Thomas Hettche: Herzfaden

Thomas Hettche ist ein ganz wunderbarer Erzähler, der Ereignisse aus der Geschichte glaubhaft und in einem Stil, der Eleganz und Natürlichkeit verbindet, in einen fesselnden Roman verwandelt. In seinem neuen Buch über die Entstehungsgeschichte der Augsburger Puppenkiste verwebt er so verschiedene Genres und Erzählstile zu einem sehr harmonischen und aussagekräftigen Ganzen. In einer Sprache, die stilvoll ist ohne jeden Manierismus, die Poesie und Realismus vereint und auf diese Weise genau den Ton trifft, der dem Inhalt der Erzählung gerecht wird: durch Kunst und Theater gemeinschaftlich eine (Gegen-)Welt zu schaffen, die der Wirklichkeit Rechnung trägt, ohne sich ihr zu unterwerfen, und so auch eine Art poetischen Widerstand zu leisten, ohne sich von den politischen und historischen Umständen einschüchtern zu lassen.

Allein mit dem Wort „Mondlichtteppich“, das man sich nicht genug auf der Zunge zergehen lassen mag, schafft Hettche eine poetisch-zauberhafte Atmosphäre, die den Rahmen der Erzählung bestimmt. In diesen Erzählrahmen lässt der Autor ein namenloses Mädchen im Hier und Jetzt stolpern, das sich mit seinen 13 Jahren eigentlich schon viel zu erwachsen für eine Marionettenaufführung der Augsburger Puppenkiste fühlt, das daher aus Trotz seinem Vater davonläuft und sich im dunklen Keller des Theaters in einer fantastischen Welt verirrt, in die es sich erst skeptisch, dann aber mit immer größerer Faszination hineinziehen lässt. Denn die Marionetten werden auf einmal lebendig, ebenso lebendig wie die Vergangenheit, die in der Erzählung von Hannelore, genannt Hatü, das Mädchen genauso wie uns Leser in den Bann zu schlagen vermag.

Hatü, die aus dem Jenseits an diesen fantastischen Ort zurückgekehrt ist, um rückblickend ihre Geschichte zu erzählen, ist die Tochter von Walter Oehmichen, der mit seiner Familie und Freunden und vor allem einer Schar junger Leute mitten im Krieg die Puppenkiste erfand, die dann in der frühen Bundesrepublik zum Erfolgsschlager des frühen Farbfilms wurde und seitdem ein nicht wegzudenkendes Kulturgut ist.

Der Autor rückt die junge Hannelore, und nicht etwa ihren damals in der Theaterszene schon etablierten Vater, ins Zentrum seiner Erzählung, so dass ihr kindlicher und jugendlicher Blick auf die geschichtlichen Ereignisse und Veränderungen, und auch auf das mitunter unverständliche oder erschreckende Verhalten der Erwachsenen vorherrscht. Es ist ein Blick, der sich vielen Desillusionierungen aussetzen muss, und doch oder gerade deshalb nie das Wesentliche aus den Augen verliert. So wird Hatü, die trotz aller Rückschläge und Unsicherheiten, die der Autor psychologisch glaubhaft schildert, nie den Glauben an ihre Unternehmung verliert, die treibende Kraft des Theaters und gibt als begabte Puppenschnitzerin vielen der noch heute berühmten Marionetten ihr unvergessliches Gesicht.

Das zu lesen, ist ein großer Genuss, ein ungemein berührendes und geschichtsbewusstes Eintauchen in eine magische Welt!

Bibliographische Angaben
Thomas Hettche: Herzfaden — Roman der Augsburger Puppenkiste, Kiepenheuer & Witsch 2020
ISBN: 9783462052565

Bildquelle
Thomas Hettche, Herzfaden — Roman der Augsburger Puppenkiste
© 2020 Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co KG, Köln

Kommentare

  1. Schön, dass dir „Herzfaden“ auch so gut gefallen hat. Es ist eine ausgewogene Mischung aus verträumtem Märchen und realistischer Geschichtserzählung, wobei die befreiende Kraft der Puppen und des Theaters im Zentrum stehen.

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