bookmark_borderAnne Weber: Annette, ein Heldinnenepos

Idee und Form dieses grandiosen Werks aus der Feder der seit langem in Frankreich lebenden Übersetzerin und Romanautorin — und nun sogar Versepikerin! — Anne Weber sind aus einer zufälligen Begegnung mit der von ihr besungenen Heldin entstanden: der 1923 in einem kleinen Fischerdorf in der Bretagne geborenen und heute 97-jährigen Widerstandskämpferin Anne Beaumanoir, Spitzname Annette. Mit ihr kam die Autorin in Frankreich bei einer Veranstaltung ins Gespräch, und aus der Faszination heraus, in unserer heutigen Zeit tatsächlich noch einer echten Heldin begegnet zu sein, ging dann, so die Autorin, dieser ungewöhnliche Text hervor, der seinerseits tatsächlich noch die Gestalt eines echten Versepos in unsere heutige Zeit transportiert — und zwar stilistisch virtuos, ungemein mitreißend und alles andere als verstaubt.

Natürlich variiert und interpretiert Anne Weber diese längst aus der Mode gekommene Gattung auf ihre eigene Weise. Die Tradition, in der sie sich ganz bewusst verortet, um sie dann ebenso bewusst zu transformieren und auf sinnfällige Weise neu zu interpretieren, reicht von der Antike mit Homers Odyssee über die mittelalterlichen Epen bis zur Renaissance, in denen das Genre mit Herrscherlob und Nationalbewusstsein ein letztes Mal zur Blüte kommt, ehe es allmählich von neuen epischen Formen wie dem Roman verdrängt wird. Interessant ist auch, dass für Anne Weber, die die bretonische Herkunft ihrer Heldin durchaus hervorhebt, die wohl doch zu fantastische „matière de Bretagne“ der Artusepen dennoch weniger eine Rolle spielt als die deutlich politischere „chanson de geste“. Vor allem das Rolandslied steht einem hier bei der Lektüre kontrastiv vor Augen, geht es darin doch auch um Widerstand, Verrat und Kameradschaft, gleichwohl die Heldin bei Anne Weber selbst nicht mit Waffen auf offenen Schlachtfeldern kämpft, sondern im Untergrund, und gleichwohl sie nicht für einen König oder eine bestimmte Nation ihr Leben aufs Spiel setzt, sondern eher für eine Idee, die universale und doch alles andere als abstrakte Idee der Humanität, die für sie im menschlichen Einzelfall, als religionsunabhängige Form der Nächstenliebe, jedesmal aufs Neue individuelle Gestalt annimmt. Anne Beaumanoir handelt stärker noch als ihr freilich auch charakterlich heldenhafter epischer Vorgänger Roland aus einer inneren ethischen Überzeugung heraus, und vor allem besteht ihr Heldentum gerade nicht im Sichtbarwerden ihrer Taten, sondern in ihrem unaufhörlichen, unsichtbaren, selbstlosen Wirken im Geheimen, darin, unerkannt, ja anonym zu bleiben und ganz hinter der Sache, dem Dienst an der Menschheit und Menschlichkeit, zu verschwinden. Im Unterschied zu den traditionellen Epen gewinnt Anne Webers Heldin mit den vielen, immer wieder wechselnden Namen ihre Kraft und ihre Besonderheit gerade nicht aus der Ehre des großen Heldennamens.

Denn es geht der Autorin wohl ganz wesentlich auch darum, am Beispiel von Annette und im Kontext ihrer einen Großteil des 20. Jahrhunderts umfassenden Biographie jenseits der berühmten männlichen Heldenfiguren weitere von der Geschichte vergessene Gestalten zu benennen, sie ins Gedächtnis zu rufen, zu ehren, wie z.B. die junge Frau, die Annette beim Verstecken der jüdischen Kinder hilft:

Sie ist es auch, die vorher schon Annette zur
Tarnung die Krankenschwesterkluft besorgte,
eine junge Frau, alleine, ohne Kind noch Mann — eine
von vielen und von viel zu wenigen –, die sofort hilft, wo sie
nur kann, und deren Namen heute alle vergessen haben.

Weber, Annette, ein Heldinnenepos, S. 49

Übrigens kommt der Roland, den es tatsächlich auch in dieser Geschichte gibt — er ist die erste große Liebe Annettes, ihr Kamerad und treuer Mitstreiter — trotz bzw. gerade als Folge seines Mutes bereits vor der Hälfte des Epos um. Seine ebenso mutige Freundin Annette mit den vielen Namen ist es, die überlebt, die weiterkämpft wie eine Heldin, als welche sie sich selbst nie fühlte.

Annette ist auch die moderne und weibliche Variation eines anderen, noch berühmteren epischen Helden:

(…) Und wie Odysseus, dem auf
langer Reise seine Gefährten nacheinander starben, ist sie
von ihrer Herkunft, ihrer Geschichte abgetrennt: Von
denen, die in jenen Tagen ihre Wege kreuzten, kennt
keiner ihren wahren Namen, ihre Vergangenheit —
kaum, dass sie selbst sich ihrer noch erinnert. Sie bewohnt
ihren eigenen Schatten. Und wie Odysseus könnte sie,
gefragt nach ihrem Namen, nicht nur aus List, sondern
wahrheitsgemäß „Ich heiße Niemand“ sagen.

Weber, Annette, ein Heldinnenepos, S. 59

In ihrem Heldinnenepos rückt die Autorin somit einen anderen Aspekt in den Vordergrund: Annettes Heldentum besteht darin, wie aus einer Notwendigkeit heraus selbstlos und im Sinne der Schwächeren zu handeln, Opfer zu bringen, ohne sich als Opfer zu fühlen. Zugleich wird uns in Anne Webers Versen die Ambivalenz des Heldinnenseins vor Augen geführt. Einerseits zeigt sie Annette als starke Heldin, die, während sie handelt, nie in Frage stellt, ob die Sache ihren bedingungslosen Einsatz wert gewesen ist, und genau daraus ihre Kraft entfaltet. Andererseits schreibt die Autorin ihrem vielschichtigen Text den Zweifel, der die Heldin wenn überhaupt erst rückblickend beschlich, von Anfang an mit ein. Sie macht uns Lesern bewusst, dass ihre weibliche Heldin eben auch eine Frau und Mutter ist, die um ihres Einsatzes für die Menschlichkeit willen, ohne zu klagen, als solche vielfach zurücksteckt. So verzichtet sie — und der Verzicht tut ihr weh — auf ihr ungeborenes Kind mit Roland, und als sie Jahre später doch noch Mutter wird, muss sie ihre drei geliebten Kinder, von denen das Jüngste eben erst zur Welt kam, zurücklassen, um dem Gefängnis und dem Land, das in ihr keine Heldin, sondern eine Verbrecherin sieht, zu entfliehen. Sie lebt das Leben einer modernen Frau, einer mutigen Frau, die ihrer Zeit voraus ist, was auch im Privaten zu Konflikten führt, etwa wenn sie in ihrem algerischen Exil einen höheren Posten innehat als ihr algerischer Geliebter. Gerade weil sie eine Frau ist, die mit den tradierten Zuschreibungen bricht und sie in Frage stellt, stößt sie sich doch immer wieder an den verfestigten patriarchalischen Strukturen und Oppositionen, wie der von Privatheit und Öffentlichkeit, Gefühl und Stärke. Und doch zeigt die Autorin am Beispiel ihrer Geschichte, dass Mitgefühl und Heldenmut einander nicht ausschließen. Annettes Heldinnentum vereint beides, auch wenn es immer wieder Schmerz und Verzicht bedeutet:

(…) An diesem Tag
retten Roland und Annette ein Kind. Ein
anderes, das ihre, das noch unbewusst im Leib
der Mutter schwimmt, geben sie am selben Tag
verloren. Denn jegliches hat wirklich seine Zeit
das Kinderkriegen und das Widerstehen,
und beides gleichzeitig ist nicht zu haben.

Weber, Annette, ein Heldinnenepos, S. 46

Man muss Anne Webers Epos eigentlich laut lesen, um seine ganze poetische Kraft zu spüren. Die freien Verse strukturieren den Text und verleihen ihm einen ganz eigenen Rhythmus: andächtig und melodisch wie ein alter epischer Gesang, in den sich immer wieder auch die auktoriale Stimme mischt, aber auch mit Brüchen und überraschenden Enjambements, die die Aufmerksamkeit des Lesers wachhalten und ihn bisweilen nachdenklich innehalten lassen.

Berichtet werden die Taten der Heldin, die selbst lieber handelt als über ihre Motivationen zu reflektieren, gleichwohl sie durchaus nach übergreifenden Ideen und Idealen handelt, die man Humanismus, Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft oder heute vielleicht Zivilcourage nennen kann. Hier erweist sich die Form des Epos, das von den Taten erzählt und sie zugleich auktorial kommentiert, tatsächlich als passende und erstaunlich zeitgemäße Gattung. Anne Weber liefert die Reflexion immer gleich mit, ja lässt sie kunstvoll den Worten selbst entwachsen, und verleiht ihrem Text auf diese Weise eine große poetische Dichte und essayistische Nachdenklichkeit.

So arbeitet sie, ohne den mutigen und selbstlosen Einsatz so vieler im Untergrund Widerstand Leistender dadurch herabzuwürdigen, auch das Konfliktpotential des kollektiven Widerstands heraus: die Schwierigkeit wenn nicht Unmöglichkeit, im Kampf gegen die Besatzer, gegen Unmenschlichkeit und Gewalt selbst „unschuldig“ zu bleiben, die Gefahr, sich von Ideologien vereinnahmen zu lassen, und die Kehrseite der Unterordnung unter eine Gruppe bzw. einen höheren Zweck. Auch das Thema Religion und Religiosität wird in diesem Kontext von vielen Seiten beleuchtet; Annette erlebt z.B., wie der Islam in den ehemaligen französischen Kolonien ein neuer politischer Faktor wird, oder wie eine algerische Mitgefangene sich zur Ikone des Widerstands stilisieren lässt, und bleibt zwiegespalten, ob hier weibliche Selbstermächtigung am Werke ist oder fragwürdige Propaganda. Sie selbst jedenfalls bleibt lieber im Schutze ihrer vielen Namen, die sich auch als Schutz vor einseitiger Instrumentalisierung erweisen.

Es werden im Laufe der lebendigen Darstellung von Annettes Biographie auch einige bewusst ausgewählte Autoren und Werke zitiert und zu ihrem Handeln in Beziehung gesetzt. Allen voran André Malraux, der selbst im Widerstand tätig war und in seinen Büchern Auflehnung, Revolution und Selbstopfer im existentialistischen Kontext der conditio humana reflektiert. Auch andere Bücher werden aus Annettes fiktivem Bücherregal gezogen, etwa Camus und sein Mensch in der Revolte oder Rousseau. Facettenreich geht es um die Frage nach der Rechtfertigung von Gewalt, dem Übergang von Widerstand in Terrorismus, der Legitimität von Bluttaten im Kampf gegen ein Unterdrückungssystem. Camus‘ Einstellung zum Kolonialismus etwa unterscheidet sich von derjenigen Annettes, gleichwohl ihr Leben in vielerlei Hinsicht mit seiner in der Figur des glücklichen Sisyphus kulminierenden Philosophie übereinstimmt.

(…) Jenseits der Zweifel, die bis ins
Bewusstsein dringen, gibts aber andere, die in weiter
Seelenferne schwimmen. Ist es denn Liebe, die den
Revolutionär macht, ist es Hass? Sind es Ideen oder ist es was
Lebendiges, was den im Innersten erschüttert, der vor
dem Unglücklichen steht, vor dem, der hungert, leidet,
vor dem, der … von einer Bombenexplosion zerfetzte
Beine hat und sterben wird?

Weber, Annette, ein Heldinnenepos, S. 127

Die Autorin verurteilt nicht, sie wirft Fragen auf, die einen langen Nachhall haben, und sie hinterfragt vor allem auch die offiziellen Geschichtsbilder, in denen so manches verzerrt oder verschwiegen wird. Aber nicht in Form einer moralischen Anklage, sondern über poetische Assoziationen, durch die für die Dichterin z.B. die Möglichkeit entsteht, ein Lied von Charles Trenet mit einem Atomtest in der Wüste zu verknüpfen, der viele namenlose Opfer forderte und in der überlieferten Geschichtserzählung kaum auftaucht. Das gilt ganz besonders auch für den Algerienkrieg, der lange Zeit in Frankreich mit der Bezeichnung „Ereignisse“ verharmlost wurde, für all die Seilschaften und vertuschten Verbrechen im Hintergrund des kolonialen Gefüges.

In seiner ehrwürdigen, in Verse gesetzten Form, die zugleich durch moderne Begrifflichkeiten gelockert ist und sich an unserer heutigen Prosa orientiert, adelt der Text den unermüdlichen Einsatz der Heldin, ohne sie zum Idol zu machen. Denn im Vordergrund steht Annettes Menschlichkeit und durch die reflexive Ebene dringen auch ihre Zweifel bis zu uns durch. Dank ihres Gespürs gelingt es der Autorin, die man auf jeden Fall eine Dichterin nennen sollte, diese Balance nicht nur inhaltlich, sondern auch stilistisch zu vermitteln. Ein beeindruckendes Werk!

Bibliographische Angaben
Anne Weber: Annette, ein Heldinnenepos, Matthes & Seitz (2020)
ISBN: 9783957578457

Bildquelle
Anne Weber, Annette, ein Heldinnenepos
© 2020 Matthes & Seitz Berlin Verlagsgesellschaft mbH

bookmark_borderMarco Balzano: Ich bleibe hier

Graun, so heißt das kleine Vinschgauer Dorf am Reschensee, das 1950 gegen den Willen und Widerstand seiner Bewohner komplett geflutet wurde, ein Zufall der geographischen Benennung und doch im Nachhinein mit fast schicksalhaftem, mythisches Unheil prophezeiendem Beiklang…

Zum Glück entgeht der italienische Autor Marco Balzano in seinem neuen Roman der Verführung durch das Mythische. Schlicht und unaufgeregt, und gerade dadurch berührend und glaubhaft, erzählt er in seinem neuen Roman von einigen einschneidenden Kapiteln der Geschichte Südtirols und seiner von ihr gebeutelten Bewohner.

Der schnörkellose, geradlinige, jedes Pathos vermeidende, fast elementare Stil, der sich ganz nah an der ländlich geprägten Lebenswelt der Protagonisten bewegt, die von den historischen Ereignissen mehrfach wie von einer Lawine gewaltsam überrollt werden, passt wunderbar zu der Erzählerin, die sich Balzano für sein durchaus ambitioniertes Vorhaben, die komplexe Geschichte Südtirols im 20. Jahrhundert literarisch einzufangen, erdacht hat. Sie heißt Trina und erzählt ihre Geschichte, die ihrer Familie und die ihres — erst von den italienischen Faschisten, dann von den Nazis, durch Krieg, durch wirtschaftliche Interessen, durch nationalistische Ausgrenzung und Polarisierung — vielfach bedrohten und schließlich komplett vernichteten Dorfes in Form von Briefen an ihre verschwundene Tochter.

Um Bindung und Verlust geht es auf vielen Ebenen in dem Roman, und zugleich um Loyalität und Familie, um existenzielle Ängste, Herkunft und Sprache, Flucht und Vertreibung, um die Notwendigkeit und den Preis politischen oder gesellschaftlichen Engagements. So unterrichtet Trina, die als erste in ihrer Familie studiert hat und Grundschullehrerin geworden ist, die Südtiroler Dorfkinder in ihrer deutschen Muttersprache zeitweise unter großer Gefahr im Untergrund, als die italienischen Faschisten die deutsche Sprache und Kultur und mit ihnen am liebsten auch alle Südtiroler zum Schweigen bringen wollen. Und ihr Mann kämpft sein Leben lang und bis zur völligen Erschöpfung dafür, mit seiner Familie in seinem Heimatdorf Graun leben oder überhaupt überleben zu können, während seine Kinder die Frage nach der Heimat zu seinem großen Schmerz anders beantworten…

Dem scheinbar unbedeutenden individuellen Schicksal wird auf diese Weise die große Geschichte eingeschrieben, die gerade im bescheidenen mikroskopischen Blick auf den Einzelnen ihre erschütternde allgemeinmenschliche Dimension offenbart. Immer wieder gelingen dem Autor poetisch eindringliche Szenen, in denen sich die existenzielle Bedeutung der Geschichte in einzelnen Momentaufnahmen verdichtet. So verbirgt sich hinter der durchaus auch sehr unterhaltsam gestalteten, eher episodischen als epischen Oberfläche ein tiefsinniger Text, in dem die großen Fragen des Daseins und Menschseins anklingen.

Bibliographische Angaben
Marco Balzano: Ich bleibe hier, Diogenes (2020)
ISBN: 9783257071214

bookmark_borderCécile Wajsbrot: Zerstörung

Zwei gegensätzliche Gefühle durchfahren einen bei der Lektüre dieses unheimlich eindringlichen bzw. unheimlichen und eindringlichen neuen Romans der Französin Cécile Wajsbrot: der mehr als beunruhigende Schauder, dass diese Dystopie einer jede Erinnerung auslöschenden, Reflexion und Komplexität durch Unterhaltung und banale Eindeutigkeit ersetzenden Diktatur im Paris des 21. Jahrhunderts sich als Folge von Entwicklungen darstellt, die wir Leser selbst in unserer unmittelbaren Gegenwart wahrnehmen können, sowie das ehrfürchtige und hingerissene Staunen angesichts der Poesie und metaphernreichen Vielstimmigkeit der Sprache, die all die Zwischentöne kunstvoll heraufbeschwört, die in der fiktionalen Realität des Romans in Auflösung begriffen, der titelgebenden Zerstörung anheimgefallen sind.

Form und Inhalt greifen in diesem poetischen Meisterwerk ineinander. Das Thema des Romans spiegelt sich in der Erzählsituation, die bis zuletzt von Ambivalenz (bzw. Polyvalenz) durchdrungen ist. Mysterium und Zweifel sind dem allmählichen Verstehensprozess eingeschrieben, Hoffnung und Misstrauen wechseln einander ab. Die Erzählerin, oder besser Sprecherin, ist eine namenlose Frau, Schriftstellerin und Literaturliebhaberin, die allein in einer Pariser Wohnung lebt. Eine mysteriöse Organisation, die ihre Ziele geheimhält, hat sie telefonisch kontaktiert. Sie lässt sich rekrutieren, getrieben vom „aufrichtigen Wunsch, zu widerstehen, de[m] Wunsch, etwas zu teilen…“ (Zerstörung, S. 35) Denn Paris, ja ganz Frankreich, wurde von einer diktatorischen Macht usurpiert, die schleichend die Herrschaft ergriffen hat und nun das öffentliche und private Leben der Menschen immer weiter kontrolliert, überwacht, einschränkt, bereinigt. Persönliche Bilder werden beschlagnahmt, Bücher eingezogen, Namen getilgt, die Erinnerung an alles, was älter als zehn Jahre ist, ausgelöscht, das Stadtbild verändert, Häuser abgerissen, Museen, Theater und Bibliotheken gesperrt. Durch diese Bilder fühlt man sich unweigerlich an die Diktaturen des vergangenen Jahrhunderts erinnert; droht sich hier die überwunden geglaubte Geschichte alptraumhaft zu wiederholen?

Die massive Zerstörung der traditionsreichen Stadt, ihre Verwandlung in eine einzige Baustelle, die ihren Bewohnern den Boden unter den Füßen entzieht, ist eine eindringliche Metapher, die das Bild des porösen, brüchigen, immer mehr Leerstellen und Abwesenheiten schaffenden Untergrunds mit dem fortschreitenden Verlust des kollektiven und individuellen Gedächtnisses zusammenbringt. Die andere Metapher, die das Buch leitmotivisch durchzieht, ist die der Sonnenfinsternis, die auch mit dem Raum der Nacht verschmilzt, aus dem heraus die Erzählerin spricht:

Ich bin in der Nacht — nicht nur in der mich umgebenden, die Sie gerne als einzigen Rahmen meiner Nachrichten sehen möchten (…), sondern auch in jener inneren, die meine sämtlichen Gedanken einhüllt.

Zerstörung, S. 31

Denn akustischen Kontakt zu ihren Auftraggebern hat sie nur des Nachts; der Kern ihres Daseins hat sich in die Dunkelheit verlagert, wenn sie über das Medium eines „Soundblogs“ eine Art Stimmen-Collage quasi ins Nichts hinein entstehen lässt. Dabei vermischt sich ihre eigene Stimme — suchend, fragend, zweifelnd, sich widerspenstig erinnernd — mit den Stimmen anderer namenloser Menschen, deren Gespräche sie aufgenommen und in ihren Text integriert hat. Dieses Sprachmaterial soll roh und unbearbeitet, nicht schriftlich fixiert und literarisiert sein, und bringt doch eine sehr literarische, ästhetisch-philosophische Textform hervor, die uns extrafiktionaler Leserschaft im zum Glück noch nicht verbotenen Medium Buch vorliegt. Allerdings ist man als Leser sehr versucht — und sollte sich unbedingt versuchen lassen –, sich den Text laut auf der Zunge zergehen zu lassen, erinnert die Form doch immer wieder an ein langes Prosagedicht.

Die Erzählerin erlaubt sich immer wieder kleine Akte des Widerstands gegenüber ihren Auftraggebern; so reist sie etwa unangekündigt nach Berlin, in dem noch kein diktatorischer Umsturz stattgefunden hat, vielleicht, weil hier die Erinnerung an die überwundenen Diktaturen der Nationalsozialisten und der DDR noch nicht ausgelöscht wurde? Dennoch kehrt sie in die Unfreiheit ihres eigenen Landes zurück, in banger Erwartung, am Widerstand teilnehmen zu können; und tatsächlich scheint die Widerstandsbewegung allmählich aus der Sonnenfinsternis herauszutreten, als stumme Menge, die ihr einvernehmliches Schweigen als womöglich einzig wirksame Waffe gegen die lärmende Diktatur einsetzt. Doch ist dieser von der ominösen Organisation diktierte Widerstand wirklich ein Widerstand, oder nur ein riesengroßer Fake, mit dem im Gegenteil jeder weitere Widerstand gebrochen wird?

Die große Faszination des Textes, seine poetische Kraft, beruht in der verdichteten Sprache, die niemals eindimensional ist, die Kehrseite eines Wortes immer mitassoziiert und viele weitere Schattierungen mitdenken lässt. Wenn etwa von den körperlosen Stimmen die Rede ist, die in der neuen Welt der Erzählerin bedeutsam sind, wird das mythologische Bild des in die Unterwelt hinabsteigenden Aeneas heraufbeschworen, und mit ihm der Tod, aber auch die Kraft des Gehörten, das frei von der sensationsheischenden Ebene des Visuellen ist; doch ebenso klingt in der Körperlosigkeit immer wieder auch die Entpersönlichung und Entmenschlichung, die Technisierung der Welt an. Ebenso zwiespältig ist die Anweisung der körperlosen Auftraggeber, die sich einen spontanen, ganz auf die Gegenwart gerichteten, vom Ballast der Tradition und der Künstlichkeit des Schriftlichen freien Text von ihr wünschen. Geht es ihnen um Befreiung oder nicht doch um Bereinigung? Entsteht so die Aufrichtigkeit des nackten, ungeschliffenen Gedankens oder eine ephemere, dem sofortigen Vergessen ausgelieferte Mündlichkeit, ein gedächtnisloser Abgrund, in dem wir uns verlieren?

Unbestreitbar ist, dass sich die Erzählerin trotz oder gerade durch den beengten Rahmen, der sie ganz auf sich selbst zurückwirft — „hier, in dieser Nacht, in der ich mit dem Widerhall meiner eigenen, wieder anders klingenden Stimme konfrontiert bin“ (Zerstörung, S. 98) –, auf das Wesentliche konzentriert und einen neuen und unverstellten Blick auf die Dinge freilegen kann. Und dabei spielt die allseits bedrohte und verpönte Erinnerung eine zentrale Rolle:

Die Menschen, die ich befrage (…) sind genauso verloren wie ich. Und in ihrem Verlorensein greifen sie oft auf die Vergangenheit zurück, auf ihre Erinnerungen. (…) um sich zu vergewissern, dass sie wirklich existieren.

Zerstörung, S. 54 f.

Die Stimmen, die sie aufnimmt und in ihre eigenen Gedanken einbaut, sind Stimmungs- und Diskursbilder des frühen 21. Jahrhunderts, und legen somit Zeugnis ab von einer Zeit, die unsere Gegenwart ist:

— Schließen.
— Davon war die Rede.
— Das Wort war allgegenwärtig.
— Die Grenzen.
— Die Türen.
— Sicherheit.
— Vorgeschobene Riegel.
— Schließen.
— Die Sache war allgegenwärtig.
— Aber man nannte sie In-den-Griff-Bekommen, Misstrauen.
— Und man sprach nicht von Intoleranz.
— Man sprach von Achtung.
— Achtung der Gesetze, des Rechts, des Territoriums.
— Nie der Person.

Zerstörung, S. 75

Stets ist diesen Stimm-Collagen eine hinterfragende, kritische Stimme eingeschrieben. Sie zeigen die Suggestions- und Manipulationskraft bestimmter Worte; verkümmerte, sinnentleerte, gewaltsame Parolen werden durch die stilistischen Operationen der Autorin als solche entlarvt und in ein vielschichtiges Klanggebilde eingebettet, das die hinter den vereinfachten Worthülsen und Slogans sich verbergenden Problematiken durchscheinen lässt. Jedoch ist dieses Unterfangen ein Wettlauf gegen die Zeit; die Distanz zwischen der Vergangenheit, welche die Stimmen evozieren, an die sie sich noch erinnern können, und der sich unaufhaltsam verabsolutierenden Gegenwart, die gedächtnislos in eine gewichts- und gesichtslose Zukunft steuert, nimmt immer mehr ab.

Die Erzählerin erkennt in diesen Diskursen, die unserer eigenen Gegenwart so unheimlich ähneln, im Nachhinein Symptome oder Zeichen, die die Zerstörung vorbereitet haben. Es geht um das Ausspielen der Sicherheit gegen die Freiheit, um Polarisierung, Gewalt, um Oberflächlichkeit und den Wunsch nach Vereindeutigung, um Rankings und Akkumulation statt Ästhetik, Reflexion und Komplexität, um steigendes Misstrauen, sinkende Solidarität, Beziehungslosigkeit und Virtualität:


— Man glaubte, mit der ganzen Welt in Kontakt zu sein. (…)
— Während man sich doch immer mehr hinter seinen Bildschirmen isolierte.
Abschirmte.

Zerstörung, S. 156

Im Unterschied zu den Stimm-Kompositionen der Erzählerin ist das Stimmengewirr der virtuellen Netzwerke ein akkumuliertes Chaos, das zwar allerhand Warnungen hervorstieß, die man in dem dabei entstehenden Lärm jedoch nicht mehr wahrnahm. Es gab keine reflexive Distanz mehr, „so dass schließlich der Kommentar unmittelbar auf das Geschehen folgte, quasi gleichzeitig eintrat“. (Zerstörung, S. 188) All das schuf eine Atmosphäre der Zerstörung, die schließlich in der dystopischen Situation mündete, die in der Gegenwart des Romans längst eingetreten ist.

Auch wenn es ihr zunehmend schwerer fällt, schreibt bzw. spricht die Erzählerin gegen das Vergessen an und setzt auf diese Weise einen Verstehensprozess über die Frage in Gang, wie sich die Diktatur etablieren konnte und nach welchen Prinzipien sie funktioniert. Selbstkritisch hinterfragt sie auch ihr eigenes Verhalten und erkennt, dass sie zu leichtfertig war, auch in ihrem früheren Schreiben. Ihr Stil ist jetzt ein anderer, beim Sprechen, aber auch bei ihren neuen Schreibversuchen. Immer wieder schleicht sich auch ein Gefühl der Ohnmacht ein, steht die Frage im Raum, wann die Kräfte des Widerstands aufgebraucht sind, wie lange eine Extremsituation der Bedrohung und Ungewissheit den Einzelnen über sich selbst hinauswachsen lässt und wann sie ihn zerbricht. Mögliche Antworten findet man in dem im Roman omnipräsenten Kontext der Literatur(geschichte), aus der sich erhellende oder ermutigende Vergleiche schöpfen lassen. Solange man sich an die düsteren Zeiten, die bestimmte Literatur verboten, zensierten oder verbrannten, noch erinnert, kann man sich auch Beispiele von Schriftstellern ins Gedächtnis rufen, die trotz dieser Schikanen weiter geschrieben haben, von verfemten Werken, die sich einen festen Platz im Geist ihrer künftigen Leserschaft erobert haben. Zudem ist die Fiktion der Ort, an dem man über die Wirklichkeit hinausgehen kann:

— (…) Warum sollte man sich für Geschichten interessieren, die es nicht gibt, für Ereignisse, die nie passiert sind?
— Weil sie manchmal mehr Existenz haben als die, die passiert sind.

Zerstörung, S. 41

Die Literatur, so lautet vielleicht die zentrale Botschaft des Romans, ist wie die Erinnerung unabkömmlich für den Fortbestand einer Gesellschaft. Gedächtnis, Tod und Imagination sind dabei eng miteinander verwoben:

Auf Friedhöfen ist das Denken freier. (…) wo das Erinnern erlaubt ist, geht der Geist auf Reisen.

Zerstörung, S. 125

Hier ist Cécile Wajsbrot — Tochter polnischer Juden, die während des Nationalsozialismus nach Frankreich geflohen waren, der Vater kam in Auschwitz um — auch geprägt von ihrer eigenen Geschichte. Erinnerungsarbeit und der Umgang mit den Traumata der Geschichte sind Themen, die sie bereits in ihren Vorgängerromanen behandelt hat. In vielem erinnert auch das lyrisch-romaneske Ich ihres neuen Romans an die Autorin, die Komparatistik in Paris studierte, u.a. als Rundfunkredakteurin arbeitete und sich heute als Übersetzerin, Romanautorin und Essayistin dem Lesen und Schreiben widmet.

— Die Ereignisse wiederholen sich nicht.
— Oder vielmehr, ihre Form verändert sich, sodass sie nicht wiederzuerkennen sind.
— Oder vielmehr, man erkennt sie wieder — wenn es zu spät ist.

Zerstörung, S. 3

Der Roman mit seinem offenen, aber beunruhigenden Ende wirft viele Fragen auf, auch die nach der Verantwortung:

Wir dachten, die Dinge stünden schlecht, taten aber, als stünden sie gut, und waren anschließend erstaunt, dass sich nichts änderte.

Zerstörung, S. 85

Unsere Demokratie und unsere Freiheit haben keine Ewigkeitsgarantie, und ihre Unterhöhlung ist ein schleichender Prozess. Umso wichtiger ist es, auf die kleinen Diskrepanzen und Misstöne zu achten, um nicht irgendwann überrumpelt zu werden. Gerade das Feld der Sprache sollte man nicht unterschätzen. Worte können eine performative Kraft entwickeln, im Guten wie im Schlechten, und in der Ausdrucksweise spiegelt sich auch das gesellschaftliche Bewusstsein einer Gesellschaft:

— Endlich äußern wir uns.
— Ohne Filter.
— Also ohne nachzudenken.
— Lassen freien Lauf.
— Dem Hass.
— Dem Groll.
— Dem Offenkundigen.
— Das tut gut.
— Es ist befreiend.
— Wir meiden komplizierte Wörter. (…)

Zerstörung, S. 147

Einer solchen Verarmung und Verrohung der Sprache, die wir als „hate speech“, in Form der enthemmten Beleidigungen und vorschnellen Urteilsbildungen der sozialen Medien längst kennen, setzt die Autorin ebenso wie ihre Erzählerin die reflektierte, vielstimmige Poesie ihrer eigenen Sprache entgegen — eine résistance poétique:

So sprachen sie nicht, sie drückten sich einfacher aus, aber ich will ihre Worte hier nicht wiedergeben, ich lehne es ab, mich von ihrer Sprache anstecken zu lassen. (…) Hinter den besänftigenden Worten kam der Hass zutage, hinter den einvernehmlich gewordenen Ideen tauchte ihr ursprüngliches Ansinnen auf — die Zerstörung. (…) Ich habe angefangen zu schreiben (…), und ich lasse mich mit Genuss in die Windungen der Sprache gleiten, die von den Schriften der Vergangenheit genährt sind.

Zerstörung, S. 66-69

Cécile Wajsbrot: Zerstörung, Wallstein (2020)
Aus dem Französischen von Anne Weber
ISBN: 9783835336100