Henrik Wergeland: Im wilden Paradies

Im Werk Henrik Wergelands (1808-1848) ist die Romantik wahrhaft eins mit der Moderne — das geht aus der schönen Auswahl der bei Wallstein erschienenen und von Heinrich Detering ins Deutsche übertragenen Texte des norwegischen Nationaldichters ganz deutlich hervor: Mal pointiert, mal nachdenklich, mal satirisch, mal introspektiv, zeugen sie von einer großen stilistischen Experimentierfreude und bringen eine Freiheit und Vielfalt der Form zum Ausdruck, die von streng komponierten Oden über Naturgedichte in freien Versen bis zum Prosagedicht reicht. Einiges erinnert an Baudelaire, etwa die ungewöhnliche Darstellung des Wahnsinns einer unmöglichen Liebe in der „Romanze des Schneeglöckchens“ oder die erotisch-hymnische Reflexion über einen Totenschädel, die im Lobpreis des knöchernen Skeletts mündet, von dessen „herrliche[r] Konstruktion aus Schönheitslinien, die nun ewig sind wie der Marmor“:

Welch fein geformte Hirnschale, die fortgerollt ist unters Laub! Sie muss einer jungen Schönheit gehört haben. (…) Wie töricht, die samtenen Rosenwangen der Geliebten zu besingen (…). Geh in das Wesen der Dinge! Fühl die Entzückung, Sterblicher, im Umarmen dieser Wirbelsäule: noch zierlicher ist sie als die Schlankheit der Jungfrau!

Auszug aus: Der Totenschädel, in der Übersetzung von H. Detering, S. 146-149

Einheit von Romantik und Moderne ist in Wergelands Biographie und Werk auch in dem Sinne zu verstehen, dass der Dichter sich sein Leben lang für einen noch im Entstehen befindlichen Nationalstaat Norwegen — das sich 1814 von Dänemark löste, die Unabhängigkeit von Schweden jedoch erst 1905 erreichte — einsetzte. Er kämpfte für ein demokratisches Heimatland, für die Gleichberechtigung der Juden, und er nutzte dafür auch intensiv den Journalismus, das aufstrebende Medium dieser Zeit. Auch in einige Gedichte hat die journalistische Meinungsäußerung Eingang gefunden, in denen er so manche dichtungstheoretische oder politische Debatten austrug.

Die zweisprachige Ausgabe ist mit knappen, aber sehr hilfreichen Kommentaren zu den einzelnen Texten im Anhang sowie mit einem Vorwort des Übersetzers versehen, das ich für sehr wertvoll halte, da es in den historischen und literarischen Entstehungskontext des Werks eines Autors einführt, der in Deutschland dem breiten Publikum weitgehend unbekannt sein dürfte. Auch mir als Literaturwissenschaftlerin und Lyrikliebhaberin, die Baudelaire, Heine, Ibsen, Rilke — all die Schriftsteller, die H. Detering in seinem Vorwort mit Wergeland in eine literarische Beziehung setzt — verehrt, war der Norweger Henrik Wergeland zuvor kein Begriff, zum Glück hat sich das jetzt geändert. Übrigens finde ich, dass das Nebeneinander von norwegischem Original und deutscher Übertragung, für die sich die Herausgeber entschieden haben, ein großer Gewinn auch für einen des Norwegischen unkundigen Leser ist; denn hat man sich einmal inhaltlich mit der wirklich schön zu lesenden und bis ins Detail durchdachten deutschen Übersetzung vertraut gemacht, erschließt sich einem darüber hinaus so manches im norwegischen Text einfach durch seinen poetischen Klang, der gerade bei Lyrik ja ein unverzichtbares Sinnelement ist.

Henrik Wergeland: Im wilden Paradies – Gedichte und Prosa
Aus dem Norwegischen übertragen, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Heinrich Detering
Wallstein (2019)
ISBN 9783835334984

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