Benedict Mirow: Die Chroniken von Mistle End 1 — Der Greif erwacht

Was für eine wunderschöne, superspannende, so leicht und so dicht erzählte fantastische Geschichte! Für die Dauer der Lektüre bin ich wieder zur Zehnjährigen geworden und ganz in der aufregenden Welt von Cedric und seinen Freunden in dem geheimnisvollen schottischen Ort Mistle End versunken.

Cedric zieht mit seinem Vater, Professor für Mythologie und Fabelwesen, weit hinaus in die schottischen Highlands, nach Mistle End, das sich als höchst beunruhigender und faszinierender Ort entpuppt. Kein Wunder, denn er ist, wie Cedric erst ungläubig, dann begeistert feststellt, bevölkert von magischen Wesen, was normalen Menschenaugen jedoch verborgen bleibt. So sind die Geschwister Elliot und Emily, mit denen er sich rasch anfreundet, in Wirklichkeit ein Hexer und eine Gestaltwandlerin — beide freilich noch in der Ausbildung, so dass nicht jeder Zauberversuch einwandfrei gelingt. Doch auch in Cedric — und das ist die zweite große Überraschung — schlummern magische Kräfte! Doch welche genau und wie er sie sinnvoll und zum Guten einsetzen kann, das muss er erst noch herausfinden…

Schwere und gefährliche Prüfungen warten auf ihn, und nicht von allen wird er freundlich willkommen geheißen. Als Mistle End von dämonischen Raben angegriffen wird, macht man gar ihn als Neuankömmling für die Bedrohung verantwortlich! Doch gemeinsam mit seinen Freunden und so manch unerwartetem Beistand aus der magischen Welt stellt er sich mit Mut, Herz und Verstand all den Herausforderungen, die den Leser bis zur letzten Seite gebannt mitfiebern lassen.

Besonders fasziniert haben mich all die drolligen, imposanten, sympathischen und auch unangenehmeren Gestalten, die Mirow mit großem Erzähltalent und Fantasie zum Leben erweckt: von den irrlichternden Flirrelfen über die rockigen Dunkelelben, unheimlichen Dornhexen bis hin zu den metallisch schnarrenden Wasserspeierboten des magischen Rats. Und auch ein stotternder Außenseiter spielt eine wichtige Rolle und ist nur ein Beispiel dafür, dass der Autor auf einfache Schwarzweißzeichnung verzichtet und stattdessen eine sehr plastische, lebensnahe und eben auch spannungsreiche Welt in allen Schattierungen erschafft, in der die Konflikte komplexer und psychologisch vielschichtiger sind als reine Fantasy-Kämpfe zwischen Gut und Böse.

So gelingt es ihm auch hervorragend, mit seiner Hauptfigur Cedric und den Herausforderungen, vor die er ihn stellt, die Lebens- und Gefühlswelt der Kinder abzubilden, ihre Ängste und Sorgen, ihre Begeisterung, ihren Witz und ihren Mut. Hinzu kommt ein immer wieder durchscheinender feiner und auflockernder Humor, etwa wenn sich die Geschwister gegenseitig aufziehen, wenn rasante Besenflüge im Schneehaufen enden oder wenn schrullige Wesen mit noch schrulligeren Eigenheiten ihren Auftritt haben.

Eine absolut empfehlenswerte Initiations- und Abenteuergeschichte, die in sich ein stimmiges Ende findet, aber zugleich in die Vergangenheit und in Hinblick auf zukünftige Bewährungsproben offen und somit zu meiner größten Freude bereit für eine Fortsetzung ist.

Ich habe gehört, der Autor schreibt schon an Teil 2 — trotz meiner Ungeduld hoffe ich, dass er sich ganz viel Zeit dafür nimmt, damit er genauso gelungen wird wie Teil 1!

Altersempfehlung
Ab 10 Jahren

Bibliographische Angaben
Benedict Mirow: Die Chroniken von Mistle End 1 — Der Greif erwacht, Thienemann-Esslinger (2020)
ISBN: 9783522185400

Bildquelle
Benedict Mirow, Die Chroniken von Mistle End 1
© 2020 Thienemann-Esslinger Verlag GmbH

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