Camille Laurens: Es ist ein Mädchen

Es ist ein Mädchen!

Dieser kurze Satz, der Camille Laurens‘ autofiktional genannten Roman strukturiert, ihm geradezu mythisch aufgeladener Anfang und Ende (oder Neuanfang?) ist, hat vor kurzem auch in meinem Leben eine neue Bedeutung erlangt. Schicksalshaft, das ist er für mich auch, allerdings im Sinne von Wunder und Freude, Glück und Liebe; und ja, auch Sorge, welche die Liebe wohl immer begleitet. Die 1960er Jahre, in denen der Roman spielt und in denen es nicht so abwegig war, dass der Satz auch Gefühle wie Enttäuschung oder Angst auslöste, sind lange vorbei. Und doch hat mich die neue Rolle als Mutter, die ich nun zum ersten Mal in Körper und Geist und Herz erfahre, noch stärker als zuvor erwartet für Geschlechterfragen sensibilisiert, für Themen wie die inzwischen viel besprochene, aber immer noch nicht ganz anerkannte „care-Arbeit“ oder das Ringen um gleichberechtigte Partnerrollen, die auch heute gar nicht so leicht auszuhandeln sind, und einfach viele Gedanken darüber aufkommen lassen, was es, in der Familie, in der Gesellschaft, bedeutet, ein Mädchen zu sein.

Genau das befragt und hinterfragt auf intelligente, entlarvende, sprachwitzige Weise auch der in scheinbar so fernen Zeiten spielende Roman der französischen Autorin, die einen zugleich gesellschaftlichen und psychologischen Blick auf das Thema wirft. Erzähltechnisch ist die Geschichte interessant konstruiert, da die Perspektive zwischen Außen- und Innenschau, nämlich zwischen einer die Protagonistin mit einem eher ungewöhnlichen „Du“ anredenden Stimme (z.B. für die Szene der Geburt) und derjenigen einer Ich-Erzählerin wechselt. So entsteht auf wenigen Seiten und dennoch bildhaft und einprägsam die Lebensgeschichte einer Frau, die sozusagen ab ovo erzählt wird: von der Geburt, die sehr realistisch, aber durch die Du-Perspektive aus einer gewissen kritischen Distanz geschildert wird, über die Kindheit und Jugend bis zum Mutterwerden und Leben als Ehefrau. Ihr Heranwachsen vom Mädchen zur jungen Frau ist von mehreren traumatischen Erlebnissen geprägt, die jedoch in der sich jeder Dramatisierung enthaltenden Erzählung nur angedeutet werden. Erst ihre Tochter ist, am überraschenden Ende der Erzählung, in der Lage, die erlernten Konventionen umzustürzen und eine positive Identität als Mädchen anzunehmen und zu leben, für die man sich nicht schämen, aus der man sich nicht befreien muss, sondern die etwas Schönes und Richtiges und vor allem Selbstverständliches ist.

So verwandelt die Autorin ein schicksalhaftes Mädchen-Dasein vom Mythos in eine Utopie, und als Schriftstellerin und Mitglied der Académie Goncourt, die den berühmtesten französischen Literaturpreis vergibt, tut sie dies natürlich mit dem symbolischen Mittel der Sprache. Das macht diesen kurzen Text auch so lesenswert, der durchgehend mit Sprachkritik und Sprachwitz arbeitet — was für die Übersetzung eine kleine, aber bestimmt spannende Herausforderung dargestellt haben muss –, und auf diese Weise zeigt, wie wandelbar Wirklichkeitswahrnehmung und Machtpositionen sind.

Bibliographische Angaben
Camille Laurens: Es ist ein Mädchen, dtv 2022
Aus dem Französischen von Lis Künzli
ISBN 978342329016

Bildquelle
Camille Laurens, Es ist ein Mädchen
© 2022, dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

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