Don DeLillo: Die Stille

Kurzweilig und sehr beunruhigend liest sich Don DeLillos gespenstisch hellsichtig wirkendes neuestes Werk, in dem ein unerklärlicher Stromausfall nach und nach alle Infrastrukturen zum Erliegen bringt. Während sich im öffentlichen Raum ein chaotisches Tohuwabohu ausbreitet, ist die Unruhe in den Häusern eher metaphysischer Art: eine unheimliche Stille, die ein nicht genauer bestimmbares, doch auf jeden Fall noch größeres Unheil zu verkünden scheint. Zum Ausdruck kommt diese Unruhe in den subtilen Grenzüberschreitungen der Protagonisten, letztlich die einzige hier spürbare und aufs Urmenschliche herabgebrochene Form von Transzendenz.

Auf wenigen Seiten eröffnet diese an mehrdeutigen Dialogen reiche Kurzprosa, die als Theaterstück vermutlich noch eindrücklicher gewirkt hätte, einen imaginären Raum, in dem die vielen Fragen, auf die die Protagonisten ebensowenig eine klare Antwort bekommen wie wir Leser, bedrohlich zirkulieren. So entsteht bei der Lektüre ein Gefühl von Klaustrophobie, das auf apokalyptische Weise mit einem weiteren Gefühl einhergeht, dem der Haltlosigkeit und Verlorenheit in einem riesigen, letztlich unkontrollierbaren Raum-Zeit-Gebilde.

Bibliographische Angaben
Don DeLillo: Die Stille, Kiepenheuer & Witsch (2020)
Aus dem amerikanischen Englisch von Frank Heibert
ISBN: 9783462001280

Bildquelle
Don DeLillo, Die Stille
© 2020 Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co KG, Köln

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