwechselnd aus der Perspektive von Helen, Michael und Reuben, so dass die Autorin gut in das von Schuld und Verdrängung, aber auch von großer Verantwortung und Liebe geprägte Innenleben ihrer Figuren hineinleuchten kann. Insbesondere der Charakter des autistischen Reuben gelingt ihr meines Erachtens sehr glaubwürdig und differenziert.

Die Frage nach Schuld und Verantwortung, die der Roman in mehrfacher Hinsicht aufwirft, wird nicht eindeutig beantwortet, sondern in ihrer Komplexität gezeigt.

C. J. Cooke: Verderben. Einer stirbt. Wer lügt?, Droemer Knaur (2020)
ISBN: 9783426456637

bookmark_borderAnnika Widholm: Vertigo — Und dann wird alles dunkel

Vertigo heißt der erste Thriller der Schwedin Annika Widholm, und mit diesem im Kanon der Filmgeschichte verankerten Titel weckt sie natürlich eine große Erwartungshaltung bei ihren Lesern. Ich war jedenfalls sehr gespannt, wie — und ob überhaupt — hier eine der genialsten Spannungsintrigen, für die sogar ein eigener Kamera-Effekt geschaffen wurde, literarisch umgesetzt wird.

Und tatsächlich hat mich die Lektüre in einen schwindelerregenden Zustand versetzt. Der Autorin gelingt es, einen in Atem zu halten, bis zur letzten Seite bangt und rätselt man mit der Protagonistin mit, aus deren überzeugend erzählter Innenschau sich die mysteriöse Intrige entfaltet, die sich ständig auf der Grenze zwischen immer tiefer gehender psychologischer Studie und hochspannendem Kriminal- und Beziehungsroman bewegt.

Seit die junge Psychologiestudentin Clara bei ihrem um einiges älteren Freund eingezogen ist, in das Haus, das dieser zuvor mit seiner vor ungefähr einem Jahr durch einen U-Bahn-Sturz zu Tode gekommenen Ehefrau bewohnt hat, verliert sie immer häufiger ganz plötzlich das Bewusstsein und fällt… Dabei wird sie von Visionen heimgesucht, während derer sie ihren Körper zu verlassen scheint und Dinge tut, an deren Ablauf sie sich hinterher nicht zu erinnern vermag. In die Beziehung zu ihrem Lebensgefährten schleicht sich Misstrauen ein, und auch dessen zwei Töchter verhalten sich feindselig gegenüber der unerwünschten Nachfolgerin ihrer Mutter. Außerdem erhärtet sich Claras Verdacht, von einem unbekannten jungen Mann verfolgt zu werden. Um ihrer buchstäblich Schwindel erregenden Verwirrung entgegenzuwirken, versucht sie, ihren Aussetzern durch psychologische Recherchen auf den Grund zu gehen und baut ihre Erlebnisse in die Abschlussarbeit ein, mit der sie schon eine ganze Weile kämpft. Doch dann verschwindet ihr Laptop nach einem weiteren Zusammenbruch…

Seltsame Ohnmachtsanfälle und beunruhigende Erinnerungslücken, die unheimliche Präsenz einer scheinbar verunglückten Frau, ein aufdringlicher Privatdetektiv und die Ahnung eines Verbrechens, das sich zu wiederholen droht: Was ist Wirklichkeit und was Wahnvorstellung einer traumatisierten Psyche, wer manipuliert hier wen und lauert die Gefahr wirklich dort, wo man sie vermutet oder ganz woanders?

Die Anklänge an Hitchcock, den Meister des „suspense“, sind im Text unübersehbar, man hat immer wieder Szenen natürlich aus seinem gleichnamigen Film „Vertigo“ vor Augen, aber auch Konstellationen, psychologische Elemente und v.a. die mysteriös-bedrohliche Atmosphäre aus „Rebecca“ oder „Die Vögel“ scheinen immer wieder auf.

Auch nach der Lektüre mag der Schwindel nicht völlig verfliegen, da sich die Autorin eines eindeutigen Schlusses verweigert und den Sprechstundentermin bei der Psychologiedozentin, die mit Claras in ihren Augen zu sehr ins wissenschaftlich Unfundierte, ja Esoterische abgleitendem Aufsatz hart ins Gericht geht, neben der in der Innenschau vom Leser ja ganz nah miterlebten Auflösung der Persönlichkeit der jungen Frau stehen lässt, so dass die beschriebene transzendente Erfahrung letztlich ohne rundum zufriedenstellende wissenschaftliche Erklärung bleibt. Aber geht es einem nicht nach Hitchcocks „Vögeln“ ebenso, lassen sie den Zuschauer nicht auch in der Schwebe zwischen beängstigendem Naturphänomen und der Ahnung eines irgendwie bedrohlichen Übersinnlichen, so dass der Film wie ein Wirklichkeit gewordener Alptraum erscheint, wie eine Metapher, die einer traumatisierten Psyche entsprungen ist?

Ein Vergleich mit dem, was Hitchcocks Vertigo-Effekt in der Filmgeschichte ausgelöst hat, wäre hier natürlich völlig fehl am Platz, doch die reflektierende Ebene, die durch den Psychologieaufsatz in die Erzählung eingearbeitet wird, indem hier nämlich versucht wird, dem Unterbewusstsein schreibend auf die Spur zu kommen, ist ein durchaus geschickter Kniff, um dem Plot Komplexität zu verleihen.

Wer keine Scheu davor hat, sich ins Grenzgebiet des Bewusstseins zu begeben, dem wird dieses großartige Thrillerdebüt einige Stunden hochspannender Unterhaltung bescheren!

Annika Widholm: Vertigo — Und dann wird alles dunkel, Edition M (2020)
Aus dem Schwedischen übersetzt von Ulla Ackermann
ISBN: 9782496701470

bookmark_borderAbubakar Adam Ibrahim: Wo wir stolpern und wo wir fallen

Mit seinem Roman „Wo wir stolpern und wo wir fallen“ erschafft der nigerianische Autor Abubakar Adam Ibrahim ein schillernd realistisches und äußerst vielschichtiges Bild seiner Heimat, das einen immer wieder „stolpern“ lässt. Ob über die zahlreich eingestreuten afrikanischen Weisheiten, über die Ausbrüche der sehr lebendig gezeichneten Charaktere und nicht zuletzt über die gesellschaftliche Grenzen sprengende Liebesgeschichte der Witwe Binta mit dem 30 Jahre jüngeren Gangster Reza. Als die alles andere als oberflächliche Liebe bekannt wird, kommt eine gefährliche Dynamik in Gang, in der unverarbeitete Traumata an die Oberfläche drängen…

Abubakar Adam Ibrahim: Wo wir stolpern und wo wir fallen, Residenz (2019)
Übersetzt von Susann Urban
ISBN 9783701717125