Peter Michalzik: Die Liebe in Gedanken

Die Geschichte von Boris Pasternak, Marina Zwetajewa und Rainer Maria Rilke

Eine wunderschöne Reflexion über die Vielschichtigkeit der Liebe und ihre Verbundenheit mit der Sprache der Poesie!

Michalziks Geschichte ist leidenschaftlicher Briefroman, fiktionalisierte Teilbiographie dreier berühmter Dichter des 20. Jahrhunderts und Essay über die Liebe, ihre Ausdrucksformen gestern und heute, über die Geschichte der 1920er Jahre in Europa und die Anfangszeit der Sowjetunion in einem.

Im Prinzip ist die ausschließlich in Briefform stattfindende Liebesgeschichte von Boris Pasternak, Marina Zwetajewa und Rainer Maria Rilke — wenngleich literaturhistorisch dokumentiert — eine (Re-)Konstruktion, die einer fixen Idee von Pasternak romaneske Gestalt verleiht. Denn der junge russische Dichter, der Zwetajewa und ihre schonungslose Art zu leben und zu dichten ebenso oder sogar noch heftiger verehrt wie sein großes Idol Rilke, initiiert beflügelt oder eher wahrhaft berauscht von der ihm schicksalsträchtig erscheinenden Gleichzeitigkeit einer anerkennenden Erwähnung seiner Dichtung in einem Brief des berühmten Rilke an seinen Vater und der ihm von Zwetajewa zugesandten Abschrift ihres „Endgedichts“, in dem er sich selbst als Adressaten des unglücklich liebenden lyrischen Ichs zu erkennen meint, einen Briefwechsel zu dritt, ähnlich einer ménage à trois. Das Projekt ist nur von kurzer Dauer, doch ruft es trotz oder gerade wegen der durch die Briefform garantierten körperlichen Trennung der drei schreibend Liebenden einen wahren Sturm der Gefühle — und davon kaum zu unterscheiden: der Poesie — hervor.

Michalzik kombiniert in seinem Text überlieferte Briefpassagen mit ihrer über die literaturwissenschaftliche Nachvollziehbarkeit hinausgehenden Einbettung nicht nur in den biographischen Kontext, sondern bis ins Innerste der Gedanken und Gefühle, tief in die Seelenzustände der Charaktere hinein. Das ist ungemein fesselnd zu lesen, denn durch die einfühlsame und sorgfältig vorrecherchierte Erzählung des Autors erwachen die Figuren der Literaturgeschichte zum Leben: Man ist mit im Raum, wenn Pasternak in seiner überfüllten Wohnung verzweifelt versucht, seine eigene Dichtung voranzubringen oder wenn er bewundernd und eifersüchtig Marina Zwetajewas per Briefboten gesandte Gedichtproben liest. Ebenso vermeint man, das Rauschen des Meeres im französischen Ferienort zu hören, das Zwetajewa die nötige äußere Ruhe zum Arbeiten schenkt, während sie innerlich aufgewühlt die leidenschaftlichsten Gedicht- und Briefzeilen verfasst. Auch den schwerkranken Rilke in seinem Schweizer Kurort hat man vor Augen, der dort von Ferne und über die Briefe doch ganz intim und nah, zugleich irritiert und fasziniert, in die turbulente Briefbeziehung Pasternaks und Zwetajewas hineingezogen wird.

Und so verzeiht man dem Autor auch die gelegentlichen Redundanzen, die seiner Herangehensweise an die Einfühlung in die Gedanken- und Gefühlswelt der Figuren geschuldet sind. Michalzik versucht, den Figuren Schritt für Schritt näherzukommen, sie einzukreisen, sie von verschiedenen Perspektiven aus zu betrachten. Das ist durchaus unkonventionell, denn letztlich entzieht sich der Text damit einer eindeutigen Zuordnung zu einer klar definierten Textsorte: Handelt es sich um einen erweiterten Briefroman? Um eine literarische Biographie oder um eine biographisch-literaturwissenschaftliche Abhandlung? Ist der Text Fiktion oder Wissenschaft, Roman oder Essay?

Besonders spannend wird es, wenn der Text gleichzeitig sein eigener Kommentar ist. Dafür sorgen die essayistischen Diskurse, in denen die Handlung in einen historischen oder soziologischen Kontext eingeordnet wird und die z.B. die Textsorte „Brief“ im Zusammenhang mit den kommunikationstechnischen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts erörtern oder — Anregungen der Soziologin Eva Illouz aufgreifend — den Wandel der (romantischen) Beziehungen beschreiben und damit den Bogen auch in unsere Zeit schlagen, die sich dem Medium Brief ebenso wie der poetischen Sprache der Liebe längst entfremdet zu haben scheint.

Die Sehnsucht ist uns jedoch noch nicht ganz fremd geworden, das merkt man, wenn man von dieser spannenden „Liebe in Gedanken“ in Bann geschlagen wird. Mag sie auch aus der Zeit gefallen sein — was Michalzik aus ihr gemacht hat, ist lebendige Literaturgeschichte vom Feinsten!

Peter Michalzik: Die Liebe in Gedanken – Die Geschichte von Boris Pasternak, Marina Zwetajewa und Rainer Maria Rilke, Aufbau Verlag (2019)
ISBN: 9783351037673

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