Robert Seethaler: Der letzte Satz

Er weiß es zu dem Zeitpunkt noch nicht, aber er ahnt es wohl schon… Die Überfahrt, die der berühmte Komponist, Dirigent und Hofdirektor der Wiener Oper Gustav Mahler im Jahr 1910 an Bord der Amerika unternimmt, wird die letzte in seinem Leben sein: Ein alternder, herzkranker Mann, der vom Deck des Schiffes auf den Atlantik blickt und von seinen Erinnerungen eingeholt wird, während er von einem aufmerksamen Schiffsjungen ein wenig gegen seinen Willen umsorgt wird — aus dieser Situation heraus nähert sich Robert Seethaler dem Leben oder eigentlich eher der Persönlichkeit des Mannes, der mit seinen Symphonien und seinen Liedern so komplexe, so tiefgehende, so innige Musikwerke schuf.

So sehr man bedauern kann, dass Leben und Werk des großen Künstlers hier in recht knappen Episoden und Andeutungen abgehandelt werden — seine Wiener Zeit, sein Wirken an der Oper, seine Reform des Musiktheaters etwa kommen kaum zur Sprache, und die künstlerische Dimension seines musikalischen Werks geht aus dem kurzen Text nicht wirklich hervor –, so zeigt sich doch das Talent des Autors, in kurzen Skizzen die Wesenszüge seiner Figuren so lebendig herauszuarbeiten, dass sie einem beim Lesen rasch sehr nah, sehr vertraut sind.

So erlebt man Mahler als einen nicht nur künstlerisch feinnervigen, rastlosen, charakterlich auch schwierigen Menschen. Ja im Kontext der Erzählgegenwart erscheint er geradezu als eine zutiefst gequälte Seele, als jemand, der von seiner schweren Krankheit gezeichnet ist und dabei ist, seine Autonomie, seine Würde zu verlieren, die er dem Schiffsjungen gegenüber so verzweifelt zu wahren versucht.

Insofern ist Seethalers Erzählung durchaus das gelungene Psychogramm eines gebrochenen Menschen, dem schmerzhaft bewusst wird, dass angesichts des herannahenden Todes Kategorien wie Ruhm und Erfolg verblassen und an Bedeutung verlieren, während sich die Schicksalsschläge seines Lebens, der Verlust der kleinen Tochter, die scheiternde Beziehung mit seiner Frau Alma, in den Vordergrund drängen. So liegt der Verdacht nahe, dass es Seethaler in seinem Buch mehr darum geht, am Beispiel einer gebrochenen Figur die conditio humana auszuloten, und indem er zu diesem Zweck eine historische Figur fiktionalisiert, erreicht er natürlich schnell eine große Fallhöhe, ein großes Spannungsverhältnis zwischen künstlerischem Genie und körperlicher Hinfälligkeit, mit der sich die Prekarität und Vergänglichkeit des Daseins schön sichtbar machen lassen.

In eindrucksvollen Momentaufnahmen, verdichtet durch Mahlers Erinnerungen, erwächst aus Seelennot auch Nachdenklichkeit. Kleine, unscheinbare Verhaltensweisen werden stilistisch so subtil entfaltet, dass der Charakter Mahlers in diesen Momentaufnahmen zum Vorschein tritt — und auch eine Ahnung vom schöpferischen Ursprung seiner Musik. Allerdings setzt das voraus, dass man bereits eine gewisse Vertrautheit mit Mahlers Werken hat, so ganz ohne musikalischen Bezug wird es für den Leser wohl eher schwierig, sich auf den Text einzulassen.

Die Kritik im Feuilleton war bisher nicht sehr gnädig mit Seethalers Versuch, der Dimension des Geschichtlichen nicht wie bisher über eine in der Geschichte unbekannte Figur nachzuspüren, sondern dieses Mal gewissermaßen umgekehrt aus der Geschichtlichkeit seiner Figur heraus zurück zum Allgemeinmenschlichen zu gehen. Ich finde, es ist ein interessantes erzählerisches Experiment, das der ohnehin sehr experimentierfreudige Seethaler da anstellt — ganz begeistert bin ich ja von seinem richtig wilden, witzigen Roman Jetzt wird’s ernst –, und das einem, wenn man ein bisschen was mit klassischer Musik anfangen kann, doch ein paar angenehme Lesestunden beschert — am besten, man hört dazu seine unsagbar schöne Erste Symphonie.

Robert Seethaler: Der letzte Satz, Hanser 2020
ISBN: 9783446267886

Kommentare

  1. Ich liebe Gustav Mahlers Musik, und ich liebe Robert Seethalers Bücher. Und so konnte dieses schmale Büchlein eigentlich gar nicht mehr schiefgehen – dachte ich. Ja, Seethaler schafft es wie immer, einer Figur in wenigen kurzen Sätzen unglaublich viel Leben und Emotion einzuhauchen. Das mag ich an seinem Stil so sehr.
    Doch wenn man Mahler viel gehört oder sogar selber gespielt hat, und dann über diesen gebrechlichen, hilfsbedürftigen kleinen dürren Mann auf dem Schiffsdeck liest und weiß, dass er wenige Wochen später tot sein wird, dann bekommt das Buch doch einen stark voyeuristischen Beigeschmack. Möchte man diesem unfassbar großen Philharmoniker beim „Dahinsiechen“ zusehen?

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